Ich sehe auch nicht so ganz, wo Grimmelshausen geglättet wird, wenn er übersetzt wird und sehe eher das Problem, dass wir uns von den heute exotisch wirkenden Eigentümlichkeiten der Barocksprache dazu verführen lassen, sie für irgendwie "authentischer" zu halten als eine Übersetzung und dem Irrglauben verfallen, wir würden die Zeit und das Lebensgefühl besser verstehen, wenn wir uns durch die Orignaltexte arbeiten.
Es wird geglättet, weil bei so einer Übersetzung die stilistischen Eigentümlichkeiten Grimmelshausens verwischt werden. Ein Grimmelshausen schreibt anders als ein Johann Beer, der wiederum anders als ein Zesen schreibt usw. Grimmelshausen verwendet beispielsweise gerne das kanzleisprachliche Wort "maßen" im Sinne von "weil, indem", was keineswegs jeder Schriftsteller dieser Zeit getan hat (bei Johann Beer oder Zesen kommt das in dieser Bedeutung fast gar nicht vor).
Oder wenn in dem von Dir zitierten Übersetzungsausschnitt die Wendung "die Zügel verhängen" zu "freien Lauf lassen" wird, dann ist das eine stilistische Veränderung, denn die Wendung "freien Lauf lassen" ist ja nichts Modernes, sondern man findet sie auch schon in Texten des 17. Jahrhunderts, nur eben nicht im
Simplicissimus. Wenn einem das "verhängen" zu exotisch ist, dann wäre ja auch noch das heutzutage wohl besser verständliche "die Zügel schießen lassen" in Frage gekommen, was an anderer Stelle im
Simplicissimus übrigens von Grimmelshausen selbst verwendet wurde.
Ein Originaltext ist auf jeden Fall "authentischer" als eine Übersetzung, wobei es zunächst einmal gar nicht um das damalige "Lebensgefühl" geht, sondern einfach nur darum, genau zu verstehen, was einem der Autor da eigentlich erzählt. Da spricht jemand aus einer vergangenen Zeit zu mir, und wenn ich ihn richtig verstehen will, muß ich mich in die Sprache seiner Zeit einlesen und einleben.
Statt einer Übersetzung reicht doch bei der Barockliteratur normalerweise eine Modernisierung der Rechtschreibung aus, eventuell noch mit kleineren grammatikalischen Modernisierungen, z.B. bei Flexionsendungen:
ihme -> ihm oder
denen (Dativ Plural) -> den (in denen Wäldern -> in den Wäldern). Ein derartig modernisierter Text ist verhältnismäßig gut zu lesen, bleibt aber trotzdem viel näher am Original als eine Übersetzung.
Zur Veranschaulichung hier ein Auszug aus dem
Narrenspital von Johann Beer:
Ein Edelmann, genannt "der faule Lorenz hinter der Wiesen", ein rechter Bärenhäuter und Sprücheklopfer, wettert auf einer Hochzeitsgesellschaft gegen die Fremdwörterei und wendet sich dann insbesondere an das weibliche Publikum:
Ein Teutscher ist ein Teutscher, und ein Franzos ist ein Franzos. Redet ihr wie die Franzosen, was seid ihr dann für Teutsche? Ach, ihr guten Bürschlein, ihr tut es nicht allein, sondern es kommet jetziger Zeit auch sogar das Frauenzimmer angestochen und fänget an, französische Terminos in ihre Reden einzumengen. Saprament, ihr Bürgersmägdchen, die Rute stünde euch viel besser auf dem Hintern als die französische Sprache im Maul! Wer die Franzosen im Mund liebet, der bekommt sie endlich noch an den Leib. Ihr bildet euch ein, durch eure Narrenpossen große Bäume umzuhaun, aber wenn man's bei dem Grund und an der Wurzel ansiehet, so habt ihr einen Floh totgeknacket, welcher euch durch den Tag im Hemde herumgehüpfet. Meinet ihr, ihr alberne Knopflöcher, daß euer Maulmachen respectiert werde? Nein, bei meiner Treue, nicht ein Haar hält ein kluger Kopf auf euer Parlieren. Denn ihr habt in allen Sachen kein rechtes Fundament, und darum hofiere ich auf euer französisches Einmengen. 'Ja', sagt ihr bei euch selbst, 'der und der hält viel von meinen Discursen. Der und der hat beteuert, daß er all sein Leben lang niemand so klug von der Sache als eben mich reden gehöret.' Aber wisset, o ihr törichten Seich- Taschen, solche Gesellen grüßen den Zaun wegen des Gartens. Sie sagen: 'Ach, was ist das für ein herrlicher Zaun! Wie schön ist er geflochten!' Was meinen denn solche Gesellen durch den Zaun? Nichts anderes als den Garten, schlagen also auf den Sack und meinen den Esel. Darum so wisset ihr selbst besser, warum sie euch loben, nicht wegen eurer Geschicklichkeit, denn die habt ihr nicht, sondern wegen der Quintern, die wollen sie euch gerne visitieren und ihren Stilum applicieren. Saprament, ihr Jungfern oder wer ihr seid, diesen Endzweck hat das Lob eurer Galanen und Liebhaber. Sie geben euch große Titel und suchen das Mittel, loben eure Krausen und wollen euch lausen.
Wie und was wollte man daran noch übersetzen, ohne aus einem originellen, kernigen Deutsch ein langweiliges Allerweltsdeutsch zu machen? Es reicht, wenn man einzelne Wörter und Wendungen per Fußnote oder Stellenkommentar erklärt: die Franzosen bekommen = an Syphilis erkranken; hofieren = den Darm entleeren usw.
Schöne Grüße,
Wolf