Hallo zusammen!
Die Frage(@ Sir Thomas), warum in Pessoas alias Bernardo Soares' Aufzeichnungen, "die turbulenten politischen Umwälzungen, die Europa damals erlebte", nicht vorkommen, wird in den Fragmenten 160,161und 165 ansatzweise beantwortet:
"Dieser ganze Tag... war beherrscht von Revolutionsgerede. Derlei Nachrichten...erfüllen mich stets mit besonderem Unbehagen, einer Mischung aus Verachtung und körperlichem Ekel.... Unfähig , die eigene Haltung zum Leben zu beherrschen oder zu ändern, ergreift der Mensch die Flucht nach vorn, indem er versucht, die Anderen und die Außenwelt zu verändern...(160 8.4.1931)
"Nichts verdrießt mich mehr als das Vokabular gesellschaftlicher Moral... die Begriffe "Bürgerpflicht", "Solidarität","Humanität" und andere dieses Kalibers widern mich an wie Müll, den man mir aus Fenstern aufs Haupt kippt..."(161)
Und schließlich :"Alles, was nicht meine Seele ist, ist für mich...nur Kulisse und Dekoration....Daher betrachte ich seit jeher alles,was Menschen umtreibt und bewegt - die großen kollektiven Tragödien der Geschichte oder das, was wir aus ihr machen -, als bunte Friese und die Figuren darauf als seelenlos..."(165)
Ja, das Buch macht es dem Leser nicht leicht. Ich glaube , man kann es nur in kleinen Dosen genießen. Rilkes Duineser Elegien etwa kann man auch nicht hintereinander weg lesen. Ähnlich dicht und komprimiert sind diese Betrachtungen - voll von stupenden Bildern, Metaphern, Paradoxien, gedanklichem Zündstoff und herrlicher Ironie. Die Lektüre braucht Zeit.
Viele Grüße
Gontscharow