Autor Thema: Kleist, der vergessene Dramatiker?  (Gelesen 9019 mal)

Offline Sir Thomas

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Antw:Kleist, der vergessene Dramatiker?
« Antwort #75 am: 27. November 2011, 11:31 »
Ulrich Greiner hat in seinem exzellenten Artikel über Kleist Sprache eine treffende Metapher dafür gefunden:

Zitat von:  Ulrich Greiner
Seine syntaktischen Konstruktionen gleichen den Viadukten, wie sie in alten Filmen manchmal zu sehen sind, jenen aus zahllosen Verstrebungen und Verbindungen gebauten Brücken, die spinnwebhaft-filigran gewaltige Abgründe überspannen. Gerade dann, wenn Kleist sich solchen Abgründen der Seele und des Schicksals nähert, baut er diese zerbrechlich wirkenden Hypotaxen, und wenn der Leser sie beschreitet, ergreifen ihn Schwindelgefühle und die Furcht, die Brücke könnte brechen.
Die von Kleist gebauten Sprachbrücken brechen nie, aber sie zittern im Anblick des Ungeheuerlichen...

Das ist ganz nett, fast schon poetisch formuliert. Ich gestehe allerdings, dass mich beim Kleist-Lesen weder Schwindelgefühle noch Furcht übermannt haben. Hymnische Verehrungen wie die des Herrn Greiner sind mir deshalb ziemlich verdächtig. Hier schreibt jemand, um seine Zunftkollegen "spinnwebhaft-filigran" zu beeindrucken, auf dass sie zittern mögen "im Anblick des Ungeheuerlichen".   

Offline thopas

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Antw:Kleist, der vergessene Dramatiker?
« Antwort #76 am: 27. November 2011, 12:33 »
Hallo,

jetzt weiß ich auch wieder, warum ich weder den Michael Kohlhaas noch Ragtime  mag: Mir geht die Hutschnur hoch, wenn ich über solch unverschuldetes Unrecht lese und den vergeblichen Kampf der Protagonisten dagegen. Komischerweise kann ich mich dann nicht distanzieren, sondern bin so aufgebracht, dass ich kaum weiterlesen kann.

finsbury

Das geht mir ähnlich, finsbury. Ich lese solche Geschichten auch nicht gerne, weil ich mich aufregen muß  :rollen:.

Viele Grüße
thopas

Offline Gontscharow

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Antw:Kleist, der vergessene Dramatiker?
« Antwort #77 am: 27. November 2011, 18:46 »

Hallo Tom!

Nimm mal diesen Satz von Kleist:

Herzog Wilhelm von Breysach, der, seit seiner heimlichen Verbindung mit einer Gräfin, namens Katharina von Heersbruck, aus dem Hause Alt-Hüningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart, in Feindschaft lebte, kam gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen Remigius zu dämmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zurück, worin er sich von diesem Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, die ihm gestorben waren, die Legitimation eines, mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten, natürlichen Sohnes, des Grafen Philipp von Hüningen, ausgewirkt hatte.

Sind das nicht schwindelerregend viele Informationen in einem Satz? Tun sich innerhalb desselben nicht Abgründe verwandtschaftlicher Verwicklungen und Ahnungen künftiger Konflikte auf? Werden da nicht Verbindungen hergestellt zwischen zeitlich weit auseinander liegenden Ereignissen und  Bögen gespannt zwischen entfernten Orten? Und wird man nicht sicher über diese Untiefen getragen, wenn auch immer ein bisschen begleitet von der Furcht, die Konstruktion könnte nicht tragfähig sein?
Also, ich finde Greiners Vergleich der Kleist’schen Satzgefüge mit Brücken, die Schluchten überspannen, äußerst gelungen. Na gut, des Spinnwebhaft-Filigranen hätte es vielleicht nicht unbedingt bedurft, da sind die metaphorischen Rosse mit ihm durchgegangen. Aber auch sonst ist der Artikel sehr lesenswert und erhellend, nicht zuletzt auch, weil Greiner mit einem Zitat von Mark Twain beginnt, der bekanntlich monierte, dass man im Deutschen das Verb mit dem Fernrohr suchen müsse.

Zitat von:  sir thomas,heute um 11:31
Hymnische Verehrungen wie die des Herrn Greiner sind mir deshalb ziemlich verdächtig. Hier schreibt jemand, um seine Zunftkollegen "spinnwebhaft-filigran" zu beeindrucken, auf dass sie zittern mögen "im Anblick des Ungeheuerlichen".   

Ja? Mir ist er eigentlich als ernstzunehmender Literaturkritiker bekannt. Hast du außer meinem Zitat Anhaltspunkte für deinen „Verdacht“?
 :winken:

Offline Jaqui

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Antw:Kleist, der vergessene Dramatiker?
« Antwort #78 am: 27. November 2011, 20:01 »
Herzog Wilhelm von Breysach, der, seit seiner heimlichen Verbindung mit einer Gräfin, namens Katharina von Heersbruck, aus dem Hause Alt-Hüningen, die unter seinem Range zu sein schien, mit seinem Halbbruder, dem Grafen Jakob dem Rotbart, in Feindschaft lebte, kam gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts, da die Nacht des heiligen Remigius zu dämmern begann, von einer in Worms mit dem deutschen Kaiser abgehaltenen Zusammenkunft zurück, worin er sich von diesem Herrn, in Ermangelung ehelicher Kinder, die ihm gestorben waren, die Legitimation eines, mit seiner Gemahlin vor der Ehe erzeugten, natürlichen Sohnes, des Grafen Philipp von Hüningen, ausgewirkt hatte.

Sind das nicht schwindelerregend viele Informationen in einem Satz?

Für mich sogar zu viele Infos und Verwinkelungen.  :breitgrins: Da dreht sich ja alles beim Nachdenken über diesen Satz.
Habe gerade gesehen, dass es den "Zweikampf" im Gutenberg Spiegel gibt, da werde ich mal reinlesen.

Katrin

Offline Sir Thomas

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Antw:Kleist, der vergessene Dramatiker?
« Antwort #79 am: 28. November 2011, 08:28 »
Zitat von:  sir thomas,heute um 11:31
Hymnische Verehrungen wie die des Herrn Greiner sind mir deshalb ziemlich verdächtig. Hier schreibt jemand, um seine Zunftkollegen "spinnwebhaft-filigran" zu beeindrucken, auf dass sie zittern mögen "im Anblick des Ungeheuerlichen".   

Ja? Mir ist er eigentlich als ernstzunehmender Literaturkritiker bekannt. Hast du außer meinem Zitat Anhaltspunkte für deinen „Verdacht“?
 :winken:

Hallo Gontscharow,

ja, ich habe weitere Anhaltspunkte.

Greiner: Kleist machte das keineswegs zum Spaß.
Was kann man an einer solchen Aussage ernstnehmen?

Greiner: Gerade dann, wenn Kleist sich solchen Abgründen der Seele und des Schicksals nähert, baut er diese zerbrechlich wirkenden Hypotaxen, und wenn der Leser sie beschreitet, ergreifen ihn Schwindelgefühle und die Furcht, die Brücke könnte brechen.
Wie ich schon sagte: Mir wurde bislang niemals schwindlig beim Lesen, auch habe ich keine Furcht, etwas könnte beim Lesen unter mir zerbrechen.

Greiner: Die von Kleist gebauten Sprachbrücken brechen nie, aber sie zittern im Anblick des Ungeheuerlichen ...
Das macht mich jetzt wirklich sprachlos. Hier ist wohl jemand fürchterlich verliebt in seine Metapher der "Sprache als Brücke".

Greiner: Da fällt zuerst die regelwidrige Interpunktion auf. Kleist benutzt die Satzzeichen als rhythmische Markierungen, er verwendet sie wie ein Schlagzeug, um den Exzess anzufeuern. Nicht allein das, was diese Satzkaskade schildert, ist Gewalt, sondern der sprachliche Sturzbach selber ist Gewalt, eine Gewalt, die das Sprachgefüge bis ins Innerste zum Beben bringt, aber niemals zum Einsturz.
Interpunktion als Schlagzeug? Ein Sprachgefüge, das im Innersten zum Beben gebracht wird?

Ich möchte an dieser Stelle H. Greiners Urheberrechte wahren und keine weiteren Zitate anführen. Ob er ein ernstzunehmender Kritiker ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Kleist-Hymne jedenfalls ist zum Teil ein ziemlicher Schmarrn.

LG

Tom

Offline Gontscharow

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Antw:Kleist, der vergessene Dramatiker?
« Antwort #80 am: 28. November 2011, 18:14 »

Ich meinte eigentlich über den verlinkten Greiner-Artikel hinausgehende "Verdachtsmomente".
Auch Greiners Anmerkungen zur Interpunktion in der von ihm untersuchten Textstelle aus  dem Zweikampf finde ich - im Gegensatz zu dir - überaus erhellend und treffend! Interpunktion hat ja wohl mit Rhythmus und Musikalität zu tun und hier prasselt ein wahres (mich wundert, dass Greiner das Wort nicht gebraucht hat) Staccato auf den Leser ein. Den quasi onomapoetischen Gebrauch der Interpunktion und der Hypotaxe, der auch an anderen Stellen des Kleist’schen Werkes zu finden und sein Markenzeichen ist, arbeitet Greiner sehr fein heraus. Er bedient sich gewagter Metaphern, die aber seinem außergewöhnlichen Gegenstand angemessen sind.
 
Aber wir sollten nun weder darauf noch auf den Brücken weiter herumreiten, die stürzen sonst noch wirklich ein.  :breitgrins:

Offline sandhofer

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Antw:Kleist, der vergessene Dramatiker?
« Antwort #81 am: 28. November 2011, 19:35 »
Aber wir sollten nun weder darauf noch auf den Brücken weiter herumreiten, die stürzen sonst noch wirklich ein.  :breitgrins:

Abgesehen davon, dass ich die Metaphern so schlimm nicht finde (ist halt "old school" - Killy war auch so ein Metaphern-Reiter ...): Das Problem wären nicht ein paar Reiter. Aber wenn man die schweren Panzer auffahren lässt ...  :breitgrins:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Sir Thomas

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Antw:Kleist, der vergessene Dramatiker?
« Antwort #82 am: 29. November 2011, 08:53 »
Aber wir sollten nun weder darauf noch auf den Brücken weiter herumreiten, die stürzen sonst noch wirklich ein.  :breitgrins:

Nein, dieses Risiko sollten wir meiden, denn was die Qualität der Kleistschen Werke anbelangt, so sind wir uns wohl einig.

Es grüßt

Tom