Hallo zusammen
ich habe nun die "Telemachie" (Telemachos, Nestor, Proteus) gelesen und bevor ich vergesse was mir durch den Kopf ging, schreibe ich es lieber nieder.
Mit "Nestor" bin ich am besten zurecht gekommen, ganz einfach weil es Gespräche gab, in diesem Fall mit Mr. Deasy. In dem Kapitel konnte ich zum erstenmal schmunzeln, als Stephen sich den Vortrag über sparen anhört:
Mr. Deasy:
Ich habe alles bezahlt. Ich habe nie auch nur einen Schilling geborgt in meinem Leben. Können Sie das von sich sagen?...Stephen in Gedanken aufzählend:
Mulligan, neun Pfund, drei Paar Socken, ein Paar Schuhe, Schlipse. Curran, zehn Guineen. McCann, eine Guinee. Fred Ryan, zwei Schilling. Temple, zweimal Lunch. Russell, eine Guinee, Cousins, zehn Schilling, .......
Im Augenblick, nein, antwortete Stephen Ich hoffe solche humorvolle Szenen kommen noch öfters vor, sonst verzweifele ich

Letzterer heißt ausgerechnet Dedalus, der in der Antike als der Künstler schlechthin galt. Ansonsten kriege ich ihn aber noch nicht zu richtig zu fassen. Er hat scheinbar den Glauben an Gott verloren (wenn er ihn denn jemals gehabt hat), hat sein Studium in Paris geschmissen, seine auf dem Sterbebett liegende Mutter schwer enttäuscht, was sein Gewissen belastet, lässt sich offenbar finnanziell von seinen Freunden ausnutzen und sein Lehrer-Job scheint ihm nicht so zu liegen.
Künstlerisch konnte man das Kapitel "Proteus" nennen. Soviele Gedanken und kein Blatt Papier worauf er sie notieren konnte. Dazu benutzte er dann die Rückseite von den Notizen des Mr. Deary.
Bringt er Paris mit Sünde in Verbindung? Es kam mir in diesem Kapitel so vor. Außerdem steh ich ziemlich ratlos vor Stephens Gedanken, daß er erschaffen und nicht gezeugt wurde! ?????????
S. 52 unten
Heva, nackte Eva. sie hatte keinen Nabel. Schau. Bauch ohne Fehl, schwanger schwellend... Schoß der Sünde.
In Schoßes Sündendunkel lag auch ich, erschaffen, nicht gezeugt.anschließend kommt, glaube ich, eine Anspielung auf irgendeine hellenistische Sage. Aber das konnte ich noch nicht nachprüfen.
Wie hat euch dieser Telegramm-Stil in "Proteus" (Stephens Strandspaziergang) gefallen?
Ebenso unverständlich sind mir die plötzlichen antisemitischen Ausbrüche des Schuldirektors Mr. Deasy (=Nestor) sowie sein Interesse an Maul- und Klauenseuche.
antisemitische Neigungen in Schriftstellerkreisen gab es ja durch die Jahrhunderte hinweg und wurde oft auch in deren Werken widergespiegelt. Ich denke an Fontane, oder auch an Thomas Mann, dessen Frau Katie zwar protestantisch getauft war, aber auch jüdischer Abstammung war und äußerte sich dazu: "Kein Gedanke an Judenthum kommt auf ... man spürt nichts als Kultur."
War nicht im 19. Jahrhundert Disraeli in einer hohen politischen Stellung in Großbritanien? Ich glaube er war auch jüdischer Abstammung.
Das war zwar einige Jahrzehnte vor Ulysses, aber der Gedanke huschte mir in den Sinn.
Hier wäre eine Biografie von James Joyce von nutzen um mehr über seine politische Ansichten zu erfahren. Einige patriotische Verse finden sich im "Ulysses". u.a.:
Mit Ulster ins Gefecht,
mit Ulster für das Recht zu der Maul- und Klauenseuche hat ja Ikarus schon einiges herausgefunden. Ich möchte vielleicht auch noch die Ängste der Iren anführen, die sie nach all den Hungersnöten in den Jahrhunderten zuvor erlitten haben. Vielleicht wurzelte Mr. Deasys' Interesse an ein Heilmittel darin, daß er vorbeugend dem entgegentrat.
Die dritte Episode, Stephen allein am Strand, sein innerer Monolog, die hin- und herspringenden Assoziationen, wer ist Kevin Egan? - Ich fand's ziemlich anstrengend zu lesen, werde vielleicht einzelne Abschnitte nochmals lesen müssen.
dreht Dynamit-Zigaretten und hat druckerschwärze Finger??
Ich weiß auch nicht was das bedeutet.
Ohne erklärende Literatur stünde ich auf völlig verlorenem Posten. Außer euch ist mir besonders das Buch von Burgess eine große Hilfe.
Er schreibt: "Zu Beginn seiner literarischen Karriere sagte James Joyce, eine seiner künstlerischen Waffen werde die des Labyrinth-Erbauers sein." (Das ist ihm zweifellos gelungen ) Und weiter: "Kein Schriftsteller war autobiographischer als Joyce, doch keiner hat in der Darbietung seiner Geschichte so wenig von sich preisgegeben."
ich glaube, daß wird ein Buch, das wir nur mit vereinten Kräften schaffen, das gibt mir Mut

nochmals zu dem schönen Satz oben über den Labyrinth-Erbauer. Wenn man im Mythenlexikon unter Dedalus schaut, dann heißt es von ihm auch, daß er für Minos das Labyrinth des Minotauros baute. Das paßt doch.
@JMaria: Danke für die Erklärung der Milchfrau. Sehr interessant. Symbol für Irland. Aber warum kann sie dann kein irisch? Sie schämt sich auch dafür, es nicht zu können. Und wegen Stephen hätte sie gar nicht zu kommen brauchen. Er hätte den Tee, im Gegensatz zu Haines und Mulligan, auch ohne Milch getrunken. Was das wohl zu bedeuten hat?
das ist mir wiederum nicht aufgefallen. Aber du hast recht, das ist ein interessanter Gedanke. Stephen hält sich an keine Bräuche oder Traditionen, wie mir scheint.
eine Frage jagt die Andere beim Lesen.
Liebe Grüße
Maria