Autor Thema: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage  (Gelesen 6031 mal)

Offline Lost

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Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« am: 18. November 2008, 21:02 »
Hallo,

in ihrem Beitrag zur Diskussion über Musils Mann ohne Eigenschaften hat – Leserin- von "Lebensbüchern“ gesprochen. Ich interpretiere das so, dass einige literarische Werke für sie eine existentielle Bedeutung haben, quasi lebensbegleitend sind, und das bringt mich auf die Idee euch Forenmitwirkende zu fragen, ob es auch für euch auch Bücher gibt, die für euere Existenz oder Entwicklung wenigstens zeitweise bedeutsam waren oder noch sind. Ich meine damit nicht  Hilfsliteratur, wie Wörterbücher, Lexika, Ratgeber oder ähnliche.

Als meine "Lebensbücher“ nenne ich zunächst:

Karl May: Winnetou II
James A. Coleman.  Relativitätslehre für Jedermann
Fridtjof Nansen: In Nacht und Eis
Franz Werfel: Die 40 Tage des Musa Dagh
Thomas Mann: Der Zauberberg

Ich würde mich freuen, wenn einige von euch darüber nachdenken und mitmachen würden.

lost

Offline Giesbert Damaschke

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #1 am: 19. November 2008, 00:28 »
Tricky. Es gibt viele Bücher, die mir sehr gefallen / wichtig sind. Aber "Lebensbücher" mit vollem Pathos? Hm. Schwierig. Bücher, die mich bei der ersten und späterhin mehrfachen Lektüre sehr stark beeinflusst haben (unabhängig davon, dass ich manches heute mit 47 anders sehe, da haben sich ein paar Dinge verschoben :-))

Stevenson: Schatzinsel
Verne: Reise zum Mittelpunkt der Erde
Karl May: Winnetou I
Arno Schmidt: Leviathan
Karl Kraus: Die Dritte Walpurgisnacht
Schopenhauer: Die vierfache Wurzel ...
Hans Wollschläger: Herzgewächse
Erich Kästner: Der 35. Mai

Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline Leserin

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #2 am: 19. November 2008, 02:07 »
Lebensbücher sind Lebensbegleiter, auf die ich immer wieder zurückkomme, die mich bestürzt, be-und entgeistert haben, niedergeschmettert und wieder emporgehoben, aufregende und erschütternde Zeugnisse der menschlichen Fähigkeit etwas zur Sprache zu bringen, das unsagbar scheint. Mein Leben ist bevölkert von Büchern, die sich in mir eingenistet und mich bereichert haben, aus deren Quelle ich unausgesetzt schöpfe.
Da sind zunächst die Werke meiner 4 Säulenheiligen:

Samuel Beckett
Paul Celan
Friedrich Hölderlin
Franz Kafka

Und gleich danach kommen die großen Unverzichtbaren: Thomas Bernhard, Proust, Musil, Rilke, Dostojewskij, Shakespeare, Homer, Camus, Joseph Roth, Kleist, Büchner, Melville, Emmanuel Lévinas und Imre Kertész.
Erst dann kommen die vielen anderen, die ich auch brauche... 

Die Leserin

scardanelli

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #3 am: 19. November 2008, 06:55 »
Ja, "Lebensbücher" - solche, die mich schon lange begleiten und auf die ich immer wieder, angeödet von der zeitgenössischen Literatur, zurückgreife, habe ich auch einige:

Friedrich Hölderlin, Hyperion
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften
Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands
Uwe Johnson, Jahrestage
Virginia Woolf, Die Wellen
das Gesamtwerk von René Schickele und Lion Feuchtwanger und (aus neuerer Zeit) W. G. Sebald
Jorge Semprun, Antonio Tabucchi, Italo Svevo

und immer wieder Gedichte, Gedichte, Gedichte (Hölderlin, Novalis, Trakl, Rilke, Celan, Bachmann, Meister u.v.a.m.)

Offline Sir Thomas

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #4 am: 19. November 2008, 09:23 »
Moin, Ihr Lieben,

keine leichte Frage ... Hier trotzdem der Versuch, einem innersten Kern nachzuspüren:

T. Mann: Der Zauberberg, Der Tod in Venedig
E.A. Poe: The Raven, The Fall of the House of Usher
Kafka: Der Prozeß, Das Schloß, Die Verwandlung
H. Melville: Moby Dick
Tolstoi: Krieg und Frieden
Rilke: Malte Laurids Brigge, div. Gedichte
Trakl: div. Gedichte
Beaudelaire: Les fleurs du mal
Storm: Der Schimmelreiter
Scott Fitzgerald: Zärtlich ist die Nacht
Capote: Kaltblütig
Mailer: Die Nackten und die Toten
Conrad: Herz der Finsternis
O. Wilde: Dorian Gray, Salomé
Stevenson: Die Schatzinsel

Es grüßt

Tom

Offline Knabe

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #5 am: 19. November 2008, 12:49 »
Ich habe eine existenzielle, oder wahrscheinlich richtiger gesagt: essentielle Angst davor, dass mich die mehr oder weniger intensive, aber unsystematische Beschäftigung mit Literatur letztendlich doch nicht nachhaltig prägen wird.

Der Literatur verdanke ich aber doch vieles, vor allem den Büchern, die ich im Alter von 15 und 16 gelesen habe, das waren u. a. Hesse, Kafka, Thomas Mann, Thomas Bernhard. Obwohl ich Thomas Mann damals kaum verstanden habe, bin ich ihm vieles schuldig, da ich bei seinen Büchern begonnen habe, mir unbekannte Wörter im Wörterbuch nachzuschlagen. Meine Schulleistung fuhr in dieser Zeit rasant hinauf, sodass ich im Alter von 14 noch fürchten musste, sitzen zu bleiben, vier Jahre später aber als einer der besten Schüler mit Auszeichnung maturiert habe.

Damals las ich auch Max Frisch' "Stiller". Einen schönen Satz von Unseld will ich zitieren: "Ich möchte noch einmal ,Stiller' zum ersten Mal lesen können."

Dostoevskij nannte die Psalmen; das religiöse Verständnis haben mir wohl Ps 51 und Ps 44 (das Ende) näher gebracht, am meisten aber Nikolaus von Kues' "De visione Dei" (Über das Schauen Gottes).

Gruß

scardanelli

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #6 am: 19. November 2008, 15:11 »
...sorry, hab noch ein paar ganz wichtige Namen und Werke vergessen:
Franz Kafka (alles, insbesondere seine Tagebücher)
Fernando Pessoa (vor allem "Das Buch der Unruhe")
Cesare Pavese

und vielleicht fällt mir noch etwas ein, wenn ich länger an den Bücherschränken entlangschleiche...  :zwinker:

Offline Lost

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #7 am: 19. November 2008, 17:35 »
Herzlichen Dank an alle, die sich bis jetzt schon geäußert haben.

Ich bin überrascht über die Teilnahme an der "Umfrage"

Teilweise sind es ja recht umfangreiche Listen und viele Bücher die euch bewegt und begleitet haben. Beachtlich!

@scardanelli:

Nein,Nein, nicht sammeln.! Die Augen zu machen und nachdenken: Wo hat mich eine Lektüre aus der Bahn geworfen, wo hat es geholfen mich auf meinen Weg zu bringen, das war gemeint, und diese Bücher sind in deinem Kopf und nicht nur im Regal ;-)



Wäre schön, wenn noch welche dazu kommen.


scardanelli

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #8 am: 19. November 2008, 19:56 »
Bücher habe ich nicht im Kopf, das geht auch gar nicht (wer kann ein ganzes Buch behalten?); im Kopf habe ich Zitate, einzelne Passagen - oft nicht einmal wortwörtlich, weil schon das unmöglich ist - und Gedichte, Gedichte, Gedichte...

Offline Giesbert Damaschke

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #9 am: 19. November 2008, 20:04 »
Wenn ich so darüber nachdenke: Nach der zweijährigen Lektüre von

Arno Schmidt, Zettel's Traum

war nichts mehr so wie zuvor. Gehört also noch als Ergänzung auf die Liste.
Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline Lost

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #10 am: 19. November 2008, 20:33 »
Bücher habe ich nicht im Kopf, das geht auch gar nicht (wer kann ein ganzes Buch behalten?); im Kopf habe ich Zitate, einzelne Passagen - oft nicht einmal wortwörtlich, weil schon das unmöglich ist - und Gedichte, Gedichte, Gedichte...

Entschuldigung scardanelli   :winken:

Ich hätte: Buchtitel schreiben müssen, daran hatte ich gedacht.

@giesbert:

An so was wie "Zettels Traum" würde ich mich nie wagen, Kompliment !
« Letzte Änderung: 19. November 2008, 20:34 von Lost »

Offline Vult

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #11 am: 19. November 2008, 20:43 »
Hallo,

ein schönes und interessantes Thema!

Ich weiß, es mag merkwürdig und etwas überhoben klingen, aber am meisten beschäftigten mich in meinen Leben, unter anderem natürlich, Goethes Faust, Benns gesamtes Werk, Jean Paul (ich glaube - Er machte aus mir einen etwas besseren Menschen), dann dieser niemals auszulesende Tristram Shandy und das Werk (und das Schicksal) Hölderlins.

Und seltsamerweise greife ich dann immer wieder einmal gern zu so genannten Kinderbüchern wie Moby Dick (in einer guten Übersetzung), oder die Schatzinsel und selbst den Tom Sawyer oder Stifters grüne Steine (das Buch war damals als "Kinderbuch" gedacht) nehme ich immer wieder gern zur Hand.

Was ich eigentlich wirklich sagen wollte, ich kaufe immer weniger Bücher der "neueren Schriftsteller" und lese  immer öfter lieber einen der "Alten", ist schon alles sehr merkwürdig.

Grüß

Peter

scardanelli

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #12 am: 19. November 2008, 21:07 »
Hallo,

ein schönes und interessantes Thema!
...
Und seltsamerweise greife ich dann immer wieder einmal gern zu so genannten Kinderbüchern wie Moby Dick (in einer guten Übersetzung), oder die Schatzinsel und selbst den Tom Sawyer oder Stifters grüne Steine (das Buch war damals als "Kinderbuch" gedacht) nehme ich immer wieder gern zur Hand.

Was ich eigentlich wirklich sagen wollte, ich kaufe immer weniger Bücher der "neueren Schriftsteller" und lese  immer öfter lieber einen der "Alten", ist schon alles sehr merkwürdig.

Grüß

Peter

Nur Mut  :zwinker: Weder "Moby Dick" noch "Die Schatzinsel" waren als Kinderbücher konzipiert, sie sind nur von mehr oder weniger geschäftstüchtigen Verlegern dazu gemacht worden. Den Rückgriff auf solche Werke kann man also durchaus nachvollziehen.

Und was das Bevorzugen älterer Werke gegenüber Zeitgenossen angeht, empfinde ich das ganz ähnlich (und überhaupt nicht merkwürdig, sondern verständlich).

Offline sandhofer

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #13 am: 19. November 2008, 22:00 »
Und was das Bevorzugen älterer Werke gegenüber Zeitgenossen angeht, empfinde ich das ganz ähnlich (und überhaupt nicht merkwürdig, sondern verständlich).

Na ja - einen Grund muss es ja haben, dass wir uns in einem Klassikerforum herumtreiben ...  :breitgrins:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline xenophanes

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #14 am: 19. November 2008, 23:50 »

Bibel
Homer: Die Odyssee
Sophokles: König Ödipus; Antigone
Thukydides: Geschichte des peloponnesischen Kriegs
Platon: Der Staat
Dante: Göttliche Komödie
Montaigne: Essais. Zweites Buch (Eichborn)
Shakespeare: Tragödien
Cervantes: Don Quijote
Sterne: Tristram Shandy
Moritz: Anton Reiser
Goethe: Briefwechsel mit Schiller
Goethe: Faust, Wahlverwandtschaften
Dostojewskij: Die Brüder Karamasow, Böse Geister
Joyce: Ulysses
Kafka: Erzählungen, Der Proceß
Thomas Mann: Buddenbrooks, Zauberberg, Josephs Romane, Dr. Faustus
Musil: Mann ohne Eigenschaften
Doderer: Strudlhofstiege