Du deutest die Alternative zu den meist überflüssigen Anthologien ja selbst an: Einzelwerke, also Originale lesen und sich nicht auf die Auswahl eines mehr oder weniger (meist eher weniger) dafür qualifizierten Herausgebers zu verlassen.
Vermutlich gibt es mehr unqualifizierte Lyriker als unqualifizierte Herausgeber.

Außerdem führen die Anthologien nicht von den Einzelbänden weg, sondern zu ihnen hin.
Und was die Nähe zum Lied angeblich angeht - naja, große Teile bedeutender Lyrik haben unregelmäßige Rhythmen (schon bei Hölderlin zu finden) -
Auch Gedichte in freien Rhythmen haben Komponisten zu Vertonungen angeregt, was bei Prosastücken weit weniger der Fall war.

Die Versdichtung hat nun einmal von Haus aus eine größere Nähe zur Lautung als die Prosa. Und was die zeitgenössische Dichtung angeht: ich hatte ja schon einige bekannte Dichter erwähnt, die ihre Gedichte sehr gerne vorgetragen haben. Wer auf das Hören verzichtet, der verpaßt da ganz einfach etwas.
Ich bin sehr froh, daß es eine Website wie
lyrikline.org gibt, nicht nur eine einfache Anthologie, sondern eine Anthologie mit Vertonung - keineswegs ein doppeltes Übel, sondern ein doppeltes Glück.

Als Beispiel das Gedicht
Fledermaus-Ultraschall des berühmten australischen Lyrikers Les Murray, das im Gedichtband
Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen abgedruckt ist (erschienen bei Hanser, übersetzt von Margitt Lehbert). Die Originalfassung
Bats' Ultrasound findet sich dort ebenfalls, und man kann sie sich dort auch anhören, was sich besonders für die abschließenden Verse sehr lohnt.
Wie in fast jeder Anthologie gibt es natürlich auch in lyrikline.org Mängel, so ist etwa dieser
japanische Originaltext von Kazuko Shiraishi nicht nur verdreht, sondern auch noch spiegelverkehrt abgebildet.
Und noch eine letzte Bemerkung zum Conrady: Da ich ein paar Jahre selbst verlegt habe (und nur deshalb habe ich diesen "Schinken" als Belegexemplar im Schrank), kenne ich Dutzende bessere Dichter als die, die er ausgewählt hat...
Erstens wollte Conrady ja die ganze Bandbreite der deutschen Lyrik zeigen, er wollte keinen Kanon der Meisterwerke, von denen aber trotzdem genügend in seiner Anthologie enthalten sind; und zweitens ist es ja sehr schön für Dich, daß Du diese besseren Dichter kennst, dann laß doch mal hören, wen Conrady Deiner Meinung nach zu Unrecht in seiner Anthologie übergangen hat. Betrifft Deine Kritik nur die Zeit des Dritten Reiches oder beispielsweise auch das 19. Jh. oder die Dichtung des Barock im Conrady? Ist ihm die Darstellung der mittelhochdeutschen Dichtung gelungen?
Schöne Grüße,
Wolf