Hallo Thomas,
danke für das Eröffnen des Lesethreads. Ich beginne sehr gerne das Jahr mit Proust und bin gespannt, ob mich das "Erinnern und Vergessen" auch in Freuden und Tage begegnet.
Mit besten Wünschen für das neue Jahr eröffne ich unsere Proust-Runde. Ich lese die Suhrkamp-Ausgabe von 1998. Übersetzung und Anmerkungen stammen von Luzius Keller.
Ich lese ebenfalls diese Suhrkamp-Ausgabe.
Schon das Grußwort von Anatole France hat poetische Züge und macht neugierig: „Das Buch zeigt Züge eines müden Lächelns, Gebärden der Ermattung, beides nicht ohne Schönheit und Adel.“ Gefallen hat mir die Bezeichnung „Genrebilder“. Die „Treibhausatmosphäre“ mit ihren „kunstvollen Orchideen, deren seltsame und krankhafte Schönheit sich nicht von Erde nährt“ verstehe ich als Verbeugung vor Baudelaires „Fleurs du mal“, auch wenn Keller im Kommentar Maeterlincks (mir nicht bekannte) Gedichtsammlung „Serres chaudes“ (Heiße Gewächshäuser) als Referenz erwähnt. Apropos Orchideen: Ich erinnere mich noch gut an die Chrysanthemen, die im zweiten Band der „Recherche ...“ (Odettes Salon) eine Rolle spielten. Blumen scheinen so etwas wie morbide Symbole der Belle Époque bzw. der um sich greifenden Dekadenz des Fin de Siècle gewesen zu sein.
später wurde die Chrysantheme ein Ausdruck des Schmerzen und der Eifersucht Swanns, als er eine Chrysantheme in der Kommode aufbewahrt und diese meidet.
nicht zu vergessen die Cattleya, eine Orchideensorte, mit ihren wellig-gekräuselten Lippen, die Swann in der schaukelnden Kutsche zum Anlass nahm Odettes Blumengesteck in ihrem Ausschnitt zu ordnen... später wird "Cattleya machen" zu einem Synonym für "Liebe machen".
Dann folgt das eigentliche Vorwort. Kennt jemand Prousts verstorbenen Freund Willie Heath, dessen Äußeres mit van Dyck-Portraits verglichen wird? Ich habe bislang nichts herausgefunden. Diese „Ähnlichkeit“ eines Menschen mit einem Kunstwerk nimmt m.E. einen Wesenszug unseres alten „Bekannten“ Charles Swann vorweg.
das Bild wurde von Paul Nadar gemacht und findet sich hier:
http://www.marcelproust.it/gallery/heath.htmin der Proust Biographie von Tadié gibt es einen kleinen Abschnitt zu Willie Heath auf der Seite 201, das obige Bild ist darin auch enthalten.
mir gefiel in Anatole France Einführung, dass er den Zusammenhang erkannte zwischen Hesiods "Werke und Tage" vs "Freuden und Tage". Pries Hesiod die bäuerliche Lebensweise, die den gesellschaftlichen Verfall aufhalten könnte, beschwört Proust die mondänen Vergnügungen der Fin de siècle-Gesellschaft.
ich komme zu "Willie Heath".
Schöne Grüße,
Maria