Hallo Hubert
komme erst heute wieder dazu unsere Unterhaltung über die Dubliners fortzuführen. Zur Zeit sind an allen Ecken und Enden Termine.
- Geht Eveline am Ende der gleichnamigen Erzählung mit Frank auf das Schiff?
bei meinem 1. Beitrag wollte ich bereits spontan "Nein" schreiben. Dann wollte ich mir die Geschichte doch nochmals durchlesen, ob ich was überlesen habe. Aber ich bleibe nun doch bei einem "nein". Eveline war noch nicht soweit, ihren Vater und ihre Geschwister zuverlassen.
Oder etwa doch?
Eveline hatte es ja nicht besonders gut zuhause und fühlte sich wie eingesperrt und doch - es ist ihre einzige Familie die sie kennt. Mit Frank hätte sie das erst aufbauen müssen und dafür war sich meines Erachtens noch nicht bereit. Ich glaube dieses Gefühl kennen wir alle, diesen Schritt hinaus, die doch oft unsicher ausfallen.
Sie ist ja hinter dem Eisengitter am Kai, buchstäblich und auch sinnbildlich.
Mir hat es gefallen, daß hier mal von Joyce eine weibliche Szene dargestellt wurde.
Was meinst du?
Enthält der Schluß der Erzählung „Die Toten“ einen Hinweis auf den Tod von Gabriel?
du meinst weil er sich "gen Westen" aufmacht und "sich seine Seele sich jener Region genähert hat, wo die unermeßlichen Heerscharen der Toten ihre Wohnung haben"?
Darüber denke ich schon seit ein paar Tagen nach. Wenn es so ist, denn der Wunsch war ja in Gabriel vorhanden ("Es war besser, kühn in jene andere Welt hinüberzugehen, .... , als kläglich vor Alter zu schwinden und zu verwelken"), dann frage ich mich WARUM?
nur weil er sich nutzlos fühlt? weil ein junger Mann vor Liebe zu seiner Frau, das aber bereits Jahrzehnte zurück lag, den Tod suchte?
Warum verspürte er soviel Wut und Begierde in sich. Vorher war er so ausgelassen, doch plötzlich, noch bevor er die Geschichte von seiner Frau über den Jungen erzählt bekam, war er bereits wie verändert.
Aber vielleicht wird hier auch der Schlaf mit einem todesähnlichen Zustand verglichen.
Der letzte Satz in "Die Toten" bringt mich darauf:
Langsam schwand seine Seele, während er den Schnee still durch das All fallen hörte, und still fiel er, der Herabkunft ihrer letzten Stunde gleich, auf alle Lebenden und Toten.Dieser Gabriel hatte m.E. die Wahl zwischen Tod und Leben. Was er gewählt hat kann ich nur ahnen.
Zitat:
- Wird Dublin umfassend und realistisch dargestellt?
Die meisten meiner damaligen Mitleser waren dieser Meinung. Mir fehlte aber vieles wofür Irland bekannt ist:. Irische Gastfreundschaft, Irische Folklore usw. – meiner Meinung nach hat Joyce alles Positive ausgeklammert. In welcher Geschichte gibt es echte Liebe, Hoffnung auf die Zukunft oder ähnliches. Gab es so was nicht in Dublin? Habe ich das Überlesen? (Ich denke aber, dass J.J davon mit voller Absicht nichts erwähnt hat.)
jetzt wo du es erwähnst, muß ich dir zustimmen. Auf der anderen Seite haben die Irländer einen Anhang zu Dramatik und Trauer, das merkt man schon in ihren Volkslieder - kaum ein Happy-End.
Du hast eine Entwicklung in der Abfolge der Erzählungen gesehen. – Bingo. Das 1905 entstandene Konzept sah 12 Erzählungen in 4 Gruppen mit je 3 Geschichten vor.
James Joyce hat sich eindeutig was dabei gedacht.
Die vier Gruppen waren:
- Kindheit (Die Schwestern, Eine Begegnung, Arabia)
- Jugend (Eveline, Nach dem Rennen, Die Pension)
- Reife (Entsprechungen, Erde, Ein betrüblicher Fall)
- Öffentliches Dubliner Leben (Efeutag ..., Eine Mutter, Gnade)
Mir scheint Joyce verfolgt gerne einer Schematik in seinen Werken. Aber ich kenne ja erst Dubliner und Ulysses.
Die Erzählungen „Zwei Kavaliere“, „Eine kleine Wolke“ und „Die Toten“ sind erst später entstanden. „Die Toten“ wurde z.B. erst im Frühjahr 1907 nierdergeschrieben. Aber schon im Sept. 1906 hatte J.J. seinem Bruder mit einer Postkarte berichtet. „Ich habe eine neue Erzählung für Dubliner im Kopf. Sie handelt von Mr. Hunter.“ - Aus dem durch Dublin streifenden Juden Hunter wurde dann Mr. Bloom und aus der Erzählung: der Roman „Ulysses“.
Hunter? ein Jäger ist er in meinen Augen nicht. Bloom wirkt weicher und nachgebiger, vielleicht auch nicht so recht lebensfähig für die harte Welt. Aber vielleicht wären die Geschichten in Ulysses anders geworden, wenn Joyce bei Namen „Hunter“ geblieben wäre? Vielleicht ....
Namen sagen doch auch viel aus.
Das alles ist in der Literaturgeschichte unstrittig. Darüber hinaus scheint mir aber ein Motto über dem ganzen Buch zu liegen, dass man auch jeder einzelnen Erzählung voranstellen könnte. - ? ? ? - Der Schlüssel dazu ist meiner Meinung nach auf der 1. Seite der „Dubliner“ zu finden und hat auch mit der 1. Frage zu tun.
Kannst du deine Gedanken näher erklären?
Genauso sinnvoll ist es „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ vor „Ulysses“ zu lesen; hier geht es ja um die Vorgeschichte von Stephen Dedalus.
Da Du mit dem „Ulysses“ schon soweit fortgeschritten bist, rate ich zu diesem Zeitpunkt davon ab – das würde jetzt nur wieder neue Fragen aufwerfen, statt alte Fragen klären.
Wenn Du was dazwischen lesen willst: Stanislaus Joyce, der Bruder von J.J., hat zwei kleine, einfach zu lesende Büchlein geschrieben: „Dubliner Tagebuch“ und „Meines Bruders Hüter“, in beiden kann man biogr. Vorlagen zu einigen Dubliner-Erzählungen entdecken.
danke für den Ratschlag. Ich werde „Ein Porträt...“ später lesen und deine Lesetipps habe ich mir notiert.
Viele Grüße
Maria