Autor Thema: Lyrikleser  (Gelesen 11734 mal)

Offline Knabe

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Re: Lyrikleser
« Antwort #15 am: 8. November 2008, 12:16 »
Vielleicht denkt Wolf - zum Thema Liednähe - an die Antike (Homer schrieb in einer gebundenen Sprache, seine Hexameter wurden musikalisch vorgetragen), oder an das Mittelalter (Walther von der Vogelweide oder Oswald von Wolkenstein, von dem sogar Noten überliefert sind), und möglicherweise auch ein wenig an Schubert oder Mahler, die nicht wenige Gedichte vertont haben.

Es scheint von Gedicht zu Gedicht oder von Gattung zu Gattung oder von Epoche zu Epoche anders zu sein.

Gruß

Offline Wolf

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Re: Lyrikleser
« Antwort #16 am: 8. November 2008, 12:26 »
Zitat von: scardanelli
Du deutest die Alternative zu den meist überflüssigen Anthologien ja selbst an: Einzelwerke, also Originale lesen und sich nicht auf die Auswahl eines mehr oder weniger (meist eher weniger) dafür qualifizierten Herausgebers zu verlassen.

Vermutlich gibt es mehr unqualifizierte Lyriker als unqualifizierte Herausgeber. ;-) Außerdem führen die Anthologien nicht von den Einzelbänden weg, sondern zu ihnen hin.

Zitat von: scardanelli
Und was die Nähe zum Lied angeblich angeht - naja, große Teile bedeutender Lyrik haben unregelmäßige Rhythmen (schon bei Hölderlin zu finden) -

Auch Gedichte in freien Rhythmen haben Komponisten zu Vertonungen angeregt, was bei Prosastücken weit weniger der Fall war. ;-) Die Versdichtung hat nun einmal von Haus aus eine größere Nähe zur Lautung als die Prosa. Und was die zeitgenössische Dichtung angeht: ich hatte ja schon einige bekannte Dichter erwähnt, die ihre Gedichte sehr gerne vorgetragen haben. Wer auf das Hören verzichtet, der verpaßt da ganz einfach etwas.

Ich bin sehr froh, daß es eine Website wie lyrikline.org gibt, nicht nur eine einfache Anthologie, sondern eine Anthologie mit Vertonung - keineswegs ein doppeltes Übel, sondern ein doppeltes Glück. :-) Als Beispiel das Gedicht Fledermaus-Ultraschall des berühmten australischen Lyrikers Les Murray, das im Gedichtband Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen abgedruckt ist (erschienen bei Hanser, übersetzt von Margitt Lehbert). Die Originalfassung Bats' Ultrasound findet sich dort ebenfalls, und man kann sie sich dort auch anhören, was sich besonders für die abschließenden Verse sehr lohnt.

Wie in fast jeder Anthologie gibt es natürlich auch in lyrikline.org Mängel, so ist etwa dieser japanische Originaltext von Kazuko Shiraishi nicht nur verdreht, sondern auch noch spiegelverkehrt abgebildet.

Zitat von: scardanelli
Und noch eine letzte Bemerkung zum Conrady: Da ich ein paar Jahre selbst verlegt habe (und nur deshalb habe ich diesen "Schinken" als Belegexemplar im Schrank), kenne ich Dutzende bessere Dichter als die, die er ausgewählt hat...

Erstens wollte Conrady ja die ganze Bandbreite der deutschen Lyrik zeigen, er wollte keinen Kanon der Meisterwerke, von denen aber trotzdem genügend in seiner Anthologie enthalten sind; und zweitens ist es ja sehr schön für Dich, daß Du diese besseren Dichter kennst, dann laß doch mal hören, wen Conrady Deiner Meinung nach zu Unrecht in seiner Anthologie übergangen hat. Betrifft Deine Kritik nur die Zeit des Dritten Reiches oder beispielsweise auch das 19. Jh. oder die Dichtung des Barock im Conrady? Ist ihm die Darstellung der mittelhochdeutschen Dichtung gelungen?

Schöne Grüße,
Wolf

scardanelli

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Re: Lyrikleser
« Antwort #17 am: 8. November 2008, 13:48 »
Außerdem führen die Anthologien nicht von den Einzelbänden weg, sondern zu ihnen hin.

Warum dann den Umweg über Anthologien gehen und nicht gleich die originale Einzelbände lesen? Das werde ich nie verstehen.

Im übrigen habe ich keine Lust, über den unsäglichen Conrady zu diskutieren, weil das ihm ein Gewicht verleihen würde, das er nicht besitzt.

Ich lese keine Anthologien, sondern Gesamtausgaben und Einzelbände.
Ich ziehe als optisch ausgerichteter Mensch das Druckbild dem Klangbild vor (und sehe das nicht als Einschränkung).
Andere dürfen andere Gewichtungen setzen - suum cuique.

scardanelli

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Re: Lyrikleser
« Antwort #18 am: 11. Dezember 2008, 16:41 »
Vielleicht ein Tipp gefällig?
In all den Jahren, in denen ich - mit großem Gewinn - niederländische Lyrik lese, habe ich mich immer gewundert, warum es keine deutsche Übersetzung der Gedichte des Rutger Kopland gibt - in seinem Land ein Star, der ganze Hallen füllt und Poesie-Bände mit Auflagen in den hohen Tausendern hat.

Diesem Missstand hat nun das Lyrik-Kabinett München etwas Abhilfe geschaffen durch die Edition
Rutger Kopland
Dank sei den Dingen
ISBN 978 3 446 23071 2

(Edition Lyrik Kabinett bei Carl Hanser)

Offline Sir Thomas

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Re: Lyrikleser
« Antwort #19 am: 15. Dezember 2008, 18:57 »
Liebe Lyrikfreunde,

ich möchte Euch Stefan Zweigs Ergüsse über Hölderlins Poesie nicht vorenthalten. In "Der Kampf mit dem Dämon" heißt es:

„Poesie ist ihm [Hölderlin] ... Aufschließung der letzten Wahrheit, das trunkene Geheimnis, Hostie und Wein, das den Leib ... glühend dem Unendlichen weiht und verbindet. ... In der Poesie erkennt er fürchtig den Atem des Göttlichen, der die Erde befruchtet und beseelt, die einzige Harmonie, in der sich der urewige Zwiespalt des Seins für selige Augenblicke löst und entspannt. ... [Für Hölderlin wird] Dichtung das einzige „freundliche Asyl“ des Allverstoßenen."

Oh Freunde, welch ein Krampf! Und so geht es in einer Tour weiter. Ach Stefan ...!

Es grüßt

Tom
 

Offline Sir Thomas

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Re: Lyrikleser
« Antwort #20 am: 19. Dezember 2008, 12:20 »
Aus dem "Guardian":

So when people say that poetry is merely a luxury for the educated middle classes, or that it shouldn't be read much at school because it is irrelevant, or any of the strange and stupid things that are said about poetry and its place in our lives, I suspect that the people doing the saying have had things pretty easy. A tough life needs a tough language - and that is what poetry is. That is what literature offers - a language powerful enough to say how it is.

Der komplette Text: http://www.guardian.co.uk/books/2008/nov/15/ts-eliot-festival-donmar-jeanette-winterson

Viele Grüße

Tom

Offline Knabe

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Re: Lyrikleser
« Antwort #21 am: 19. Dezember 2008, 21:44 »
Aus dem "Guardian":

So when people say that poetry is merely a luxury for the educated middle classes, or that it shouldn't be read much at school because it is irrelevant, or any of the strange and stupid things that are said about poetry and its place in our lives, I suspect that the people doing the saying have had things pretty easy. A tough life needs a tough language - and that is what poetry is. That is what literature offers - a language powerful enough to say how it is.

Der komplette Text: http://www.guardian.co.uk/books/2008/nov/15/ts-eliot-festival-donmar-jeanette-winterson

Viele Grüße

Tom
Sehr schön, Sir Thomas! Danke sehr!

Offline litfink

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Re: Lyrikleser - Joseph Brodsky
« Antwort #22 am: 30. März 2009, 16:26 »
Joseph Brodsky. "Sie haben ja gar keine fachliche Ausbildung als Dichter" haben die Sowjets zu ihm gesagt. 'Dichter macht der Himmel, der liebe Gott', hat er geantwortet.
Brodsky: 'Wie kommt man gute Literatur? Das Gedicht ist die beste Kompaßnadel. Nur extreme Subjektivität, Überempfindlichkeit und Vorurteile helfen, die Klischees zu vermeiden. Je mehr man Lyrik liest, desto unduldsamer wird man für jede Art von Weitschweifigkeit. Die Lyrik ist ein großer Zuchtmeister der Prosa. Sie lehrt sie nicht nur den Wert jedes einzelnen Wortes sondern auch die quecksilbrigen Denkmuster ihrer Gattung, Alternativen zur linearen Komposition, den Kniff, das Selbstverständliche wegzulassen, die Betonung des Details, die Technik der Antiklimax. Vor allem aber bringt die Lyrik in der Prosa jenen Appetit für das Metaphysische hervor.'
Eine Folge konsequenter Augenblicke ist immer eine Art von Ewigkeit selbst.

Offline Wolf

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Re: Lyrikleser
« Antwort #23 am: 4. April 2009, 16:46 »
Hallo Dostoevskij,

Zitat von: Dostoevskij
"Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute"

danke für diesen Hinweis! Ich habe mir daraufhin dieses Büchlein bestellt und es nun durchgelesen. Die Gedichte sind chronologisch angeordnet, zunächst die alten Gedichte von den Anfängen bis zum 13. Jh., danach moderne Gedichte aus dem 20. Jh. Dazwischen klafft eine große Lücke, weil es da laut Herausgeber nichts wirklich Nennenswertes gibt, jedenfalls nicht auf hocharabisch (bei Dialekten sieht es anscheinend etwas anders aus). Am interessantesten fand ich die älteren Gedichte, teilweise sind sie überraschend freizügig; aus der europäischen Lyrik dieser Zeit kenne ich nichts Vergleichbares.

Schöne Grüße,
Wolf

Offline finsbury

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Re: Lyrikleser
« Antwort #24 am: 5. April 2009, 09:45 »
Hallo,

ich lese gerade in der bekannten Anthologie "Lyrik des Ostens" (HG. Wilhelm Gundert und Annemarie Schimmel et al.) den Teil über die chinesische Lyrik und bin erstaunt über die teilweise freche Sozial- und Staatskritik der ganz frühen Gedichte aus dem Schi /Schu-King und nachfolgender Dichtung vor der Zeitenwende.

HG
finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline Sir Thomas

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Re: Lyrikleser
« Antwort #25 am: 28. Juli 2009, 16:38 »
Liebe Lyrikfreunde,

welches Standardwerk zur Lyriktheorie (Verslehre etc.) könnt Ihr empfehlen? Ich möchte gern meine Kenntnisse systematisch auffrischen.

Ich bin drauf und dran, dieses hier zu bestellen:
http://www.amazon.de/Einf%C3%BChrung-die-Verslehre-Hans-Dieter-Gelfert/dp/315015037X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1248795400&sr=8-1

Kennt das jemand?

Viele Grüße

Tom

scardanelli

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Re: Lyrikleser
« Antwort #26 am: 29. Juli 2009, 07:00 »
Vorab - das erwähnte Werk kenne ich nicht, hab auch so meine Probleme damit, wenn Nichtlyriker zu erklären versuchen, was denn Lyrik eigentlich ist.

Aus der Praxis heraus habe ich mehr gelernt durch Bücher wie folgende (aber sie dürften z.T. nicht mehr lieferbar sein):

Hans-Jürgen Heise, Vermessungsstäbe bilden den Gottesbegriff, Verlag Ulrich Keicher
Hilde Domin, Das Gedicht als Augenblick von Freiheit - Frankfurter Poetik-Vorlesungen,  ISBN 3 596 12205 8
Raoul Schrott, Die Erde ist blau wie eine Orange, ISBN 3 423 12704 X
Joachim Sartorius, Minima Poetica - Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts, ISBN 3 462 02787 5
(obwohl gerade die beiden Letztgenannten sich in ihren eigenen Werken nicht an die Erkenntnisse halten, die sie hier verbreiten)
und sehr lustig ist:
Jakob Stephan, Lyrische Visite oder Das nächste Gedicht bitte!, ISBN  3 251 00461 1


...und natürlich, Gedichte lesen, immer wieder, jeden Tag - ein Tag ohne ein Gedicht ist ein verlorener Tag...

Offline Wolf

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Re: Lyrikleser
« Antwort #27 am: 29. Juli 2009, 11:05 »
Hallo Sir Thomas,

die Verslehre von Hans-Dieter Gelfert kenne ich nicht, ich habe vor längerer Zeit mal zwei andere Bücher von ihm gelesen: "Wie interpretiert man ein Gedicht?" und "Was ist gute Literatur?", die leicht verständlich geschrieben und gut strukturiert waren. Seine Verslehre dürfte ebenso anfängertauglich und flott zu lesen sein, und da sie nicht teuer ist, kannst Du sie Dir ja mal zulegen und durchlesen.

Recht gut gefällt mir: Dieter Burdorf: Einführung in die Gedichtanalyse (erschienen bei Metzler). Darin geht es ganz allgemein um "die Methoden des literaturwissenschaftlichen Umgangs mit Gedichten", man erhält da einen sehr guten Überblick; eine Übersicht über die wichtigsten metrischen Grundformen ist darin natürlich enthalten, und meines Wissens ist das auch ein Standwerk für das Germanistikstudium. Oder ganz speziell für die Verslehre gibt es: Christian Wagenknecht: Deutsche Metrik. Eine historische Einführung (erschienen bei C. H. Beck), das ist aber eine eher trockene Lektüre, außer man interessiert sich wirklich für Metrik. ;-)

Sehr umfassend, allerdings auf englisch, ist die New Princeton Encyclopedia of Poetry and Poetics: ein alphabetisch geordnetes Nachschlagewerk, in dem man fast alles findet, was man über Lyriktheorie wissen will. ;-)

Schöne Grüße,
Wolf

Offline Sir Thomas

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Re: Lyrikleser
« Antwort #28 am: 30. Juli 2009, 08:07 »
... die Verslehre von Hans-Dieter Gelfert ...

Das schmale Reclam-Heftchen ist mittlerweile eingetroffen und sieht, nach einem kurzen Studium des Inhaltsverzeichnisses, brauchbar aus.

Euch beiden, Wolf und scardanelli, vielen Dank für die Hinweise!

Einen schönen Tag wünscht

Tom

Offline Sir Thomas

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Re: Lyrikleser
« Antwort #29 am: 21. August 2009, 07:20 »
Als Mittel gegen eine weitgehend schlaflos verbrachte Gewitternacht griff ich zu Goethes "Römischen Elegien". Ich bin sehr angetan von dieser Sammlung, allerdings auch ein wenig verwirrt aufgrund des Titels. Meiner Meinung nach handelt es sich bei den Gedichten nicht um Elegien (also Klage- oder Trauergesänge), sondern um Oden oder Hymnen. Meine Frage an die Lyrikkenner: Wurde zu Goethes Zeit unter "Elegie" etwas anderes verstanden als in der Antike? Oder gibt es einen Grund, warum Goethe diesen Titel wählte?

Viele Grüße

Tom