Hallo,
bis IV,18 bin ich jetzt doch schon vorgedrungen, Dank sei den stillen Stunden der Nacht.
Die Runde der farbigen Gestalten um Wilhelm hat sich noch sehr erweitert: Immer wieder trifft er mit neuen, mehr oder weniger geheimnisvollen Gestalten zusammen, bei denen man sich fragt, welche Schicksale und Bezüge da noch zu Tage treten werden.
Nachdem Wilhelm mit der im zweiten Band getroffenen Theatertruppe auf dem Schloss des Grafen gastiert hat und nun auch - neben dem Schreiben von Stücken - als Schauspieler aktiv wird sowie sich in eine zarte Beziehung zur Gräfin fast verstrickt, ist er nun, im vierten Buch , wieder in der Großstadt (in welcher auch immer: Mit geografischen Bezügen geizt Goethe sehr) und bei seinem alten Freund, dem Theaterdirektor Serlo sowie dessen Schwester Aurelie gelandet. Auch sein Söhnchen Felix, von Mariane, sieht er nun zum ersten Mal, ohne das indessen zu ahnen.
Das Geschehen ist sehr farbig, der Roman lässt sich gut lesen. Die Reflexionen über Hamlet, so las ich gerade bei Christane Zschirnt, haben wohl jahrhundertelang die Hamletrezeption und -aufführungspraxis in Deutschland und auch England geprägt, vermittelt durch Samuel Taylor Coleridge, der den "Wilhelm Meister" aus seiner deutschen Studienzeit mit nach England brachte.
Auffallend ist das sich wie ein basso continuo durch den ganzen Roman ziehende Moment halb unterdrückter Sinnlichkeit: Während am Anfang noch relativ klar auf die Bettfreuden Wilhelms und Marianes angespielt wurde, ist Wilhelm nun von lauter Frauen umgeben, die ihn lieben (Philine, die Gräfin, Mignon) und /oder die er (heimlich) liebt wie die schöne Unbekannte, die ihn so an die Gräfin erinnert, ohne dass irgendjemand davon zum Zuge käme.
Vielleicht (ich erinnere mich von meiner Erstlektüre nicht mehr) wird es sich so entwickeln wie in Kleists "Über das Marionettentheater": Nach Verlust des naiven Genusses muss sich Wilhelm die Liebe erst durch langes Leiden und Irrungen/ Wirrungen durch die Hintertür erobern.
Ein schönes Wochenende wünscht
finsbury