15. Gesang
Kurz bevor Telemach Pylos verlässt, bekommt er noch einen neuen Mitreisenden: Theoklymenos, einen Mörder, Flüchtling und Seher. Anscheinend möchte er von Telemach aufgenommen werden. Ich vermute, nicht als Gast, sondern um seine Dienste als Seher anzubieten, weil man im 17. Gesang erfährt, dass das bei Sehern üblich war. Jedenfalls ist von Gastfreundschaft nicht die Rede, und Theoklymenos spricht Telemach als „mein Hausherr“ an. Aber Telemach empfiehlt ihm, sich an Eurymachos zu halten, einen der (weniger unangenehmen) Freier Penelopes. Erst in Ithaka ändert er seine Meinung, als Theoklymenos ein Zeichen der Götter so deutet, dass die Familie Odysseus‘ für immer auf Ithaka herrschen wird. Da gibt Telemach Theoklymenos einem Freund mit, um ihn später in sein Haus zu nehmen, wenn er von Eumaios zurück ist.
Das „Zeichen der Götter“: Ein Habicht mit einer Taube im Schnabel fliegt vorbei. Hm, wie kann man das so deuten, wie Theoklymenos es tut? In Sparta gab es ein ähnliches Zeichen (Ein Adler mit einer Gans im Schnabel flog vorbei). Helena hat den Adler als Odysseus gedeutet, der die Freier (Gans) tötet. Das lässt sich noch nachvollziehen. Man kann leicht den Eindruck bekommen, dass Theoklymenos sich vor allem beim Telemach beliebt machen will.
Sonderbarerweise wird die Rückfahrt Telemachs nach Ithaka nicht beschrieben. Man erfährt nicht, wie sein Schiff an den Freiern vorbeikommt, die ihm auflauern.
Auch Eumaios hat ein bewegtes Leben hinter sich. Eigentlich der Sohn des Königs von Ortygia ist er als Kind entführt worden, und Laertes hat ihn gekauft und aufgezogen. Warum hat er nicht versucht, zu seinem Vater zurückzukommen? Warum hat Laertes ihm nicht dabei geholfen? Eumaios‘ Vater hätte ihm doch sicher den Kaufpreis zurückerstattet.
16. Gesang
Eumäus empfiehlt Telemach den Fremden (Odysseus) als Schützling. Telemach will ihm ein neues Gewand geben. Das deutet wieder eher auf ein Dienstverhältnis hin als auf Gastfreundschaft. Jetzt bemerkt man erst die Freundlichkeit der Phäaken, denn als Odysseus zu ihnen kam, war er auch nur ein armer Fremder, der nichts hatte, und er wurde trotzdem als Gast aufgenommen.
Odysseus gibt Telemach einen Rat: Er würde gegen die Freier kämpfen, auch wenn er dabei umkäme, aber sie nicht weiter im Haus dulden.
Odysseus gibt sich Telemach zu erkennen. Telemach will es erst nicht glauben. Viele Tränen. Dann erörtern sie die Lage.
Es sind nicht weniger als 108 Freier im Haus Odysseus‘.
Die Freier sind enttäuscht, dass ihr Anschlag misslungen ist. Sie fürchten mittlerweile die öffentliche Meinung - also hat es doch etwas genützt, dass Telemach im 2. Gesang die Versammlung alle Achaier einberufen hat. Antinoos möchte Telemach abfangen und erschlagen, wenn er von Eumaios zur Stadt geht. Amphinomos ist vorsichtig. Er fürchtet die Strafe der Götter und möchte ihren Rat einholen, ehe sie den einzigen Sohn des Königs ermorden.
Antinoos findet, Telemach sei selbständiger geworden, seit er aus Pylos und Sparta zurückgekommen ist (V. 374).
17. Gesang
Von Penelope wird gesagt, sie gleiche Artemis und auch der goldenen Aphrodite. Der Vergleich mit Aphrodite deutet sicher auf ihre Schönheit. Aber der Vergleich mit Artemis?Artemis habe ich als recht strenge, wenig freundliche Gottheit in Erinnerung. Mutter war sie auch nicht. Hm.
Theoklymenos sagt, Odysseus sei schon da. Das habe er während der Schiffsfahrt aus dem Vogelflug herausgelesen. Komisch dass er das erst jetzt sagt.
Auf dem Weg in die Stadt begegnen Eumaios und Odysseus Melantheus, einem Ziegenhirten in Odysseus‘ Diensten. Er beschimpft und misshandelt Odysseus. Damit beginnt die Reihe der Misshelligkeiten, denen Odysseus in seiner Rolle als Bettler ausgesetzt ist und die er erträgt, weil er sich erst dann als Odysseus zeigen will, wenn er eine gute Chance hat, gegen die Freier zu kämpfen.
Hier steht auch die Episode mit Argos, dem Hund, den Odysseus noch vor seiner Wegfahrt aufgezogen hat. Argos erkennt Odysseus, ist aber schon zu schwach, zu ihm zu gehen, und stirbt. Eine Kleinigkeit für Hundefreunde mit der Botschaft: „Hunden kann man nichts vormachen“? Na ja, vor allem zeigt sich hier, wie lange Odysseus aus Ithaka weg war. Beim Hund ist es jetzt unwiderruflich zu spät, dass er und Odysseus ihr gemeinsames Leben noch fortsetzen. Aber natürlich auch eine Erinnerung, dass auch andere Odysseus erkennen könnten und dass er in Gefahr ist.
Ich bin erstaunt, dass es im Prinzip geduldet wird, dass ein Bettler in Odysseus‘ Halle kommt. Später kommt noch Iros, der so eine Art „Bettler vom Dienst“ bei den Freiern ist. So wie der Abend weiter verläuft, waren die Bettler eine Art Hofnarren. Sie bekamen zu essen, mussten aber auch allerlei aushalten.
V. 383: Hier kommt anscheinend die Information, die ich bei Finley gefunden habe. Handwerker und andere Spezialisten zogen herum und boten ihre Dienste an. Sie gehörten nicht fest zum Haushalt eines Aristos. Seher, Arzt, Zimmermann und „göttlicher Sänger“, diese Berufe werden hier genannt.
18. Gesang
Vor der Begegnung Odysseus‘ mit Penelope, auf die der Leser an dieser Stelle schon dringend wartet, schiebt Homer erst noch den Kampf mit Iros ein. Odysseus beeindruckt die Freier. Amphinomos wünscht ihm sogar den Segen der Götter. Daraufhin rät Odysseus ihm, rasch das Haus zu verlassen, denn Odysseus komme sicher bald zurück. - Odysseus, der eigentlich seine Identität noch nicht preisgeben kann, ist mehrmals etwas indiskret.
Auch Penelope kümmert sich um die Erziehung Telemachs. Sie macht ihm Vorwürfe, dass er die Freier nicht davon abgehalten hat, Odysseus zu misshandeln.
Ganz spät kommt eine entscheidende Information heraus (V. 269 f.). Bevor Odysseus nach Troja gefahren ist, hat er zu Penelope gesagt, wenn Telemach der erste Bart wächst, sei sie frei, eine neue Ehe einzugehen. Seltsam dass man das erst jetzt erfährt.
Penelope lässt sich von den Freiern Geschenke bringen. Odysseus findet das klug und freut sich darüber. Er meint, dass Penelope währenddessen an etwas ganz anderes denkt. An was denn? An die Verabredung mit dem Fremden, der Nachrichten von Odysseus bringt?
Nach Melantheus (und Melantho) verspotten jetzt auch die Freier Odysseus. Odysseus weist einen von ihnen zurecht (Eurymachos): Eurymachos sei hochmütig. Das liege daran, dass er der Größte inmitten von Zwergen sei (sinngemäß). Yep, hier kommt nochmal eine Bestätigung, welche Folgen die „vaterlose Gesellschaft“ hat. Den Freiern fehlen die Maßstäbe und sie verstoßen gegen die guten Sitten. Gleichwohl können sie sich mit „richtigen Männern“ wie Odysseus nicht messen.
Am Ende gibt es ein Handgemenge, bis Telemachos die Freier nach Hause schickt. Das tut er tatsächlich.
19. Gesang
Odysseus und Telemachos beginnen allmählich, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Sie bringen die Waffen aus dem Saal.
Beim Gespräch zwischen Odysseus und Penelope bleibt Odysseus zuerst sehr zugeknöpft und will Penelope nicht erzählen, wer er ist und woher er kommt. Erst als sie ihm von ihrer Situation erzählt hat, erzählt auch er seine Geschichte (eine falsche natürlich). Ist das die „listige Vorsicht“, die Alkinoos früher schon an ihm bemerkt hat? Oder will er seiner Frau nicht so viele Lügen erzählen?
Wir erfahren auch jetzt erst, dass Penelopes Eltern sie heftig zur Ehe drängen. Wieder verstehe ich nicht, warum Homer uns das nicht früher wissen lässt.
V. 223: „Vielerlei log er zusammen und manches war ähnlich der Wahrheit.“
Im Laufe des Gesprächs kündigt Odysseus seine eigene Ankunft auf Ithaka zweimal an (V. 270 ff. und um zweiten Mal, als Penelope von der Bogenprobe spricht). Beim zweiten Mal verrät er sich fast, finde ich. Zumindest verrät er, dass er mehr weiß, als er sagt. Penelope solle den Wettkampf schnell vorbereiten, Odysseus komme, noch ehe die Freier den Bogen gespannt haben. Wie soll der fremde Mann das wissen, wenn er Odysseus wirklich vor ein paar Wochen zuletzt gesehen hat?
Eurykleia, Odysseus‘ alte Amme, meint sofort, als sie den fremden Bettler sieht, eine Ähnlichkeit zu Odysseus zu erkennen. Sie erkennt ihn dann wirklich an einer Narbe über dem Knie, die sie ertastet, als sie ihm die Füße wäscht. Wieder macht Homer es spannend. Er sagt erst, dass Eurykleia die Narbe findet, aber ehe er die Neugier des Lesers, wie das ausgeht und ob Odysseus‘ Inkognito Bestand behalten kann, befriedigt, erzählt er ziemlich umständlich, wie Odysseus die Narbe bekommen hat.
Odysseus ist nicht freundlich zu seiner alten Amme. Man meint fast, es gehe hier fast nur um Odysseus‘ Geistesgegenwart, Eurykleia zum Schweigen zu bringen. Bei dieser Wiedererkennung gibt es keine Gefühle bei Odysseus. Wenigstens ein Lächeln hätte er Eurykleia schenken können, finde ich.
Penelope ist aber im Gespräch mit dem Fremden, der angeblich etwas über Odysseus weiß, nicht so naiv und vertrauensselig, wie man erst leicht denken konnte. Sie fragt den Fremden, welche Kleidung ihr Mann trug… Wenn sie anderen, die ihr etwas vorgelogen haben, dann trotzdem etwas zu essen und etwas anzuziehen gegeben hat, war das vermutlich eher eine noble Geste als tief empfundener Dank für das Gehörte.