Autor Thema: Nietzsche/Hitler  (Gelesen 7882 mal)

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #15 am: 19. Oktober 2008, 11:46 »
Hitler, die KZ´s, die Juden - das alles wurde sang- und klanglos unter den Tisch gekehrt, weil wir ja schon in Zeitnot am Ende des Schuljahres waren und immerhin mussten wir noch andere Themen durchnehmen. Mein Abi ist aber auch schon wieder zehn Jahre her, vielleicht hat sich seitdem etwas geändert.

Wenn das öfter vorkommt, erklärt das eine heute in Klagenfurt stattfindende Trauerfeier zumindest teilweise ...

Ob es öfter vorkommt weiß ich leider nicht, aber unsere Lehrerin hatte sowieso eine Abneigung gegen Kriege. Nur leider besteht Geschichte aus sehr viel Kriegen und Intrigen.

Katrin

Offline thopas

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 506
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #16 am: 19. Oktober 2008, 12:26 »
Wenn wir schon dabei sind: Ist mir als Nichtdeutscher erlaubt zu fragen, WAS ihr darüber in der Schule oder wo auch immer "lernt" (Anführungszeichen, wegen dem wo auch immer, d.h. Gesellschaft oder Medien z.B. miteinbezogen)?

Hallo alpha,

mein Abitur liegt zwar auch schon eine Weile zurück (fast 15 Jahre), aber ich kann berichten, daß wir uns in der Schule schon sehr ausführlich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt haben. Im Geschichtsunterricht stand dieses Thema (inkl. 2. Weltkrieg) drei mal auf dem Lehrplan (10., 11. und 13. Klasse). Zusätzlich gab es auch eine Exkursion zum KZ in Dachau (in bin auf ein Münchner Gymnasium gegangen). Soweit ich mich erinnere wurde großes Gewicht auf die politische/historische Entwicklung (wie konnte es zur Machtergreifung kommen?) gelegt. Wie ausführlich der 2. WK behandelt wurde, weiß ich leider nicht mehr. Jedenfalls war es aber meist so - ganz im Gegenteil zu dem, was Jaqui berichtet - daß zugunsten dieses Themas der "Rest" (also Nachkriegszeit, Besatzung, DDR etc.) sehr schnell abgehandelt wurden bzw. ganz unter den Tisch fielen.

Auch im Deutschunterricht wurde die NS-Zeit immer wieder mal besprochen, meist anhand von Schullektüren (z.B. A. Andersch, Sansibar oder der letzte Grund, P. Weiss, Die Ermittlung). Aber wir haben auch die Mechanismen der Propaganda besprochen (in der 6. oder 7. Klasse), wo es sich ja anbietet, Beispiele aus der NS-Zeit zu bringen und zu warnen, was damit alles angerichtet werden kann.

Man sieht also, in deutschen Gymnasien (ich schließe jetzt hier mal von bayerischen Lehrplänen auf die anderen Bundesländer, bitte korrigiert mich, wenn ihr da andere Erfahrungen habt) wurde dieses Thema ziemlich ausgewalzt. Teilweise war es mir als Schülerin dann schon zu viel. Ich hätte im Geschichtsunterricht gerne auch mal andere Themen ausführlicher behandelt; hatte immer das Gefühl, daß der stets warnende Zeigefinger ("seht her, was passieren kann, wenn..." "das darf sich nie wiederholen!") zum Teil schon etwas übertrieben war. Das kann dann durchaus zu Überdruß bei den Schülern führen.

Ich hoffe, das hat dir ein bißchen weitergeholfen. Es ist leider keine allzu aktuelle Information; zwischenzeitlich wurden die Lehrpläne vermutlich auch überarbeitet, u.a. auch wegen der Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre.

Viele Grüße
thopas

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #17 am: 19. Oktober 2008, 14:22 »
Was mir zum Thema noch einfällt. In Geschichte wurde das Thema zwar unter den Tisch gekehrt, aber im Deutschunterricht haben wir sehr manchmal Filme dazu angeschaut.

Wir waren in "Schindlers Liste" und einigen weiteren Filmen zum Thema. Das fand ich sehr interessant.

Katrin

Offline alpha

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 612
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #18 am: 19. Oktober 2008, 20:15 »
Danke vielmals euch beiden!
Auch wenn zwei diametral entgegengesetzte Erfahrungen, so doch interessant von beiden zu hören. Gemeinsames haben sie auch: Der wenig adäquate Umgang, sowohl das Übergehen, als auch das übertriebene Auswaltzen dürfte nicht "schülergerecht" sein und widerspiegelt wohl die ganze Problematik: Wie soll mit einem Thema umgegangen werde, das einerseits menschenverachtend ist, in das andererseits (noch immer) viele familiäre Erinnerungen verwoben ist. Wie die Gratwanderung zwischen nicht erwähnen, beschönigend und übersteigerter Selbstdemütigung schaffen? - Die Geschichte ist noch nicht vergangen, sie lebt... Wie erklären, dass die Generation der Grossmutter/Mutter (aus Sicht der Schüler/Lehrperson) zu etwas fähig war, was nicht hätte sein dürfen, wofür eine "Erklärung" nahe an eine Weisswäsche grenzt und um dies zu vermeiden, muss der Zeigefinger her, ganz abgesehen davon, dass gemäss einem alten Traum man aus Geschichte lernen möchte und um dies zu tun, muss man doch versuchen zu verstehen, wie es zu dem kam, was war.
Dies jedenfalls meine bisherige Meinung dazu...


Grüsse
alpha
Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig!

Thomas Mann

Offline Telemachos

  • Jr. Member
  • **
  • Beiträge: 77
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #19 am: 19. Oktober 2008, 23:35 »


Wenn wir schon dabei sind: Ist mir als Nichtdeutscher erlaubt zu fragen, WAS ihr darüber in der Schule oder wo auch immer "lernt" (Anführungszeichen, wegen dem wo auch immer, d.h. Gesellschaft oder Medien z.B. miteinbezogen)? Frage das, weil es mir immer ein sehr heikles Thema schien für Deutsche, halb-unbedachte Äusserungen stiessen oft auf, aus meiner Sicht, übertriebenen Schock oder Beleidigtsein. Deshalb frage ich mich schon länger, ob das Thema tabuisiert wird oder ob vielmehr eine ganze Menge darüber "gelehrt" wird, so dass sich fast eine Art verbindlicher Konsensus einstellt, über den man dann wiederum am liebsten nicht spricht, weil er und die ganze Geschichte als "peinlich" oder sowas ähnliches angesehen wird?
Die Frage richtet sich insbesondere an junge Menschen - oder Lehrer, ist also auf die heutige Schule bezogen.


Grüsse
alpha

Erfahrungen aus einem deutschen Gymnasium: Hier wird nichts tabuisiert, der 2.Weltkrieg wurde von vorne bis hinten durchgekaut, im Geschichtsunterricht, im Deutschunterricht ganz intensiv und auch in anderen Fächern kommt der Holocaust ab und zu am Rande vor. "Peinlich" wird die Geschichte IMO nicht angesehen, eher stellt sich ein anderer Überdruß ein, nämlich sich endlich von den Fesseln der Vergangenheit zu befreien und als junger Mensch nicht mehr mit den wohlbekannten Greultaten der Vorfahren in Verbindung gebracht zu werden.

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #20 am: 20. Oktober 2008, 09:23 »
"Peinlich" wird die Geschichte IMO nicht angesehen, eher stellt sich ein anderer Überdruß ein, nämlich sich endlich von den Fesseln der Vergangenheit zu befreien und als junger Mensch nicht mehr mit den wohlbekannten Greultaten der Vorfahren in Verbindung gebracht zu werden.

Diese Ansicht habe ich teils bei der Bevölkerung. Immer wird man dran erinnert. Und manchmal frage ich mich auch: Warum um Himmels willen soll ich für was grade stehen was meine Großeltern gemacht haben?
Vor allem, als sich der Bundespräsident (war es Klestil?) bei den Juden entschuldigt hat für die ganzen Greultaten, gab es sehr unterschiedliche Meinungen in meinem Bekanntenkreis.

Die einen fandes es gut, die anderen eine Katastrophe. Ich denke, dass man daher auch in Österreich keine vernünftige Ausländerpolitik betreiben kann. Spricht man das Thema an, dass es eventuell Einreise-Auflagen geben soll - wie in Australien - wird man schon als Nazi hingestellt. Ich finde das bescheuert.

Haben eure Großeltern/Verwandte eigentlich oft vom Krieg gesprochen? Meine wohnten bei uns im Haus und Oma wollte davon nie was wissen und mein Opa hat sich mit mir jeden Kriegsfilm angeschaut und mir davon erzählt. Leider ist er gestorben als ich 14 war.

Katrin

Offline alpha

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 612
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #21 am: 22. Oktober 2008, 10:19 »
"Peinlich" wird die Geschichte IMO nicht angesehen, eher stellt sich ein anderer Überdruß ein, nämlich sich endlich von den Fesseln der Vergangenheit zu befreien und als junger Mensch nicht mehr mit den wohlbekannten Greultaten der Vorfahren in Verbindung gebracht zu werden.

Im Erbrecht kann man unangenehme Erben ausschlagen, aber nicht teilweise: Wäre es wirklich wünschenswert bei null anzufangen? (Natürlich geht das nicht auf gesellschaftlicher Ebene, aber wieviele wären schon nur dazu bereit, das materielle Erbe der Grosseltern auszuschlagen?) Oder sollte man es pragmatischer anschauen und die Hypothek auf sich nehmen und dafür auch die deutschen Kultur- und Technologieerfolge erben? Dank Inflation, wird sich die Hypothek schon einmal von selbst zurückbezahlen, aber das geht noch eine Zeitlang...


Grüsse
alpha


p.S. Etwas anderes ist aktuelle Tagespolitik: Die sollte meiner Meinung nach nicht geschichtsbelastet sein: Weshalb sollten Australier ausländerfeindlicher sein dürfen als Deutsch und Österreicher? - Natürlich sollten es alle NICHT sein!
Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig!

Thomas Mann

Offline Emma

  • Newbie
  • *
  • Beiträge: 14
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #22 am: 22. Oktober 2008, 13:18 »
Liebe Leute,
ich schließe mich Alpha an.
Ich bin stolz auf Goethe und Beethoven. Dann kann ich nicht selektiv schlimme Taten meines Landes, auch wenn es unangenehm ist,  dem Vergessen und Verschweigen überlassen.
Emma

Offline xenophanes

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1894
    • christian köllerer.net
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #23 am: 22. Oktober 2008, 13:27 »
Ich bin stolz auf Goethe und Beethoven.
Emma

Kann man auf jemanden "stolz" sein, der glaubte, seine größte Lebensleistung hätte darin bestanden, dass er Newton widerlegt hat?  :breitgrins:

CK


Offline Giesbert Damaschke

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 983
    • http://www.damaschke.de/
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #24 am: 22. Oktober 2008, 17:00 »
Kann man auf etwas "stolz" sein, an dem man rein überhaupt keinen Anteil hat? Ich wüsste nicht, warum ich auf Goethe stolz sein sollte. Dessen Bedeutung ist schließlich nicht mein Verdienst, nicht im mindesten. Ich bin höchstens glücklich, dass ich ihn ohne Übersetzung lesen kann.
Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline Gronauer

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 230
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #25 am: 23. Oktober 2008, 18:40 »
Wenn man aufhört, in Possessivpronomen zu denken, stellt sich die Stolzfrage sowieso nicht. So wenig wir Papst sind und die Polen Papst waren, gehört uns Goethe, den Briten Shakespeare, den Italienern Dante...

Gronauer

Offline alpha

  • Sr. Member
  • ****
  • Beiträge: 612
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #26 am: 24. Oktober 2008, 08:37 »
Ja, wenn Patriotismus und Possesivpronomen ihre Bedeutung einbüssen, gibt es natürlich keinen Grund mehr auf das eine stolz zu sein und für das andere "verantwortlich gemacht" zu werden. Und ein solcher Zustand ist imho anstrebenswert.
Allerdings scheint mir, dass es oft dieselben Leute sind, welche die Sonnenseite sehen wollen und die Schattenseite nicht.


Grüsse
alpha
Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig!

Thomas Mann

Offline Gronauer

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 230
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #27 am: 24. Oktober 2008, 11:14 »
Mit Mein und Dein ist das sowieso ein eigen Ding. Wer auch nur der deutschen Zunge mächtig ist, wird hier ganz flink eingemeindet - Mozart stand ja mal zur Wahl als einer der größten Deutschen.  Geht Beethoven überhaupt als Deutscher durch? War Einstein Deutscher, Schweizer oder Amerikaner? In welchem Sinne war Bach Deutscher und nicht etwa Sachse? Goehte Frankfurter (..."neische, du Schmerzensreische...")?
Da halte ich es lieber mit Ludwig Börne: Keinem Vaterlande geboren!

Gronauer

Offline Emma

  • Newbie
  • *
  • Beiträge: 14
Re: Nietzsche/Hitler
« Antwort #28 am: 25. Oktober 2008, 19:24 »
Liebe Leute,
nun bin ich doch etwas erschrocken, was ich ausgelöst habe mit meiner flapsigen Aussage (beim Mailen muß man halt genau sein, weil man sich ja nicht mit dem gesamten Background kennt, was zu Misverständnissen führen kann, wie ich merke).
Ich wollte sagen, dass man aus seiner Kultur und Geschichte nicht "Rosinen picken" sollte, also nur die Dinge für sich reklamieren, die einem gefallen. Für mich heißt das, dass auch die Nazizeit dazugehört.
Ich habe mit Goethe und Beethoven nichts Besonderes im Sinn. Sie waren symbolisch für die positiven Seiten im Gegensatz zu Hitler und seine Vasallen gemeint.
Auch gehöre ich nicht zu denjenigen, die meinen "stolz auf Deutschland" (oder auf deutsche Kultur) sein zu müssen.
Allerdings meine ich, dass man, auch wenn man versucht, von seiner Kultur, Zeit, Geschichte usw. unabhängig zu werden, doch partiell gebunden bleibt. Man merkt das spätestens, wenn man länger im Ausland ist.
Ich halte es auch für sinnvoll, dem nachzugehen, woher man kommt (persönlich, gesellschaftlich, kulturell). Aber auch das nicht selektiv nur mit den Teilen, die einem gefallen.
Ich hoffe, nun ist es klarer geworden, was ich meinte.
Emma