Autor Thema: Oktober 2009 - Iwan A. Gontscharow: Oblomow  (Gelesen 11844 mal)

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Oktober 2009 - Iwan A. Gontscharow: Oblomow
« am: 2. Oktober 2009, 20:42 »
Lieber Mitleser,

in diesem Thread darf ausführlich über das Buch Oblomow debattiert werden

Viel Spaß beim Lesen,

Katrin

Teilnehmerliste:

Sir Thomas
Fuu
Bibliomonster
Harald
Dostoevskij
Lost
Robinson
Doris (unsicher)
Dusy
Jaqui
« Letzte Änderung: 3. Oktober 2009, 15:42 von Jaqui »

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Oktober 2009 - Iwan A. Gontscharow: Oblomow
« Antwort #1 am: 2. Oktober 2009, 20:45 »
Hier werden Lesematerialien gesammelt.
Wie immer anfangs sehr einfallsreich  :breitgrins:

Infos über den Autor (wikipedia)
Infos über das Buch (wikipedia)

Falls wer weitere Infos hat, bitte erweitern.

Katrin
« Letzte Änderung: 3. Oktober 2009, 10:17 von Jaqui »

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomov
« Antwort #2 am: 3. Oktober 2009, 09:55 »
Hallo liebe Mitlesende,

Die ersten paar Seiten habe ich mir mittlerweile zu Gemüte geführt und festgestellt, dass ich diesen Oblomow nicht mag. Seine kommandierende Art gefällt mir nicht, dass er nicht aufstehen will, steht ja schon am Klappentext, aber das es so extrem sein wird, hat mich doch überrascht. Ich habe eher angenommen, dass ist so eine Art Metapher und er verlässt einfach das Haus nicht. Dabei liegt er wirklich nur im Bett herum.

Wobei ich diesen Zustand als Morgenmuffel an manchen Tagen auch kenne  :breitgrins: Da wird sich im Bett noch mal hin und her gewälzt, der Wecker ständig um weitere zehn Minuten weitergedreht, um dann müder als je zuvor aus dem Bett zu kriechen.

Das wars erstmal von mir.

Katrin
« Letzte Änderung: 3. Oktober 2009, 10:16 von Jaqui »

Offline Sir Thomas

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1670
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomov
« Antwort #3 am: 3. Oktober 2009, 13:40 »
... dass ich diesen Oblomow nicht mag.

Hi Katrin,

ein bisschen von der Art dieses schrägen Vogels steckt in jedem Menschen, warum ist Dir das so unsymphatisch? Man könnte ihn auch für eine Art Aussteiger oder Totalverweigerer halten ...  Ich habe den Eindruck, dass Gontscharow durchaus mit seiner Hauptperson sympathisiert.

Außerdem: Wir sprechen hier von einer Figur, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts als Gutsbesitzer in Rußland lebte. Das heißt: Um allzu viele Dinge musste er sich nicht sorgen, denn er war umgeben von einer diensteifrigen Schar, die jede Zumutung von ihm fernhielt. Diese "parasitäre" Lebensform mag man heute kritisieren, damals war sie normal (zumindest für die besitzenden Klassen).

Da ich schon ein wenig weiter gelesen habe als Du, erschließt sich mir dieser Oblomow übrigens aus einer ganz anderen Perspektive. Aber ich möchte nichts vorwegnehmen ...

Viele Grüße

Tom

Offline Sir Thomas

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1670
Re: Oktober 2009 - Iwan A. Gontscharow: Oblomow
« Antwort #4 am: 3. Oktober 2009, 13:50 »
Die Wikipedia-Artikel sind leider ziemlich flach, auch die englischsprachigen sind in diesem Fall nicht besser. Gontscharow ist halt nicht Dostojewski oder Tolstoi, zumindest nicht vom Bekanntheitsgrad in Deutschland. Qualitativ bewegt Gontscharows sich aber mMn. auf Augenhöhe mit den beiden Giganten.     

Leider kann ich kein Russisch. Das versperrt den Zugang zu einer großen Fundgrube.

Ich hoffe sehr, dass wir besseres Material auftreiben.

Viele Grüße

Tom

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomov
« Antwort #5 am: 3. Oktober 2009, 14:42 »
ein bisschen von der Art dieses schrägen Vogels steckt in jedem Menschen, warum ist Dir das so unsymphatisch? Man könnte ihn auch für eine Art Aussteiger oder Totalverweigerer halten ...  Ich habe den Eindruck, dass Gontscharow durchaus mit seiner Hauptperson sympathisiert.

Ich mag ihn deswegen nicht, weil er mit seinem Angestellten so herumspringt. Aufgrund seiner eigenen Unfähigkeit (Suchen und Finden des Briefes und ähnliches) wird sein Angestellter im ganzen Raum herumgescheucht. Und als ihn dieser darauf aufmerksam macht, dass er ja drauf liegt, wird er auch noch patzig.

Solche Leute mag ich einfach nicht. Aber vielleicht ändert sich meine Sichtweise ja noch.

Katrin

Offline Sir Thomas

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1670
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #6 am: 3. Oktober 2009, 15:37 »
Ich mag ihn deswegen nicht, weil er mit seinem Angestellten so herumspringt.

Liebe Katrin,

die Beziehung zwischen Oblomow und seinem Diener Sachar als "Angestelltenverhältnis" zu deuten, entspricht nicht der damaligen russischen Praxis der Leibeigenschaft.

http://de.wikipedia.org/wiki/Leibeigenschaft

Mir scheint, Du bist noch nicht so richtig angekommen in diesem Roman ...  :zwinker:

LG

Tom

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #7 am: 3. Oktober 2009, 15:46 »
Mir scheint, Du bist noch nicht so richtig angekommen in diesem Roman ...  :zwinker:

Danke für den Link.  :winken:
Aber mit deiner Vermutung könntest du schon recht haben, ich muss mich erst an das Jahrhundert gewöhnen und das ist nicht einfach. Ich werde mich einfach mal auf den Roman einlassen und in Ruhe weiterlesen.

Katrin

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #8 am: 4. Oktober 2009, 15:10 »
Mittlerweile habe ich die ersten drei Kapitel des ersten Teils gelesen und irgendwie tut mir Oblomow ein wenig leid. Er liegt nur zu Hause herum, bedauert alljene, die bei ihm vorbeischauen und merkt gar nicht, dass das Leben an ihm vorbeiläuft. Er verpasst so viel im Leben. Was mich aber wundert ist, dass immer wieder Leute bei ihm vorbeischauen. War es nicht eigentlich so, dass man die Leute auch besuchen musste, um gesellschaftlich beachtet zu werden? Aber so wie ich das sehe geht Oblomow zu keinen Anlässen und dennoch ist bei ihm ein ständiges Kommen und Gehen.

@Sir Thomas: Ich weiß jetzt was mich am Verhältnis Oblomow zu Sachar gestört hat. Der Diener ist viel zu frech! Er widerspricht ihm dauernd, sagt ihm, dass er nur zusammen räumen kann, wenn Oblomow endlich das Haus verlässt und so weiter. Das war doch auch kein normales Verhalten in dieser Zeit, oder? Und Oblomow beschwert sich zwar darüber, ändert aber nichts daran. Das hat mich angfangs extrem irritiert.

Katrin

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #9 am: 4. Oktober 2009, 19:05 »
Nachdem ich bis Kapitel 5 weitergelesen habe, will ich dazu auch noch schnell was sagen: Diesem Tarantjew stehe ich zwiespältig gegenüber. Einerseits reißt er Oblomow aus seiner Melancholie und andererseits ist er ein sehr unangenehmer Mensch, wie er sich das Geld einstreift und es dann plötzlich "nicht mehr findet" und wie immer alles nach seinem Kopf gehen muss. Aber ich finde seine Art mit Oblomow umzugehen auch ein wenig gut. Immerhin wird dieser zum Handeln gezwungen, was sicher nicht das Schlechteste für ihn ist.

Auf der anderen Seite finde ich Alexejew sehr mysteriös. Keiner sieht ihn richtig, keiner kann ihn einschätzen und dennoch ist er ein sehr netter, zuvorkommender Mensch, der nirgends anecken will.

Nach dem Lesen von Kapitel 5 verstehe ich Oblomow aber ein wenig besser. Er ist mit der Zeit einfach nicht mitgekommen, wollte lieber Nichtstun als arbeiten und hat nicht verstanden, dass er jeden Tag im Büro erscheinen muss und nicht nur dann wann er gerade Lust dazu hat.  :breitgrins: So eine Arbeitsmoral kann in keiner Zeit funktionieren.

Katrin

Offline Lost

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1062
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #10 am: 4. Oktober 2009, 19:17 »
Etwas verspätet kann ich mich nun auch der Leserunde anschließen. In Slowenien hatte ich kein Internet und in der freien Zeit war ich ziemlich abgespannt, weshalb meine Lektüre allerdings nicht sehr weit gekommen ist.
Die ersten Seiten wirken auf mich wie ein Kammerspiel. Gontscharow führt uns nach Oblomow nacheinander einige Charaktere vor, die mit Ausnahme von Sachar nach ihrem Auftreten zunächst spurlos wieder verschwinden verschwinden. Gegenwelten entstehen. Auf der einen Seiten, das symbiotisch lebende Paar O. und Sachar, auf der anderen Seiten die Bekannten aus der Außenwelt. Es ist für O. eine feindliche Außenwelt und wenn auch seine Bekannte keine Feinde sind, so bringen sie, die aus der Kälte kommen, die Gefahr von Krankheit mit in den kleinen, schäbigen Haushalt von O.
Meine sehr persönliche Sicht auf O. lässt ihn mir nicht unsympathisch erscheinen, doch möchte ich Sir Thomas widersprechen. Gontscharow hat bestimmt keine Sympathie für ihn. Als Zensor wusste G. bestimmt wie er über was schreiben durfte um nicht dem eigenen Amt zum Opfer zu fallen. O. steht hier für die Klasse der einflussreichen Gutsbesitzer, die nicht nur ihr Leben, sondern auch die Zukunft Russlands verschlafen. Ich neige im Augenblick dazu den Roman als eine Allegorie auf die damalige russische Gesellschaft zu sehen.
Das Verhältnis  zwischen Oblomow  Sachar, das Jaqui kritisiert ist, glaube ich, komplexer als es am Anfang ersichtlich ist. Möglicherweise ist hier eine Persönlichkeit in zwei Personen aufgespalten, die in einer gegenseitigen Abhängigkeit leben. Man denke sich nur einen von beiden weg. Ist die verbliebene Person dem Laben dann noch gewachsen?
Die ersten Kapitel sind voller Einzelheiten und ich vermute, viele davon werden sich noch als bedeutsam erweisen. Die weitere Lektüre wird zeigen was an meiner Vermutung richtig ist.
Vorerst ist es ein Vergnügen den Das Buch zu lesen.
« Letzte Änderung: 4. Oktober 2009, 20:13 von Lost »

Offline Jaqui

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1059
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #11 am: 4. Oktober 2009, 19:32 »
Hallo Lost,

O. steht hier für die Klasse der einflussreichen Gutsbesitzer, die nicht nur ihr Leben, sondern auch die Zukunft Russlands verschlafen. Ich neige im Augenblick dazu den Roman als eine Allegorie auf die damalige russische Gesellschaft zu sehen.

Das ist eigentlich mein größtes Problem, denn ich habe vorher noch nie einen russischen Klassiker gelesen und auch mit der russischen Geschichte bin ich so gut wie gar nicht vertraut.


Das Verhältnis  zwischen Oblomow  Sachar, das Jaqui kritisiert ist, glaube ich, komplexer als es am Anfang ersichtlich ist. Möglicherweise ist hier eine Persönlichkeit in zwei Personen aufgespalten, die in einer gegenseitigen Abhängigkeit leben. Man denke sich nur einen von beiden weg. Ist die verbliebene Person dem Leben dann noch gewachsen?

Das ist eine interessante Sichtweise, aus der ich das noch nie betrachtet habe.

Katrin

Offline Lost

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1062
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #12 am: 4. Oktober 2009, 20:25 »
Hallo Lost,

O. steht hier für die Klasse der einflussreichen Gutsbesitzer, die nicht nur ihr Leben, sondern auch die Zukunft Russlands verschlafen. Ich neige im Augenblick dazu den Roman als eine Allegorie auf die damalige russische Gesellschaft zu sehen.

Das ist eigentlich mein größtes Problem, denn ich habe vorher noch nie einen russischen Klassiker gelesen und auch mit der russischen Geschichte bin ich so gut wie gar nicht vertraut.

Nun, ich meine das Russland im 19.Jahrhundert war die rückständigste von den bedeutenderen europäischen Nationen. Selbst der Donaumonarchie, die sich immer um Rückständigkeit bemühte, gelang es nicht, Russland darin zu übertrumpfen. Während die anderen europäischen Großmächte den Prozess der Industrialisierung stürmisch fortsetzten, blieb Russland in feudalen Agrarstrukturen mit Leibeigenschaft, veralteter Bodenbewirtschaftung einem überkommenen Rechts- und Bildungssystem hängen. Lenin bezeichnete ( wie ich im Nachwort las) die Figur des Oblomow als Krebsgeschwür in der russischen Gesellschaft.


Offline Lost

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1062
Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #14 am: 4. Oktober 2009, 21:10 »
Was mich übrigens an meiner dtv-Ausgabe stört ist das Bild auf dem Buchdeckel. Es zeigt den Komponisten Michail Glinka beim komponieren der Oper: Ruslan und Ljudmila, (laut Impressum) also einen ausgesprochen kreativen und tätigen Menschen. Hier haben die Buchgestalter keinen Sinn für den Roman bewiesen.