Hallo,
mein Stand: VII, 6.
Zu den "Bekenntnissen": wie ich schon oben erwähnte, denke ich, dass das Buch hier an einer Gelenkstelle der Handlung eingeschoben wurde, um an einem beispielhaften Lebenslauf etwas von Wilhelms eigener Entwicklung anzudeuten. Beide wollen von Anfang an ein wertvolles, echtes Leben führen und gehen dabei Irrwege: Wilhelm mit seinen Theater-Chaoten (

@Manjula), die schöne Seele mit ihrer Liebe zu Narziss und der naiven Glaubensstärke, die noch nicht sich selbst reflektiert hat.
Beide werden auf einer höheren Ebene ihre wertvollen Charaktereigenschaften verwirklichen, die sich in ihrem Lebenslauf schon von Anfang an zeigen. Ich glaube allerdings auch, dass noch einige der Verwandten und Bekannten der schönen Seele eine Rolle spielen werden: Die Verwicklung von Pfarrer und Graf wurde ja schon angedeutet.
Nebenbei darf man nicht vergessen, dass Goethe hier ein literarisches Denkmal für seine geschätzte Freundin Fräulein von Klettenberg setzt: Wenn da nicht alles kohärent ist, stört es ihn wohl nicht sehr, sondern ist dem Autobiografischen zu schulden.
Was ich bei Goethe immer wieder erfrischend finde, ist sein Umgang mit Religion und dem Transzendentalen: Wenn es zu einem Menschen passt, verwirklicht er sich eben im Dunstkreis der Herrenhuter; Genauso gut ist es aber möglich, sich ästhetisch- pädagogisch zum ganzen Menschen zu bilden, wie es wohl mit Wilhelm gehen wird.
Religiosität ist für unseren guten Olympier nur ein Daseinsentwurf neben vielen: angenehm unverkrampft!
Die Therese des 7. Buches erinnert mich ein wenig an Werthers Lotte: Auch sie ist so ein praktisch zupackendes Hausmütterchen, hier allerdings nicht in der mütterlichen, sondern der Gutsverwalterinnen-Form: ein ziemlich komplexer Job, den Goethe hier als frauentauglich aufführt: Sonst ist er ja nicht gerade ein Emanzipator!
Grüße
finsbury