Der gute Herr ist vor allem ein Wichtigmacher, bestenfalls ein Kasperle mit akademischen Würden. Da ist die Kultur des Abendlandes schon wieder im Tief- und Sinkflug, weil Lieschen Müller sich enthusiasmiert über Coelho auf Amazon äußert.
Wenn nun irgendwer über irgendwas redet ist das Ergebnis häufig ein bescheiden zu nennendes. Da muss die in Frage stehende Person weder obgenanntes Lieschen sein noch der erörterte Gegenstand etwas mit Literatur zu tun haben. Der Unterschied zu früher besteht schlicht darin, dass man anno dazumal die dubiosen Äußerungen von mehr oder weniger schwer Illuminierten in Studentenkneipen (oder anderen öffentlichen Besäufnisanstalten) zu hören bekam, während man heute einzig eine Suchmaschine mit den entsprechenden Eingaben fütten muss.
Im übrigen finde ich gerade Amazon-Kritiken erhellend: Denn unabhängig davon, ob der Rezensent sich in Lob oder Tadel ergeht, vermag man zwischen den Zeilen sehr gut zu lesen. Und weiß genau, dass ein Buch, von dem xy sich begeistert zeigt, ein Fall für die Papiermülltonne ist. Oder vice versa.
Der Artikel jedenfalls strotzt nur so vor Gemeinplätzen und Binsenweisheiten. Im übrigen ist das vom Handyromanschreiberling so angeprangerte Prinzip der Häufigkeit des Gefundenwerdens durch zweifelhafte Seiten seit Ewigkeiten im akademischen Bereich en vogue: Da wird für die Erlangung einer Dozentur ein sehr ähnliches Prinzip zugrunde gelegt: Zahl der Veröffentlichungen - und wie häufig man von anderen "Würdenträgern" zitiert wird. Letzteres lässt sich am besten dadurch erreichen, dass eine sehr leicht zu widerlegende Behauptung aufstellt, worauf sich üblicherweise der Rest des Fachpersonals mit Freuden auf diesen "Lapsus" stürzt. Den einen das Gefühl des Triumphes, dem anderen seine benötigten Erwähnungen.
Im übrigen finde ich Blogs, in denen wenigstens irgendeine Meinung vertreten wird, so schlecht nicht; über eine solche könnte immerhin eine Diskussion möglich sein. Die meisten aber huldigen dem Listen- und Zitierwahn: Gelesen im Mai, gekauft im April, auf dem "SUB", welchen man "abzubauen" (und diese Anleihe an der Welt der Bauwirtschaft hat etwas Treffendes) geneigt sei, ruhen noch eine kaum zu bestimmende Anzahl von Werken --- was aber vom Konsumierten verstanden wurde, wie es einzuordnen sei, ob und warum man dieses gut oder schlecht gefunden habe - darauf wartet man in der Regel vergebens. Hingegen wird zitiert: Von Lichtenberg bis Bohlen - und der Heranwachsende mit jungfräulicher Pinnwand braucht nicht nur den katholischen Wochenboten für Zitate zu bemühen.
Es ist in diesem Genre wie fast überall: Wir leben in einem Zeitalter der Inkompetenz. Kaum einer kennt noch die Grundlagen seines Jobs - und so sieht das Ergebnis dann meist aus: Furchtbarer Dilettantismus allenthalben...
Warst du nicht jener, der der "Probe des ersten Satzes" das Wort redete - und der, auf diese Weise armiert und ausgestattet mit einem wahrlich fundamentalen Instrumentarium zur Beurteilung der Literatur, ein wenig Vorsicht und Zurückhaltung an den Tag legen sollte bezüglich eines allüberall auszumachenden Dilettantismus, einer weltumspannender Inkompetenz?
Grüße
s.