Ich glaube nicht, dass die Freier im Recht sind, wenn sie sich Tag für Tag im Haus des Odysseus aufhalten und „das Gut kahlscheren“. Im ersten Gesang werden sie wenigstens dreimal dafür vom Erzähler getadelt, ebenso von Athene. Telemachos sagt im zweiten Gesang in der Volksversammlung, dass ein Erwachsener, ein erfahrener und starker Mann wie Odysseus, sie längst vertrieben hätte. Er selber und Penelope sind bloß nicht stark genug, ihr Recht durchzusetzen. Die Freier sind viele, sie sind außerdem die Söhne der besten Ithakesier. Sie nehmen sich, was sie kriegen können, weil eine Frau und ein einzelner Mann, der gerade erst an der Schwelle zum Mannesalter steht, gegen sie nicht aufkommen können.
Es kann zwar sein, dass eine Werbung um Penelope angemessen ist, aber nicht wenn die Bewerber um Penelope sich gleich im Rudel aufdrängen und Jahre lang auf Kosten der Braut leben.
Überhaupt scheint Ithaka ohne den König Odysseus teilweise in Rechtlosigkeit zu versinken. Die Volksversammlung hat nicht mehr getagt, seit Odysseus nach Troja gezogen ist, und Mentor klagt auch die Volksversammlung an, dass sie schon so lange geduldet hat, wie sich die Freier sich von Odysseus‘ Haus aufführen. Aber nach der aggressiven Äußerung eines Freiers, die Freier würden selbst Odysseus töten, wenn er noch nach Hause käme, sagt kein anderer mehr etwas (wagt es nicht mehr?).
Das „schnelle Heranwachsen“ Telemachs, das unser Telemachos angesprochen hat, ist schon spannend: Nach der Begrüßung von Mentes setzt er sich mit seiner Mutter auseinander und weist sie in ihre Schranken (auch wenn das für uns heute reichlich unhöflich klingt), dann setzt er sich am selben Abend noch mit den Freiern auseinander und droht ihnen ziemlich offen, sie zu töten, wenn sie sich nicht aus seinem Haus fernhalten. Im zweiten Gesang, nach der Volksversammlung, redet Antinoos noch einmal kurz mit Telemachos: Da sagt Telemachos zum ersten Mal, dass er sich nicht mehr als Kind fühlt, sondern als Erwachsener.
In Telemachs Vorhaben, nach Pylos und Sparta zu segeln, sehen die Freier sofort die Absicht, Bundesgenossen gegen sie zu finden, damit er sie vertreiben kann. Ich bin nicht mehr sicher, ob Telemachos bei Nestor und Menelaos wirklich versucht, Männer zu gewinnen, die mit ihm nach Ithaka gehen, um gegen die Freier zu kämpfen.
Die Freier sprechen in der Volksversammlung von ihrer Werbung, aber man kriegt das Gefühl, dass ihnen die gegenwärtige Situation gar nicht unangenehm ist. Sie machen sie ein lustiges Leben, und wenn sie auch Penelope nicht bekommen können, halten sie sich an die Mägde (wie wir später erfahren). Die Aussicht, Penelope könnte sich einmal für einen von ihnen entscheiden, scheint ihnen immer auch Sorgen zu machen, weil dann das lustige Leben als „Jungbullenbande“ zu Ende ist.
Ich wollte noch sagen, dass ich kein Griechisch kann. Ob helläugig oder was immer die beste Übersetzung ist, kann ich gar nicht beurteilen. Ich finde nur, dass funkeläugig ein schönes Wort für Athene ist.