Autor Thema: Hochliteratur / Lesegeschwindigkeit  (Gelesen 3679 mal)

Offline scheichsbeutel^

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Re: Hochliteratur / Lesegeschwindigkeit
« Antwort #15 am: 17. Dezember 2009, 18:11 »
Und selbst wenn? Was für mich zählt, ist der Augenblick. Auch wenn literarische Vergeßlichkeit entstünde, so hilft doch immer die Zweit- und Mehrfachlektüre bei Werken, die einem dies wert erscheinen. Ich glaube und stelle mal die These auf, daß ein wirklich geübter Leser in genau der Geschwindigkeit liest, die für einen paßt! Das heißt, man spürt genaul, was richtig ist! Wenn ich merke, daß ich bei einem Buch zu schnell werde, lese ich laut weiter, was automatisch drosselt. Aber bei schwieriger Literatur lese ich langsamer, oft wiederhole ich Seiten, bei Büchern, die es nicht erfordern, zische ich eben durch.


Natürlich: Wenn du dich damit wohl fühlst, wäre es vollkommen widersinnig, am Leseverhalten etwas zu ändern. Du hast schon mehrfach den Vergleich mit den Lesegewohnheiten der Leute im Großen Bücherforum gebracht (der mir so ernsthaft nicht erschienen ist, aber doch ernsthafter zu sein scheint, als ich annahm). Ich vermute, dass für diese Vielleser das Lesen ein Steckenpferd ist wie Zierfische oder Briefmarkensammeln. (Wobei ich gegen beide Tätigkeitkeiten nichts gesagt haben will.) Für mich ist das offenbar etwas gänzlich anderes, jedenfalls nicht mit anderen Hobbies vergleichbar. Lesen (und damit wissen, erfahren wollen) konstituiert meine Person, es ist die Neugier, die ich seit meinen ersten Leseerfahrungen als Kind und Jugendlicher ins nun gesetztere Alter unbeschadet mitgenommen habe.

Mit dieser Neugier verbunden ist die Lektüre von Sach-, Fachbüchern. Diese macht (wenn man denn Biographie, Essay etc. zu diesen zählt) den zahlenmäßig größeren Anteil aus; ich kann über die Jahre hinweg feststellen, dass die Menge der gelesenen Romane, Erzählungen immer stärker zurückgeht. Ein Autor aus meiner Jugend hat mich bezüglich des Leseverhaltens vielleicht mehr geprägt als alle anderen - und eben ein Sachbuchautor: Hoimar v. Ditfurth. Ich glaube, dass es sich um "Im Anfang war der Wasserstoff" handelte, das mir als vielleicht 12jährigem in die Hände fiel und mich total faszinierte: Eine rational nachvollziehbare, verständliche, aber nicht dümmlich "kindgerechte" Darstellung der Welt, unserer Geschichte. Es hat meine Neugier auf alles und jedes geweckt (und v. a. natürlich auf naturwissenschaftliche Bücher), ich empfand das Buch als spannender denn jeden Wildwestroman - und ein wenig ist mir diese Haltung auch heute noch zueigen.

Und nun ist es wohl die Art dieser Bücher, die ein solches Schnelllesen fast unmöglich macht. Derzeit - neben Amos Oz - ein Buch über "Poincarés Vermutung" (wobei mir die Vorstellung dreidimensionaler Mannigfaltigkeiten einige Mühe macht ;)) oder "Mathematik für alle" von Lancelot Hogben, eine Art historisches Mathematiklehrbuch, Mitte der 30iger Jahre geschrieben, von einer technisch-rationalistischen Begeisterung getragen, die heute ein wenig naiv anmutet. Aber dennoch informativ in zweierlei Hinsicht: Was die historische Entwicklung der Mathematik an sich anlangt als auch die romantisch-technischen Utopien der Zwischenkriegszeit betrifft. Würde ich diesen Büchern mit einer Lesegeschwindigkeit von 100 Seiten pro Tag zuleibe rücken wollen, so bliebe als Resultat der Lesefrüchte bloß der Titel und eine ungefähre Vorstellung vom Inhalt zurück. Das will ich nicht.

Ich will allerdings nicht werten: Wer gerne Groschenromane liest (oder Coelho, oder Simmel, Hedwig Courts-Mahler etc.) und sich dabei wohl befindet, soll dies tun. Mich langweilt das, ich sehe auch keine Rosamund Pilcher Verfilmungen (wie eigentlich fast überhaupt keine Filme) - und würde ich das tun, so wäre das eigentlich Interessante eine Art Metasicht: Sich zu überlegen, warum derlei Bücher oder Filme so großen Erfolg haben. Dass ich wenig Freunde oder Bekannte mit solchen Lesevorlieben habe, liegt einfach in der Interessenlage. Hingegen gibt es nicht wenige Informatiker in meiner Umgebung, die mit Literatur üblicherweise gar nichts am Hut haben, mit denen ich mich aber (weil ich Programmieren einfach spannend finde) sehr gut unterhalten kann.

Was "Hochliteratur" anlangt: Ich sehe das wie Giesbert, es regiert das reine Lustprinzip. Mir ist es völlig wurscht, ob irgendein Werk einem bestimmten Kanon zugeordnet werden kann. Aber auch dem zweiten Teil kann ich zustimmen: Kompliziertere Strukturen machen einfach Spaß; Denken macht Spaß (das ist wohl der Kernsatz für all jene, die behaupten, Anspruchsvolles wäre zu anstrengend. Es macht einfach Freude.). Wobei die Komplexität der Strukturen wiederum zulasten der Geschwindigkeit gehen.

Bei dir habe ich ein wenig das Gefühl der Getriebenheit: Lesen, "erledigen" zu müssen. Wenn du dich aber - wie du oben beschreibst - dabei wohl und zufrieden fühlst, bleibt die schlichte Feststellung, dass Menschen eben aus ganz unterschiedlichen Gründen, den verschiedensten Beweggründen zu Büchern greifen.

Zitat
:vogelzeigen:


Nana, im Straßenverkehr würde diese Geste mit Bußgeld geahndet werden ;).

Grüße

s.

Offline Juvavist

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Re: Hochliteratur / Lesegeschwindigkeit
« Antwort #16 am: 18. Dezember 2009, 14:19 »
Warum sollte es  -  wie bei  kleineren und größeren Flüssen - denn nicht auch unterschiedliche Leseflussgeschwindigkeiten geben?

Offline mombour

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Re: Hochliteratur / Lesegeschwindigkeit
« Antwort #17 am: 18. Dezember 2009, 15:09 »
Hallo,

wenn ich richtig gezählt habe, habe ich im Jahre 2009 52 Bücher gelesen und 39 Rezensionen geschrieben. Das ist schon eine Menge, wenn ich bedenke, dass ich ja auch arbeiten muss und auch mal etwas anderes mache als lesen. Natürlich hat jeder seine eigene Lesegeschwindigkeite. Ich lese eher langsamer, weil ich nicht anders kann. Das Rezensionenschreiben ist ein guter Vorgang, sich noch einmal mit dem auseinanderzusetzten, was man gelesen hat (deswegen dauert es noch länger :breitgrins: ). Durch dieses Auseinandersetzten bleibt die Erinnerung an ein Buch länger erhalten, und es macht einfach noch mehr Spaß.

Vielleicht kann ich es so sagen: Je anspruchsvoller ein Buch ist, desto langsamer lese ich, weil ich mehr denken muss (ein langweiliges Buch lese ich auch langsamer, weil der Widerwille da ist, bzw. ich breche ab).

Liebe Grüße
mombour

Offline Bea

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Re: Hochliteratur / Lesegeschwindigkeit
« Antwort #18 am: 7. Januar 2010, 20:53 »
Also als ich in meinem  Wahn war, habe ich so viele harte Brocken verschlungen, das es mir ganz schwindelig wird, wenn ich das jetzt mal bei Lichte betrachte. Damals habe ich nicht bemerkt wie sich meine Lesegeschwindigkeit geändert hat. (War aber schon in der Schule eine Schnell Leserin :zwinker:) Habe mir spontan eine Lesetechnik angeeignet, die sicherlich weit über das Normale geht. (praktisch in Punkte diagonal lesen) :zwinker: Habe aber auch eine Psychose (keine Sorge, war beim Arzt) und denke das dies der Grund ist zum Schnelllesen :zwinker: Ist aber echt verrückt :redface:
Die Hauptsache ist aber bei aller Leserrei, dass es immer Spaß macht und man viele neue Erfahrungen sammeln kann. :zwinker: Also immer hübsch neugierig bleiben! :winken: Alles Liebe und alles Gute für das neue Jahr!

LG, Bea

Roquairol

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Re: Hochliteratur / Lesegeschwindigkeit
« Antwort #19 am: 12. Januar 2010, 13:57 »
Schon in meiner Studienzeit habe ich entdeckt, daß stark unterschiedliche Lesegeschwindigkeiten eine reine Geschmacksfrage sind und keinerlei Qualitätsunterschied in der Lektüre bedeuten. Damals unterhielt ich mich mit einem anderen Studenten und erfuhr zu meinem Erstaunen, daß dieser zur Vorbereitung auf ein Seminar Nietzsches "Geburt der Tragödie" innerhalb einer Woche mehr als zwanzigmal komplett gelesen hatte. Ich hatte das Buch in dieser Zeit nur einmal gelesen - langsam und gründlich, wie es so meine Art ist ... Der Lerneffekt war wohl in beiden Fällen derselbe.

Offline Bea

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Re: Hochliteratur / Lesegeschwindigkeit
« Antwort #20 am: 12. Januar 2010, 15:36 »
Ich hatte das Buch in dieser Zeit nur einmal gelesen - langsam und gründlich, wie es so meine Art ist ... Der Lerneffekt war wohl in beiden Fällen derselbe.

Freund-, ja was war das für eine Zeit als wir 'SuZ' gemeinsam beackert haben. :zwinker: Lerneffekt wird wirklich gleich sein, aber man kann dadurch auch eine Technik entwickeln, die hohe Beweglichkeit im Schnell Lesen und Schnell Denken fördern kann, wenn man die Veranlagung/ das Talent dazu hat. Dann bringt man so manchen Brocken ins Rollen, der bei vielen liegen bleibt.
Neue Wege! Neue Ideen und keine ausgetretenen Pfade, die einem im Sumpf verschlingen lässt. Neue Fragen, die einen in höhere/ tiefere Horizonte verweilen lässt.  :winken:

Offline Isadora

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Re: Hochliteratur / Lesegeschwindigkeit
« Antwort #21 am: 23. Januar 2010, 16:40 »
Ich lese zu meinem Leidwesen und für meinen Geschmack auch zu langsam. Wieso? Einerseits weil mein Studium es verlangen würde, dass ich pro Woche im Schnitt mindestens zwei Bücher lese, andererseits weil ich mich neben dieser Aufgabe auch noch gerne meiner Privatlektüre widmen würde. Ich hab ja sooo viele tolle, ungelesene Bücher in meinem Regal stehen..  :sauer: Ich lese in etwa 30 Seiten pro Stunde, bei sehr seichter Literatur/Schundschmarrn bin ich auch schneller, aber meistens bin ich ja in Bereichen der "Hochliteratur" oder halbwegs anspruchsvoller Gegenwartsliteratur unterwegs.

Als "Generation Fernsehen + Internet" merke ich aber in den letzten Jahren immer mehr, dass es mir viel schwerer fällt mich stundenlang auf ein Buch zu konzentrieren und mich wirklich darauf einzulassen. Ich gebe zu, ich bin im Alltag definitiv reizüberflutet und das wirkt sich äußerst ungünstig auf mein Leseverhalten aus. Zeitweise fällt es mir schwer überhaupt eine halbe Stunde am Stück zu lesen, einerseits wegen der Konzentration und andererseits weil die Stille irgendwie seltsam ist..  :rollen: Total verrückt, ich weiß, kenne aber einige Leute in meinem Alter, denen es dabei ähnlich geht. Als Kind, wo ich mich selbst noch nicht so viel dem Medienchaos ausgesetzt habe bzw. aussetzen konnte (hatte erst mit ca. 12 Jahren Internet & Handy), fiel es mir noch viel leichter in die Bücherwelt einzutauchen, ich hab damals sehr viel gelesen (aber halt natürlich nicht "Hochliteratur", sondern eben Kinderbücher).

Hat hier eigentlich schon jemand ähnliche Beobachtungen gemacht?
... this is nat language at any sinse of the world.