Autor Thema: Joseph Conrad  (Gelesen 5230 mal)

Offline sandhofer

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #30 am: 3. Dezember 2011, 17:55 »
heute am 02.12.11 Joseph Conrads 154. Geburtstag ist !

Heute stimmt. Recte aber: 3. Dezember.  :winken:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #31 am: 4. Dezember 2011, 10:11 »
heute am 02.12.11 Joseph Conrads 154. Geburtstag ist !

Heute stimmt. Recte aber: 3. Dezember.  :winken:

Hallo Sandhofer,

heute morgen ist es mir aufgefallen, als ich auf den Kalender sah. In der Hoffnung, dass es noch niemand auffiel, wollte ich es ausbessern. Aber du warst schneller.

 :kaffee: (eigentlich bräuchte ich ein Smilie mit Thermometer)

schniefende und hustende Grüße

Maria
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Offline Leibgeber

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #32 am: 11. Dezember 2011, 19:19 »
Ich hab beendet:

Geschichten der Unrast und Sechs Erzählungen.
Tales of Unrest (1898).
A Set of Six (1908).

Zu der ein- und anderen der Erzählungen werde ich noch was schreiben -- wenn ich es fertig bekommen habe, mich zum Geheimagenten zu äußern.

Für jetzt unterbreche ich mich mal bei Mr. Conrad.

Es liegt hier schon seit einiger Zeit:
Herman Melville: Billy Budd : die großen Erzählungen.
Billy Budd und Bartleby hab ich mal gelesen, vor sehr langer Zeit.

Alle, die sich für Melville interessieren, kennen es wohl eh, also für alle anderen:
Klasse-Blog!
Geht über Melville weit hinaus, so viel zur (nicht nur amerikanischen) Literatur ...

Bin akut in Gefahr, mich im Beitrag über Mark Twain festzulesen.

Gruß, Leibgeber
Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.
(G. C. Lichtenberg)

Offline Isadora

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #33 am: 12. Dezember 2011, 00:49 »
Ich habe vor einger Zeit Herz der Finsternis gelesen und es hat mir wirklich sehr, sehr gut gefallen. Die Stimmung ist sehr gut aufgebaut, finde ich, und es hat sich erstaunlich locker lesen lassen. Ich mag die wunderschöne Sprache Conrads sehr und bin zwar froh, den ersten Durchgang auf Deutsch absolviert zu haben (das Buch lag schon seit äh.. 7 Jahren ca. auf meinem SUB, daher damals die deutsche Ausgabe angeschafft), auch wegen den nautischen Begriffen usw., aber ich bin mir sicher, dass ich es irgendwann noch einmal lesen werde und dann auf Englisch.

Zunächst hatte ich ein wenig Angst, dass ich beim Lesen immer nur die Bilder von Apocalypse Now im Kopf haben werde, was zT auch bei den Dschungelbeschreibungen zutraf, aber Conrad hat dann doch wieder ziemlich eigene Figuren entwickelt. Auf alle Fälle ein ziemlich hypnotisches Buch und ich glaube, da steckt noch so viel mehr drinnen, als ich auf den ersten Blick jetzt gesehen habe.

Meine Ausgabe war übrigens von Suhrkamp (schwarzes TB, grüne Aufschrift), ich hab den Übersetzer jetzt nicht im Kopf, aber es war hm.. ok. Es hat sich schön flüssig gelesen und war eingängig, aber ich glaube es geht stellenweise noch besser. Ich habe zumindest einmal am Anfang eine Stelle gesehen, wo etwas im Original gar nicht so explizit erwähnt wurde und gegen Ende wurde "The darkness deepened" mit "Die Finsternis verfinsterte sich" übersetzt, was ich dann doch äh.. ungeschickt finde. Das Nachwort vom Übersetzer zu Joseph Conrad im Allgemeinen und Herz der Finsternis im Speziellen hat mir überhaupt nicht gefallen - ich hatte den Eindruck, dass der Typ Joseph Conrad und das Werk nicht wirklich leiden kann. Vielleicht wollte er so eine gewisse Distanz, auch zum (problematischen) Exotismusdiskurs im Werk aufbauen, aber es kam, zumindest für mich, recht falsch rüber.

Wer es also auf Deutsch lesen will, dem würde ich wohl raten die neu übersetzte Fischer-Ausgabe, die auch noch andere Werke enthält, anzuschauen. Ich kenn diese Fischer-Ausgabe zwar selbst nicht, aber habe von ihr schon viele positive Sachen gehört, also einen Blick ist sie wohl auf alle Fälle wert.
... this is nat language at any sinse of the world.

Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #34 am: 16. Dezember 2011, 09:42 »
Hallo zusammen,

ich habe nach "Lord Jim" noch "Taifun" gelesen. Die knapp 120 Seiten (in meiner Ausgabe) haben es wirklich in sich. Eine derart entfesselte Naturgewalt wie in Taifun beschrieben ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. Bin noch ganz hin und weg.

'Taifun' ist eine der größten Erzählungen Joseph Conrads: die 1903 veröffentlichte Geschichte einer seemännischen gleich moralischen Bewährung. Sie hat einen unheldischen Helden: Kapitän MacWhirr. Er gerät mit seinem Schiff auf fernöstlichem Meer in einen ungeheuerlichen Sturm. Die 'Nan-Shan' droht zu zerbrechen, die chinesischen Kulis im Zwischendeck toben. Alles scheint verloren. Der Kapitän rettet mit seiner Offizieren und Mannschaft unfaßlichen phantasielosen Nüchternheit das Schiff und. Unrecht vermeidend, die Menschen in seiner Obhut. Skurriler Humor durchsetzt das Grandiose, hier einmal nicht Tragische.


Ein Vergleich der beiden 1. Offiziere, Jim (Lord Jim) und Jukes (Taifun) bleibt nicht aus. Man bekommt eine Vorstellung davon, was gewesen wäre, wenn Jim einen zwar biederen, aber gewissenhaften Kapitän gehabt hätte.

Auszug (mitten im Taifun, das Schiff droht zu sinken)

(...)Aus irgendeinem Grunde fühlte sich Jukes plötzlich von Zuversicht getragen; die Empfindung kam wie ein warmer Hauch von außen, und er glaubte, jeder Anforderung gewachsen zu sein. Das ferne Grollen der Finsternis stahl sich in sein Ohr. Er vernahm es unbewegt, mit neuem Selbstvertrauen, wie ein Gewappneter einen Schwertstoß erwarten mag.(...)

dieses neue Selbstvertrauen hat ihm sein Kapitän vermittelt u.a. auch, dass er ihm eine Aufgabe auftrug.

@finsbury,
ich kann dir sehr empfehlen den "Taifun" anschließend zu lesen.


LG
Maria
« Letzte Änderung: 16. Dezember 2011, 09:56 von JMaria »
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Offline finsbury

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #35 am: 16. Dezember 2011, 18:47 »
Danke für den Tipp, Maria!
steht auf meiner Anschaffungsliste für den nächsten Buchhandlungsbesuch! Hoffentlich nicht so viele moralische Ergüsse wie in "Lord Jim"?!

finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)

Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #36 am: 17. Dezember 2011, 09:28 »
Danke für den Tipp, Maria!
steht auf meiner Anschaffungsliste für den nächsten Buchhandlungsbesuch! Hoffentlich nicht so viele moralische Ergüsse wie in "Lord Jim"?!

finsbury

Hallo finsbury,

die Geschichte kommt ganz ohne moralische Ergüsse aus. Du wirst von den Beschreibungen, des Meeres, des Taifuns, der Seeleute auf dem Schiff, begeistert sein. Ich kann es mir nicht anders vorstellen :-)

ich gehe ja, wenn möglich, auch lieber in eine Buchhandlung, jedoch finden sich manchmal tolle Schnäppchen im Netz. So im Moment die edle Edition Maritim, manche Bände sind heruntergesetzt auf 5,99 Euro:

Taifun / Almayers Wahn


schönes Wochenende wünscht
Maria
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Offline finsbury

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #37 am: 17. Dezember 2011, 11:08 »
Hallo Maria,

ich gehe ja, wenn möglich, auch lieber in eine Buchhandlung, jedoch finden sich manchmal tolle Schnäppchen im Netz. So im Moment die edle Edition Maritim, manche Bände sind heruntergesetzt auf 5,99 Euro:

Taifun / Almayers Wahn

Genau die habe ich gestern in meinenEinkaufskorb bei amazon getan, nachdem ich meine Chancen bedacht hatte, noch vor den Feiertagen eine nicht-virtuelle Buchhandlung aufzusuchen. Freu mich schon drauf, vor allem weil auch "Almayers Wahn" in dem Band enthalten ist, den ich auch noch lesen wollte.

finsbury
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Meer in uns. (Kafka)

Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #38 am: 18. Dezember 2011, 10:27 »
Genau die habe ich gestern in meinenEinkaufskorb bei amazon getan, nachdem ich meine Chancen bedacht hatte, noch vor den Feiertagen eine nicht-virtuelle Buchhandlung aufzusuchen. Freu mich schon drauf, vor allem weil auch "Almayers Wahn" in dem Band enthalten ist, den ich auch noch lesen wollte.

finsbury

ich bin gespannt, wie es dir gefällt :-)
In "Almayers Wahn" habe ich die ersten 100 Seiten gelesen und es ist wieder ganz anders als "Lord Jim" oder "Taifun". Fast ausschließlich Gedankenströme. Ich bin überrascht wie vielfältig J.C. war.

Gruß,
Maria
« Letzte Änderung: 18. Dezember 2011, 10:43 von JMaria »
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Offline Leibgeber

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #39 am: 18. Dezember 2011, 12:52 »
ich habe nach "Lord Jim" noch "Taifun" gelesen.

Ja, das hab ich auch gekauft.

Genau die habe ich gestern in meinenEinkaufskorb bei amazon getan, nachdem ich meine Chancen bedacht hatte, noch vor den Feiertagen eine nicht-virtuelle Buchhandlung aufzusuchen. Freu mich schon drauf, vor allem weil auch "Almayers Wahn" in dem Band enthalten ist, den ich auch noch lesen wollte.
finsbury

Das ist ein sehr guter Roman, ja.
Habe übrigens gefunden, dass es thematisch verwandt sei mit "Der Verdammte der Inseln".
Die alte Ausgabe bei S.Fischer hat denn auch beide in einem Band.
Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zu Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.
(G. C. Lichtenberg)

Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #40 am: 18. Dezember 2011, 20:35 »
"Taifun" war in diesem Jahr ein Highlight  :klatschen:

LG
Maria
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Offline Leibgeber

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #41 am: 1. Januar 2012, 14:17 »
Und lese jetzt:
Der Geheimagent.

Hier ein paar fragmentarische Ansichten.

Nach Nostromo entstanden, ist "The Secret Agent" JCs einziger Großstadt-Roman.

Zitat
The inception of The Secret Agent followed immediately on a two years' period of intense absorption in the task of writing that remote novel, Nostromo, with its far-off Latin-American atmosphere; and the profoundly personal Mirror of the Sea. The first an intense creative effort on what I suppose will always remain my largest canvas, the second an unreserved attempt to unveil for a moment the profounder intimacies of the sea and the formative influences of nearly half my lifetime. It was a period, too, in which my sense of the truth of things was attended by a very intense imaginative and emotional readiness which, all genuine and faithful to facts as it was, yet made me feel (the task once done) as if I were left behind, aimless amongst mere husks of sensations and lost in a world of other, of inferior, values.
(Aus dem Vorwort.)

Es geht um einen Bombenanschlag.
Als Vorlage dient JC ein tatsächlich geschehener, Greenwich, 1894.
( Ich fand diesen Link über den englischen Wikipedia-Artikel. )
Und auch sonst war ja zu jener Zeit das Thema virulent.

"The Secret Agent" gilt als Klassiker der Kriminalliteratur, so wie "Nostromo" als Klassiker im Bereich Polit-Thriller oder Politischer Roman.

Und ich würde gern wissen, ob JC Conan Doyle kannte, und die Vorläufer wie Collins, Gaboriau, Poe.

Die Aufklärung, die Polizeiarbeit, werden denn auch detailliert geschildert.
Zusätzliche Qualität und Spannung erhält das dadurch, dass hier zwei Polizisten gegeneinander arbeiten.

Aber es ist sowieso klar, werd hinter dem Anschlag steckt, und auch bald, wen es dabei erwischt.

Wie es bei guter Kriminalliteratur sein sollte:
die Freude am Plot, die Auflösung des Falles mag Spaß machen, aber genug ist es nicht.
Und der Plot, das Verbrechen und des Aufklärung, haben einen nicht so großen Anteil am Romanumfang.

Es handelt einen Politischen Roman, der sich als zeitlos erweist, denn die von JC beschriebenen Mechanismen sind allgemein gültig.

Es geht darum, wie eine ausländische Macht durch Provokation destabilisierend wirken will.
Dass es sich dabei um Russland handelt, vertreten durch Herrn Wladimir, ist leicht erkennbar. Mag damit zu tun haben, dass Conrad, der Pole, in seiner Jugend Russlands Vorgehen in Polen erlebte.
Aber es können auch andere Staaten sein als Russland und Großbritannien.

Von welchem "politischen Standpunkt" her Conrad dies schrieb, weiß ich (bisher) nicht.
Ich meine, bei ihm gelegentlich einen gewissen Konservatismus herausgelesen zu haben, aber auf ein Lob für die gute alte demokratische Tradition des British Empire kann es nicht hinauslaufen.

Denn Politik allgemein ist ein schmutziges Geschäft.
Und Überparteilichkeit geboten.

Wie schon bei "Nostromo" kamen mir die früher viel gelesenen Eric Ambler oder Ross Thomas in den Sinn. Von denen ich nicht weiß, ob sie JC kannten.
Eine von Ambler heißt auch so: Schmutzige_Geschichte.
Die kleinen bösen Geschichten aus kleinen Staaten, die hintergründing nämlich ein Weltpanorama entfalten.
Und dies oft mit Mitteln der Ironie.

Der Roman ist, verglichen mit anderen von JC, erzähltechnisch einfach gehalten.
Wenn ich es richtig erinnere, gibt es nur einen, also wohl auktorialen Erzähler.
Dafür aber wird durch die Erzählart differenziert.

Anarchisten wie Gegenseite (Polizei, Politik) kommen bei JC gleichermaßen schlecht weg.
Und werden mit Mitteln der Ironie, der Karikatur, dargestellt.
Jede dieser Figuren ein Typ, der etwas Allgemeineres repräsentiert - trotzdem ist jede stimmig.

Ich setz hier ein Zitat, stellvertretend für so viele andere gute Passagen. Sir Ethelred, der Vertreter der Großen Politik.
Zitat
Vast in bulk and stature, with a long white face, which, broadened at the base by a big double chin, appeared egg-shaped in the fringe of greyish whisker, the great personage seemed an expanding man. Unfortunate from a tailoring point of view, the crossfolds in the middle of a buttoned black coat added to the impression, as if the fastenings of the garment were tried to the utmost. From the head, set upward on a thick neck, the eyes, with puffy lower lids, stared with a haughty droop on each side of a hooked, aggressive nose, nobly salient in the vast pale circumference of the face. A shiny silk hat and a pair of worn gloves lying ready at the end of a long table looked expanded, too, enormous.

Mrs. Verloc und ihre Familie dagegen werden in tiefem Ernst und Respekt geschildert.

Und diese beiden Erzählweisen durchzuführen und dabei stringent durchzuerzählen, einen Bruch zwischen Ironie und Ernst zu verhindern, das beweist große Könnerschaft.

Szenen einer Ehe.
Mr. Adolf Verloc, der Spitzel, bzw. Agent Provocateur des Lebensstandards, der Bequemlichkeit  wegen, und seine Frau Winnie, die sich hat heiraten lassen, um sich, ihrer Mutter, ihrem geistig zurückgebliebenen Bruder Stevie das Überleben zu sichern.

Und Großstadtszenen von Armut und Elend, manchmal aber auch Nächstenliebe, die Qualitäten à la Dickens oder auch Dostojewskij haben.
Am bedrückendsten in der Szene mit Stevie, dem Kutscher und seinem Pferd.
Zitat
" 'Ard on 'osses, but dam' sight 'arder on poor chaps like me," he wheezed just audibly.
Für die Pferde ist es schlimm, für die Menschen noch schlimmer ...

Dem in diesem Kapitel, bezeichnenderweise von einem "Zurückgebliebenen", geäußerten Mitgefühl, stehen Eigennutz, Geldgier, Hass entgegen.

Die Worte des "Professors" am Schluss sind prophetisch
Zitat
"Do you understand, Ossipon? The source of all evil! They are our sinister masters - the weak, the flabby, the silly, the cowardly, the faint of heart, and the slavish of mind. They have power. They are the multitude. Theirs is the kingdom of the earth. Exterminate, exterminate! That is the only way of progress. It is! Follow me, Ossipon. First the great multitude of the weak must go, then the only relatively strong. You see? First the blind, then the deaf and the dumb, then the halt and the lame—and so on. Every taint, every vice, every prejudice, every convention must meet its doom."

So sind diese Kleinen, die auf ihre Art Geschichte machen.
Ob nun Mäntelchen links oder Mäntelchen rechts, das ist egal …

Nein, JC konnte natürlich keine Mengeles (oder Zwickauer Nazis) vorhersehen.
Aber Gesetzmäßigkeiten erkennen, die universal gültig, weil nämlich, menschlich sind.
Im Guten wie im Bösen.

Und wir alle hängen da drin, ob wir es wollen oder nicht.

Wir werden vom Autor sozusagen mit der Nase drauf gestoßen, wenn immer wieder der (anscheinend oder scheinbar) "zurückgebliebene" Stevie seine Kreise zeichnet.

Und das lässt sich rausholen aus einer "Einfachen Geschichte".
Es sind diese einfachen Geschichten, die das Leben schreibt, die es uns schildern wie es ist.
( So wie ja auch Nostromo einfach "Eine Geschichte von der Meeresküste" ist. )

In der Bescheidenheit beweist sich der Meister.
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(G. C. Lichtenberg)

Offline Leibgeber

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #42 am: 7. Januar 2012, 12:07 »
Inzwischen:
Die Rettung.
Ein "Roman aus den Untiefen", "A Romance of the Shallows", diesmal also.

Hauptperson hier ein gewisser Tom Lingard, angeblich beruhend auf einem realen Jim Lingard, der auch ein Vorbild für Lord Jim abgegeben haben soll.

Aber so weit bin ich in meiner Biographie noch nicht.

Lingard in seiner unbedingten Liebe zu seinem Schiff
Zitat
He was proud of his brig, of the speed of his craft, which was reckoned the swiftest country vessel in those seas, and proud of what she represented.
She represented a run of luck on the Victorian goldfields; his sagacious moderation; long days of planning, of loving care in building; the great joy of his youth, the incomparable freedom of the seas; a perfect because a wandering home; his independence, his love—and his anxiety. He had often heard men say that Tom Lingard cared for nothing on earth but for his brig—and in his thoughts he would smilingly correct the statement by adding that he cared for nothing living but the brig.

scheint mir eine Verwandtschaft zu haben zu Jasper Allen aus "Freya", der "Geschichte von seichten Gewässern". Und ein Fall ähnlich wie das, was Allen passiert, wird in "Rettung" von Lingard auch erwähnt.
Zitat
Cut his throat on the beach below Fort Rotterdam," said Jorgenson. His gaunt figure wavered in the unsteady moonshine as though made of mist. "Yes. He broke some trade regulation or other and talked big about law-courts and legal trials to the lieutenant of the Komet. 'Certainly,' says the hound. 'Jurisdiction of Macassar, I will take your schooner there.' Then coming into the roads he tows her full tilt on a ledge of rocks on the north side—smash! When she was half full of water he takes his hat off to Dawson. 'There's the shore,' says he—'go and get your legal trial, you—Englishman—'" He lifted a long arm and shook his fist at the moon which dodged suddenly behind a cloud. "All was lost. Poor Dawson walked the streets for months barefooted and in rags. Then one day he begged a knife from some charitable soul, went down to take a last look at the wreck, and-"

Conrad unterbrach die Arbeit am Roman 1898, also zur Zeit von "Lord Jim", als noch "junger" Autor, ließ ihn 20 Jahre liegen, um dann in den Archipel zurückzukehren.
Zitat
Of the three long novels of mine which suffered an interruption, "The Rescue" was the one that had to wait the longest for the good pleasure of the Fates. I am betraying no secret when I state here that it had to wait precisely for twenty years. I laid it aside at the end of the summer of 1898 and it was about the end of the summer of 1918 that I took it up again with the firm determination to see the end of it and helped by the sudden feeling that I might be equal to the task.

Wird sich der junge Autor im Reifen spiegeln? Und umgekehrt?

Ich bin gespannt.
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(G. C. Lichtenberg)

Offline JMaria

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #43 am: 31. März 2012, 11:04 »
Hallo zusammen,

eine schöne Bemerkung über J.Cs Gesamtwerk schrieb Virginia Woolf:

Vollendet und still, sehr keusch und sehr schön, stehen sie auf in unserer Erinnerung, so wie in heißen Sommernächten auf langsame, majestätische Weise erst ein Stern, und dann ein zweiter, in den Himmel tritt.

Gruß,
Maria
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Offline sandhofer

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Antw:Joseph Conrad
« Antwort #44 am: 31. März 2012, 20:32 »
Virginia Woolfes Bemerkungen zur Literatur mag ich an und für sich. Aber Joseph Conrad und "keusch"?!?  :entsetzt:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen