Autor Thema: September 2008 - Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray  (Gelesen 15316 mal)

Offline Sir Thomas

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Liebe Gemeinde,

bevor ich mich in ein verlängertes Wochenende stürze, eröffne ich unsere Dorian Gray-Leserunde.

Ich bin am 2. oder 3. September wieder da. Bis dahin viel Spaß!

Viele Grüße und ein schönes Wochenende von

Tom

Offline Sir Thomas

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Offline thopas

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #2 am: 1. September 2008, 14:36 »
Hallo liebe Mitleser,

ich habe den Dorian Gray vor mehr als 10 Jahren gelesen. Da ist inzwischen genug Zeit verstrichen, so daß ich mich nur noch an die grobe Handlung erinnere, aber keine Einzelheiten mehr weiß. Also kann ich quasi ganz frisch an das Buch herangehen.

Ich erinnere mich, daß ich den Anfang des Buches immer sehr schön fand, und auch diesmal ist es mir nicht anders ergangen. Es liegt hauptsächlich an der Szenerie: nämlich dem sommerlichen Garten von Basil Hallwards Haus. Die Beschreibungen sind so eindrucksvoll, daß ich mir jedesmal denke, wie gerne wäre ich jetzt dort in diesem Garten bei den wunderbar duftenden Blumen; im Hintergrund das Rauschen der Großstadtgeräusche Londons, und gleich bringt mir ein Butler ein erfrischendes Getränk...  :zwinker:

Was ich nicht mehr wußte ist, daß der Dorian Gray zuerst in einem Magazin veröffentlicht wurde und Wilde für die Buchversion ein Jahr später noch weitere Kapitel hinzufügte, nämlich 3, 5, 15, 16, 17 und 18. Auch war mir nicht mehr bewußt, wieviele von Wildes Aphorismen diesem Buch entnommen sind. Gerade Lord Henry gibt ja fast nur Aphorismen von sich. Da ist es wohl kein Wunder, wenn Lord Henry meist mit Wilde gleichgesetzt wird.

Und genug Dekadenz findet man auch schon in den ersten Kapiteln: Opiumzigaretten, ausgesucht schön möblierte Räume, und natürlich jede Menge Adlige, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als ihrem Vergnügen nachzugehen...

Viele Grüße
thopas

Offline finsbury

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #3 am: 1. September 2008, 16:43 »
Hallo zusammen,

mir geht es ähnlich wie dir, @ thopas: Der Anfang ist schön idyllisch und lädt auf unerwartete Weise zum Weiterlesen ein. Die Idylle verflüchtigt sich allerdings schnell,  wenn Lord Henry den Mund aufmacht und sentenziös den schrankenlosen Egoismus preist. Das tut er in einer schönen,  wenn auch hohlen Sprache und fesselt dadurch natürlich das Noch-Naturkind Dorian, dem er mit dem Kontrast von Schönheit und Alter Angst einjagt.

Übrigens ein sehr klassischer Romananfang: Im ersten Kapitel sprechen zwei zentrale Romangestalten über die Hauptperson,  die dann im nächsten Kapitel erscheint. Da hat Wilde das Althergebrachte benutzt, um gleich die zwei möglichen Pfade darzustellen, die Dorian einschlagen könnte: den konventionell-moralischen des Malers oder den ästhetisierend-egoistischen des Lords.

Interessant ist, dass in Kapitel 2 Hallword in dem Moment das Bild auf dem höchsten künstlerisch erreichbaren Niveau abschließt, als Dorian zum ersten Mal von des Gedankens Blässe in Gestalt der Tiraden Lord Henrys angekränkelt wird und also eigentlich auch den ersten Lackkratzer abbekommt. So haben wir schon im scheinbar makellosen Bild einen Bruch oder vielleicht  auch nur die Seeleneinhauchung des Gevatters, die dem Bild erst Leben verleiht.
Mir fällt auch auf,  dass Dorian kurz nach dem Apfelbiss erkennt, dass Hallward durchaus nicht ihn, sondern seine Schönheit liebt, dass also auch Hallward letzten Endes dem Ästhtizismus, wenn auch dem moralisch orientierten,  verfallen ist.

Ich lese übrigens die Übersetzung von Siegfried Schmitz in der kommentierten Auswahlwerkausgabe aus dem Winkler-Verlag.

HG
finsbury
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Offline Knabe

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #4 am: 1. September 2008, 22:22 »
Übrigens ein sehr klassischer Romananfang: Im ersten Kapitel sprechen zwei zentrale Romangestalten über die Hauptperson,  die dann im nächsten Kapitel erscheint. Da hat Wilde das Althergebrachte benutzt, um gleich die zwei möglichen Pfade darzustellen, die Dorian einschlagen könnte: den konventionell-moralischen des Malers oder den ästhetisierend-egoistischen des Lords.

Das ist ein interessanter Hinweis. Welche (klassischen) Romane gibt es denn noch mit einem derartigen Anfang? Mir fällt auf die Schnelle nur ein Drama ein, nämlich Schillers "Räuber".

Gruß

Offline Sir Thomas

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #5 am: 2. September 2008, 08:27 »
Liebe Mitstreiter,

auch ich bin in der Welt des schönen Scheins, der dekadenten Lebensart und des hemmungslosen Ästhetisierens angekommen. Nach den ersten drei Kapiteln schwanke ich zwischen Abscheu und Interesse im Hinblick auf die bislang wichtigste Figur des Romans: Lord Henry Wotton. Einerseits gefällt mir sein abgeklärter Zynismus. Mit dem Charme eines Schickeria-Mephisto umgarnt er den jungen Adonis Dorian. Anderseits empfinde ich Lord Henry - ähnlich wie finsbury - als ziemlich hohlen Schwafler, was von Basil Hallward mehrfach trefflich umschrieben wird.

Trotz der schönen Eingangsbeschreibungen (der Garten, das Atelier, ...) glaube ich zu merken, dass Oscar Wilde ein Theatermensch war. Mir kommt es jedenfalls so vor, als lasse er seine Personen auf einer Bühne agieren.

Liebe Grüße, bis später!

Tom 

Offline Robinson

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #6 am: 2. September 2008, 09:41 »
01.09.08
Hallo liebe Mitleser,

ich habe nun das erste Kapitel gelesen. Lord Henry Wotton und der Künstler Basil Hallward wurden und vorgestellt, auch gab es erste Eindrücke von Dorian Gray und der "Gesellschaft" (Empfang bei Lady Brandon).
Sehr deutlich wird im ersten Kapitel allerdings schon ein Eindruck der Gefühle des Künstlers zu Dorian Gray vermittelt, die, wie auch durch den zynischen Lord Henry bestätigt, stark an eine Romanze erinnern. Interessant ist auch das Verhältnis Basils zu seinem Bild, welches er nicht ausstellen will, weil zu viel seiner Seele darin stecke. Das erinnerte mich auch an einen Punkt der Vorrede:
Zitat
Those who read the symbol do so at their peril. 
It is the spectator, and not life, that art really mirrors.

Die folgenden beiden Thesen sind für mich momentan noch nicht wirklich verständlich.
Zitat
The nineteenth century dislike of realism is the rage of Caliban seeing
his own face in a glass.

The nineteenth century dislike of romanticism is the rage of Caliban
not seeing his own face in a glass.

Caliban ist laut Wikipedia ein Antagonist aus Shakepeares DER STURM. Da der Artikel mir nicht wirklich weiter half, hab ich die Komödie dann gleich noch gelesen. Caliban ist also ein "wilder und mißgestalter Sklav' " und der Sohn der Hexe Sycorax und des Teufels.
Ist Wilde damit nun gegen Realismus, Romantik oder beides? Das verwirrt mich grade sehr.


Die zynische und ironische Art Lord Henrys gefällt mir sehr gut und bringt mich immer zum Schmunzeln, ich hoffe es bleibt so.
Zitat
"Conscience and cowardice are really the same things, Basil.
Conscience is the trade-name of the firm.  That is all."
Zitat
"I like persons better than principles, and I like persons with no
principles better than anything else in the world."


Gespannt bin ich nun auf Dorian Gray im zweiten Kapitel und den Fortgang der Erzählung.


02.09.08

Hallo liebe Mitleser,

im zweiten Kapitel wurde uns nun Dorian Gray vorgestellt.
Erstaunlich finde ich, wie unklar ihm ist, dass der Mensch altern muss, allerdings ist dadurch seine Angst verständlicher, seine "vollkommene" Schönheit zu verlieren. Lord Henry macht solchen Eindruck, dass Dorian eine gewisse Angst vor ihm verspürt, dessen Ursache er allerdings nicht ergründen kann.
Das Portrait wird fertig, wie finsbury schon erwähnte, als Dorian durch die Ausführungen Lord Henrys erstarrt und in Gedanken versunken auf dem Podest steht. Diese Erkenntnis Dorians macht das Bild "wirklich".
Aufgrund des auftretenden Streits, indem Dorian auch seine Seele hergeben will, um ewige Jugend zu erhalten, will Basil das Bild zerstören, wird allerdings von Dorian aufeghalten, der angibt das Bild zu lieben.

Harry schlägt vor ins Theater zu gehen, Basil allerdings schlägt es ab und ergänzt folgenden Satz:
Zitat
The painter bit his lip and walked over, cup in hand, to the picture.
"I shall stay with the real Dorian," he said, sadly.
Kann man darin schon eine Andeutung auf das folgende erkennen?
Außerdem fleht Basil Dorian geradezu an, nicht mit Harry zu gehen, weil er den schlechten Einfluß kennt, den dieser auf seine Mitmenschen ausübt.


Im dritten Kapitel erfahren wir die Familienverhältnisse Dorians, durch Harry wird er beschrieben als "Sohn einer Romanze, von Liebe und Tod".
Die Beschreibung des Mittagessens bei Tante Agathagibt meiner Meinung nach gut das Leben der "Höheren" wieder, deren "Sorgen" das Leid anderer sind, um sich selbst besser zu fühlen.
Erst letzte Woche habe ich "Soll und Haben" gelesen, wodurch mir dieses "Faulenzen" noch viel extremer bewusst wird.
Sehr wichtig wird wahrscheinlich noch die Aussage Lord Henrys, Dorian Gray beherrschen zu wollen.
Auch aufgefallen ist mir, dass er oft vorgibt, etwas von ihm gesagtes vergessen zu haben. Wie kann man das deuten? Versucht er so, Abstand von den von ihm gesagten Dingen, die er ja oft nicht ernst meint, zu nehmen und sich somit der "Verantwortung" zu entziehen?

Es grüßt
Robinson


PS: Ich habe hier verschiedene Ausgaben:
> Oscar Wilde - Sämtliche Werke, Magnus Verlag (Birgit Neuwald-Morton)
> O.W. - Das Bildnis ...., Insel-Verlag (Christine Hoeppener)
> ---------------------------, Anaconda, zweisprachig (Neubearbeitung der Übersetzung von Zoozmann (1924) durch Meike Breitkreuz)
> The collected works of O.W. , Wordsworth Library Collection
und selbstverständlich noch die textversion von gutenberg.org
« Letzte Änderung: 2. September 2008, 11:46 von Robinson »
"Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Das, was wir Weg nennen, ist Zögern." - Franz Kafka

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Offline bücherwurm

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #7 am: 2. September 2008, 12:01 »
Echt interessant, was man hier erst erfährt... :winken:
Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden.
(Ludwig Feuerbach)

Offline thopas

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #8 am: 2. September 2008, 13:30 »
Mit dem Charme eines Schickeria-Mephisto umgarnt er den jungen Adonis Dorian.

Henry Wotton wirkt in der Tat wie ein Mephisto, der dem unschuldigen Dorian Erkenntnis verschafft, was Dorian dann dazu veranlaßt, seine Seele zu verkaufen (allerdings nicht an Wotton). Mit Sybil Vane gibt es dann auch noch ein Gretchen dazu, sodaß man sich wirklich in einer Art Faust-Bearbeitung wähnt.

Im vierten Kapitel wirkt Lord Henry allerdings auch sehr stark wie eine Art Dr. Frankenstein, der ohne jegliches Mitgefühl mit Dorian herumexperimentiert, um zu sehen, was dabei herauskommt. War Henry Wotton anfangs nur ein eitler Schwafler, so wird er spätestens jetzt zum gefühlskalten Unmenschen.

Ist Wilde damit nun gegen Realismus, Romantik oder beides? Das verwirrt mich grade sehr.

Manchmal habe ich das Gefühl, daß Wilde einfach gerne Aussagen in den Raum wirft, um zu provozieren. Ob dann da jeweils eindeutig seine Meinung dahintersteht kann ich nicht sagen. Wilde gehörte dem Fin de Siècle und dem Dandytum an, vermutlich war er sowohl gegen den Realismus, als auch gegen die Romantik. Er hat im Dorian Gray relativ viel kritisches über die viktorianische Gesellschaft geäußert, was ihm ziemlich übel genommen wurde.

Viele Grüße
thopas

Offline Sir Thomas

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #9 am: 2. September 2008, 13:41 »
Ist Wilde damit nun gegen Realismus, Romantik oder beides?

Gegen Realismus bzw. gegen alles, was in der Realität dem ästhetischen Empfinden zuwiderläuft. Wilde gilt als Vertreter des Ästhetizismus und der Dekadenz - beide gelten als geistige "Endmoräne" des Romantikgletschers.

Viele Grüße

Tom 

Offline finsbury

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #10 am: 2. September 2008, 16:12 »
Hallo zusammen,

das Caliban-Zitat, auf das Robinson hinweist,  habe ich so verstanden, dass hier die tatsächlich vorhandene Grundspannung des 19. Jhs. hervorgehoben wird. Caliban = die wilde ungezügelte Entwicklung von Wirtschaft und sozialen Extremen sowie Gesellschaftstheorien und Imperialismus:
 Dieser Caliban will sich nicht sehen (= realistisch dargestellt werden), weil er seine dunklen Seiten nicht wahrhaben will;
Dagegen will er auch nicht vernebelt werden (=romantisch-ästhetisierend dargestellt werden), weil dann vielleicht seine Kraft und seine Leistungen nicht genügend gewürdigt werden und eine solche Betracthungsweise dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt nicht weiterhilft.

@Knabe,
einen solchen Romananfang hat z.B. der "Wilhelm Meister": Aber du hast Recht, es ist auch typisch für viele Dramen, gerne auch Gesellschaftskomödien. Und das passt wieder zu zu dem, was du, @Sir Thomas, meinst: Wilde ist in erster Linie ein Dramatiker,  das merkt man auch an der starken Dialogisierung des Romans und der Neigung zum publikumswirksamen Bonmot.

Schön, @thopas, deine Beoachtung mit dem Gretchen: Mit diesem Kapitel habe ich gerade erst angefangen und bin noch nicht auf diesen Zusammenhang gekommen.

HG
finsbury
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Offline thopas

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #11 am: 3. September 2008, 11:05 »
Schön, @thopas, deine Beoachtung mit dem Gretchen: Mit diesem Kapitel habe ich gerade erst angefangen und bin noch nicht auf diesen Zusammenhang gekommen.

Hallo finsbury, es kann sein, daß dieser Zusammenhang in dem Kapitel gar nicht offensichtlich ist. Ich erinnere mich da möglicherweise von meiner früheren Lektüre her daran. Aber auch so hat man das Gefühl, daß diese Dorian-Sybil-Geschichte nicht gut ausgeht. Das fünfte Kapitel läßt das schon vermuten: Sybils Bruder spricht eine Drohung aus, von der man ahnt, daß er sie irgendwann einlösen muß. Da ich jetzt weiß, daß das fünfte Kapitel erst nachträglich eingefügt wurde, habe ich das Gefühl, daß Wilde es eigentlich auch hätte weglassen können... wobei es die Geschichte natürlich von der anderen (d.h. Sybils) Seite her beleuchtet.

Viele Grüße
thopas

Offline Robinson

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #12 am: 3. September 2008, 11:48 »
Hallo,

zuerst mal Dank an alle, dass ihr meine Fragen beantwortet habt, sehr nett.  :smile:

Die Art, wie Dorian Sibyl Vane beschreibt, bringen einen fast dazu, sich auch in dieses Wesen zu verlieben.
Lord Henry und seine Frau scheinen nur äußerlich ein Ehepaar zu sein, aber mittlerweile (oder nie?) verbindet sie rein gar nichts mehr. In Lady Henry stellt sich meiner Meinung nach Dekadenz dar, da sie Wagner-Opern nur mag, da man sich ungestört unterhalten kann. Auch auffällig für mich war die "nette Unterhaltung", welche ja eigentlich nur ein Monolog von ihr war, in den Dorian Gray nur durch häufiges Fragen nach Zustimmung einbezogen wurde, der allerdings gar nicht zu Wort kam.

Am Ende des Kapitels erfahren wir, dass sich Dorian Gray mit Sibyl Vane verlobt hat, nach nur drei Wochen. So was nennt man dann wohl Liebe auf den ersten Blick!?
Sibyl selbst ist erst 17, Dorian über 20, wobei beide wahrscheinlich einen ähnlichen Erkenntnisstand des Lebens haben. Dass auch Sibyl noch ziemlich Kind ist, erkennt man wohl in ihren Phantasien des Lebens von Bruder James, der nach Australien gehen wird.
Nicht ganz klar wird mir, weshalb James, der selbst erst 16 ist, sich so um seine Schwester sorgt, und immer wieder gegenüber der Mutter betont, das sie nur noch auf ein Kind achtgeben muss. Seine Gründe scheinen mir über einfache Geschwisterliebe hinauszugehen, aber was könnte sonst der Grund sein?

Auf zu Kapitel VI

es grüßt Robinson

PS: Ich habe zu Hause kein Internet und muss mein Zeugs immer n der Bibliothek hochladen, somit kann ich immer nur etwas verspätet auf eure Beiträge reagieren.

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Offline Sir Thomas

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #13 am: 3. September 2008, 15:31 »
... Da ich jetzt weiß, daß das fünfte Kapitel erst nachträglich eingefügt wurde, habe ich das Gefühl, daß Wilde es eigentlich auch hätte weglassen können...

Hi thopas,

das fünfte Kapitel ist wirklich extrem schwach und ziemlich überflüssig. Im Gegensatz zu den opulenten und glaubwürdigen Schilderungen der upper class (unübertroffen finde ich die inhaltliche Leere und Gespreiztheit der Sprechrituale im vorzüglichen dritten Kapitel) merkt man, dass Wilde in den unteren sozialen Schichten keineswegs "bewandert" war.

Viele Grüße

Tom   

Offline Knabe

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Re: Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray
« Antwort #14 am: 3. September 2008, 16:36 »

@Knabe,
einen solchen Romananfang hat z.B. der "Wilhelm Meister": Aber du hast Recht, es ist auch typisch für viele Dramen, gerne auch Gesellschaftskomödien. Und das passt wieder zu zu dem, was du, @Sir Thomas, meinst: Wilde ist in erster Linie ein Dramatiker,  das merkt man auch an der starken Dialogisierung des Romans und der Neigung zum publikumswirksamen Bonmot.
Ach ja! Danke. :)

Weiter will ich euch jetzt aber nicht belästigen.

Gruß