Autor Thema: Lyrikleser  (Gelesen 11735 mal)

Offline sandhofer

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Re: Lyrikleser
« Antwort #30 am: 21. August 2009, 08:33 »
Oder gibt es einen Grund, warum Goethe diesen Titel wählte?

Iirc, war das eher Goethes persönliches Gefühl in der Erinnerung an die glücklichen Zeiten in Rom, nicht in Bezug auf Form oder Inhalt der Gedichte.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Sir Thomas

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Re: Lyrikleser
« Antwort #31 am: 21. August 2009, 10:18 »
... in der Erinnerung an die glücklichen Zeiten in Rom ...

Hm, und dann belegt man den schönen Reigen mit dem irreführenden Begriff "Elegien"? Seltsam und eigenwillig, aber nicht sonderlich relevant, weil der Inhalt sehr überzeugt.

Iirc

???

LG

Tom

Offline sandhofer

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Re: Lyrikleser
« Antwort #32 am: 21. August 2009, 11:00 »
Iirc

???

If I remember correctly - wenn ich mich recht erinnere.  :winken:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

scardanelli

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Re: Lyrikleser
« Antwort #33 am: 21. August 2009, 11:36 »
Der Begriff Elegie hat in der Tat einen Bedeutungswandel, je nach Zeit und Raum, in der diese Dichtung vorkam, erlebt.

Im klassischen Griechenland war es einfach eine in Distichen gehaltene Dichtung - oft mit Flötenbegleitung; der Tonfall konnte gefasste Klage enthalten; die Inhalte umfassten das Vaterland, Krieg und Politik oder auch die Macht der Liebe. Später wurden Elegien zu Trink- und Liebesliedern, aber auch zu Gesängen mit Erziehungslehren.
Die Flötenbegleitung nahm ab, der Tonfall wurd klagender und trauernder.

Im antiken Rom war die Elegie erst einmal ein erotisches Gedicht (und darauf greift auch Goethe zurück).

Im deutschen Sprachraum wurde vorwiegend der Alexandriner verwandt, weil die klassischen Versmaße unserer Sprache nicht immer gemäß waren. Die Themenvielfalt war zunächst viel größer.

Goethe begann seine Elegien sicher im Gefühl des Abschiedsschmerzes von Rom, erinnerte sich aber mehr und mehr an das glückliche Erlebnis seiner Liebesbeziehung. Insofern meint auch Erich Trunz, dass man den Titel "Römische Elegien" durchaus inhaltlich als "Liebesgedichte in antikem Stil" auffassen kann.

(Quellen: Metzlers Literatur-Lexikon, Stichwort Elegie - Nachwort von Erich Trunz zur Goethe-Gedicht-Ausgabe - Nachwort der Regine Otto zur Einzelausgabe der Römischen Elegien (und Venezianischen Epigramme) im Insel TB )
« Letzte Änderung: 21. August 2009, 11:38 von scardanelli »

Offline Sir Thomas

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Re: Lyrikleser
« Antwort #34 am: 21. August 2009, 12:04 »
Der Begriff Elegie hat in der Tat einen Bedeutungswandel ... erlebt. Im klassischen Griechenland war es einfach eine in Distichen gehaltene Dichtung ...

Wenn meine bescheidenen Lyrikkenntnisse mich nicht trügen, dann sind Goethes "Römische Elegien" ebenfalls in Distichen abgefasst. Das erklärt den Titel.

Vielen Dank für diese Hintergründe.

LG

Tom 

scardanelli

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Re: Lyrikleser
« Antwort #35 am: 22. September 2009, 14:40 »
Da es im Thread "Was liest du gerade" meist untergeht; ich lese (mal wieder) Gedichte des Manfred Peter Hein, einer der Stillen im Lande, dem man gerne eine "hermetische Sprache" vorwirft, um sich nicht die Mühe machen zu müssen, sich auf seine Texte einzulassen.
Er lebt seit Jahren - nicht nur aus diesem Grund - in Finnland, um dessen Poesie er sich auch in Übersetzungsprojekten verdient gemacht hat.

Offline Sir Thomas

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Re: Lyrikleser
« Antwort #36 am: 14. Oktober 2009, 11:52 »
Durch meine Proust-Lektüre (aktuell: Im Schatten junger Mädchenblüte) stieß ich auf den romantischen Dichter Gérard de Nerval und spiele nun mit dem Gedanken, dessen Sonettzyklus "Chimères" zu kaufen. Kennt jemand dieses Werk? Ist es empfehlenswert?

LG

Tom   

Offline Dostoevskij

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Re: Lyrikleser
« Antwort #37 am: 17. April 2010, 22:45 »
Moin, Moin!

"Schon der erste Vers kann ein Druckgefühl hinter den Augen auslösen. Romane und Filme katapultieren einen, rastlos modern, wie sie sind, vorwärts ode rückwärts durch die Zeit, über Tage, Jahre oder gar Generationen hinweg. Die Lyrik hingegen mit ihren Eindrücken und Urteilen balanciert auf der Nadelspitze des Augenblicks. Sich verlangsamen, vollkommen innehalten, um ein Gedicht zu lesen und zu verstehen, das ist, als erwerbe man althergebrachte Fertigkeiten wie das Kitzeln von Forellen oder das Errichten von Trockenmauern." (Ian McEwan: Saturday, S. 178)
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Offline finsbury

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Re: Lyrikleser
« Antwort #38 am: 18. April 2010, 09:05 »
Moin, Moin!

"Schon der erste Vers kann ein Druckgefühl hinter den Augen auslösen. Romane und Filme katapultieren einen, rastlos modern, wie sie sind, vorwärts ode rückwärts durch die Zeit, über Tage, Jahre oder gar Generationen hinweg. Die Lyrik hingegen mit ihren Eindrücken und Urteilen balanciert auf der Nadelspitze des Augenblicks. Sich verlangsamen, vollkommen innehalten, um ein Gedicht zu lesen und zu verstehen, das ist, als erwerbe man althergebrachte Fertigkeiten wie das Kitzeln von Forellen oder das Errichten von Trockenmauern." (Ian McEwan: Saturday, S. 178)

Dieses Zitat habe ich mir damals nach der Lektüre des Romans auch rausgeschrieben. Schön! Wozu aber wurden früher Forellen gekitzelt? Damit sie ablaichen für Forellenrogen?

finsbury
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Offline Dostoevskij

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Re: Lyrikleser
« Antwort #39 am: 18. April 2010, 09:53 »
Moin, Moin!

Wozu aber wurden früher Forellen gekitzelt? Damit sie ablaichen für Forellenrogen?

Ich habe mal einen Bekannten angemailt. Mal sehen, was er dazu schreibt.
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Offline Dostoevskij

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Re: Lyrikleser
« Antwort #40 am: 18. April 2010, 14:15 »
Moin, Moin!

Wozu aber wurden früher Forellen gekitzelt? Damit sie ablaichen für Forellenrogen?

Ich habe mal einen Bekannten angemailt. Mal sehen, was er dazu schreibt.

Antwort: "Wenn damit gemeint ist, dass jemand mit der Hand unter der Uferböschung die Forellen fängt, dann ja. Der Fisch bleibt dort stehen und lässt sich  leicht von unten befühlen, ehe man ihn dann mit einem gekonnten Wurf  auf s Trocken befördert. Es ist eine uralte 'Fischräubermethode'. aber man braucht etwas Übung".
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Offline finsbury

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Re: Lyrikleser
« Antwort #41 am: 18. April 2010, 18:36 »

Antwort: "Wenn damit gemeint ist, dass jemand mit der Hand unter der Uferböschung die Forellen fängt, dann ja. Der Fisch bleibt dort stehen und lässt sich  leicht von unten befühlen, ehe man ihn dann mit einem gekonnten Wurf  auf s Trocken befördert. Es ist eine uralte 'Fischräubermethode'. aber man braucht etwas Übung".

Danke, also ist das Fischekitzeln dazugedacht, den richtigen Fisch und seine Dicke zu erkennen. Wieder was dazu gelernt!

finsbury
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Offline Sir Thomas

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Re: Lyrikleser
« Antwort #42 am: 29. April 2010, 09:52 »
"Von poetischer Sinnlichkeit - Der Zauber der Gebete" lautet der Titel eines Rundfunkbeitrags, der hier zu finden ist:

http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-radiowissen.shtml

Es grüßt

Tom

Offline litfink

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Re: Lyrikleser
« Antwort #43 am: 8. Juni 2010, 17:08 »
"Verteidigung der Poesie" ist ein Buch von Johanners R. Becher. Daraus zog ich folgendes Zitat - - "Manche Gedichte reichen nicht über den Anfang hinaus; vielleicht wird in einem späteren Gedicht das Gedicht ganz da sein . . . Oder das Gedicht verbirgt sich im Gedicht irgendwo in der oder jener Zeile; zwischen den Zeilen ist fühlbar eine poetische Substanz enthalten, aber sie bleibt unausgenutzt und wird nicht durch die Gestaltung in Freiheit gesetzt. Der Dichter arbeitet sich bis zu dieser Stelle vor, dichtet daran herum, dichtet eng daran vorbei und darüber hinweg; aber das eigentlich Dichterische in seinem Gedicht entdeckt er nicht; weiterdichtend entfernt er sich von der Stelle, wo in unmittelbarer Nähe das Dichterische verborgen lag.“
Eine Folge konsequenter Augenblicke ist immer eine Art von Ewigkeit selbst.

Offline litfink

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Re: Lyrikleser
« Antwort #44 am: 8. Juni 2010, 17:32 »
Sammlung lyrischer Zauberzeilen (von Goethe über Rilke bis zur Gegenwart)

Frost im Herzen, hilflos, durchzog mich (Anna Achmatova). Keine Posaune zurhand, keine Verkündigungen (Peter Rühmkorf). Wisst ihr denn, auf wen die Teufel lauern? (Goethe). Es ist ein Raum, den sie mit Milch getüncht haben (Trakl). Um sechs Uhr kam der Staatsanwalt (Johannes R. Becher). Flüchtig gelagert in dies mein Gartengeviert (Peter Rühmkorf). Die Silberpappel, eine ortsbekannte Schönheit (Brecht). Hier strotzt die Backe voller Saft (Wilhelm Busch).

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich  (Alfred Lichtenstein). Der Abendfrieden ist hereingebrochen (Hans Scheibner). In dem Zug, der von A nach B fuhr (Hans Arp). Das Fräulein stand am Meer (Heinrich Heine). Betrachtet die Fingerspitzen, ob sie sich schon verfärben (Günter Eich). Wenn der Schweigsame kommt und die Tulpen köpft (Paul Celan). Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand (H. v. Hofmannswaldau).

Der lag besonders mühelos am Rand (Walter Höllerer). Im Teerfass-Schatten kauen sie gelassen (Heinz Piontek). So gehen sie hin, Gelächter im Hals, und zeigen (Krolow). Wenn man kein Englisch kann (Benn). Nur noch zwei Bäume (Kaschnitz). In Ebenen, die qualmten von Regen (Stephan Hermlin). Nun rieseln weisse Flocken unsre Schritte ein (Ernst Stadler). Grau und trüb und immer trüber (Goethe).

Ach Liebste, lass uns eilen (Martin Opitz). Im Haselholz liebten sie sich (Wistawa Szymborska). Im Sessel du, und ich zu deinen Füssen (Theodor Storm). Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen (H.v. Hofmannsthal). Aus der Hand frisst der Herbst mir sein Blatt, - wir sind Freunde ( Paul Celan).

Unter türkischen Linden, die blühn, an Rasenrändern (Rilke). In Apfelbäumen lehnen weisse Leitern (Hans Egon Holthusen). Gestern fuhr ich Fische fangen (Werner Bergengruen). Stehend an meinem Schreibpult (Brecht). Immer wieder strecke ich meine Hand (Krolow). Ich bin im braunen Cognac-See ertrunken (Carl Zuckmeyer). Mir grauet vor mir selbst, mir zittern alle Glieder (A. Gryphius). In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs (Benn).

Ich bin wie schon gestorben (Alexander Xaver Gwerder). Wer kann gebieten den Vögeln (Goethe). Da es dunkelt, da es feuchtet (Wilhelm Lehmann). Schneefall, dichter und dichter (Paul Celan). Nun die Bäume wieder Blüten schnein (Villon). Die Hecken klirren (Siegfried Lang). Komm, wir gehen, du und ich (T.S. Eliot). Es kommen härtere Tage (Ingeborg Bachmann).

unaufhörlich begegnen sich in den gegeneinander bewegten strömen dieselben gesichter (Helmut Heissenbüttel). Die Menschen stehen vorwärts in den Strassen (Georg Heym). Die Faulen werden geschlachtet (Erich Fried). Achtung wir senden den Lachmöwenschrei (Günter Bruno Fuchs). Er liebte sie in aller Stille (Wilhelm Busch). Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt (Erich Kästner). "tut mir doch die fahne aus dem gesicht, sie kitzelt" (Hans Magnus Enzensberger).
*
Es ist ein Heidekrug, den am Nachmittag ein Betrunkener verlässt (Trakl). Der erste Tag im Monat Mai (Friedrich von Hagedorn). Schon, horch, hörst du der ersten Harken Arbeit, - wieder den menschlichen Takt in der verhaltenen Stille (Rilke). "mehr weiss niemand, die disteln gehn rückwärts" (Franz Mon). Drei Nächte geflochten aus deinem Leib (Boletaw Taborski).
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Es schwamm der Mond in mein Gemach herein (Villon). Doch im Blauen eine weisse Taube (Josef Weinheber). In diesem Land kommt auf zwei Männer eine Zigarette (T.S. Eliot). Die Zeitung nehmen sie in die Finger wie Brei  (Julian Tuwim). Geboren hat mich ein zwanzigjähriges Mädchen (Hans Egon Holthusen). Ach und weh! Mord! Zeter! Jammer! Angst! Pech! Polter! Folter! Henker! Geister! Kälte! Zagen! (Andreas Gryphius). In unseren Augenwimpern wimpern Widerhaken (Heike Doutiné).
« Letzte Änderung: 8. Juni 2010, 17:34 von litfink »
Eine Folge konsequenter Augenblicke ist immer eine Art von Ewigkeit selbst.