Autor Thema: Februar 2003: Stefan Zweig - Maria Stuart  (Gelesen 8180 mal)

Offline Nele

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Juni 2003: Stefan Zweig - Maria Stuart
« Antwort #45 am: 2. Juli 2003, 10:31 »
Hallo zusammen,
ich bin jetzt auf den letzten hundert Seiten angelangt und mache mich jetzt auf zum Endspurt - und das kann man ja wirklich mit Fug und Recht sagen: das Thema fesselt mich unglaublich, so dass ich eingentlich gar nicht langsam lesen kann und mich ärgere, wenn ich das Buch aus der Hand legen muss.
@ Steffi: Warum Maria nie jemand vor ihren grössten Fehlern bewahren konnte, liegt glaube ich daran, dass sie selbst unglaublich stur war und sich nicht hat hereinreden lassen, wenn sie sich mal was in den Kopf gesetzt hatte (diese Sturheit bei Bothwell grenzt ja schon an völlige Idiotie, Selbstaufgabe, das ist ja schon fast krank), und dass sie bis auf Rizzio, der ja denn auch schnellstens beiseite geschafft wurde, niemanden hatte, der wirklich ihre Interessen, bzw. die Schottlands vertreten hat, sondern vielmehr immer nur die eigenen. Die wollten bis zu einem gewissen Grade gar nicht ehrlich helfen.  :sauer:
Am Anfang habe ich wegen der dauernden Wiederholungen in den Charakterbeschreibungen von Zweig mal darauf geachtet, ob er sich nicht irgendwann mal vertut und etwas gegensätzliches behauptet, sich widerspricht. Irgendwann habe ich das aber aufgegeben, denn es hat mir auch sehr gefallen, diese Wiederholung zu lesen, denn sie hat es erspart, hunderte von Seiten zurückzublättern und durch diese Wiederholung ist es natürlich dann auch hängengeblieben (z.B. dass Elisabeth so kühl sei und in den Momenten, wo es darauf ankommt, nie eine 100%ige Entscheidung treffen kann, sondern sich immer windet und dreht und halbe Sachen macht). Das macht Zweig in all seinen Büchern - vielleicht ist das mit ein Grund, dass der Stoff so dicht und packend geschrieben ist, nicht trotz, sondern gerade auch wegen dieser Wiederholungen. Ich denke manchmal, er müsste seine Bücher wie Balzac in mehreren durchwachten Nächten und Tagen geschrieben haben mit Unmengen Kaffee und ohne Pause (natürlich nicht ganz so extrem).
Mal sehen, wie es mit der armen Maria dann zu Ende geht, Elisabeth hat sie ja jetzt endlich in ihren Klauen, auch rechtmässig, nachdem Maria einer Untersuchung des Mordfalls Darnley zugestimmt hat... Aber wie hinterhältig, Marias Briefe dann doch vorlesen zu lassen vor Gericht, trotz vorherigen Versprechens, nichts zu tun, was Marias Ehre öffentlich schaden könnte...
Was für ein intriganter Haufen!
Viele Grüsse,
Nele

Offline Steffi

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Juni 2003: Stefan Zweig - Maria Stuart
« Antwort #46 am: 2. Juli 2003, 14:16 »
Hallo !

Ich bin nun auch mit Maria Stuart fertig - wie euch hat mich der Roman sehr gefesselt, die geschichtlichen Hintergründe sind so klar und strukturiert, nie gab es ausschweifende Ausschmückungen. Die Charaktere der 2 Hauptpersonen stehen mir jetzt deutlich vor Augen auch die damaligen politischen Umstände. Toll, wie Stefan Zweig es schafft, diese Dramatik und Tragödie, diese Intrigen und Leidenschaften so ruhig und scheinbar leicht zu schildern und den Leser damit total in Bann zu ziehen.

Irgendwann schaffe ich es noch nach Schottland ...

@Rainer: dieses "ganz" bezog sich nur auf mich persönlich, es sollte keine Kritik an deiner Wortwahl sein, ich hoffe, dass du mich nicht falsch verstanden hast. Ich benutze gerne Superlative !!! Ich freue mich, wenn du Maria Stuart als ganz große Literatur empfindest und ich bei diesem Erlebnis dabeisein durfte  :smile:

@Nele: Ja, mit der Sturheit hast du ganz recht ! Noch bei ihrem Ende bittet sie nicht um Gnade sondern legt stur ihren Kopf auf den Richtblock. Stur und stolz - eine tödliche Mischung !?
Am eindrucksvollsten zeigt sich ihr Charakter in der Stunde des Todes. Zuerst zieht sie unter das dunkelbraune Kleid rote !!! Seidenunterkleidung an, damit das Blut nicht so unangenehme Flecken macht  :entsetzt: und dann wird nochmals der Katholizismus in Szene gesetzt um einen Grund für die Hinrichtung zu geben.

Folgende Antworten ist Stefan Zweig oder die Historie noch schuldig geblieben:
Warum denkt Maria nicht schon vorher an Abtreibung sondern erst, als sie schon in Lithlingow festsitzt? Dann wäre doch Zweigs Grund für die Einwilligung Marias in die Ehe mit Bothwell hinfällig ?
Warum legt sie bei ihrem Ende so viel Wert auf ihren Glauben? Er hat sie auch nicht vor Ehebruch und Mordplänen abgehalten. Nur Show oder Läuterung durch die jahrelange Haft in England?

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Offline Rainer

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Juni 2003: Stefan Zweig - Maria Stuart
« Antwort #47 am: 2. Juli 2003, 15:29 »
Hallo

@Steffi
Ich hab´ dich schon richtig verstanden. Jetzt, nachdem ich´s nochmal gelesen habe, würde ich "ganz" auch weglassen. FREUNDSCHAFT  :zwinker:

Zu Bothwell, seiner Ehe mit Maria und der Schwangerschaft:
War es nicht so, dass Maria dem Bothwell verfallen war (Zweig schreibt von Hörigkeit)? Sie die Ehe mit Bothwell wünschte!? Sie also gar nicht wollte, dass die Ehe hinfällig wurde!?
Erst später, in aussichtsloser Lage, wurde das werdende Leben in ihr zur zusätzlichen großen Belastung!?

Diese Hörigkeit gibt es doch! Und gab es sicher schon immer. Und dieses totale Verfallen einer Person ist vollkommen unabhängig von Stand, Rang, Bildung und Aussehen (Denke ich mir so, als Laie).
Dieses "Ausrasten" (Die Ratio beiseite schiebend) Marias, was Bothwell betrifft, ist m.E. zumindest denkbar.

Rainer

Offline Steffi

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Juni 2003: Stefan Zweig - Maria Stuart
« Antwort #48 am: 3. Juli 2003, 09:52 »
Hallo Rainer !

Unter dem Stichwort Hörigkeit habe ich diesen interessanten Artikel gefunden.
Hörigkeit

So im ersten Moment könnte es auf Marias Psyche durchaus passen !

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Offline Rainer

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Juni 2003: Stefan Zweig - Maria Stuart
« Antwort #49 am: 4. Juli 2003, 03:21 »
Hallo

Danke für den Link! Wirklich Interessant.
So gesehen, kann man sich dies abgedrehte Verhältniss Marias zu Bothwell durchaus erklären.

Gruß
Rainer

Offline Nele

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Juni 2003: Stefan Zweig - Maria Stuart
« Antwort #50 am: 22. Juli 2003, 17:49 »
Ich habe den Schluss des Buches auf meinem Flug in den Urlaub gelesen und muss abschliessend sagen, dass es mich wirklich beeindruckt hat - und zwar nicht nur die Geschichte, sondern auch Zweig´s erzählstil mal wieder (trotz einiger Kritikpunkte).
Besonders imponierend fand ich, dass Maria Stuart sich in blutroter Unterwäsche zum Schafott begeben hat. Was eine Idee - und das damals! Was das für ein unglaublicher Anblick gewesen sein muss!
Also ich kann die Lektüre nur weiterempfehlen, auch geschichtlich habe ich eine Menge dabei gelernt!
LG, Nele

Offline JMaria

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Juni 2003: Stefan Zweig - Maria Stuart
« Antwort #51 am: 2. August 2003, 12:51 »
literarische Verarbeitung der Maria Stuart:

http://www.simonewinko.de/marialit.html

Schiller's Maria Stuart

Theodor Fontane:
Maria und Bothwell
König Darnley liegt erschlagen,
Graf Bothwell hat es getan,
Sechs Lords von Schottland tragen
Die Leiche nach Sankt Alban,
Sie stellen bei Fackelscheine
Den Sarg an den Altar hin; -
Von Trauernden fehlt nur eine,
Maria, die Königin.

Die sitzet daheim im Schlosse,
In funkelnder Nische des Saals,
Auf dem Sammetpfühl ihr Genosse
Ist der Mörder ihres Gemahls ;
Dem Lande kleidet die Trauer,
Der Königin kleidet die Lust,
Kalt-heiße Wonneschauer
Durchrieseln ihre Brust.

Sie spricht verlockenden Schalles:
»Nun komm, und küsse dich rot,
Ich danke dir alles, alles,
Mein Leben und - seinen Tod:
O schau nicht so fragend und bange,
Schau lieber wie sonst mich an,
Leg ab die blasse Wange,
Getan ist, was getan.«

Die Kerzen brennen wie lüstern
Und geben schwülen Hauch,
Immer leiser wird das Flüstern,
Nun schweigt das Flüstern auch,
Ihr Atem lodert zusammen
Wie Glut und Glut sich mischt,
Bis mählich in Flackerflammen
So Lust wie Licht erlischt.

Still wird's; nur Mondeslichter
Durchhuschen noch bleich den Saal,
Es schlummern wie Totengesichter
Graf Bothwell und sein Gemahl;
Sie schlummern; des Windes Weise
Erstirbt im hohen Kamin,
An den Wänden, hastig-leise,
Schatten vorüber fliehn.

Und hastiger wird ihr Treiben,
Schon graut und dämmert der Tag,
Da schlägt's an die klirrenden Scheiben
Wie flatternder Flügelschlag;
Auffahren die zwei vom Kissen,
Verstört an Haar und Sinn,
Im Traume ward wach ihr Gewissen
Und es murmelt die Königin:

»Hilf Himmel, ich sah die Meinen
Landflüchtig, der Zügel beraubt,
Der fallenden Krone des Einen
Nachrollte sein fallendes Haupt,
Und wie Donner durch meine Seele,
Ging das alte Lied:
Ich räch' alle Schuld und Fehle
Bis in das vierte Glied.«

Maria hat es gesprochen,
Graf Bothwell hört es kaum,
Seine Schläfe pulsen und pochen,
Er denkt an den eigenen Traum,
Er spricht unter Starren und Stocken:
»Sie grüßte, dann betete sie,
Abschnitt ihr der Henker die Locken,
Ach, Deine Locken, Marie.«

Graf Bothwell hat es gesprochen,
Maria hört ihn kaum,
Ihre Schläfe pulsen und pochen,
Sie denkt an den eigenen Traum,
Stumm blicken die Buhlergatten
Sich an so blass, so bang; -
König Darnleys blutiger Schatten
Schreitet den Saal entlang.


Die Locke der Maria Stuart (The Lock of Queen Mary)

Lord William, he was dying
Lord William Hamilton.
He thus speaks to his son dear
"Now listen you, Sir John."

I'll leave you land and people,
Our name and our renown,
I'll leave you, more important yet,
This lock, a sacred heirlom.

This lock, I saw it falling,
I heard the scissors' sound -
And when Queen Mary prayéd,
I too spoke silently the words.

A holy oath I swore then:
To bear in pleasure and distress,
In times of joy or sorrow,
This lock upon my breast.

I've carried it in sorrow,
In death I'll leave it to my son -
To live and die for the Stuarts
This too you'll swear, Sir John."

Lord William thus has spoken,
And faithful was Sir John.
In silence he took the heirlom,
And silently he mourn'd.

For twenty years he bore it,
And when his hour arriv'd
He with his father's same words
The lock from his heart untied.

He gave it to his own son,
The son to his son in time.
Their heirlom was unbroken faith
And the lock, a holy sign.

And when on prancing stallion
King James to London rode,
And when King Charles on the scaffold
His head to the hangman bode,

And when at the river Boyne
The warcries again "Stuart" were -
In pain and joy, the lock dear,
And the Hamiltons were there.

And they were there the last time,
When on Cullodens moor
The thistle-banner flying
Their eyes beheld once more.

Once more it was a William,
And once again a John,
An old one and a young one,
But both were Hamilton.

Sir John, he fought on foot,
Lord William on proud steed,
Until an English ballot
Him from the saddle threw.

He handed to his son then
The lock, from blood all red,
He had no time for long speech,
"Keep it well" he only said.

He kept it well, the young one,
Many a month and many year,
And even when he self grew old
The lock, it was still dear.

And when in latest time
To him a message arrived
That dead away far in the South
The last of the Stuarts lied,

He spoke when he gave dying
The lock to his oldest son:
"The Stuarts might have ended
but faith will never so".

And still the noble Hamiltons,
They keep their old renown,
But one thing more than any else
The lock, a sacred heirlom.
(Theodor Fontane)
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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: 1860 Maria Stuart in Schottland
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Offline JMaria

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Juni 2003: Stefan Zweig - Maria Stuart
« Antwort #52 am: 3. August 2003, 11:14 »
Sir Walter Scott: Der Abt (The Abbot)
handelt über Maria Stuarts Aufenthalt auf Lochleven Castle und ihre Befreiung.
Aktuell:

Offline Erika

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Juni 2003: Stefan Zweig - Maria Stuart
« Antwort #53 am: 6. August 2003, 11:10 »
Etwas verspätet melde ich mich auch noch mal zum Thema. Ich habe am Wochenende die letzten 100 Seiten gelesen. Die eindrückliche Schreibweise Zweigs war schon packend.

Beeindruckend und doch fremd, wie Maria ihren eigenen Tod inszeniert. Jede Einzelheit wird bedacht. Mit dem Opfer ihres Lebens will sie Elisabeth vor der Geschichte ins Unrecht setzen.

Ihr Stolz hat ihr das Leben gekostet:
"Aber Maria will gar nicht mehr gerettet sein. Immer war ihre stärkste Waffe der Stolz, und eher wird sie das Knie beugen vor dem Schaffott als vor einer Protektorin." (S. 421)

Unrühmlich auch die Rolle der Verbündeten Frankreich und Spanien. Es bleibt bei formalen Protesten gegen das Unrecht, die ohne Folgen bleiben. Das erinnert an die Rolle des Auslands zu Beginn der Nazizeit.  Das Buch erschien 1935, als die Vernichtungsmaschine ihre Arbeit aufnahm.

Dies war nicht das letzte Buch, das ich von Stefan Zweig gelesen habe.


Erika

 :blume:
Wer Klugheit erwirbt, liebt das Leben und der Verständige findet Gutes.
Sprüche Salomo 19,8