Dass ein Lektor mit Manuskripten überschüttet wird, sollte ihn nicht davon abhalten, Qualität zu erkennen - aber die meisten Lektorate, so weit habe ich Einblick in die Branche, liest diese unverlangten Manuskripte gar nicht, sondern lässt sie, wenn überhaupt, irgendwann vom Sekretariat zurückschicken.
Weil es immer wieder durchschimmert, dass der "Mann ohne Eigenschaften" vielleicht doch wohl eher ein schlechtes Buch sein könnte, muss ich entschieden widersprechen; ich habe es ganz gelesen, alle Fragmente und Bruchstücke - und war und bin begeistert, ein Buch voller wahrer Sätze. Wie viele solcher großen Werke hat es eine eigene Sprache, die man als halbwegs versierter Kenner der Literatur feststellen können müsste - insofern sind die Lektorate, die das nicht erkannt haben, miserabel.
Es war Goethe übrigens, der Hölderlin Steine in den Weg legte, aber nicht, weil er die Sachen wirklich für schlecht hielt, sondern weil er sehr wohl spürte, dass ihm da ein Konkurrent erwachsen könnte, der ihn in den Schatten stellen könnte. Goethes schnödes Verhalten gegenüber Hölderlin hat mich immer gegen diesen ach so edlen Großmeister der deutschen Literatur eingenommen.