Autor Thema: Oktober 2009 - Iwan A. Gontscharow: Oblomow  (Gelesen 12161 mal)

Offline Doris

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #60 am: 14. Oktober 2009, 22:30 »
Ich muss mich auch ein bisschen auf Oblomows Seite schlagen. Noch ist sein lethargisches Leben nicht so lange Vergangenheit, und wenn er diesen Lebensstil jahrelang gepflegt hat, wird er sich nicht innerhalb weniger Wochen ändern und zum spontanen und wagemutigen Menschen entwickeln. Vermutlich waren die Frauen damals zurückhaltender als in unserer Zeit; ich finde, Olga ist schon sehr mutig und aufgeschlossen in ihrer Art, Oblomow ihre Gefühle zu offenbaren. Für einen so zurückhaltenden Mann wie Oblomow ist es bestimmt nicht leicht, damit umzugehen.

Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen sind bei ihm nicht vorhanden, und das wird sich auch so schnell nicht entwickeln. Dazu bräuchte es wohl einen Stolz, der Oblomow bei der Hand nimmt, gut zuredet und unterstützt. Ich finde es schon beachtlich, dass er so schnell einen Brief an Olga schreibt, was seinen sonstigen Gewohnheiten ja ganz und gar nicht entspricht.

Ob er den Brief auch abgeschickt hat, weiß ich noch gar nicht, da ich unmittelbar nach dem Brief aufhören musste zu lesen  :zwinker:

Grüße
Doris

Offline Lost

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #61 am: 15. Oktober 2009, 11:22 »
Katrin, mir sind die Romane die Liebsten, wenn ich darin etwas von mir, von meinem Leben oder auch von meinen (Alb)Träumen finde. Ich steige dann auch in die Geschichten hinein, und lebe mit den Figuren, schaffe mir Freunde und Gegner. Wir müssen jedoch auch dem Autor sein Recht lassen, uns seine Sicht der Dinge zu zeigen, und in diesem „Männerroman“ stellt er uns eben eines der wenigen unvollkommenen Exemplare vor :zwinker:  Für Frauen kann das verstörend sein. Welche Frau kann auch schon den Mann den sie sich wünscht, von dem unterscheiden, mit dem sie es zu tun hat  :zwinker:

Für einen verliebter Mann, noch in der Phase der Unsicherheit, lauert hinter jeder Geste, hinter jedem Wort die Panik, er liegt nachts wach und grübelt über die möglichen Fehler, die er am Tag gemacht hat und die Folgen die das haben kann. Er lauert auf jedes Zeichen und verliert die Fähigkeit es zu deuten, er wird zum Nervenbündel und wehe, schwankend zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Wehe ihm, wenn das  nicht vorüber geht. Oblomow kann ich da sehr gut verstehen.

Ich kann Doris auch zustimmen. Wenigstens am Anfang seiner Werbung um Olga zeigt Oblomow den Willen zur Veränderung, leider fehlt ihm dazu der Hintergrund und vielleicht hat er sich dafür auch überschätzt. Das ist aber auch das zentrale Thema dieses Romans.

Was die Frauen des niederen Adels und des Bürgertums im 19. Jahrhunderts betrifft, ganz pauschal: eine Frau war in ihrer Jugend Tochter und dann möglichst früh Ehefrau, sonst war sie nichts, im besten Fall konnten die „Späten Mädchen“ Gouvernante werden, in „schlimmeren“ Fällen Nonne oder vertrocknete Jungfer. Die standesgemäße Ehe war das große Ziel, die Erziehung danach ausgerichtet und das hat auch die Fähigkeit geförsert sich tief zu verlieben, den mit dem Mann kam die Aussicht auf Sicherheit und Anerkennung. Wir kennen einige Fälle in denen Frauen aus dieser Rolle ausgebrochen sind, oft mit dramatischen Folgen (man braucht nur Fontane, Flaubert, Stendal, Zola u.u.u. zu lesen) manchmal mit Erfolg, aber vorherrschend war die Unterordnung unter den Mann Ziel, Schicksal und durch die Gesetze erzwungen (vielleicht ist ja auch deshalb das 19. so ein grandioses Jahrhundert  :breitgrins:  )

Unsere beiden gegenwärtigen Hauptpersonen gehören zu denen die keinem Broterwerb nachgehen. Sie haben also viel Zeit für Gefühle und können sich darauf konzentrieren. Die Konventionen zwingen sie in ein enges Korsett und Olga  ist zu bewundern, wie frei sie sich macht und eigentlich ein Vorbild für Oblomow darstellt. Von Oblomow können wir nicht das Gleiche erwarten, sonst wäre er nicht Oblomow.

Offline Jaqui

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #62 am: 15. Oktober 2009, 11:36 »
Für Frauen kann das verstörend sein. Welche Frau kann auch schon den Mann den sie sich wünscht, von dem unterscheiden, mit dem sie es zu tun hat  :zwinker:

Ich würde da jetzt gerne was erwidern, aber ich interpretiere den Smiley jetzt mal als Scherz. Daher lasse ich es bleiben  :zwinker:


Was die Frauen des niederen Adels und des Bürgertums im 19. Jahrhunderts betrifft, ganz pauschal: eine Frau war in ihrer Jugend Tochter und dann möglichst früh Ehefrau, sonst war sie nichts, im besten Fall konnten die „Späten Mädchen“ Gouvernante werden, in „schlimmeren“ Fällen Nonne oder vertrocknete Jungfer. Die standesgemäße Ehe war das große Ziel, die Erziehung danach ausgerichtet und das hat auch die Fähigkeit geförsert sich tief zu verlieben, den mit dem Mann kam die Aussicht auf Sicherheit und Anerkennung. Wir kennen einige Fälle in denen Frauen aus dieser Rolle ausgebrochen sind, oft mit dramatischen Folgen (man braucht nur Fontane, Flaubert, Stendal, Zola u.u.u. zu lesen) manchmal mit Erfolg, aber vorherrschend war die Unterordnung unter den Mann Ziel, Schicksal und durch die Gesetze erzwungen (vielleicht ist ja auch deshalb das 19. so ein grandioses Jahrhundert  :breitgrins:  )

Das ist mir alles bewusst, aber vielleicht bin ich zu sehr Emanze um diese Romane neutral zu lesen. Ich krieg immer voll die Krise wenn sich die Frau unterordnen muss. Ich bin bei weitem keine Alice Schwarzer und halte auch Reden in denen ständig das Wort "Innen" vorkommt, für völlig lächerlich, aber ein bisschen Eigenständigkeit darf es dann schon sein.
Ich lese eben lieber Romane in denen sich die Frauen in der Zeit aufgelehnt haben und gewannen, anstatt zu verlieren.


Unsere beiden gegenwärtigen Hauptpersonen gehören zu denen die keinem Broterwerb nachgehen. Sie haben also viel Zeit für Gefühle und können sich darauf konzentrieren. Die Konventionen zwingen sie in ein enges Korsett und Olga  ist zu bewundern, wie frei sie sich macht und eigentlich ein Vorbild für Oblomow darstellt. Von Oblomow können wir nicht das Gleiche erwarten, sonst wäre er nicht Oblomow.

Ja, das stimmt. Was würde uns einfallen wenn wir den ganzen Tag in Gefühlen schwelgen würden  :zwinker:
Das Buch ist nach wie vor spannend und ich habe auch fast das vorletzte Kapitel in diesem Teil geschafft. Diese Woche werde ich aber nicht mehr viel zum Lesen kommen, da ich morgen nach Frankfurt zur Buchmesse fahre und erst am Sonntag in der Nacht zurück komme.

Katrin

Offline Lost

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #63 am: 15. Oktober 2009, 12:11 »


Ich lese eben lieber Romane in denen sich die Frauen in der Zeit aufgelehnt haben und gewannen, anstatt zu verlieren.


Du hattest schon erwähnt, dass du auch Fantasy-Romane magst  :breitgrins:

Ida Pfeiffer wird dir aber imponieren:

http://www.amazon.de/Eine-Frau-f%C3%A4hrt-die-Welt/dp/3853712495/ref=sr_1_2?ie=UTF8&s=books&qid=1255601269&sr=8-2

Mir jedenfalls imponiert sie sehr.

Offline Jaqui

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #64 am: 15. Oktober 2009, 12:57 »
Ich lese eben lieber Romane in denen sich die Frauen in der Zeit aufgelehnt haben und gewannen, anstatt zu verlieren.

Du hattest schon erwähnt, dass du auch Fantasy-Romane magst  :breitgrins:

Das werte ich jetzt als persönlichen Angriff  :breitgrins: Es gab sicher Frauen die sich gegen das System aufgeleht haben.

Danke übrigens für den Buchtipp, schaue ich mir genauer an.

Katrin

Offline Doris

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #65 am: 15. Oktober 2009, 23:32 »
Eine Szene hat mich heute stutzig gemacht:
Und wenn dieser Brief und all das andere nicht gewesen wäre, hätte sie nicht geweint und alles wäre so wie gestern, wir würden hier still miteinander in der Allee sitzen, einander anblicken und über das Glück reden. Und morgen würde es wieder so sein...
Er gähnte mit sperrangelweit geöffnetem Mund.


Selbst wenn dieser Abschnitt in einem Moment spielt, als Oblomow wegen einer durchwachten Nacht sehr müde ist, kommt mir der letzte Satz doch sehr bedeutsam vor. Erwartet er von seiner zukünftigen Ehefrau mehr als nur häusliche Geborgenheit, vielleicht die pure Leidenschaft oder wenigstens spontane Überraschungen und Abwechslung? Das klingt gar nicht nach dem Oblomow des ersten Buches, der sich am liebsten im Bett verkriecht und den vermögenden Adeligen abgibt. Sucht er nach Gründen, um einer Ehe zu entgehen, die gerade in greifbare Nähe rückt?

Ich lese eben lieber Romane in denen sich die Frauen in der Zeit aufgelehnt haben und gewannen, anstatt zu verlieren.

Dann könnte dieses Buch etwas für dich sein:


Offline Jaqui

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #66 am: 16. Oktober 2009, 08:17 »
Danke für den Tipp. Von Charlotte Bronte habe ich schon Jane Eyre gelesen und das fand ich sehr gut. Werde mehr von ihr lesen, habe ich bisher immer aufgeschoben.

Ich habe den zweiten Teil jetzt beendet und bin etwas verwirrt. Aber meine Frage stelle ich erst wenn alle mit dem Teil fertig sind, sonst verrate ich zu viel.

Katrin

Offline Lost

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #67 am: 16. Oktober 2009, 08:36 »
@Jaqui:

Ein Ausschnitt aus einem Interview mit Amos Oz aus faz-online:
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Weshalb lesen wir eigentlich Romane?

Weil es ein großes Vergnügen ist, an ihrer Erschaffung teilzuhaben. Wenn man einen Roman liest, ist man der Ko-Autor oder der Aufführende. Es ist, als ob einem der Autor die Noten geliefert hätte und man den Roman wie ein Stück Musik spielen könne. Wenn ein Roman einen Sonnenuntergang beschreibt, muss der Leser seinen eigenen Sonnenuntergang zu dem Buch beisteuern; erzählt der Roman von unerwiderter Liebe, muss der Leser die eigene unerwiderte Liebe einbringen. Mit einem Roman verhält es sich anders als mit einem Bild, einer Theateraufführung oder einem Kinofilm, die alle ganz direkt die Sinne ansprechen. Wenn man jedoch einen Roman aufschlägt, sieht man nichts als tote Ameisen im Schnee. Es ist die Kunst, diese Ameisen in Bilder, Gerüche, Geräusche und Erfahrungen zu verwandeln, die das Lesen zu einem so großen Vergnügen macht.

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Vielleicht hilft es dir, deine Abneigung gegen einige Figuren ein wenig zu besänftigen.

Viel Spaß auf der Buchmesse. Ich selbst wohne zwar im Rhein-Main-Gebiet, war aber noch niemals dort.



Offline Jaqui

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #68 am: 16. Oktober 2009, 12:16 »
Amos Oz hat sicherlich Recht  :winken:

Ich habe nun die ersten drei Kapitel im dritten Teil beendet und da taucht Tarantjew wieder auf. Nach den ersten Sätzen von ihm hatte ich schon die Befürchtung dass Oblomow wieder klein bei gibt, aber diesmal hat er sich ja ordentlich gewehrt. Da war ich ganz stolz auf O.  :breitgrins:

Was allerdings mit Olga los ist weiß ich nicht wirklich. Sie hält den armen Kerl hin. Klar, Oblomow könnte noch aktiver sein und die ganzen Sachen endlich regeln anstatt alles schleifen zu lassen, aber die Drängerei von Olga bringt ihn da nicht wirklich weiter. Da stellt sich bei mir die Frage ob sie ihn überhaupt will.

@Lost: Danke, den Spaß werde ich haben. Die Buchmesse ist schon was besonders. Ich fahre heuer zum dritten Mal hin. Die Wiener Buchmesse dagegen habe ich voriges Jahr ausgelassen  :breitgrins: dabei war die ja praktisch vor meiner Nase.

Katrin

Offline Doris

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #69 am: 17. Oktober 2009, 23:15 »
Ich habe den dritten Teil fertig gelesen. Das ständige Hin und Her zwischen den beiden Verliebten bleibt ohne Ergebnis, was vor allem an Oblomow liegt. Seine Unentschlossenheit in dieser Herzensangelegenheit gleicht der Situation mit seinem Gut: Er hat viel Kostbares in den Händen und weiß nicht damit umzugehen und das Beste daraus zu machen. Zumindest als Verwalter ist er neben seiner schulischen Ausbildung von seinem Vater offensichtlich nur unzureichend vorbereitet worden, so dass man hier zumindest kaum einen Vorwurf machen kann. Es tut schon fast weh zu lesen, wie er sich von seinen Angestellten ausnehmen lässt und blauäugig alles glaubt, was man ihm schreibt. Da ist es fast schon verwunderlich, dass er sich Olga so lange widersetzt, die auf eine Bekanntgabe ihrer Liaison drängt. Eigentlich würde es eher zu seinem Charakter passen, sich auch hier dem Drängen zu ergeben.

Zu Beginn war mir diese Liebesgeschichte schon fast etwas zu lang, aber inzwischen verfolge ich mit wachsender Begeisterung, wie sie sich entwickelt.
« Letzte Änderung: 17. Oktober 2009, 23:18 von Doris »

Offline Lost

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #70 am: 18. Oktober 2009, 12:43 »
Den Roman konnte ich am Wochenende fertig lesen. Um nicht vorzugreifen, will ich jedoch bis zum nächsten Wochenende mit meinem Kommentar warten, vorausgesetzt ihr seit nicht früher am Ende ;-)

Im letzten Kapitel gibt es aber eine Einzelheit, die ich schon jetzt ansprechen will, weil sie über die Geschichte kaum etwas verrät, mich aber völlig überraschte.
Gontscharow selbst taucht in seinem Roman auf und stellt u.a. die Frage. „Ich möchte gerne wissen, wie man Bettler wird...?“
Er bekommt die Antwort: „Wozu brauchst du das? Willst du etwa „Mysteres de Petersbourg“ schreiben?“
Als hätte G. geahnt, was unsere nächste gemeinsame Lektüre ist :rollen:

@Doris:
O. zweifelt natürlich an seinen Möglichkeiten Olga ein standesgemäßes Umfeld zu bieten, und krankt, wie du schreibst, an seinen mangelnden Fähigkeiten die Angelegenheiten ins Reine zu bringen, auch weil sich jetzt seine prekäre Situation zeigt. Keine passende Wohnung, kein Überblick über die finanzielle Lage, ein verlotterter Besitz und eine gewisse Selbsterkenntnis. Werf dich damit mal auf die Knie und halte um die Hand einer Frau an.

Offline Doris

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #71 am: 18. Oktober 2009, 22:56 »
Oblomow soll sich nicht auf die Knie werfen, sondern auf die Hinterbeine stellen und endlich in sein Dorf fahren  :zwinker:. So viel Grips muss er doch haben zu erkennen, dass sich die Situation nicht bessert, wenn er weiterhin den Kopf in den Sand steckt und erwartet, dass irgendjemand seine Angelegenheiten regelt. Außerdem ist ihm bekannt, dass auf dem Gut einiges im Argen liegt. Da macht es doch mehr Eindruck auf die Zukünftige, wenn er tatkräftig gegen die Missstände angeht, als wenn er sich so passiv verhält.

Auf Sue gab es früher schon mal eine Anspielung. Leider habe ich die Stelle nicht mehr gefunden. Gibt es da etwa einen persönlichen Bezug für Gontscharow?

Grüße
Doris

Offline Lost

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #72 am: 19. Oktober 2009, 08:12 »
Oblomow soll sich nicht auf die Knie werfen, sondern auf die Hinterbeine stellen und endlich in sein Dorf fahren  :zwinker:. So viel Grips muss er doch haben zu erkennen, dass sich die Situation nicht bessert, wenn er weiterhin den Kopf in den Sand steckt und erwartet, dass irgendjemand seine Angelegenheiten regelt. Außerdem ist ihm bekannt, dass auf dem Gut einiges im Argen liegt. Da macht es doch mehr Eindruck auf die Zukünftige, wenn er tatkräftig gegen die Missstände angeht, als wenn er sich so passiv verhält.

Grüße
Doris

Du liegst m.E. richtig, so wie Stolz. Es ist aber halt ein Roman, der die Folgen der Lethargie zum Thema hat und die Russen zum Nachdenken bringen sollte. Es ist halt kein Entwicklungsroman. Oblomow kennt ja seine Schwächen, nur überwinden kann er sich nicht und so treibt er durch dass Leben wie ein Stück Holz auf dem Meer. Im Roman sind die zu treffenden Entscheidungen klar zu erkennen, im richtigen Leben, finden sich allerdings häufig Situationen, in denen Entscheidungen nicht eindeutig in eine bestimmte Richtung weisen, und dann ist Nichtstun ja nicht unbedingt eine erfolglose Strategie.
Auch wenn ich vorgreife: die Entscheidung Oblomows Olga z. B. nicht heiraten war richtig, wenigstens für Olga.
Pädagogisch sinnvoll wäre es, wenn  Gontscharow seinem Helden ein Happyend können würde. Die russische Seele, auch die der Autoren scheint aber schwermütig zu sein und so belässt er es dabei die unausweichlichen Folgen zu beschreiben.

Sue war wohl damals das, was heute Dan Brown u. ä. sind.


Offline Jaqui

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #73 am: 19. Oktober 2009, 09:29 »
Na, da seid ihr mir aber jetzt davon gerannt  :breitgrins:

Wie zu erwarten bin ich während der Messe natrlich nicht mal annähernd dazu gekommen am Oblomow weiter zu lesen und während der siebenstündigen Heimfahrt habe ich begonnen "Das verlorene Symbol" von Dan Brown zu lesen. (Ich bin übrigens nicht Schul daran, mein Freund hat es für mich gekauft  :breitgrins: ich habe andere Bücher mitgenommen)

Aber ich bin optimistisch, dass ich das Buch bis zum Wochenende gelesen haben werde. Eure Kommentare habe ich schon gelesen und ich habe schon befürchtet dass es kein Happy End für unseren Oblomow geben wird. Wie genau sich alles abspielen wird, werde ich aber jetzt erkunden.

Katrin

Offline Sir Thomas

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Re: Iwan A. Gontscharow - Oblomow
« Antwort #74 am: 19. Oktober 2009, 15:02 »
Es ist aber halt ein Roman, der die Folgen der Lethargie zum Thema hat und die Russen zum Nachdenken bringen sollte. Es ist halt kein Entwicklungsroman.

Ja, es ist schon seltsam: Während Gontscharows Landsmann Dostojewski wenige Jahre nach „Oblomow“ einen 800-Seiten-Roman darauf verwendet, die Hölle der seelischen Entwicklung anhand des Mörders Raskolnikow zu schildern („Schuld und Sühne“), bleibt unser „Held“ wie ein Muster an Beharrungsvermögen unbelehrbar und stoisch. Mir fällt aus jener Zeit nur ein literarischer Charakter ein, der sich vergleichbar verhält: Herman Melvilles Bartleby mit seinem „Ich möchte lieber nicht.“

Mich erinnert Oblomow an die Antihelden, die mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts die literarische Bühne eroberten, vor allem Simon Tanner von Robert Walser („Geschwister Tanner“) und Franz Kafkas berühmter K. („Der Process“). Deshalb neige ich dazu, in Oblomow nicht allein eine Kritik an den russischen Verhältnissen in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu sehen, sondern auch eine  moderne Variante des alten Don Quixote-Themas „Ich gehe durch die Welt, wie es mir gefällt …“ Auch wenn diese Welt sich verändert, aus den Fugen gerät und mit persönlichen Träumen und Vorstellungen nicht mehr in Einklang zu bringen ist, bleiben die Oblomows und Bartlebys sich selbst und ihrem Leiden an und in der Welt treu – koste es, was es wolle. Für diese Art des „passiven Widerstands“ (oder – modern ausgedrückt – authentischen Handelns) entrichten sie einen hohen Preis: den des persönlichen Untergangs.

Aus diesem kurzen Resumé könnt Ihr entnehmen, das ich die Lektüre am Wochenende beendet habe. Ich bin nun gespannt auf Eure abschließenden Bemerkungen.

LG

Tom