Autor Thema: Juli 2009 - Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts  (Gelesen 17619 mal)

Offline xenophanes

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Liebe Mitlesende!

Es freut mich, die Leserunde zu Thelens Buch eröffnen zu dürfen  :winken:

Ich werde wohl erst am Wochenende "richtig" damit anfangen können.


CK


Offline xenophanes

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Juli 2009 - Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #1 am: 7. Juli 2009, 21:26 »
Hallo!

Es ist ab sofort erlaubt, hier eine Menge Materialien rund um Thelen zusammenzutragen  :breitgrins:

Hier originellerweise schon mal Links auf die WP-Artikel:

http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Vigoleis_Thelen

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Insel_des_zweiten_Gesichts

CK


Offline BigBen

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #2 am: 8. Juli 2009, 07:01 »
Kann mir gleich zum Anfang mal jemand mit der Übersetzung des Vergil Zitates helfen?
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

Offline Gontscharow

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #3 am: 8. Juli 2009, 09:39 »

Hier ist der Ort der Schatten, des Schlafes, der narkotisierenden Nacht
Bei Vergil wird so die Unterwelt angekündigt.

Offline BigBen

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #4 am: 8. Juli 2009, 11:38 »

Hier ist der Ort der Schatten, des Schlafes, der narkotisierenden Nacht
Bei Vergil wird so die Unterwelt angekündigt.


Danke für die Erläuterung. Bei Latein muß ich leider passen, und ich habe gesehen, Thelen hat später auch spanische Zitate benutzt. Ich hoffe, da kann mir dann auch jemand helfen.  :winken:
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Offline sandhofer

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #5 am: 9. Juli 2009, 05:43 »
Ich bin gestern noch bis S. 48 vorgedrungen. Die Lektüre macht bis jetzt Spass. Die Spiegelung der Personen - eine Autobiografie ist ja nie über den Autor selber, sondern immer über den Autor, wie ihn sich der Autor vorstellt oder wie er sich gerne präsentieren möchte - wird als erstes thematisiert. Allerdings stellt mir Thelen den guten Vigoleis etwas allzu naiv auf die Bühne. Aber er ist ein feiner Beobachter, die spanische Familienszene ist sehr gut gelungen. Auch sprachlich angenehm zu lesen. Ich hoffe, das geht so weiter.  :klatschen:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline BigBen

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #6 am: 9. Juli 2009, 07:07 »
Ich bin noch nicht ganz so weit, aber auch mir ist die Sprache positiv aufgefallen (wenn sie auch in der Taschenbuchausgabe etwas klein gedruckt ist).
Die prügelnden spanischen Eltern, ja, das hatte was.  :breitgrins:
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Offline Gontscharow

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #7 am: 9. Juli 2009, 09:58 »

er ist ein feiner Beobachter, die spanische Familienszene ist sehr gut gelungen.
Ja, die Szene fand ich auch besonders witzig und treffend. Gleichzeitig schildert Thelen auch sehr fein  das typische kulturelle Unterlegenheitsgefühl des unbeholfenen Nordländers angesichts des mediterranen Alltaglebens, wobei es  ja hier ironischer Weise vor allem um die elegante Treffsicherheit eines Ohrfeigen austeilenden Vaters geht.
Von der Sprache bin ich auch sehr angetan. Allerdings stelle ich fest, dass auf fast jeder Seite ein  deutsch klingendes Wort vorkommt , das ich nicht kenne: Schlunte(ich kenn nur Schlunze), Schöke, schürgen, Tüchte,  Anlände, Gäuche , Ledikant (ja, aus dem Zusammenhang gefolgert: Einzelbett), Befahrnis, Spute, Besage , um nur einige aus den ersten Seiten zu nennen. Es scheinen Verballhornungen, Neologismen, Archaismen , Dialektismen zu sein. Wie verfahrt Ihr damit? Einfach überlesen? Nachschlagen? Oder versteht Ihr alles?
Ja, Thelen geht gut mit Sprache um und ist auch da ein witziger Beobachter:
Zitat
... fiel Zwingli zuweilen herablassend ins Deutsche, das ihm zwar geläufig von den Lippen ging, nicht aber ohne die rollenden Rrr und die Kehlgeräusche, die ein Vermächtnis seiner eidgernössischen Geröllhalde waren ...

Offline BigBen

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #8 am: 9. Juli 2009, 10:26 »
Es scheinen Verballhornungen, Neologismen, Archaismen , Dialektismen zu sein. Wie verfahrt Ihr damit? Einfach überlesen? Nachschlagen? Oder versteht Ihr alles?

Nein, ich verstehe nicht alles. Aber falls es sich nicht aus dem Kontext erschließen läßt, und ich nicht zufällig gerade in der Nähe eines Lexikons sitze, ignoriere ich es großzügig.
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Offline sandhofer

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #9 am: 9. Juli 2009, 11:55 »
Allerdings stelle ich fest, dass auf fast jeder Seite ein  deutsch klingendes Wort vorkommt , das ich nicht kenne: Schlunte(ich kenn nur Schlunze), Schöke, schürgen, Tüchte,  Anlände, Gäuche , Ledikant (ja, aus dem Zusammenhang gefolgert: Einzelbett), Befahrnis, Spute, Besage , um nur einige aus den ersten Seiten zu nennen. Es scheinen Verballhornungen, Neologismen, Archaismen , Dialektismen zu sein. Wie verfahrt Ihr damit?

Wo sollte man Neologismen nachschlagen? In den meisten Fällen erschliesst sich ein ungefährer Sinn ja aus dem Zusammenhang. Wo nicht: tant pis.

Ja, Thelen geht gut mit Sprache um und ist auch da ein witziger Beobachter:
Zitat
... fiel Zwingli zuweilen herablassend ins Deutsche, das ihm zwar geläufig von den Lippen ging, nicht aber ohne die rollenden Rrr und die Kehlgeräusche, die ein Vermächtnis seiner eidgernössischen Geröllhalde waren ...

Gerade da habe ich allerdings gestockt und gezweifelt. Ich habe im Internet gesucht, allerdings nichts gefunden: Ich wüsste gerne mehr über die Herkunft von Beatrice. Die Mutter liegt in Basel im Sterben. Wenn dies Beatricens und Zwinglis Heimat war, müsste das rollende "R" fehlen und auch die Gutturallaute wären relativ gedämpft.
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Offline Gontscharow

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #10 am: 9. Juli 2009, 16:51 »
Wo sollte man Neologismen nachschlagen?
:zwinker:
Man kann durch Nachschlagen unbekannter Wörter zumindest herausfinden, dass es sich nicht um Archaismen, Dialektismen oder was auch immer  handelt, sondern Wortschöpfungen des Autors sein müssen, deren Sinn man sich selbst erschließen muss.
Ich wüsste gerne mehr über die Herkunft von Beatrice. Die Mutter liegt in Basel im Sterben. Wenn dies Beatricens und Zwinglis Heimat war, müsste das rollende "R" fehlen und auch die Gutturallaute wären relativ gedämpft.
Ja, die Bruckners waren wohl eine Basler Gelehrtenfamilie (vgl. Nachwort zur List Taschenbuch-Ausgabe). Irgendwo habe ich gelesen, Beatrice und ihre Brüder seien Halbsüdamerikaner gewesen. Aber hier geht es ja um das schweizerische R. Schade wenn's für die Baseler nicht zutrifft. Die rollenden Rrr und die Kehllaute als Vermächtnis der eidgenössischen Geröllhalde fand ich einfach zu schön. Na ja,  se non e vero, e ben trovato   wie der Tessiner sagt.

Offline sandhofer

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #11 am: 9. Juli 2009, 19:27 »
(vgl. Nachwort zur List Taschenbuch-Ausgabe).

Ach ja - könnte ich auch lesen  :redface: . Müsste ja in der Hardcover-Version ebenfalls dabei sein ..

INa ja,  se non e vero, e ben trovato   wie der Tessiner sagt.

Oh ja - ich habe Thelen im Verdacht, dass da einiges "trovato" sein könnte ... ;)
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Offline sandhofer

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #12 am: 10. Juli 2009, 05:35 »
(vgl. Nachwort zur List Taschenbuch-Ausgabe).

Ach ja - könnte ich auch lesen  :redface: . Müsste ja in der Hardcover-Version ebenfalls dabei sein ..

Ich habe das dann noch gestern Abend nachgeholt. In meinem Nachwort steht dann aber auch nur "Schweizer Gelehrtenfamilie" ... Allerdings erwähnt Thelen in seinem Roman (?) irgendwo zwischen all den Digressionen - ebenfalls digressiv -, dass Jacob Burckhardt zur Verwandschaft Beatricens gezählt würde. Das wäre dann doch wieder Basel. Abgesehen davon: Thelen stammt ja vom Niederrhein (müsste ungefähr dieselbe Gegend sein, aus der Hans Dieter Hüsch stammt, oder?). Ich könnte mir vorstellen, dass für ihn tatsächlich jedwede alemannische Färbung in der Aussprache nach rollendem "R" und Gutturallauten klingt ...

Im übrigen: Thelen ist ein Meister der Digression. Und der Kaktussätze.  :smile: Bisher eine äusserst angenehme Lektüre.
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Offline Wolf

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #13 am: 10. Juli 2009, 12:40 »
Zitat von: Gontscharow
Allerdings stelle ich fest, dass auf fast jeder Seite ein  deutsch klingendes Wort vorkommt , das ich nicht kenne: Schlunte(ich kenn nur Schlunze), Schöke, schürgen, Tüchte,  Anlände, Gäuche , Ledikant (ja, aus dem Zusammenhang gefolgert: Einzelbett), Befahrnis, Spute, Besage , um nur einige aus den ersten Seiten zu nennen. Es scheinen Verballhornungen, Neologismen, Archaismen , Dialektismen zu sein.

Das sind ja hübsche Wörter. ;-) Eine "Schlunte" ist tatsächlich eine "Schlunze" (liederliche Frau), nur eben in einer eher niederdeutschen Lautform. "Ledikant" kommt aus dem Niederländischen, wo es "Bettstelle" bedeutet. Auch die anderen erwähnten Wörter sind in Wörterbüchern verzeichnet, beispielsweise:

die Schöke - http://books.google.de/books?id=rScSAAAAIAAJ&jtp=776
schürgen - http://books.google.de/books?id=rScSAAAAIAAJ&jtp=817
die Spute - http://books.google.de/books?id=rScSAAAAIAAJ&jtp=1020

Die einzige Ausnahme ist wohl "Tüchte", wenn das ein Singular ist und "Tüchtigkeit" bedeuten soll, dann hat das vor Thelen möglicherweise noch niemand so verwendet.

Zitat von: BigBen
Nein, ich verstehe nicht alles. Aber falls es sich nicht aus dem Kontext erschließen läßt, und ich nicht zufällig gerade in der Nähe eines Lexikons sitze, ignoriere ich es großzügig.

Ich kann so etwas nur schwer ignorieren. ;-) Manchmal schlage ich sogar ein Wort nach, dessen Bedeutung ich bereits kenne, nur weil ich wissen will, ob ich ein Wörterbuch besitze, wo dieses Wort drinsteht. :breitgrins:

Schöne Grüße,
Wolf

Offline Gontscharow

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #14 am: 10. Juli 2009, 19:07 »

Hallo Wolf!

Super, dass Du als Thelen-Leserunden-Abstinenzler unsere Hausaufgaben machst! :klatschen:
Danke für Deine Mühe! Wirklich interessant, was Du zutage gefördert hast. Irgendwie beruhigt es mich zu wissen, dass die überwiegende Mehrzahl verbürgte Wörter und keine Worterfindungen sind.

Zum Wort Tüchte: Auch Untüchte kommt vor. Im Prolog sagt Thelen von sich:...des Lebens Untüchte wie ein Zeichen an der Stirn. Das klingt natürlich anders als: die Lebensuntüchtigkeit wie ein Zeichen an der Stirn...Dieses Weglassen von Struktursilben, Prae-und Suffixen habe ich auch anderweitig gefunden: Ruch statt Geruch, Sporn statt Ansporn , spornen statt anspornen ... Klingt irgendwie kerniger. Er hat schon Sprachwitz, unser Thelen. Gerade hab ich verklepperte Oberlehrer gefunden. Was sagt man dazu?

Liebe Grüße
G.