Hallo zusammen!
Es freut mich, dass ihr den Hilsenrath-Thread aus der Versenkung gehoben habt!
Hilsenraths Werk wurde und wird in Deutschland viel zu wenig beachtet und gewürdigt. Das gilt vor allem für Nacht!
In diesem (seinem ersten) Roman hat er seine Zeit im Ghetto von Moghilev-Podolsk in Transnistrien literarisch verarbeitet. Es ist die schonungslose Darstellung der Zustände im Ghetto und der zusammengepferchten Menschen dort, die vor allem überleben wollen. Manchmal kam es mir vor wie eine Versuchsanordnung: Was geschieht mit "normalen" Menschen, die Umständen ausgeliefert sind wie Verlust der Privatsphäre, ständiger Todesangst, Hunger, Kälte etc.?
Ranek, ein (noch) junger Mann, ist die Hauptfigur des Romans, ihm schauen wir bei seiner zunehmenden Verrohung und Entmenschlichung zu. Und wir nehmen als Leser daran teil: An einer Stelle "ertappte" ich mich einen Moment lang bei dem Wunsch, Ranek möge doch in den Besitz der Goldzähne kommen, um sie gegen Essen eintauschen zu können, bis mir erschreckend bewusst wurde, dass er gerade dabei ist, sie seinem eben gestorbenen Bruder mit dem Meißel herauszubrechen! Der Hunger setzt alle menschlichen Werte und Regeln außer Kraft.
Der Roman berichtet kühl, wertet nicht, ist an keiner Stelle sentimental oder pathetisch, setzt nicht auf Effekte!
Ich würde ihn in einer Reihe sehen mit den entsprechenden Werken von Primo Levi und Imre Kertesz. Mindestens!
12 Jahre hat Hilsenrath in Palästina, Frankreich und den USA an diesem Roman gearbeitet. Das immer wieder schreibend zu durchleben, muss ein psychischer Kraftakt gewesen sein.
Es wurde ihm im Deutschland der sechziger und siebziger Jahre nicht gedankt. Es gab vernichtende Kritiken , z.B. von Fritz Raddatz in der Zeit. Hilsenrath hatte gegen das ungeschriebnene Gesetz verstoßen, wonach Opfer gut und edel zu sein hatten, Komlexität in dieser Thematik nicht erwünscht war.
2006, zu seinem 80.sten Geburtstag, wurde sein Werk neu aufgelegt.
Ich hoffe, dass der Roman Nacht die Beachtung findet, die er verdient und in den USA und den Niederlanden (schon) zu genießen scheint.