Mal ernsthaft - solche "Tests" sind doch allenfalls als Feuilleton-Futter gut. Die sagen nichts, rein gar nichts aus. Weder über den Autor noch über das Lektorat.
Und aus meiner Jugenderinnerung taucht da "Hanny & Nanny" von Enid Blyton auf. Da gibt es auch so einen "Test". Eine nervige Schülerin legt die Lehrerein herein, in dem sie bei einem Test einen Shakespeare-Text abgibt, den die Lehrerin nicht erkennt, worauf das Nerverl triumphiert.
Und genau da gehört sowas auch hin: zum pubertären Austesten von Autoritäten.
Ganz so einfach ist die Sache nicht. Es handelt sich schlicht um ein Hinterfragen von Autoritäten, welches - hoffentlich - immer dort auftritt, wo diese Autoritäten ex cathedra zu sprechen sich anschicken. Und das halte ich prinzipiell - im Falle von Hanni und Nanni noch viel mehr, weil ein solch jugendliches Hinterfragen konstituierend für die Entwicklung ist - für mehr als berechtigt. Das so etwas zu etwas dümmlichen Pennälerspäßen verkommen kann, liegt natürlich auf der Hand.
Literaturkritik tritt häufig mit einem solchen arrogant-überheblichen Anspruch auf. Und diese Form der Decouvrierung hat insofern durchaus ihre Berechtigung, auch wenn es für mich persönlich eines solchen Beweises der Relativität von Urteilen nicht bedürfte (das hat aber auch mit meinem (deinem?) Alter zu tun; bei Hanni und Nanni ist's ein sinnvoller und notwendiger Prozess, wobei das in realiter meist nur jenen Lehrern widerfährt, die mit entsprechend herrschaftlichem Gebaren vor die Klasse treten).
Etwas entfernt Vergleichbares (und m. E. durchaus Gelungenes) ist Sokal, Bricmont mit dem "Eleganten Unsinn" gelungen. (Für alle, denen diese Geschichte unbekannt ist: Sokal hat einen Artikel namens "Die Grenzen überschreiten. Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation" verfasst und ihn in "Social Text", einer anerkannten Publikation, veröffentlicht. Das Ganze war nichts weiter als Wortgeklimper und eine Aneinanderreihung klug klingenden Unsinns, der mit postmodernen Versatzstücken Geist suggerierte. Nach Lob und Anerkennung für das vermeintlich geistreiche Elaborat war der Katzenjammer nach Aufdeckung des Schwindels groß.) Auch hier ging es um das Hinterfragen von selbstgefälliger Autorität im scheinbar unantastbaren akademischen Gewand, ein Hinterfragen, das umso wichtiger ist, da solche Publikationen häufig Ehrfurcht, auch Angst erwecken (insbesondere bei Schülern und Studenten). Aber - in Umkehrung des Lichtenbergschen Aphorismus: Auch Bücher bzw. die Köpfe der Autoren können hohlen Klang erzeugen.
Und wenn mit dem Musilschen Text bloß auf die Fragwürdigkeit von Urteilen hingewiesen wird, auf die Schwierigkeit allgemein gültiger Urteile in bezug auf die Kunst: So ist damit doch etwas getan.
Grüße
s.