Aber wir problematisieren den Begriff "Briefroman" für Texte, die im Grunde genommen eben monologisch sind.
Wenn es nur um die Bezeichnung geht: der
Werther ist ein Roman, der aus Briefen besteht, weshalb mir die Bezeichnung "Briefroman" (= "Roman in Briefen") geeignet erscheint. Sie ist jedenfalls weder unzutreffend noch irreführend. Gegebenenfalls könnte man ja noch zwischen dialogischen und monologischen Briefromanen unterscheiden.
Wenn es nicht einfach nur um die Bezeichnung, sondern um die Wahl der Prosaform geht: Ich habe gerade noch einmal in Arno Schmidts Nachtprogramm über Wieland herumgelesen. Dort heißt es gegen Ende:
Im 'Werther' ist also der Fall eingetreten, daß ein großer Künstler sich absolut in der Form vergriffen hat [...] Goethe [...] hat zur 'Erledigung' eines Menschen, einer Landschaft, eine Form benutzen wollen, die für zwei Menschen, zwei Landschaften zuständig ist [...]
Na ja, das kann man so sehen, fragt sich nur, ob es hier jemand gibt, der dem zustimmt.

Noch mal zurück zum Thema "Twitterroman": Ich habe gerade ein Buch von Edward Gorey gelesen:


Der Text darin ist ziemlich twitterkompatibel.

Auf jeder Doppelseite steht links ein Satz, meist unter 140 Zeichen (den mir am längsten erscheinenden Satz habe ich ausgezählt: 158 Zeichen inklusive Leerzeichen), rechts befindet sich eine dazugehörige Zeichnung. Das ganze ergibt eine Art Kriminalgeschichte, bei der aber der Leser insofern gefoppt wird, als es zwar viele Andeutungen und Hinweise gibt, die aber alle zusammen nichts wirklich Greifbares ergeben. Das ganze ist laut Widmung eine "Homage to Jane Austen", was ebenfalls einigermaßen geheimnisvoll erscheint. Manche Sätze klingen für sich genommen ziemlich banal, z.B.: "At the buffet Miss Quartermourning lost a slice of cucumber from her sandwich." Aber im Kontext der Geschichte und im Zusammenspiel mit den Bildern wirken solche Sätze auf einmal sehr gewichtig und bedeutungsschwanger.
Schöne Grüße,
Wolf