Hallo zusammen,
hallo Antonio,
da hast Du jetzt ja eine radikale These aufgestellt (siehe Titel), aber ich bin damit einverstanden.
Du hast gepostet:
"Kunst" wird von der Religion als Dekoration genutzt (so wie der "roehrende Hirsch" als Dekoration dient und nicht als Kunstwerk);
Jetzt bist Du aber in Deine eigene Falle getappt. Ich nehme mal an, dass wir darin übereinstimmen, dass die „Röhrenden Hirsche“, auch wenn diese kunstfertig in Öl gemalt sind, keine Kunst sind. Warum nicht? Weil sie keinen Zweck verfolgen, sondern Dekoration sind. Dagegen gelten Hirsche, von Steinzeitmenschen als einfache Strichzeichnung in eine Höhlenwand geritzt, als Kunst. Warum? Weil diese Zeichnungen, die uns überhaupt nicht kunstfertig erscheinen, einem Zweck dienten und zwar sollten sie das Jagdglück fördern.
Für Dich, mag eine Ikone der russischen Kirche Dekoration sein, für einen orthodoxen Christen ist sie sicherlich mehr. Ein griechischer Tempel, ein romanischer Dom oder eine gotische Kathedrale sind Kunstwerke, sie dienten sicherlich nicht der Dekoration, sondern Grundriss, Bauweise und Ausstattung verfolgten einen bestimmten Zweck. Die Wandgemälde von Fra Angelo in den Zellen eines Klosters in Florenz waren keine Dekoration sondern Meditationsbilder die einem bestimmten Zweck dienten, nur deshalb sind sie Kunst, und zwar vom Feinsten, ansonsten wären sie allenfalls Kunsthandwerk..
Die Beispiele könnte ich unendlich fortführen, ich will hier aber keine Kunstdiskussion vom Zaun brechen (Außerdem gibt es im Einzelforum „Klassische Musik“ den Thread „Was ist klassische Musik?“ und da habe ich die Frage „Was macht eigentlich Kunst aus?“ ohne große Resonanz gestellt. Wenn Du also über diese Frage diskutieren willst, sollten wir das dort tun) Ich denke aber. Wir haben jetzt soweit Übereinstimmung, dass Kunst (Literatur ist natürlich auch Kunst) durchaus einen Zweck verfolgen kann, möglicherweise sogar muss, um Kunst zu sein.
auch wenn ich hypothetisch anerkennte, dass der Anstoss von Gesetzesaenderungen durch die Veroeffentlichung eines literarischen Textes verursacht werden kann, so bedeutet solch eine Aenderung leider nicht, dass sich die Menschen (oder auch nur ein Einziger) WESENTLICH geaendert haben: ihr Hang zur Barbarei bleibt ungebrochen;
Aenderungen unserer Lebensumstaende verdanken wir bei weitem mehr der Naturwissenschaft als der Literatur;
Niemand hat behauptet, dass Literatur unsere Lebensumstände mehr verändert hat als die Naturwissenschaften. Aber wenn Du schreibst „.... bei weitem mehr der NW als der Literatur“, dann hast Du ja zugegeben, dass Literatur auch, wenn auch in geringerem Umfang unsere Lebensumstände verändert. Wenn es aber nicht um Lebensumstände geht, sondern um Bewusstseinsänderungen: Nicht die Naturwissenschaft hat dem russischen Volk klar gemacht, dass Leibeigene auch Menschen sind, sondern Turgenev mit seinen Erzählungen „Aufzeichnungen eines Jägers“, nicht Naturwissenschaftler haben die franz. Revolution vorbereitet, sondern Literaten wie Montesquieu, Voltaire, Rousseau und Beaumarchais. Die Frauenemanzipation ist keine Folge neuer, naturwissenschaftlicher Erkenntnisse sondern der Romane von Balzac und Flaubert, der Dramen Ibsens, der Veröffentlichungen von Simone de Beauvoir. Auch diese Beispiele ließen sich unendlich fortführen.
"nicht unbeteiligt" koennte eine gute Kompromissformel sein
Ich habe ja nie behauptet, dass Literatur allein für alle Veränderungen in der Welt verantwortlich ist, aber (mit diesem Kompromiss bin ich einverstanden): sie ist daran nicht unbeteiligt.
Gruß von Hubert