Ludwig Börne, geborener Loew Baruch, war eine der beherrschenden Figuren des Vormärz. Biographische Daten schenke ich mir mal. Wer Börne lesen will, sollte wissen, dass er keine längeren dichterischen Werke hintelassen hat, dafür eine Unmenge von kürzeren Schriften, hauptsächlich zeit- und kulturkritischer Art. Diese Schriften erinnern in Umfang, Sujet und Schärfe an Kurt Tucholsky, nur eben vor einem ganz anderen historischen Hintergrund; und sie sind stilistisch ein Erlebnis, setzen aber auch eine Menge an Hintergrundkenntnissen voraus, die man sich notfalls auch ad hoc aneignen kann. Abgesehen von den unzähligen Briefen handelt es sich hauptsächlich um Literatur- und Theaterkritiken sowie Aufsätze; außerdem eine Handvoll kleiner Erzählungen. Börne war ein Meister dessen, was man heute Feuilleton nennt.
Beim aller gegenseitigen Katzbalgerei (und einem unfairen posthumen Nachtreten!) hat Heine den Rivalen ganz treffend so charakterisiert: "Ich bin eine Guillotine, und Börne ist eine Dampfguillotine".
Börne kann man so ähnlich lesen wie Lichtenberg. Nichts abendfüllendes, aber viele Spitzenlichter.
Sämtliche Schriften sind 1964 in dem inzwischen dahingegangenen Joseph Melzer Verlag erschienen, immerhin fünf dicke Dünndruckbände.