Nur wenigen Romanen wird die unaufhörliche Aufmerksamkeit des Lesers zuteil; nur wenigen Romanciers gelingt es, die Leserschaft so sehr an eines ihrer Werke zu fesseln, dass diese nicht mehr aus der Erzählung heraussteigen will. Nur wenige Erzähler vermögen es, den Leser wie gebannt ins gebundene Papier starren, ihn unablässig die Geschichte weiter und weiter treiben zu lassen. Noch ein Satz - noch ein Absatz - noch eine Seite - noch ein Kapitel! Wie im Akkord schuftet und schwitzt er sich durch das Buch, nur selten unterbrechend, selten pausierend. Es gibt nur wenige Autoren, die dem Leser das Weglegen eines ihrer Werke erschweren, nur wenige, die das Verlangen nach Weiterlesen schüren können, die es beherrschen, den Leser dazu zu drängen, möglichst gleich wieder dessen Nase in die Angelegenheiten des Romanciers zu stecken. Nur wenige Romane; nur wenige Romanciers! Ein solcher Roman ist die "Stadt der Blinden"; ein solcher Romancier ist... war José Saramago.
Plötzlich breitet sich Erblindung wie eine Epidemie aus. Ansteckende Blindheit! Nach und nach erblinden die Menschen und die Sehenden, die die noch sehen können (denn langsam ereilt jeden dasselbe Schicksal), internieren die Erkrankten in Lagern und zweckentfremdeten Gemäuern. Saramago beschreibt ein solches Internierungslager, in denen alle blind sind - bis auf eine Frau, die aus ungeklärten Umständen nicht erblindet, die sich aber nicht als Sehende zu erkennen gibt; nur ihr Mann und eine Handvoll Insassen wissen davon. Organisation scheint unmöglich, wenn man auch beseelt ist, das Lagerleben zu strukturieren. Schon bald bricht das Chaos aus, die hygienischen Zustände stinken zum Himmel, das Lager ist überfüllt und das Essen knapp. In diesem Klima aus Dreck und Mangel erwachen niederste Instinkte - eine Gruppe blinder Haudraufs eignet sich die wöchentliche Essensration an und erpresst die anderen Insassen. Hilflos aus der Welt der Sehenden verbannt, entsteht ein blinder Mikrokosmos innerhalb der Lagermauern - die Sehenden mischen sich aus Angst vor Ansteckung nicht ein. Die sehende Frau wird einzige Augenzeugin davon, wie der Tumult zum täglichen Leben wird: Diebstahl, Gewalt, Prostitution - es entsteht ein Gemeinwesen auf engstem Raum, in dem es keine ordnende Macht mehr gibt, in dem ethische Gesinnung zum Luxus wird, den man sich nicht leisten kann, wenn man überleben möchte. Die Sehende greift jedoch kaum ein, möchte nicht zum Blindenhund aller Erblindeten werden, damit sie ungehindert für ihren Mann sorgen kann.
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Hier kann man weiterlesen:
http://ad-sinistram.blogspot.com/2010/06/ein-fur-pessimistisch-befundener.html