Autor Thema: Juli 2009 - Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts  (Gelesen 18203 mal)

Offline sandhofer

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #30 am: 16. Juli 2009, 07:22 »
Nichts einfacher als das. Eintrag 454 seiner Bibliothek weist auf Thelen hin:

Danke! Das beweist allerdings erst, dass Schmidt das Buch besass. Hat er es auch gelesen? Und noch wichtiger: Hat er es auch rezipiert?

Ich habe wieder ein paar Kapitel weitergelesen. Vigoleis und Beatrice wohnen noch immer in ihrer "Räuberhöhle". Sie hatten ein Angebot als Gouvernante und Maître de plaisir eines neu eröffneten Hotels zu amten, inkl. Zimmer daselbst. Da ihnen aber im Zimmer kein Schrank zur Verfügung gestellt wurde, haben sie es im letzten Moment abgelehnt und sind zurück in ihren Turm (wo sie nicht nur keinen Schrank, sondern auch kein Dach haben ...). So dumm kann die Menschheit nur in echt sein; in jedem Roman würden wir dies als miserablen Kunstgriff zur Verlängerung des Aufenthalts im Uhrturm rügen.

Dafür reisen sie dann mit notdürftig Aufgespartem 3. Klasse ins Innere der Insel, weil ihnen ein deutscher Ex-Offizier als Lohn fürs Abtippen seines Opus magnum einen Sekretär (ein Möbelstück, nicht einen Menschen!) versprochen hat, den sie besichtigen wollen. Auch daraus wird selbstverständlich nichts ... Erst zum Schluss des Kapitels deutet Thelen dann an, dass Vigoleis aufgrund dieser Reise die Bekanntschaft von Robert Graves machen wird und dessen Manuskript zu I, Claudius ins Reine tippen. Das Buch war lange auf meiner erweiterten Liste, aber der Verlag, wo ich es kaufen wollte, führt diesen Titel nicht mehr ...
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Offline BigBen

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #31 am: 16. Juli 2009, 08:33 »
Mal wieder eine Frage an die anwesenden Kenner. Was heißt: "non scholae sed vitae discimus"?

Und noch ein anderes Thema. Julietta, Marias Tochter, ist ca. 11 Jahre alt. Vigoleis spricht von ihr als einem "Hürchen" und stellt sie auch sonst immer mal weider in einen sexuellen Kontext. An dieser Stelle wird für mich klar eine Grenze überschritten. Mir ist nicht klar, was Thelen damit beim Leser erreichen will bzw. was seine Idee hinter dieser Darstellung ist. Bei mir regt sich jedenfalls ein massiver Widerstand gegen diese Form der Darstellung.  :grmpf:
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Offline sandhofer

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Re: Juli 2009 - Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #32 am: 16. Juli 2009, 08:59 »
Thelen benutzt ja immer mal Latein für seine Motti etc., aber auch  so mitten im Text. Für Nicht-Lateiner hat Wikipedia eine Auflistung aller bekannten lateinischen Redensarten zusammengestellt:

http://de.wikipedia.org/wiki/Lateinische_Redewendungen  :winken:
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Offline BigBen

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Re: Juli 2009 - Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #33 am: 16. Juli 2009, 09:06 »
Der Nicht-Lateiner dankt.  :winken:
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Offline sandhofer

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #34 am: 16. Juli 2009, 09:12 »
Mal wieder eine Frage an die anwesenden Kenner. Was heißt: "non scholae sed vitae discimus"?

Wir lernen nicht für die Schule sondern fürs Leben. Das Original von Seneca ging übrigens umgekehrt: Wir lernen für die Schule, nicht fürs Leben, und war als ironische Klage über das römische Schulwesen gedacht. Schon damals also ...

Ich habe übrigens im Materialienthread mal den Link zu Wikipedias Sammlung lateinischer Redewendungen gepostet.

Und noch ein anderes Thema. Julietta, Marias Tochter, ist ca. 11 Jahre alt. Vigoleis spricht von ihr als einem "Hürchen" und stellt sie auch sonst immer mal weider in einen sexuellen Kontext. An dieser Stelle wird für mich klar eine Grenze überschritten. Mir ist nicht klar, was Thelen damit beim Leser erreichen will bzw. was seine Idee hinter dieser Darstellung ist. Bei mir regt sich jedenfalls ein massiver Widerstand gegen diese Form der Darstellung.  :grmpf:

Nun, Südländerinnen sind, sagt man, früher reif (oder frühreifer) als ihre nördlichen Geschlechtsgenossinnen. Insofern ist das hier entweder ein ehrliches Geständnis Thelen-Vigoleis', dass ihn die aufkeimenden Reize Juliettas nicht ganz kalt lassen, insofern auch eine Darstellung der Schwächen Vigoleis', der ja alles andere als ein sympathischer Protagonist ist, mit dem mitzufühlen und -leiden ich als Leser gezwungen bin, und/oder eine Darstellung der hypersexualisierten Atmosphäre um Pilar herum (bezeichnenderweise gibt Thelen dann im Uhrturm zu verstehen, dass trotz aller Huren und ihrer Klienten, die in den Nebenräumen lautstark der körperlichen Liebe frönen, Beatrice und Vigoleis absolut keusch bleiben - sowohl mit andern wie offenbar auch unter sich selber), oder - und zu dieser Interpretation neige ich persönlich - Thelen veräpplet den Leser und spielt mit den Vorurteilen (eben der Frühreife von Spanierinnen), indem er offen thematisiert, was der Leser (insbesondere der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts) selbst heimlich nicht wirklich zu denken wagt. Mit andern Wort: Reine Lust - aber an der Provokation, nicht am Mädchen ...
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Offline Dostoevskij

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Re: Juli 2009 - Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #35 am: 16. Juli 2009, 09:44 »
[...]
« Letzte Änderung: 29. Januar 2010, 11:19 von Dostoevskij »
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Offline Wolf

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #36 am: 16. Juli 2009, 13:35 »
Zitat von: sandhofer
Mit andern Wort: Reine Lust - aber an der Provokation, nicht am Mädchen ...

und auch Lust am Wortspiel, wenn ich mir die entsprechende Stelle ansehe (man findet sie via books.google.de): "[...] nicht einzig, weil das Hürchen in ihr mächtig zu kielen begann [...]". Das Verb "kielen" bezieht sich ja eigentlich auf einen Vogel (er bekommt "Kiele", d.h. die jugendlichen Flaumfedern werden durch größere Kielfedern ersetzt), und tatsächlich gibt es einen Vogel, der "Hürchen" genannt wird: nämlich la putilla, das ist ein Vogel in Peru, dessen Federn zu Liebeszaubern verwandt wurden.

Schöne Grüße,
Wolf

Offline Giesbert Damaschke

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #37 am: 16. Juli 2009, 13:46 »
Habe eben nachgefragt.

Bernd Rauschenbach von der Arno Schmidt Stiftung hat geantwortet:

Zitat
bei einem meiner Besuche im Hause Schmidt erwähnte ich mal, daß ich grad die "Insel d.2.G." läse. An eine wörtliche Reaktion Schmidts kann ich mich nicht erinnern - aber er zog ein Gesicht, das ich für mich als "We are not amused" interpretierte. Ob er damit meine Lektüre oder den Roman oder den Autor oder alles meinte, weiß ich nicht.
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Offline Gontscharow

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #38 am: 17. Juli 2009, 01:14 »

Die Arno-Schmidt-Mailingliste ist ja eine exzellente Einrichtung!
Vielen Dank fürs Nachfragen und die Informationen!

Dass Schmidt - wie es scheint - Thelen gekannt, gelesen und eher nicht gemocht hat, überrascht mich nicht. Ich fürchte, die Ablehnung hat etwas mit der Ähnlichkeit ihres Schreibens, mit Rivalität zu tun.
Hat Schmidt überhaupt je einen schreibenden Zeitgenossen neben sich geduldet und geschätzt?

Danke, Wolf, für Deine Trouvaille. Das Wort "kielen" war mir auch aufgefallen, hab es aber nicht mit
Federn in Verbindung gebracht. Schön, die von Dir gefundenen Zusammenhänge!

Offline Giesbert Damaschke

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #39 am: 17. Juli 2009, 01:53 »
Die Arno-Schmidt-Mailingliste ist ja eine exzellente Einrichtung!
find ich auch ;-)

Zitat
Hat Schmidt überhaupt je einen schreibenden Zeitgenossen neben sich geduldet und geschätzt?

Schmidt hat noch nicht mal die schreibenden Nicht-mehr-Zeitgenossen neben sich geduldet ;-) (ein weites Feld …)
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Offline Giesbert Damaschke

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #40 am: 17. Juli 2009, 01:54 »
(Sobald ich diesen fürchterlichen Zauberring hinter mir habe, steige ich evtl. hier ein; der Thelen steht auch schon viel zu lange ungelesen hier herum.)
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Offline sandhofer

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #41 am: 17. Juli 2009, 07:26 »
Ich bin unterdessen in Buch 4, Kapitel I. Beatrice und Vigoleis sind einmal mehr umgezogen; dieses Mal allerdings, versichert uns der Autor, ist's für die nächsten fünf Jahre gut. Einige der Figuren der ersten drei Bücher tut Thelen nun summarisch ab, die verreisen, verlassen die Insel und sterben oder sie ziehen sich von Palma ins Innere zurück. Interessant, wie der Autor hier richtiges Leben und literarische Technik verknüpft; und der Leser weiss wirklich nicht, sind nun diese Personen "wirklich" abgereist oder hat der Autor ganz einfach keine Verwendung mehr für sie, auch wenn er damals "in Wirklichkeit" die Schauspielerin noch jeden Abend gesehen hat.
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Offline xenophanes

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #42 am: 17. Juli 2009, 14:05 »
Ich habe inzwischen bis Seite 130 gelesen und frage mich, wo Sandhofer seine Buch- und Kapiteleinteilungen her nimmt. Ich bin bisher nur auf Kapitel mit römischen Buchstaben gestoßen unterbrochen mit in  "*" unterteilten Abschnitten. Vermutlich stecke ich noch im ersten Buch ;-)

Die große Stärke macht meines Erachtens die Sprache aus. Ich habe schon lange nicht mehr so gute Beschreibungen gelesen. Er verwendet im besten Sinn originelle Metaphern, Vergleiche und Wortschöpfungen. Szenen wie die Fliegenflut beim Metzger sind sehr einprägsam.

Die Anleihen bei der Bibel etc. wirken für mich sehr organisch und nicht künstlich aufgepropft wie bei anderen. Auch die diversen Bildungseinsprengsel finde ich meist interessant und "passend".

Was den Inhalt angeht, frage ich mich ab und zu, ob da nicht stilistische Perlen für Säue geworfen werden, obwohl natürlich die Schilderungen des Rotlichtmilieus in Palma nicht unamüsant sind.


Offline sandhofer

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #43 am: 18. Juli 2009, 06:58 »
Ich habe inzwischen bis Seite 130 gelesen und frage mich, wo Sandhofer seine Buch- und Kapiteleinteilungen her nimmt. Ich bin bisher nur auf Kapitel mit römischen Buchstaben gestoßen unterbrochen mit in  "*" unterteilten Abschnitten. Vermutlich stecke ich noch im ersten Buch ;-)

Wird so sein. Wenn Du die Claasen-Ausgabe von 2003 liest, müsste auf S. 15 ein "Erstes Buch" stehen. (Ich habe es selber auch erst gefunden, als da plötzlich die Überschrift "Zweites Buch" stand ...  :redface: )

Im übrigen bin ich jetzt in Buch 4 weiter vorgedrungen. Thelen beschreibt in aberwitziger Weise Vigoleis' erste Erfahrung als Führer. (Nicht A.H. ist gemeint natürlich, Vigoleis und Beatrice amten als Fremdenführer.) Bisher eine der besten Passagen dieses an guten Passagen reichen Buchs.
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Offline Imrahil

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Re: Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
« Antwort #44 am: 18. Juli 2009, 11:54 »
Hallo zusammen,

ich bin auch schon seit einiger Zeit an der Thelen-Lektüre und sehr davon angetan. Thelens sprachliches Feuerwerk (das ja grösstenteils nicht blosses Brimborium ist, sondern durchaus adäquat eingesetzt ist, d.h. die Sprache ist meines Erachtens dem Inhalt angemessen) und das originelle Konzept, das dieser Autobiographie zu Grunde liegt (ich denke an die "angewandten Erinnerungen" und den "doppelten Vigoleis") machen das Buch nicht nur lesenswert; eine Kanonisierung wäre für mein Dafürhalten gerechtfertigt. Es wird zwar immer von einem "Geheimtipp" gesprochen und es gibt ja auch so eine Art verschworene Thelenverehrer-Gemeinde, aber ich habe mal die Probe aufs Exempel gemacht: sowohl in Reclams Roman Lexikon (anfang der 90er) als auch im Harenberg (Buch der 1000 Bücher) wird Thelen aufgeführt. Dagegen habe ich von ihm während meines gesamten, bald abgeschlossenen Germanistikstudiums zugegebenermassen nie gehört...

@Sandhofer: warum findest Du den Helden nicht sympathisch? Das geht mir vollkommen anders: Vigoleis ist ja im Grunde ein Pikaro, der gerade durch sein Anderssein und aufgrund der Einräumung von Schwächen des Lesers Sympathie gewinnt, zumindest meine. Wenn man an die Pilar-Episode denkt, kann man sicherlich anderer Meinung sein, aber im Ganzen betrachtet?

Imrahil
"Die Kunst des Nachdenkens besteht in der Kunst..., das Denken genau vor dem tödlichen Augenblick abzubrechen. - Thomas Bernhard, Gehen