Der erste Teil ist gelesen – Zeit für einige Anmerkungen.
Wie Thomas Mann die einzelnen Familienmitglieder vorstellt und einführt, wie er die gehobene, aber doch spießige Umgebung der repräsentabel gewordenen und neureichen Buddenbrooks schildert, hat mir sehr gefallen. Sehr gekonnt finde ich die Versammlung des Kleinstadtpersonals (Pfarrer, Händler, Makler, Stadtpoet etc.), das mit all den kleinen und großen Macken lächerlich gemacht wird.
Auch das zentrale Thema "Verfall" wird angeschnitten. Das Schicksal des Vorbesitzers des Buddenbrook-Hauses, der Firma Ratenkamp & Komp., löst allgemeine Betroffenheit aus. Das bezeugte Mitleid will mir allerdings als pure Heuchelei erscheinen, denn letztendlich ist die Runde sich einig, dass der Vorbesitzer einfach zu viele unverzeihliche Fehler begangen und damit seinen ökonomischen Untergang selbst herbeigeführt habe.
Apropos Ökonomie: Schnell wird deutlich, dass in der Familie Buddenbrook ganz besondere "Regeln" gelten in Bezug auf das, was die einzelnen Familienmitglieder sich erlauben können. Der Erbschaftstreit mit Gotthold Buddenbrook zeigt meiner Meinung nach deutlich, dass der Einzelne sich in seinen Wünschen immer dem Wohl der Firma unterzuordnen hat. Familäre Entscheidungen werden gefällt als handele es sich um geschäftliche Transaktionen. Kein Zweifel: Diese Familie tickt nach der Uhr der neuen Zeit, in der das Bürgertum den Ton angibt und in der die Ökonomie gleichermaßen Triebfeder und Glaubensbekenntnis ist. Schon die achtjährige Antonie wird vom Großvater scherzhaft nach dem Preis für einen Sack Weizen gefragt ...
Die Gotthold-Geschichte ist ein Hinweis auf innerfamiliäre Bruchstellen, die auf unterschiedlichen moralischen Vorstellungen beruhen. Auch zwischen dem alten Johann Buddenbrook und dessen Sohn Jean (dem Konsul) gibt es Unstimmigkeiten. Der Alte verlacht die religiösen Ansichten seines Nachfolgers (dessen "Bete und arbeite" fast mönchisch klingt), zeigt aber auch eine erstaunliche Verachtung für "praktische Ideale" ("Bergwerke, Industrie, Geldverdienen ... Brav das alles, höchst brav! Aber ein bißchen stupide, wie?"). Das lächerliche Verhalten seines Enkels Christian tadelt der Patriarch mit scharfen Worten (´N Aap is hei!), während er dem in meinen Augen ebenfalls lächerlichen Dichter Hoffstede wohlgesonnen ist. Überhaupt will der alte Buddenbrook mir als die zwiespältigste Person des ersten Teils erscheinen.
Soviel für den Augenblick.
LG
Tom