Autor Thema: Grimmelshausen: Simplicissimus  (Gelesen 8049 mal)

Offline Lost

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Grimmelshausen: Simplicissimus
« am: 7. Oktober 2009, 12:39 »
Hallo,

kennt jemand eine Quelle im Netz, in der Ausschnitte vom oder der komplette Urtext des Simplicissimus zu finden sind?

Über Google habe ich es nicht gefunden.

Vor Jahren laß ich die Ausgabe der WBG, nun habe ich die Neuübersetzung gekauft (warum ist das eine Übersetzung und keine Übertragung?) und möchte ein Mal wissen, wie sich der ursprüngliche Text lesen lässt.



Offline Wolf

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #2 am: 7. Oktober 2009, 13:20 »
Die folgende Ausgabe von 1854 behält die originale Orthographie weitgehend bei: http://books.google.de/books?id=zFQZAAAAYAAJ&pg=PP9
Hier die Links zu den ersten beiden Kapiteln:
http://books.google.de/books?id=zFQZAAAAYAAJ&pg=PA25
http://books.google.de/books?id=zFQZAAAAYAAJ&pg=PA32

Beim vorher erwähnten Gutenberg-Text wurde teilweise nicht nur die Schreibung, sondern auch die Lautung verändert: Harpffe -> Harfe; darzu -> dazu (wobei man da im einzelnen noch diskutieren könnte, wie diese Wörter damals wirklich ausgesprochen worden sind; das ist ein weites Feld). Einen gut lesbaren Originaltext gibt es im "Deutschen Klassikerverlag" sehr günstig als Taschenbuch. Die wichtigsten Wörter werden da jeweils am Seitenende erklärt, so daß man nicht andauernd im umfangreicheren Stellenkommentar nachblättern muß. Das finde ich sehr praktisch.

Irgendwo im Netz habe ich auch mal eine direkte Gegenüberstellung von Ausschnitten des Originals und der Neubearbeitung gesehen, mal sehen, ob ich das noch finde ...

Es war wohl dieses PDF, das ich im Sinn hatte:
http://www.reinhardkaiser.com/LesesaalNeu/VersammelteWerke/grivorschau.pdf
Darin gibt es aber nun doch keinen direkten Vergleich, sondern nur eine kleine Liste von "Falschen Freunden" auf der sechsten Seite. Allerdings findet sich beispielsweise vergeben für vergiften noch bei Lessing oder auch in Grimms Sagen, die man ja normalerweise auch nicht übersetzt. ;-) Interessen im Sinne von Zinsen ist ebenfalls zu Goethes Zeiten noch üblich. Goethes Werther schreibt an einer Stelle, daß er sich dreimal prostituiert habe, das müßte man ja eigentlich auch schon übersetzen, weil das Wort heute einen ganz anderen Sinn hat. Den alten Wortgebrauch lernt man nur durch Lesen der Originalfassungen (kommentierte Ausgaben helfen einem dabei), deshalb stehe ich derartigen Neuübertragungen einigermaßen skeptisch gegenüber. Allerdings hat man ja als Leser immer noch die Wahl, die Originalfassung zu lesen, deshalb schadet eine Neubearbeitung auch nicht, denn sie läßt das Original unangetastet.

Schöne Grüße,
Wolf
« Letzte Änderung: 7. Oktober 2009, 13:57 von Wolf »

Offline Lost

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #3 am: 7. Oktober 2009, 20:22 »
Danke ihr beiden für die Links und die Erläuterungen. Ich habe den Band aus dem Klassikerverlag bestellt.

Offline Giesbert Damaschke

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #4 am: 7. Oktober 2009, 21:10 »
Mich hat der Auszug hinreichend überzeugt, die Übersetzung zu bestellen 8-) (Am O-Ton habe ich mich mal vor langer Zeit versucht. Das war nix.)
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Offline Giesbert Damaschke

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #5 am: 9. Oktober 2009, 14:44 »
Der übersetzte Grimmelshausen ist heute gekommen. Schönes Buch. Ich hab mal reingeschnuppert und musste gleich aufpassen, dass ich mich nicht festlese. Schon mal kein schlechtes Zeichen, denke ich.

Jetzt bräuchte ich nur noch die Ausgabe aus dem Klassikerverlag, um vergleichen und die Übersetzung beurteilen zu können. Die Ausgabe bei Zeno unterscheidet sich jedenfalls deutlich, aber die Textgeschichte des Simplicissimus ist wohl nicht ganz einfach. Beim Klassikerverlag hat man die EA vom 1668 und die Fortsetzung von 1669 herangezogen. Der Roman wurde von Raubdruckern sofort nachgedruckt und dabei auch komplett überarbeitet, was wiederum auf reguläre Nachdrucke des Originals abfärbte. 1670 erschien der heute sogenannte "Barock-Simplicissimus", die anscheinend ebenfalls von fremder Hand bearbeitet wurde.

Aus dem Anhang:

Zitat
Ob und in welchem Umfang diese Erweiterungen und Veränderungen mit oder ohne Wissen und Mitwirkung des Verfassers zustande kamen, ob also dieser "Barock-Simplicissimus" als Ausgabe letzter Hand gelten kann, ist ungewiss. Deshalb wird, seit die Erscheinungsfolge der frühen Ausgaben und die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen ihnen geklärt sind, die erste Auflage von 1668/1669 als Textgrundlage für die Neuausgaben vorgezogen.
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Offline Giesbert Damaschke

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #6 am: 9. Oktober 2009, 15:30 »
So, das Taschenbuch der Ausgabe im Klassikerverlag habe ich jetzt auch noch bestellt. Wenn ich mein selbstauferlegtes Buchkaufverbot durchbreche, dann aber auch richtig. Wenn ich beim Vergleich dann feststelle, dass ich das Original problemlos lesen kann, habe ich allerdings ein Problem ;-)
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Offline BigBen

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #7 am: 10. Oktober 2009, 07:46 »
Also wir haben den Simplizissimus damals in der Schule gelesen. Da gab es noch keine "Übersetzung", und ich meine mich trotzdem zu erinnern, das er sich flüssig lesen lies.
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Offline Giesbert Damaschke

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #8 am: 10. Oktober 2009, 10:52 »
Zitat
Da gab es noch keine "Übersetzung",
Stimmt, da gab es Bearbeitungen und großzügig gekürzte Ausgaben.

Es ist auch immer so die Frage, was man unter "lässt sich flüssig lesen" versteht. Natürlich lässt sich auch Barock-Deutsch lesen, das habe ich ja auch getan. Den Simplicissimus habe ich in der gekürzten Fassung in der Schule gelesen, den vollständigen Text mal während des Studiums. Aber das war kein Vergnügen, das war Arbeit, ohne sonderliche emotionale Beteiligung.

Die vielgelobte Satire und Welthaltigkeit hat sich mir da auch nicht so recht erschlossen, ich fand den Roman eher behäbig, viel zu umständlich erzählt, unbeholfen, ungeübt - kurz: langweilig. Historisch und literaturwissenschaftlich wichtig, keine Frage - aber davon abgesehen keine lohnende Lektüre. Und das tut dem Roman wohl unrecht.
« Letzte Änderung: 10. Oktober 2009, 11:01 von giesbert »
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Offline BigBen

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #9 am: 10. Oktober 2009, 11:16 »
@giesbert In der Schule haben wir nur das erste Buch behandelt. Aber neugierig, wie ich schon damals war, habe ich mir eine komplette Ausgabe besorgt, und alles gelesen.
Ich finde, wenn man sich erst einmal in den Grimmelshausen reingelesen hat, liest es sich leicht und ohne stocken. Bei Fischart oder Lohenstein habe ich da deutlich mehr Probleme.
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Offline sandhofer

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #10 am: 10. Oktober 2009, 12:19 »
Ich habe sicher nie mehr als ein paar Seiten im barocken Original gelesen, und den Rest in einer oder zwei Überarbeitungen/Übertragungen. Daneben vom Barock v.a. Lyrik und natürlich den Gryphius aufgenommen. Generell ist mir persönlich aber das Hochmittelalter mit seinen grandiosen Epen (Tristan!) näher als der Barock. Und wenn ich mir vergegenwärtige, dass die gegenwärtige Hoch-Zeit der sog. Fantasy im Grunde genommen auch aufs Mittelalter zurückgreift, scheine ich nicht der einzige zu sein.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Giesbert Damaschke

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #11 am: 10. Oktober 2009, 16:52 »
Mal ein Beispiel aus der Übersetzung. – Titel der EA nach Wikipedia, ohne Umbrüche, die "/" stehen so auf dem Titelblatt und markieren wohl Kommata:

Zitat
Der Abentheuerliche SIMPLICISSIMUS Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was  er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß luſtig / und maenniglich nutzlich zu lesen. An Tag geben Von German Schleifheim von Sulsfort.

Die Übersetzung:

Zitat
Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch[.] Das ist die Beschreibung des Lebens eines seltsamen Vaganten, genannt Melchior Sternfels von Fuchshaim, nämlich: wo und wie er in diese Welt gekommen, was er darin gesehen, erfahren, gelernt und ausgestanden, auch warum er sie freiwillig wieder verlassen hat. Überaus unterhaltsam und für jedermann nützlich zu lesen. An den Tag gegeben von German Schleifheim von Sulsfort.
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Offline Giesbert Damaschke

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #12 am: 10. Oktober 2009, 16:57 »
(Nach Gutenberg.de)

-----------------
Das 1. Kapitel
Vermeldet Simplicii bäurisch Herkommen und gleichförmige Auferziehung

Das 1. Kapitel
Berichtet von des Simplicius bäurischem Herkommen und ebensolcher Erziehung.

-----------------

Solchen närrischen Leuten nun mag ich mich nicht gleich stellen, obzwar, die Wahrheit zu bekennen, nicht ohn ist, daß ich mir oft eingebildet, ich müsse ohnfehlbar auch von einem großen Herrn, oder wenigst einem gemeinen Edelmann, meinen Ursprung haben, weil ich von Natur geneigt, das Junkernhandwerk zu treiben, wenn ich nur den Verlag und das Werkzeug dazu hätte.

Mit solchen närrischen Leuten möchte ich nicht in einen Topf geworfen werden, obwohl ich mir, die Wahrheit zu bekennen, tatsächlich oft eingebildet habe, auch ich müsse von einem großen Herrn oder wenigstens einem einfachen Edelmann herstammen. Denn von Natur aus war ich immer geneigt, das Junkerhandwerk zu treiben, wenn ich nur das Geld und die Mittel gehabt hätte.
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Offline Wolf

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #13 am: 10. Oktober 2009, 18:47 »
Zitat von: giesbert
die "/" stehen so auf dem Titelblatt und markieren wohl Kommata

Ja, die Virgeln - so nennt man diese Schrägstriche - sind im Grunde das gleiche wie Kommas. Die heutige Form des Kommas wurde damals schon in (lateinischen) Antiquadrucken verwendet, in Frakturdrucken verwendete man stattdessen diese Schrägstriche. Im Text der Ausgabe des Simplicissimus aus dem Deutschen Klassikerverlag werden durchgängig Virgeln verwendet, nicht nur in der Überschrift. Außerdem werden nicht die heute üblichen Umlaute verwendet, sondern die alte Form mit übergestelltem "e".

Beim Übersetzungsvergleich fallen diese Wörter im Original auf, die man heutzutage mißverstehen kann und die deshalb in der Übersetzung ausgetauscht wurden:

... gleichförmige Auferziehung

... wenn ich nur den Verlag und das Werkzeug dazu hätte.

Diese beiden Wörter werden am Seitenfuß der Ausgabe des Dt. Klassikerverlages erklärt, nämlich im ersten Fall mit "ebensolche" im zweiten Fall mit "Kapital, Geldmittel" (oh, da steht doch tatsächlich "Kapitel", wie ich gerade bei genauerem Hinsehen entdecke, ist wohl ein Druckfehler ;-)).

Die Übersetzungsproben klingen eigentlich ganz gut, das einzige, was mich stört, ist die Übersetzung von "quittirt" mit "verlassen". Falls da mehr oder weniger durchgehend die Fremdwörter verdeutscht sein sollten, fände ich das ziemlich schade.

Schöne Grüße,
Wolf

Offline finsbury

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Re: Grimmelshausen: Simplicissimus
« Antwort #14 am: 11. Oktober 2009, 09:30 »
Hallo,

in den achtziger und neunziger Jahren las ich den Simplicissimus und die Courasche in jeweils nur in der Rechtschreibung und Zeichensetzung modernisierten Ausgaben.
Ebenso wie BigBen finde ich, dass die Texte ohne große Schwierigkeiten zu verstehen sind. Die meisten Wortbedeutungen sind  durchaus ableitbar - wie "gleichförmig" als "ebensolch" -  oder aus dem Kontext vertändlich. Ansonsten hat man die Anmerkungen.

Natürlich muss ich damit einverstanden sein, dass man bereits solche leicht verständlichen barocken Texte auch sprachlich modernisiert, um ihr Überleben auch in einer breiteren Öffentlichkeit zu gewährleisten, aber andererseits finde ich es schade, weil die Lektüre dieser originalen Texte auch zum Weiterbestehen des Ausdrucksreichtums unserer Sprache beiträgt. Warum sollen nicht die unterschiedlichen Gebrauchsmöglichkeiten eines Wortes in unserem Gedächtnis ihren Platz behalten?

Wichtig wäre es also, wenn Originaltext (im oben genannten Sinne) und Modernisierung nebeneinander weiter exisiteren dürften.
Ich fände es zum Beispiel auch sehr schade, wenn die klassischen Shakespeare-Übersetzungen von den Schlegels usw. zugunsten modernerer verschwinden würden, denn die ersteren stellen sicherlich einen Höhepunkt an Sprachkunst dar.

Grüße

finsbury
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene
Meer in uns. (Kafka)