Autor Thema: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage  (Gelesen 6031 mal)

Offline Kaspar

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #30 am: 20. November 2008, 18:25 »
Insofern wanke ich wie das Gras hin und her, je nachdem, wie mich der Wind treibt.

Tröste dich mit Montaigne:

Zitat
Ich gehe auf Abwechslung aus, hemmungslos und aufs Geradewohl. Mein Stil schlendert umher wie mein Geist. Ja, es ist besser, sein Quentlein Narrheit zu haben als sein Pfund Dummheit.

Offline Knabe

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #31 am: 21. November 2008, 20:11 »
, dann Hofmannsthal, dann Wedekind, dann wieder Herder


Welche Werke haben dich von diesen drei Autoren besonders beeindruckt?

Gruß, Thomas
Frank Wedekind: Der Marquis von Keith (das Elend der reichen, verwöhnten Menschen, die Erbärmlichkeit einer Boheme)
Hugo von Hofmannsthal: Der Turm (dass das Derb-Vulgäre so mit dem Poetischen verbunden werden kann!)
Johann Gottfried v. Herder: Journal meiner Reise im Jahr 1769 (dieser Enthusiasmus eines jungen Menschen!)

Offline josmar

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #32 am: 21. November 2008, 21:14 »
Max Frisch; Homo Faber
Alfred Andersch; Sansibar oder der letzte Grund
Friedrich Dürrenmatt; Der Besuch der alten Dame
Warum Krieg?; Ein Briefwechsel von Albert Einstein und Sigmund Freud
Hitler; Biografie von Joachim C. Fest

ganz besonders: Peter Noll, Diktate über Sterben und Tod


und ganz besonders James Joyce, Ullysses; jenes, weil ich es nie zu Ende gelesen habe, sondern zweimal nur zur Hälfte!

Vielleicht sind die ungelesenen Bücher ja diejenigen, die noch stärker an unsere Existenz rühren? :confused:

Offline sandhofer

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #33 am: 22. November 2008, 12:14 »
Lebensbücher?

Schwierig, schwierig. Denn das würde bedeuten, dass man sich selber so gut durchschaut, dass man die äussern Einflüsse auf einen genau festmachen kann - was ich persönlich für nur in begrenztem Masse möglich halte.

Aber versuchen wir's:

Karl May: Der Schut. (Weil mich dieses Buch überhaupt zum Leser gemacht hat.)
Hermann Hesse: Klingsors letzter Sommer. (Wegen dieses Buches habe ich Germanistik studiert.)
Ludwig Wittgenstein: Der Tractatus logico-philosophicus / Philosophische Untersuchungen. (Wegen Wittgenstein habe ich Philosophie studiert.)

Diese Lektüren sind 30 oder 40 Jahre her. Je näher ich an mein aktuelles Dasein komme, umso weniger kann ich "Lebensbücher" nennen. Es gibt jede Menge Bücher oder Autoren, die mich als Leser sehr beeindruckt haben. Haben sie auch mein Leben beeinflusst? ...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline alpha

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #34 am: 21. Dezember 2008, 12:06 »
Lebensbücher? - Schwierige Frage. Halbwegs spontane Antwort:

- Franz Kafka, insbesondere Briefe und Tagebücher

- Albert Camus: Le mythe de Sisyphe

- Alexander Solschenizyn: Archipel Gulag I-III zusammen mit Alexander Sinowjew: Gähnende Höhen

Grüsse
alpha
Genug. Will sagen: zuviel und zu wenig. Entschuldigen Sie das Zuviel und nehmen Sie vorlieb mit dem zu wenig!

Thomas Mann

Offline Vulkan

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Re: Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #35 am: 23. Dezember 2008, 14:35 »
Ich interpretiere das so, dass einige literarische Werke für sie eine existentielle Bedeutung haben, quasi lebensbegleitend sind, und das bringt mich auf die Idee euch Forenmitwirkende zu fragen, ob es auch für euch auch Bücher gibt, die für euere Existenz oder Entwicklung wenigstens zeitweise bedeutsam waren oder noch sind.

Eine wirklich spannende Frage!
Für mich gibt es zwei Kategorien von Büchern: Erstens Bücher, die man immer wieder liest, durch die man auf völlig neue Themenkomplexe oder neue Autoren aufmerksam wird, die vielleicht auch wirklich reale Entscheidungen des Lebens mitbeeinflusst haben.
Für mich waren Sophokles, Thukydides und Aristoteles ohne Zweifel Gründe, Alte Geschichte zu studieren. (Ich bin dann auch immer bei den Griechen geblieben, und nur wenn es gar nicht anders ging, zu den Römern abgeschweift.)
Während des Abiturs habe ich einige Romane von emigrierten Schriftstellern gelesen (Familie Mann, Feuchtwanger, Zweig). In meiner Promotion habe ich einige dieser Autoren wiedergetroffen, und das war kein geheimnisvoller Zufall.

Ich fühle mich momentan aber noch zu jung, um "Lebensbücher" zu nennen - mein bewusstes Leseleben umfasst erst ein Jahrzehnt, kaum ein Buch habe ich seit dem doppelt gelesen.

Aber beim Thema "Literatur und die eigene Existenz" sind es nicht solche Verbindungen von Lese- und Lebensentscheidungen, die ich relevant finde, oder an die ich zuerst denken würde, sondern die Frage, inwiefern Bücher (und hier komme ich zur zweiten Kategorie) eine Persönlichkeit formen und bilden. Allerdings ist diese Frage sehr schwer zu beantworten, weil ich kaum in der Lage bin, meine jetzige Person mit der vor 10 Jahren objektiv zu vergleichen und dazu noch aufzuschlüsseln, welche Lese- und welche Lebenserfahrungen für welche Entwicklungen entscheidend sind.

Dennoch bin ich sicher, dass ich ohne die Bücher,die ich gelesen habe, ein anderer Mensch wäre - andere Empfindungen, Reaktionen, Gedanken und Assoziationen hätte. Gute Autoren geben einem die Möglichkeiten, Gefühle und Gedanken, die außerhalb der eigenen begrenzten Lebenswelt liegen, zu entdecken. Und wenn man das ernst nimmt, kann man durchaus klüger, weiser, toleranter und "multikultereller" werden. Diese Wahrnehmung, dass mich Bücher direkt und unmittelbar beeinflussen und verändern, habe ich allerdings auch erst in den letzten Jahren gemacht. Vielleicht auch, weil man als Teenager ohnehin soviel verschiedenen Einflüssen ausgesetzt ist, dass man zwischen diesen kaum unterscheiden kann.

« Letzte Änderung: 23. Dezember 2008, 14:38 von Vulkan »

Offline MadameLou

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Welche Bücher haben euer Leben geprägt?
« Antwort #36 am: 10. März 2012, 00:50 »
Für mich gab es einige Bücher, die mir Ideen in den Kopf gesetzt habe, unauslöschbar. Eines davon ist Morus Utopia. Als Mensch in seinen 20ern ist es wohl nicht so unüblich, Rat in der Literatur zu suchen.

 :winken:
MadameLou
« Letzte Änderung: 10. März 2012, 13:07 von MadameLou »

Offline Anita

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Antw:Welche Bücher haben euer Leben geprägt?
« Antwort #37 am: 10. März 2012, 02:20 »
Da gibt es nur ein Buch, damit begann dann meine Leidenschaft und ist nun mein meist gelesenes - "Der Zauberberg" von Thomas Mann hat mich zur Literatur gebracht. Das erste Mal bin ich gar gescheitert, irgendwo in der Mitte hatte ich aufgegeben, doch es ließ mich ja nicht mehr los. Kaum ein halbes Jahr war vergangen, da nahm ich es erneut aus dem Regal und beendete dann auch ganz stolz die Lektüre.
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Giesbert Damaschke

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Antw:Welche Bücher haben euer Leben geprägt?
« Antwort #38 am: 10. März 2012, 03:07 »
Arno Schmidt, Leviathan
Arthur Schopenhauer, Von der vierfachen Wurzel …
Hans Wollschläger, Herzgewächse
Kästner, Der 35. Mai
Stevenson, Schatzinsel
Carl Barks, Donald Duck
Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit
Karl Kraus, Die dritte Walpurgisnacht
Karl May, Winnetou 1
Ludwig Marcuse, Das Märchen von der Sicherheit
Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline Lauterbach

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Antw:Welche Bücher haben euer Leben geprägt?
« Antwort #39 am: 10. März 2012, 10:45 »
Bei mir waren es sehr verschiedene Bücher, nix politisches oder philosophisches.
Als da wären:
Hesse : Der Steppenwolf, Narziß und Goldmund
Maupassant : Bel Ami
Karl May : Benito Juarez
Bertolt Brecht : Der gute Mensch von Sezuan

und ganz besonders  Goethe : Faust I

Gruß, Lauterbach

Offline sandhofer

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Antw:Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #40 am: 10. März 2012, 12:36 »
Ich wusste doch, dass da schon mal so was war ...  :winken:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline MadameLou

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Antw:Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #41 am: 10. März 2012, 13:07 »
Lieben Dank, sandhofer  :winken:

Offline xenophanes

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Antw:Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #42 am: 11. März 2012, 10:55 »

Ich habe meine lebensprägenden Bücher hier zusammengestellt. Gleich mit Links zu den entsprechenden Artikeln:

http://www.koellerer.net/2009/08/12/privatkanon/


Offline Scardanelli

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Antw:Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #43 am: 11. März 2012, 19:41 »
„Wer jetzt nicht zaubern kann, der ist verloren!“ (Ludwig Hohl)

James M. Barrie: Peter Pan
Hermann Hesse: Demian
Fjodor M. Dostojewski: Die Brüder Karamasow
Ludwig Hohl: Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung
Franz Kafka: Erzählungen
Thomas Mann: Der Zauberberg
Thomas Mann: Joseph und seine Brüder
Theodor W. Adorno: Minima Moralia
Friedrich Hölderlin: Gedichte
Hans Wollschläger: Herzgewächse oder Der Fall Adams

Apropos Herzgewächse:
Vor einigen Tagen habe ich mir eine Lesung des Autors aus der zweiten Fassung  des Romans, die der Hessische Rundfunk 1964 unter dem Titel Warten auf G. ausstrahlte, angehört. Mein Eindruck davon mündete in den Gedanken, dass man Unseld, so befremdlich die Gründe seiner Ablehnung auch gewesen sein mögen, am Ende wohl dafür danken muss, dass er die Publikation der 2. Version der Herzgewächse ablehnte. Im anderen Fall hätten wir heute zwar eine vollständige Version des Werkes, zu einer Neufassung aber hätte sich Wollschläger dann wohl schwerlich genötigt gesehen. Ein trostloser Gedanke dies – jedenfalls dann, wenn man Warten auf G. als Teil für das Ganze nimmt.
Die Lesung entspricht der Szene in Auerbachs Keller der publizierten Version, also dem Eintrag vom 20. April; allerdings fehlen in ihr – für mich durchaus überraschend – die für die 3. Fassung so charakteristischen Zitate aus Goethes Faust. Personen und Handlung sind in beiden Versionen identisch; auch die spezifische Technik des Autors, ein gedankenflüchtiges, sich zersplitterndes Bewusstsein nicht eigentlich abzubilden, sondern zu komponieren, ist bereits in der 2. Fassung  sichtbar. Der eigentliche Text aber, nur halb so umfangreich wie die spätere Version, ist ein anderer, und so nahe sein Gestus auch dem der endgültigen Fassung sein mag – an deren auratische Wucht reicht er nicht heran. Er ist grauer, könnte man sagen, asketisch geradezu und der späten Prosa Becketts nicht unverwandt. Galland aber, dessen Auftritt die Szene ja dominiert, braucht eine andere Sprache, nämlich jene oppulent barocke, üppig wuchernde, in eine selbstgefällig überbordende Farbigkeit ausartende, die der Leser der gedruckten Version kennt und deren singuläre Komik dazu verführt, einen derart fragwürdigen Charakter wie F.A.G. als jedenfalls ungemein unterhaltsam zu empfinden.
Es ist indes nicht nur der Zungenschlag Gallands, der erst in der endgültigen Fassung zu jener Genialität findet, die dem Leser den Atem raubt. Die „außerordentliche sprachliche Begabung“, die Unseld dem Autor immerhin attestierte – man wird sie auch beim Hören von Warten auf G. vernehmen, aber jenes Leuchten der Sprache der gedruckten Version … - nun, es hat bekanntlich seine Schwierigkeit, das Eigentliche eines Kunstwerks von solchem Rang ins Netz der Worte zu locken, und ehe ich hier blumig zu plappern beginne …
En passant: Ich bin durchaus d’accord mit jenen Leuten, die Herzgewächse oder Der Fall Adams – unabhängig vom Unvollendetsein des Romans – zum Zeugnis eines literarischen Scheiterns erklären. Dazu ließe sich manches sagen. Dies hindert mich aber nicht, dieses Werk als eines der bedeutendsten und fesselndsten der Weltliteratur zu betrachten und zu einem meiner zehn liebsten Bücher zu zählen. Wer wäre je auf solcher Höhe gescheitert? Hölderlin vielleicht mit seinen späten Hymnen oder Robert Musil mit seinem ebenfalls unvollendeten Roman.


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Antw:Literatur und die eigene Existenz. Eine Umfrage
« Antwort #44 am: 14. März 2012, 21:15 »
Vor einigen Tagen habe ich mir eine Lesung des Autors aus der zweiten Fassung  des Romans, die der Hessische Rundfunk 1964 unter dem Titel Warten auf G. ausstrahlte, angehört.

Hallo Scardanelli, herzlichen Dank für Deinen Bericht und den interessanten Vergleich der beiden Kapitelversionen. Das klingt sehr spannend. Aber besonders interessiert mich, woher Du den Mitschnitt der Lesung erhalten hast? - Danke!