Autor Thema: Mann ohne Eigenschaften "falsch" beurteilt?  (Gelesen 6621 mal)

Offline xenophanes

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Re: Mann ohne Eigenschaften "falsch" beurteilt?
« Antwort #30 am: 20. November 2008, 00:03 »
Selbst wenn die Geschichte stimmt, die Frage ist doch dann, ob die Manuskripte es bis auf den Tisch der Lektoren geschafft haben und nicht von Hilfskräften zuvor aussortiert wurden. Das wäre zwar auch bitter, da dann die Prozesse im Verlag nicht stimmen, den Lektoren selber könnte man daraus aber keinen Vorwurf machen.

Also ich war auch einmal so eine "Hilfskraft" bei Carl Hanser und hätte Musil schon erkannt  :breitgrins:

Habe aber auch sehr viel aussortiert.

CK


Offline Giesbert Damaschke

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Re: Mann ohne Eigenschaften "falsch" beurteilt?
« Antwort #31 am: 20. November 2008, 03:08 »
Mal ernsthaft - solche "Tests" sind doch allenfalls als Feuilleton-Futter gut. Die sagen nichts, rein gar nichts aus. Weder über den Autor noch über das Lektorat.

Und aus meiner Jugenderinnerung taucht da "Hanny & Nanny" von Enid Blyton auf. Da gibt es auch so einen "Test". Eine nervige Schülerin legt die Lehrerein herein, in dem sie bei einem Test einen Shakespeare-Text abgibt, den die Lehrerin nicht erkennt, worauf das Nerverl triumphiert.

Und genau da gehört sowas auch hin: zum pubertären Austesten von Autoritäten.
Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline scheichsbeutel^

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Re: Mann ohne Eigenschaften "falsch" beurteilt?
« Antwort #32 am: 20. November 2008, 20:09 »
Mal ernsthaft - solche "Tests" sind doch allenfalls als Feuilleton-Futter gut. Die sagen nichts, rein gar nichts aus. Weder über den Autor noch über das Lektorat.

Und aus meiner Jugenderinnerung taucht da "Hanny & Nanny" von Enid Blyton auf. Da gibt es auch so einen "Test". Eine nervige Schülerin legt die Lehrerein herein, in dem sie bei einem Test einen Shakespeare-Text abgibt, den die Lehrerin nicht erkennt, worauf das Nerverl triumphiert.

Und genau da gehört sowas auch hin: zum pubertären Austesten von Autoritäten.

Ganz so einfach ist die Sache nicht. Es handelt sich schlicht um ein Hinterfragen von Autoritäten, welches - hoffentlich - immer dort auftritt, wo diese Autoritäten ex cathedra zu sprechen sich anschicken. Und das halte ich prinzipiell - im Falle von Hanni und Nanni noch viel mehr, weil ein solch jugendliches Hinterfragen konstituierend für die Entwicklung ist - für mehr als berechtigt. Das so etwas zu etwas dümmlichen Pennälerspäßen verkommen kann, liegt natürlich auf der Hand.

Literaturkritik tritt häufig mit einem solchen arrogant-überheblichen Anspruch auf. Und diese Form der Decouvrierung hat insofern durchaus ihre Berechtigung, auch wenn es für mich persönlich eines solchen Beweises der Relativität von Urteilen nicht bedürfte (das hat aber auch mit meinem (deinem?) Alter zu tun; bei Hanni und Nanni ist's ein sinnvoller und notwendiger Prozess, wobei das in realiter meist nur jenen Lehrern widerfährt, die mit entsprechend herrschaftlichem Gebaren vor die Klasse treten).

Etwas entfernt Vergleichbares (und m. E. durchaus Gelungenes) ist Sokal, Bricmont mit dem "Eleganten Unsinn" gelungen. (Für alle, denen diese Geschichte unbekannt ist: Sokal hat einen Artikel namens "Die Grenzen überschreiten. Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation" verfasst und ihn in "Social Text", einer anerkannten Publikation, veröffentlicht. Das Ganze war nichts weiter als Wortgeklimper und eine Aneinanderreihung klug klingenden Unsinns, der mit postmodernen Versatzstücken Geist suggerierte. Nach Lob und Anerkennung für das vermeintlich geistreiche Elaborat war der Katzenjammer nach Aufdeckung des Schwindels groß.) Auch hier ging es um das Hinterfragen von selbstgefälliger Autorität im scheinbar unantastbaren akademischen Gewand, ein Hinterfragen, das umso wichtiger ist, da solche Publikationen häufig Ehrfurcht, auch Angst erwecken (insbesondere bei Schülern und Studenten). Aber - in Umkehrung des Lichtenbergschen Aphorismus: Auch Bücher bzw. die Köpfe der Autoren können hohlen Klang erzeugen.

Und wenn mit dem Musilschen Text bloß auf die Fragwürdigkeit von Urteilen hingewiesen wird, auf die Schwierigkeit allgemein gültiger Urteile in bezug auf die Kunst: So ist damit doch etwas getan.

Grüße

s.

troll

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Re: Mann ohne Eigenschaften "falsch" beurteilt?
« Antwort #33 am: 10. Dezember 2009, 13:44 »
Zitat
Etwas entfernt Vergleichbares (und m. E. durchaus Gelungenes) ist Sokal, Bricmont mit dem "Eleganten Unsinn" gelungen. (Für alle, denen diese Geschichte unbekannt ist: Sokal hat einen Artikel namens "Die Grenzen überschreiten. Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation" verfasst und ihn in "Social Text", einer anerkannten Publikation, veröffentlicht. Das Ganze war nichts weiter als Wortgeklimper und eine Aneinanderreihung klug klingenden Unsinns, der mit postmodernen Versatzstücken Geist suggerierte. Nach Lob und Anerkennung für das vermeintlich geistreiche Elaborat war der Katzenjammer nach Aufdeckung des Schwindels groß.) Auch hier ging es um das Hinterfragen von selbstgefälliger Autorität im scheinbar unantastbaren akademischen Gewand, ein Hinterfragen, das umso wichtiger ist, da solche Publikationen häufig Ehrfurcht, auch Angst erwecken (insbesondere bei Schülern und Studenten). Aber - in Umkehrung des Lichtenbergschen Aphorismus: Auch Bücher bzw. die Köpfe der Autoren können hohlen Klang erzeugen.

Klingt irgendwie nach Hape Kerkeling: hurz

Das Thema im Allgemeinen klingt jedoch spannend. Beispielsweise indem man unsinnigerweise die Frage verfolgt, wäre es Musil vielleicht in Zusammenarbeit mit einem(r) guten und engagierten Lektor(in) bereits zu Lebzeiten gelungen, sein opus magnum zu vollenden? Oder anders herum. Wie wichtig ist, bzw. welchen Einfluss hat die Zusammenarbeit mit einem(r) LektorIN im heutigen Literaturbetrieb im Allgemeinen? Immerhin ist die Rentabilitätsfrage auch hier nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Wenngleich Goethes Wort von Glanz, Augenblick und Nachwelt sicher auch gegenwärtig noch seine Gültigkeit besitzt. Trotzdem wollen Verlage natürlich auch ihre schillernden Neuerscheinungen verkaufen. Immerhin gibt es genügend Schätze für spätere Generationen zu erhalten. Und das ist sicher nicht ganz billig...

Grüße aus Hinterfotzingen
« Letzte Änderung: 10. Dezember 2009, 14:08 von troll »

troll

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Re: Mann ohne Eigenschaften "falsch" beurteilt?
« Antwort #34 am: 16. Dezember 2009, 10:19 »
dobroi utro,

heute nacht stellte sich mir wieder unaufhörlich die frage, ob es sich beim MoE um ein klassisches Beispiel von apollinischer Kunst handelt, weil bis zu Seite 370 weder gesoffen, kaum gehurt und schon gar kein crack geraucht wurde.

 :morgen:

gruß vom troll
(kofferpackend)

Offline Juvavist

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Re: Mann ohne Eigenschaften "falsch" beurteilt?
« Antwort #35 am: 16. Dezember 2009, 13:00 »
Gibt es nicht auch die nüchternen Räusche der Mystik? Und hat nicht z. B. Hölderlin (der mit den Schwänen und dem "heilig-nüchternen Wasser") gesagt: "Da wo die Nüchternheit dich verlässt, ist die Grenze deiner Begeisterung"?
Und gibt es bei Musil z. B. nicht u.a. die Verbindung von Rationalität und Mystik?

Offline xenophanes

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Re: Mann ohne Eigenschaften "falsch" beurteilt?
« Antwort #36 am: 17. Dezember 2009, 11:19 »
dobroi utro,

heute nacht stellte sich mir wieder unaufhörlich die frage, ob es sich beim MoE um ein klassisches Beispiel von apollinischer Kunst handelt, weil bis zu Seite 370 weder gesoffen, kaum gehurt und schon gar kein crack geraucht (kofferpackend)

Der Roman beginnt doch gleich mit einem Onenightstand ... ;)

CK