Autor Thema: Bücher die: - die Welt verändern!  (Gelesen 5761 mal)

Offline Hubert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2392
Bücher die: - die Welt verändern!
« am: 10. Juni 2003, 21:25 »
Steffi hat in einem anderen Thread geschrieben:
Haben diese Autoren ... die Gesellschaft ...verändert ? Ich denke schon - im Gegensatz zu dir glaube ich schon, dass Literatur die Menschen/Gesellschaft verändern kann!

Hallo Steffi,

ich stimme Dir zu. Das Thema, das ja schon einige Zeit in unserer anderen Diskussion mitläuft, halte ich für so interessant, dass es eine eigene Diskussion wert ist.

Ich meine aber jetzt nicht Bücher wie „Mein Kampf“ (sorry Sandhofer), das als Buch meiner Meinung nach nichts verändert hat (das war der Autor) oder „Die Mao-Bibel“ oder „Die Traumdeutung“ von Freud (diese beiden haben sicher viel verändert), und auch keine wissenschaftlichen Werke, sondern reine Belletristik (Achtung Oberlehrer: Belletristik bezeichnet den nichtwissenschaftlichen Teil der Literatur, also die Unterhaltungsliteratur und die Dichtung im engeren Sinne)

Hallo zusammen,

Kennt Ihr Bücher, von denen ihr glaubt, dass sie die Welt (oder zumindest Euch – Veränderungen fangen ja oft klein an), verändert haben?

Liebe Grüße

Hubert

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Bücher, die...
« Antwort #1 am: 11. Juni 2003, 07:21 »
Hallo zusammen!

Belletristik, die die Welt verändert. Wenn Du die Welt 'da draussen' meinst, die Welt, in der Bush, Schröder, Wirtschaftsmanager und was weiss ich noch wer 'wirken', würde ich behaupten: Belletristik hat die Welt noch nie verändert. Leider :sauer: .  Die Welt 'in meinem Kopf' und in den Köpfen ein paar anderer Kulturbeflissener: ja.

'Theoretische' Bücher, wie die von Dir bereits genannten (die Liste wäre noch um einiges zu verlängern: Marx. Spengler, aber auch z.B. Physiker wie Newton, Galilei...): ja, ohne Frage.

Was hat z.B. Homer verändert, ausser dass vielleicht ein paar Leute mehr wissen, wer Odysseus war?

Ich weiss, ich weiss: der Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonasbecken kann einen Staudammbruch in China auslösen... Aber Konkret unseren Alltag beeinflussen kann Belletristik imho nicht. Sie verschönert meinen persönlichen Alltag - andere züchten dafür Fische oder Rosen... :schmetterling:  :schmetterling:

Grüsse

Sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Rainer

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 107
Bücher die: - die Welt verändern!
« Antwort #2 am: 11. Juni 2003, 22:09 »
Hallo zusammen

Ich bin sicher, jedes Buch verändert mich ein wenig, ein ganz klein wenig, wahrscheinlich verschwindent wenig. Aber immerhin!
Da ich ein soziales Wesen bin, mit all seinen möglichen Interaktionen, bin ich wahrscheinlich auch in der Lage ein wenig, wahrscheinlich verschwindent wenig, die Welt zu verändern  :smile:
Der erste Flügelschlag eines Schmettelings im Amazonasbecken fand vielleicht vor unendlicher langer Zeit statt. Ich bin möglicherweise der millionste Falter in einer Reihe von Billionen Faltern, der einen Stups von seinem direkten Vorgänger bekommt und diesen weitergibt an den Schmetterling, der nach mir kommt.
Und eines Tages flattert einer unserer Nachfahren über diesem gewaltigen Staudamm und denkt sich:"Schau an! Ohne Rainer wär´ ich jetzt nich´ hier!"
Aber wir lassen den Staudamm heile!
Und in irgend einem Forum heißt es dann:" Seht! Ihr mit euren Zitronenfaltern! Nix passiert! Wust´ ich doch!"

 :zwinker:   :zwinker:   :zwinker:

Rainer  :bang:

Offline Hubert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2392
Belletristik, die die Welt verändert
« Antwort #3 am: 11. Juni 2003, 22:23 »
Hallo zusammen,
hallo Sandhofer,
hallo Rainer!

Zitat:
Belletristik, die die Welt verändert. Wenn Du die Welt 'da draussen' meinst, die Welt, in der Bush, Schröder, Wirtschaftsmanager und was weiss ich noch wer 'wirken', würde ich behaupten: Belletristik hat die Welt noch nie verändert. Leider  .

Hallo Sandhofer,

da ich Dich nur ungern als Diskussionspartner verlieren möchte, hoffe ich, dass Du mir nicht böse bist, wenn ich hier ausnahmsweise mal anderer Meinung bin als Du. Als Diskussionsgrundlage drei Thesen von mir:

1. Bücher (im folgenden immer als Synonym für Belletristik gemeint) können, wenn auch selten, mit einem Paukenschlag die Welt verändern. Drei Beispiele:

a) „Uncle Tom`s Cabin“ von Harriet Beecher Stowe, das erfolgreichste amerikanische Buch des 19. Jahrhunderts, hat, trotz rassistischer Darstellung der „Neger“, wesentlich zur Abschaffung der Sklaverei in den USA beigetragen.
b) Die „Aufzeichnungen eines Jägers“ von Ivan Turgenjew,  fünfundzwanzig Erzählungen aus der Welt der leibeigenen Bauern, hatten in Russland eine ähnliche Wirkung wie „Onkel Toms Hütte“ in Amerika. „Turgenjews hat mit diesem Buch dem russischen Volk vor Augen geführt, dass Leibeigene auch Menschen sind“ (Dieser Satz stammt nicht von mir, ich weiß aber die Quelle nicht mehr). Diese beiden Bücher sind fast zeitgleich entstanden und haben mehr (und ohne Blutvergießen) für die Ideale der franz. Revolution getan, als diese selbst.
c) Die Romane der südafrikanischen Literatur-Nobelpreisträgerin Nadine Gordimer (z.B. Burger’s Daughter von 1979, aber auch andere) haben wesentlich zur Abschaffung des Apartheid-Systems in Südafrika beigetragen.

2. Bücher bewirken  über das Bewusstsein der Leser gesellschaftliche Veränderungen. Dazu sind aber oft längere Zeiträume und mehrere Bücher zum gleichen Thema erforderlich, so dass die Wirkung der Bücher nicht sofort ins Auge fällt. Ein Beispiel: Die Romane der 19. Jahrhunderts von Balzac („Die Frau von 30 Jahren“), Flaubert („Madame Bovary“), Tolstoij („Anna Karenina“) und Fontane („Effi Briest“) haben zusammen mit Ibsens Schauspielen (vor allem: „Nora“ und „Die Frau vom Meer“) die Voraussetzungen  zur „Emanzipation der Frau“ geschaffen.
3. (Ergänzend zu Rainers Beitrag) Bücher verändern einzelne Personen und somit natürlich im Laufe der Zeit auch die Gesellschaft in der diese Personen leben. Dies braucht lange Zeiträume, ist dann aber von Dauer, wogegen Änderungen die Leute wie Hitler, Stalin etc. bewirken zwar schnell geschehen, aber bald von der Zeit überholt werden.. Wer kennt heute noch die Grenzen von Alexanders Reich? Aber die Abschaffung der griech. Götter, durch Literaten wie Homer, war nicht mehr rückgängig zu machen. In diese Kategorie gehören Bücher wie Hesses „Siddharta“!

Zitat:
'Theoretische' Bücher, wie die von Dir bereits genannten (die Liste wäre noch um einiges zu verlängern: Marx. Spengler, aber auch z.B. Physiker wie Newton, Galilei...): ja, ohne Frage.


Ich hatte absichtlich nur Bücher, des 20. Jahrhunderts genannt. Ansonsten hast Du recht. Hier steht  für mich an vorderster Stelle: „Il Principe“ von Niccolo Machiavelli. Obwohl 1532 bereits erschienen, also 50 Jahre älter als Montaigne, beeinflusst der Toskaner  bis heute Politiker und Wirtschaftsbosse.

Ich freue mich auf eine spannende Diskussion!

Liebe Grüße

Hubert


Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Welt verändern
« Antwort #4 am: 12. Juni 2003, 08:15 »
Hallo zusammen!

"da ich Dich nur ungern als Diskussionspartner verlieren möchte, hoffe ich, dass Du mir nicht böse bist, wenn ich hier ausnahmsweise mal anderer Meinung bin als Du" - Keine Angst - ich bin aus dem Alter 'raus, wo man glaubt, dass nur EINE Meinung (die eigene natürlich!) richtig sein kann.  :zwinker:

Zu Deinem 1. und 2. Punkt: Es stellt sich mir hier die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Dass Belletristik die aktuellen Probleme widerspiegelt, ist m.E. unumgänglich, schliesslich lebt ein Autor nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum. Aber ich wüsste jetzt nicht, dass sich z.B. die Frauenrechtlerinnen des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit "Effi Briest" unter dem Arm an die Laternenpfosten gekettet hätten.  :zwinker:

"Änderungen die Leute wie Hitler, Stalin etc. bewirken zwar schnell geschehen, aber bald von der Zeit überholt werden.." - 60 Jahre nach den beiden lassen sich in der heutigen Welt immer noch tiefe Spuren finden.  :sauer: Selbst Alexander wirkt wohl bis heute weiter.

Die griechischen Götter sind imho durch die Politiker jener Zeit abgeschafft worden, wenn Du willst auch noch durch Philosophen wie Sokrates oder Aristoteles.

Nun, Ihr achtet auf den Schmetterlingsflügelschlag und habt damit sicher auch recht. Ich achte lieber auf den ungeheuren Wasserdruck im Staudamm. Denn hier kann ich sehen, begreifen und eingreifen (in beschränktem Mass). Literatur, die sich politischem Wirken verpflichtet fühlt, scheitert meistens als Literatur wie als Politik. Wer war der Vor-März? Wer war Heinrich Böll? (Hermann Hesse wäre eine separate Diskussion wert...)

Grüsse

Sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Hubert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2392
Wirkung von Büchern
« Antwort #5 am: 12. Juni 2003, 17:52 »
Hallo Sandhofer!

Zitat:
Zu Deinem 1. und 2. Punkt: Es stellt sich mir hier die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Dass Belletristik die aktuellen Probleme widerspiegelt, ist m.E. unumgänglich, schliesslich lebt ein Autor nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum. Aber ich wüsste jetzt nicht, dass sich z.B. die Frauenrechtlerinnen des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit "Effi Briest" unter dem Arm an die Laternenpfosten gekettet hätten.  

Natürlich nicht, aber durch die Literatur (seit Beginn des 19. Jahrh.) war das gesellschaftliche Bewusstsein so weit vorbereitet, dass Frauenrechtlerinnen Ende 19. Jahrh./Angang 20. Jahrh. möglich wurden und waren. Wie ich schon sagte, fällt diese Wirkung der Bücher nicht sofort ins Auge.  

Zitat:
Selbst Alexander wirkt wohl bis heute weiter.
 
Wo? Wie?

Zitat:
Die griechischen Götter sind imho durch die Politiker jener Zeit abgeschafft worden, wenn Du willst auch noch durch Philosophen wie Sokrates oder Aristoteles.

Aber auch hier gilt: dies war den Politikern und Philosophen nur möglich, weil die Literaten den Boden bereiteten.

Grüsse

Hubert


Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Hunh oder Ei?
« Antwort #6 am: 13. Juni 2003, 09:24 »
Hallo zusammen!
Hallo Hubert!

Wir werden letztlich keinen Konsens finden, fürchte ich. (Na, ja: 'Fürchten' ist der falsche Ausdruck - wir sind ja nicht zu einem Konsens verpflichtet...) Du glaubst daran, dass das Huhn 'Belletristik' zuerst war, ich glaube, dass dem Ei 'gesellschaftliches Bewusstsein' die Priorität gehört. Die 'Wahrheit' wird wohl ganz anders, noch komplexer aussehen...

Alexander? Nun, nur schon z.B. als Vorbild des grossen Feldherren und Eroberers, das Leute wie Napoleon I. und A.H. inspiriert hat. Die Idee, dass die Region von Persien bis Indien zu Europa geschlagen werden müsste, die die Kolonisation der Engländer angetrieben hat, und die selbst George W. Bush noch im Kopf herumzugehen scheint. Verquickt mit anderen, z.t. auch biblischen Elementen natürlich. Aber das führt seeeehr weit ab vom den Themen eines literarischen Forums...

Grüsse

Sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Steffi

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1683
    • http://www.namen-der-rosen.de
Bücher die: - die Welt verändern!
« Antwort #7 am: 13. Juni 2003, 10:46 »
Hallo zusammen !

@sanhofer: ich wußte, du würdest das mit dem Huhn und dem Ei anführen - genau das frage ich mich auch, aber, anders als du, bin ich doch sehr positiv und mehr ein Anhänger der Hubert'schen Thesen.

Ich kann aber beide Seiten verstehen, aber ohne empirische Forschung werden wir wohl kaum zu einem Konsens kommen, aber sonst wärs ja auch keine ordentliche Diskussion !

Dass aber Bücher die eigene Persönlichkeit beeinflussen, steht doch außer Frage, oder ?

Gruß von Steffi,

die sich trotz Hitze in das Dachgeschoß zum PC begeben hat  :eis:
Gruß von Steffi

Offline Hubert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2392
Bücher beeinflussen die Persönlichkeit!
« Antwort #8 am: 31. Juli 2003, 10:16 »
Hallo zusammen!
Hallo Steffi,

warum, frage ich mich, ist diese Diskussion so schnell eingeschlafen? Warum ist (in einem Klassikerforum!) die Frage „was Moers von BB hält“ oder „wie lange die Pausen beim Lesen sind“ interessanter als die Frage „ob Bücher die Welt verändern“ oder doch zumindest unser Bewusstsein (führt das nicht zum gleichen Ergebnis?). Ich will deshalb die Frage noch mal neu stellen (Steffi, Dein Kampf gegen die Hitze soll nicht umsonst gewesen sein).

Glaubt Ihr, das Bücher Eure Persönlichkeit beeinflussen? Euer Bewusstsein verändern? Wenn ja, gibt es Titel bei denen Euch das bewusst geworden ist?

Liebe Grüße

Hubert

Offline Ingrid

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 171
Bücher die: - die Welt verändern!
« Antwort #9 am: 31. Juli 2003, 11:03 »
Hallo zusammen,

ich bin davon überzeugt, dass Bücher mein Bewußtsein beeinflussen.
Das erste Buch, das ich gelesen habe, und nach dem ich die Welt mit anderen Augen angesehen habe, war "Früchte des Zorns" von Steinbeck. Überhaupt hat Steinbeck in mir eine Sehnsucht geweckt, ein bißchen so zu sein, wie seine Außenseiter und Lebenskünstler, die er in "Wonniger Donnerstag" oder überhaupt in seinen Büchern über die Cannery Row beschrieben hat.  Und so jetzt auch wieder mit Alexis Sorbas.

Es ist nicht viel, was diese Bücher bewirkt haben, nur ein Nachdenken darüber, ob wirklich alles so sein muss, wie es eben ist. Eine Sehnsucht, vielleicht etwas zu verändern.
   
Ich denke, weil Bücher zu einem kleinen Bruchteil mein Leben beeinflussen, und ich ein Teil der Welt bin (wenn auch nur ein winziges Sandkörnchen), dann gibt es doch im Endeffekt diese Bücher, die die Welt verändern, oder nicht? Auch wenn es bei jedem andere Bücher, andere Schriftsteller waren.
 :schmetterling:
Ingrid
Ich träume, also bin ich...

hafis50

  • Gast
Bücher die: - die Welt verändern!
« Antwort #10 am: 31. Juli 2003, 11:36 »
ich glaube auch, daß dies wie die frage nach der henne und dem ei ist.
Haben die bibel und der koran die welt verändert, oder haben wir diese bücher, weil diese beiden religionen sich durchgesetzt haben?
Alle akteure gesellschaftlicher prozesse sind adaptiv und interagierend, alles beeinflußt sich gegenseitig. Dies macht klare ursache-wirkung-beziehungen schwer zu identifizieren. Andererseits ermöglichen solche komplexen adaptiven systeme auch den genannten schmetterlingseffekt (reflektierte katharina blum nur den zeitgeist oder bewirkte böll etwas?).
Bei der frage, ob literatur die persönlichkeit beeinflussen kann, bin ich skeptisch. Jeder therapeut würde die möglichkeit einer beeinflussung bejahen. Ein determinist würde sie verneinen und behaupten, literatur und ihre effekte bedienten nur die aktuellen wünsche und bedürfnisse des einzelnen.
was soll man zB von jenen -angeblichen- extremfällen halten, bei denen menschen mit zuvor mindestens tadeligem oder gar kriminellem lebenslauf behaupten, nach der lektüre zB der bibel, ihr leben radikal verändert zu haben? (beispiel: GW bush) War die lektüre die ursache oder war die lektüre nur eher zufällig lose mit der änderung verbunden?
gruß hafis

Offline Hubert

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 2392
Henne und Ei
« Antwort #11 am: 31. Juli 2003, 22:09 »
Hallo zusammen,

die Frage, ob Bücher was verändern, hat doch mit der Frage nach Henne und Ei absolut nichts zu tun. Bei der Frage nach Henne und Ei geht es doch nur darum, was war zuerst – aber auch die Henne-Befürworter leugnen ja nicht,. dass Hennen aus Eier kommen und die Eier-Befürworter wissen, dass Eier von Hennen gelegt werden. Natürlich hat Böll mit „Katharina Blum“ den Zeitgeist getroffen, dass heißt aber doch nicht, dass er nicht (und gerade dadurch) etwas bewirkt hat. Ich kenne viele, die mit mir zusammen „Freedom for Mandela“ gesungen haben, die eigentlich nur durch die Bücher von Nadine Gordimer für die Probleme des Apartheid-Systems interessiert wurden und da das auf der ganzen Welt so war, wurde der Druck auf die südafrikanische Regierung so groß, dass sie Mandela schließlich freigeben mussten.

Ob GWB durch die Bibel beeinflusst wurde oder noch beeinflusst ist, kann ich nicht beurteilen (da müsste man das Buch ja fast als gefährlich verbieten) ist mir auch ziemlich egal. Mir reicht es wenn Ingrid erzählt, dass sie durch Bücher von Steinbeck oder durch „Alexis Sorbas“ dazu angeregt wird, ihren Standpunkt zu überprüfen (das kann ich nachvollziehen, weil es mir genau so geht) um zu wissen, dass Bücher verändern!

Liebe Grüße

Hubert

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Beiträge: 5086
Ei!
« Antwort #12 am: 4. August 2003, 09:18 »
Hallo zusammen!

Hubert schrieb:

Zitat
die Frage, ob Bücher was verändern, hat doch mit der Frage nach Henne und Ei absolut nichts zu tun.


Aber ja doch! Es geht doch darum, ob zuerst das gesellschaftliche Bewusstsein entsteht, unabhängig von einem Buch, und sich auch unabhängig von irgendeinem belletristischen Werk weiter entwickelt hätte (was ich behaupte), oder ob die Belletristik eine Bewegung überhaupt erst in Gang setzen kann (was, wie ich es verstehe, Huberts These ist). Dass nachher Hühner und Eier in einer nachgerade linearen Kette entstehen, leugnet ja keiner. Aber um sagen zu können «Dieses Buch hat die Welt geändert», muss dieses Buch ganz klar am Beginn einer Entwicklung stehen.

Dass ich, was ich für das Ganze der Welt abstreite, natürlich auch für das Individuum abstreite, werdet Ihr wohl nicht bezweifelt haben. Wenn Ingrid schreibt:

Zitat
Das erste Buch, das ich gelesen habe, und nach dem ich die Welt mit anderen Augen angesehen habe, war "Früchte des Zorns" von Steinbeck. Überhaupt hat Steinbeck in mir eine Sehnsucht geweckt, ein bißchen so zu sein, wie seine Außenseiter und Lebenskünstler,


dann müsste ich die Frage stellen, ob sie nicht schon vorher, durch andere, nicht-literarische Erlebnisse darauf hingerichtet worden ist: ein Urlaub, ein neuer Bekannter (oder ein alter, der sich soeben verändert hat), ein Todesfall.......

Wenn Bücher ein Individuum ändern könnten, müsste dieser Effekt ja reproduzierbar sein. Das heisst, jeder, dem ich Bunyan zu lesen gebe, müsste sich bekehren; jeder de Sade-Leser sich abgelegene Schlösser mieten und allerlei junges Volk foltern...

Merkwürdigerweise sind es oft die Autoren selber, die glauben, die Welt verändern zu können. Und - auf der anderen Seite - selbsternannte Volkserzieher und Zensoren, bis hin zu Diktatoren jeder Couleur, die dieses oder jenes Buch verbieten. Das erbittert dann ausgerechnet die Autoren am meisten, die am meisten an die gesellschaftliche Wirkung von Belletristik glauben...

Ein typisches Beispiel: Es gibt jede Menge von Karl-May-Lesern, die angeben, durch 'ihren' Autor zu einem christlichen und/oder toleranten und/oder pazifistischen Denken hingeführt worden zu sein. Andererseits haben nicht nur Pädagogen und Theologen jahrzehntelang gegen seine schlechten Einfluss Sturm gelaufen, auch ein Klaus Mann tat es - mit dem Hinweis, dass auch Adolf Hitler ein fleissiger Karl-May-Leser sei. Die Prä-Disposition des Lesers scheint mir also doch den Einfluss des Autors bei weitem zu überwiegen.

Grüsse

Sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline Ingrid

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 171
Bücher die: - die Welt verändern!
« Antwort #13 am: 4. August 2003, 12:40 »
Hallo Sandhofer,

ich habe lange darüber nachgedacht, was du geschrieben hast und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass du recht hast.

Als ich damals diese Bücher gelesen habe, war die Zeit "reif" für eine solche Erkenntnis, bzw. war ich in der Verfassung, dass die Botschaft dieser Bücher bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen ist.

Wahrscheinlich ist es so, dass ein Buch nur einen Leser beeinflussen kann, wenn dieser durch seine momentane Lage bzw. Verfassung dazu bereit ist.  

Liebe Grüße
Ingrid
Ich träume, also bin ich...

Offline Steffi

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1683
    • http://www.namen-der-rosen.de
Bücher die: - die Welt verändern!
« Antwort #14 am: 5. August 2003, 09:54 »
Hallo!

Ingrid schrieb:
Zitat
Als ich damals diese Bücher gelesen habe, war die Zeit "reif" für eine solche Erkenntnis, bzw. war ich in der Verfassung, dass die Botschaft dieser Bücher bei mir auf fruchtbaren Boden gefallen ist.


Aber wärest du ohne die Bücher in der Lage gewesen, dies bewußt zu erkennen ? Hast du dein Verhalten nach der Lektüre geändert ? Hättest due es ohne die Bücher geändert ?

Ich denke, es muß wirklich der "fruchtbare Boden" vorhanden sein aber gerade diese neuen Ideen, die ein Buch einem vermittelt, führen zu neuem Wissen und wieder neuen Ideen und neuen Büchern usw. Gerade sandhofers "Spinnennetz-Methode" zeigt doch, wie diese Mechanisemn funktionieren.

Nach Koeppens Roman (und Huberts Hilfe) weiß ich nun mehr über das Nchkriegsdeutschland, somit mehr über die heutige Politik. Und, um Erich Fromm anzuführen, meine "Sein"-Seite wird immer größer ! Ich glaube, das war das Buch, dass mich am meisten beeinflußt hat. Es war wichtig, zu sehen, ich bin auf dem richtigen Weg, was sind die mir wichtigen Dinge im Leben und auch zu sehen, es gibt Menschen, die sind so ähnlich wie ich.

Warum schreiben wir im Forum ? Aus Langeweile ? Nein, eben weil wir uns doch wünschen oder gemerkt haben, dass Bücher in uns etwas bewirken ! Und wenn sie in den Menschen etwas bewirken, können sie auch Außenwirkung haben, denn die Gesellschaft besteht aus Menschen ! Wissenschaftlich läßt sich das nicht nachweisen, da eben nicht reproduzierbar - und das finde ich auch gut so !

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi