Autor Thema: November 2009: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris  (Gelesen 24003 mal)

Offline sandhofer

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #15 am: 1. November 2009, 18:35 »
Sue ist aber ein geschickter Serienschreiber. Er gibt häppchenweise etwas über seine Figuren preis und sorgt regelmäßig für Rätsel.

Er war - gemäss meinem Vorwort - offenbar der erste Autor, der die durch die Serialisierung notwendigen Unterbrechungen nicht einfach hinnahm, sondern aktiv verwertete, indem er immer Mini-Cliffhangers einbaute, um die Leute bei der Stange zu halten.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Jaqui

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #16 am: 1. November 2009, 20:42 »
Mittlerweile habe ich die ersten sieben Kapitel (circa Seite 100) gelesen und das Buch liest sich wirklich sehr locker und flockig. Man erfährt einiges über die Zustände in Paris der damaligen Zeit, was ich sehr interessant finde.

Die Schallerin habe ich mittlerweile fast ein bisschen lieb gewonnen, dagegen haben die Eule und der Schulmeister bereits jegliche Sympathien verspielt. Rudolf ist für mich eine schwer einzuschätzende Person - anscheinend sind ja ein paar Leute hinter ihm her, fragt sich nur warum.

Die kleinen Cliffhanger am Ende eines Kapitels finde ich nicht schlecht, animieren sie einem doch gleich zum Weiterlesen.

Katrin

Offline Lost

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Re: November 2009: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #17 am: 1. November 2009, 21:15 »
Hier ein kurzer Auszug über das Umfeld des Romans aus: Jean Tulard, Geschichte Frankreichs Bd.4, Frankreich im Zeitalter der Revolutionen 1789 - 1851, Deutsche Verlags-Anstalt 1989

„Diese Erkenntnis [dass mit der Industrialisierung Frankreichs ein neues Problem entstanden war, das Arbeiterproblem. lost] verwandelte sich in Panik, als 1840 ein seriöser Beamter namens Frégier mit seiner Schrift „Des classes dangereuses de la population dans les grandes villes et des moyens de les rendre meilleures“ („Über die gefährlichen Klassen der Bevölkerung und die Mittel, diese zu verbessern“) ein Alarmsignal setzte. Er beschrieb darin eine kriminelle Klasse, die sich in Paris gebildet hatte und die Sicherheit von Personen und Eigentum bedrohte. Balzac schätzte damals die Welt der Zuchthäuser und Gefängnisse auf 60000 Personen, 63000 gefangene behauptete Frégier. Horace Raisson schätzte die Zahl in seiner „Histoire de la police“ („Geschichte der Polizei“) dagegen nur auf 30000. Der Polizeipräfekt Gisquet wiederum weigerte sich überhaupt, eine Zahl anzugeben.

Offline Babur

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #18 am: 1. November 2009, 21:41 »
Guten Abend  :smile:

ich schaue nur kurz vorbei, bevor auch ich mit der Lektüre beginne. Ich lese die gleiche Ausgabe wie sandhofer, allerdings bei weitem nicht so schnell wie ihr…

Karl May und Winnetou sind mir auch kein Begriff, nur die Namen höre ich ab und zu. Bei mir ist das keine Gender-Frage sonder eine der Sozialisierung in Frankreich; wir lasen andere Jugendbücher.

Grüsse

Babur

Offline Giesbert Damaschke

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #19 am: 1. November 2009, 22:07 »
(Sehr erfrischend, wie unbekannt Karl May sein kann ;-))
Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline charlie1965

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #20 am: 1. November 2009, 22:24 »
So, ich melde mich auch mal. Ich habe inzwischen ebenfalls die Insel-Ausgabe vorliegen, muss aber zu meiner Schande gestehen, noch nicht damit begonnen zu haben, nehme es mir aber für die nächsten Tage fest vor! Ob ich mit Eurem Tempo mithalten kann, weiß ich nicht, ich wechsele gerne mal zwischen verschiedenen Lektüren und parallel lese ich derzeit (immer noch) an Karl Mays Waldröschen, an Goethes "Italienischer Reise", an Eckermanns "Gesprächen mit Goethe" und ab und zu schiebe ich noch ein Drama von Schiller dazwischen. Schau'n mer mal!

Offline Lost

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #21 am: 2. November 2009, 09:28 »
Interessant wie konkret Sue bei den wirtschaftlichen Einzelheiten ist.
Vertrauen wir ihm, dann kommt ein Arbeiter mit 3 Franc (60Sous) am Tag aus, eine Näherin schafft mit Mühe 2 Franc, wogegen unser Held ein Tageseinkommen von ca. 5500 Francs hat. Kein Wunder, wenn er seine Schützlinge aus ihrer materiellen Not, die für ihn Kleingeldmangel bedeutet, so leicht erlösen kann. Hat er sich das von Dumas abgeschaut?
Ich finde es erstaunlich, wie sich so ein Getümmel von Figuren, mit dieser leichten Hand und über diese Fülle von Zusammenhängen, so lebendig im Griff halten lässt, schließlich ist die Sterberate auf den ersten 300 Seiten recht gering, ganz anders wie bei Karl May. :zwinker:

@Jaqui: Ich dachte, du magst Frauen, die sich aufgelehnt haben und gewinnen. Da müsste dir doch "die Eule" recht gut liegen  :breitgrins: 

Offline Jaqui

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #22 am: 2. November 2009, 11:05 »
@Jaqui: Ich dachte, du magst Frauen, die sich aufgelehnt haben und gewinnen. Da müsste dir doch "die Eule" recht gut liegen  :breitgrins: 


Starke Frauen ja, aber keine die kleine Kinder quälen.  :zwinker:

Katrin

Offline BigBen

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #23 am: 2. November 2009, 11:23 »
Übrigens, die Illustrationen in der Insel Ausgabe sind sehr schön. Sind die anderen Ausgaben auch illustriert?
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

Offline sandhofer

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #24 am: 2. November 2009, 11:26 »
das Buch liest sich wirklich sehr locker und flockig.

Findest Du? Ich habe gestern abend noch die vier ersten Kapitel gelesen - und ich bin alles andere als entzückt. Das (vermutlich: Pseudo-)Argot ärgert mich, da viel zu dick aufgetragen. Die Handlung kommt nicht in die Gänge, da sich Sue damit amüsiert, irgendwelche Gestalten, die noch viel zu frisch sind, um mich wirklich zu interessieren, gleich irgendwelche Jugendgeschichten erzählen zu lassen, wie sie Victor Hugo 20 Jahre später viel besser (und larmoyanter!  :zwinker: )erzählen sollte.

Übrigens, die Illustrationen in der Insel Ausgabe sind sehr schön. Sind die anderen Ausgaben auch illustriert?

Ich glaube, ja. Jedenfalls habe ich schon ein paar Bildchen gefunden. Ob das durchgehend ist, habe ich nun nicht kontrolliert ...
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Offline Lost

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #25 am: 2. November 2009, 11:53 »
das Buch liest sich wirklich sehr locker und flockig.

Findest Du? Ich habe gestern abend noch die vier ersten Kapitel gelesen - und ich bin alles andere als entzückt. Das (vermutlich: Pseudo-)Argot ärgert mich, da viel zu dick aufgetragen. Die Handlung kommt nicht in die Gänge, da sich Sue damit amüsiert, irgendwelche Gestalten, die noch viel zu frisch sind, um mich wirklich zu interessieren, gleich irgendwelche Jugendgeschichten erzählen zu lassen, wie sie Victor Hugo 20 Jahre später viel besser (und larmoyanter!  :zwinker: )erzählen sollte.


Am Anfang, bei der Vorstellung der zentralen Figuren, ist der Roman tatsächlich Schablone, doch je mehr Figuren auftauchen, um so vielfältiger geht Sue vor. Es gibt allerdings weiter Passagen, in der er seine Figuren erklären und nicht handeln lässt. Ich nehme an, das muss er für die Leser tun, die über den langen Zeitraum des Erscheinens den Faden verlieren (so vie bei Fernsehserien jeder Folge gerne Zusammenfassungen voran gestellt werden), und es erinnert mich an Romane und Filme, die sich mit naturwissenschaftlichen und technischen Problemen befassen. Da gibt es auch häuftig ausufernde Vorlesungen darüber, wie man einen Nippel durch die Lasche zieht.

Schrieben wir die Geschichte in unsere Zeit um, würden wir Trivialliteratur lesen, was  einen Philosophen bestimmt auch auf den nächsten 1900 Seiten nicht entzücken sollte.

Vergleiche mit der Gutzkow- Lektüre würden mich interessieren.

Offline sandhofer

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #26 am: 2. November 2009, 13:10 »
Am Anfang, bei der Vorstellung der zentralen Figuren, ist der Roman tatsächlich Schablone,

Er ist nicht nur Schablone - er ist einfach schlecht. Zwecks Spannung beginnt Sue mit einer Schlägerei, dann gehen drei einander praktisch Unbekannte, in und aus einem Milieu, das dem Einzelnen eigentlich äusserste Zurückhaltung beibringen sollte, nicht nur zusammen einen saufen - sie erzählen einander noch gegenseitig ihre Geschichte, weil Sue gemerkt hat, dass er seinen Figuren doch noch einen Hintergrund geben sollte und er sich - weiss der Henker, warum - scheut, dies in einer auktorialen Erzählung zu tun, die hier die einzig angemessene Form gewesen wäre.

Es gibt allerdings weiter Passagen, in der er seine Figuren erklären und nicht handeln lässt.

Dagegen habe ich im Prinzip nichts. Hugo ist in Les Misérables dort am besten, wo er abschweift.

Schrieben wir die Geschichte in unsere Zeit um, würden wir Trivialliteratur lesen,

Wir lesen auch so Trivialliteratur ...  :breitgrins:
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Offline Lost

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #27 am: 2. November 2009, 14:28 »
[
Er ist nicht nur Schablone - er ist einfach schlecht. Zwecks Spannung beginnt Sue mit einer Schlägerei, dann gehen drei einander praktisch Unbekannte, in und aus einem Milieu, das dem Einzelnen eigentlich äusserste Zurückhaltung beibringen sollte, nicht nur zusammen einen saufen - sie erzählen einander noch gegenseitig ihre Geschichte, ...

Damit  führt uns Sue aber mit dieser Technik in eine Kultur, die ihre eigene Wertvorstellung und Ehrbegriffe hat. Gewalt und Stärke ist da halt so wichtig, wie in unserer Kultur einen Rechtsanwalt zum Freund zu haben, und entsprechend werden diese Aspekte gewürdigt.

"äusserste Zurückhaltung" dürfte in diesem Umfeld eher ein exotisches Verhalten sein.

Vor der Fußball Weltmeisterschaft 2006 gab es in Arte einen Bericht über Hoollians in Sheffield. Dort wird ein vergleichbares Mileu sichtbar, in dem man sich trifft, um sich zu verprügeln und um hinterher gemeinsam seine Wunden zu lecken. Die Trivialität des Romans ist also nur bedingt gültig, weil wir nicht merken wollen, wie unsere Klischees in Subkulturen zu komplexen Strukturen entwickelt sind.



Wir lesen auch so Trivialliteratur ...  :breitgrins:


Da hast du wohl bedauerlicherweise Recht, auch wenn sich für mich die Trivialitäten in den Geheiminssen, historisch bedingt, in Grenzen halten (s.o.).

Offline Giesbert Damaschke

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #28 am: 2. November 2009, 15:36 »
Ich habe in eher zwielichtigen Kneipen häufiger erlebt, dass sich die Kombattanten anschließend gegenseitig ein Bier ausgegeben haben.
Giesbert Damaschke, München |  http://www.damaschke.de/

Offline Lost

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Re: Eugène Sue - Die Geheimnisse von Paris
« Antwort #29 am: 2. November 2009, 16:36 »

Wir lesen auch so Trivialliteratur ...  :breitgrins:


Da hast du wohl bedauerlicherweise Recht, auch wenn sich für mich die Trivialitäten in den Geheiminssen, historisch bedingt, in Grenzen halten (s.o.).

Ich nehme das zurück. Sue hat keinen Trivialroman geschrieben. Sue ist hier kein Wiederkäuer, denn erst das wiederkäuen ist trivial; Literaturwissenschaft hin oder her.

Betrachten wir ruhig den Anfang, die Einführung unserer drei Musketiere.

Da ist die liebliche, im Elend gefangene Marienblume, die vergewaltigt werden soll. Da ist der blutrünstige Messerstecher, der Knab, der sich sein Röslein von der Heiden pflücken will und dann ist da noch unser deutscher Held, der ihm eine auf den Hut haut. Wie wir wissen: hast du ihn auf den Hut gehaut, dann wird er wieder gut. Und genau das passiert.
Was ist daran trivial? Gerade Mal 33,33.. Prozent, nämlich Rudolf der edle Recke, der, wie sich später zeigt, alle Kampfsportarten, die das 19. Jahrhundert zu bieten hat, glänzend beherrscht, der fast jeder Situation gewachsen ist, und der sich das „Spiel“  amüsiert betrachten kann, also eine reine Kunstfigur a la James Bond ist. Die beiden anderen sind so real, wie es verrohte Soldaten oder missbrauchte Kinder sind.
Sue hat nicht die Klischees bedient, er hat mit literarischen Mitteln den Zeitungslesern eine widerwärtige Seite der Industrialisierung vor Augen geführt.  Er hat gezeigt, dass das verbreitete Klischee, der Charakter hängt von der Herkunft ab, nicht zutrifft.  Über seine Sicht, seine romantische Moralität lässt sich streiten, er hat aber, wenigstens in den ersten beiden Abschnitten, nicht mehr Triviales über die Zustände geschrieben, als es Triviales in der Wirklichkeit gibt.