Autor Thema: Februar 2010: Siegfried Lenz - Deutschstunde  (Gelesen 5638 mal)

Offline Jaqui

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #15 am: 5. Februar 2010, 11:59 »
Das mit der Pflichterfüllung finde ich auch sehr bedenklich, aber genauso haben sich damals eben viele Soldaten rausgerdet. Ich hatte keine andere Wahl, ich musste meine Pflicht tun, sonst wäre ich auch dran gewesen.
Ob es ihm allerdings Spaß macht den Maler so zuzusetzen bezweifle ich allerdings ein wenig.

Schlimm finde ich auch, wie die Mutter mit ihrem "zukünftigen Schwiegersohn" umgeht. Jetzt wird er verstoßen weil er krank ist, so was finde ich immer schlimm. Aber ob man damals schon gewusst hat, dass es sich um Epilepsie handelt? Hart fand ich auch die Worte von ihr: "Mal sehen welche Bande stärker sind". Wenn sich ihre Tochter also für ihren Freund entscheidet kann sie auch das Haus verlassen, was ist denn das für ein Umgang mit Menschen?

Ich bin schon gespannt für wen sich Hilke entscheidet.

Katrin

Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #16 am: 5. Februar 2010, 13:37 »
Ja Du hast Recht, Spaß ist wohl auch der falsche Ausdruck...  :rollen: Aber es gibt ihm eine gewisse Genugtuung, dem Maler zu zeigen, dass er, der Maler, mit seiner Lebensweise eben nicht "weiter kommt", dass Pflichterfüllung wichtiger als alles Andere ist, ja sogar wichtiger als seine eigene Familie...

Kann es sein, dass der Vater den Eindruck hat, der Maler fühle sich ihm überlegen (was der Maler sicher nicht denkt) ?

Es gibt ja noch mehrere Hinweise auf die Pflichten... Nicht nur im Rückblick, ,sondern auch während des Schreibens der Strafarbeit - ich fand es bemerkenswert, als Siggi den Direktor im richtigen Moment an sein Versprechen erinnert "das Ende der Strafarbeit selbst bestimmen zu können - es kann dauern, solange es nötig ist" und diese "Drohung" nun dazu nutzt, seine persönlichen "Freuden der Pflicht" weiterführen zu dürfen :zwinker:

Und dann noch die Pflicht des sympathischen Gefängniswärters Joswig, der auch hin- und hergerissen wird während der Durchführung seiner Pflicht...


Ich bin auch mal gespannt darauf, inwiefern  das zweite Gesicht noch ins Geschehen eingreift...

Bezüglich der Mutter war ich auch geschockt, das mit der Krankheit kam ihr gerade noch zur Hilfe, war sie doch ohnehin schon gegen diese Verbindung - und warum sie wohl etwas gegen das Akkordeon hatte?? Epilepsie war offensichtlich hier noc nicht bekannt, denn alle waren ja seeehr unsicher, außer Hilke, die damit ganz  umsichtig umging.
Gruss Biggi
« Letzte Änderung: 5. Februar 2010, 13:39 von thebi »

Offline josmar

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #17 am: 5. Februar 2010, 17:24 »
Ich bin mir da nicht so sicher, ob sich Nansen nicht vllt. doch gegenüber Vater Jepsen überlegen fühlt?
Mir scheint es jedenfalls so, daß er eine gewisse Ironie an den Tag legt.  Ich habe ein bisschen den Eindruck, daß er sich aus der Sicht eines Künstlers heraus überlegen fühlt! :?:

Gruß
josmar

Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #18 am: 7. Februar 2010, 09:23 »
Ja, das stimmt wohl.
Habe nun noch ca. 100 Seiten vor mir...
Was mir noch nicht klar ist, ist die Rolle der Mutter... Sie "erscheint" ja auch nicht wirklich oft, und wenn, ist ihr Verhalten für mich ziemlich undurchschaubar... :confused: Ist sie vielleicht depressiv - sie nimmt ja auch Medikamente...
Der Vater ist ja weiterhin ziemlich verbissen, stur - bin gespannt, ob er zum Schluss seine Einstellung vielleicht doch noch ändert...? (Glaube es eher nicht, sonst wäre Siggi wahrscheinlich gar nicht erst in dieser Erziehungsanstalt...!?!??)
Etwas wundert mich: bis jetzt dachte ich, Siggi erzählt seine Lebensgeschichte, allein aus seiner Erinnerung, aber des öftern kommt es ja vor, dass er sagt/schreibt: "um den Zuschauer nicht zu langweilen, lassen wir ... nun dies oder jenes machen..." Also ist ein Teil seiner Arbeit nicht nur reine Erinnerung, sondern durchaus auch Erdachtes, Erfundenes... :confused:
Schade oder vielleicht auch gerade deshalb spannend finde ich, dass die Kapitel aprupt enden, das nächste Kapitel setzt völlig neu an, lässt den Leser im Dunkeln darüber, wie es weitergeht. Irgendwann, quasi nebenbei erfährt man, wie es grob weitergegangen ist... Aber ich denke, darum geht es ja wohl auch nicht wirklich, sondern eben um die Ausgangssituation, die zum jeweiligen Kapitelende führt... Trotzdem bin ich jedes Mal wieder erneut enttäuscht, wenn die Kapitel zu Ende sind und das Neue ganz woanders ansetzt...
Werde heute weiterlesen, was es eim Maler Neues gibt, weshalb Jens unbedingt auch dort erscheinen soll...

LG

Offline Manjula

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #19 am: 8. Februar 2010, 07:45 »
Hallo zusammen,

ich denke auch, dass die Mutter psychische Probleme hat. Als sie Siggi vom Geburtstag heimschleift, muss sie ja erst mal ihr Beruhigungspulver nehmen. Für Siggi ist das aber gar nichts Außergewöhnliches, also ist das wohl bei ihr üblich. Was das wohl für ein Medikament ist, wenn es so schnell wirkt? Möchte man vielleicht gar nicht wissen. Auf jeden Fall wirkt vor diesem Hintergrund ihre Aussage "wir brauchen keinen Kranken" mehr als vorgeschoben. Ihr Problem ist ja wohl eher, dass Addi ein "Zigeuner" ist.

Jens' Haltung gegenüber dem Maler kann ich noch nicht ganz einschätzen. Lt. eigener Aussage tut er ja "nur seine Pflicht", er hätte aber sicher gewisse Spielräume. Berlin ist weit weg, und wer wird ihn kontrollieren?

Herrlich fand ich den jungen Psychologen. Wer wäre nicht scharf darauf, dass eine Phobie nach ihm benannt wird?  :zwinker:

Viele Grüße
Manjula
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Offline Jaqui

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #20 am: 8. Februar 2010, 14:03 »
Ich kann mit der Rolle der Mutter auch noch nichts anfangen, allerdings bin ich noch nicht so weit wie thebi. Ich stecke gerade mitten im 7. Kapitel. Die Weigerung von Siggi seine Arbeit zu beenden fand ich super, damit hat der Direktor wohl nicht gerechnet.

Und ich kann josmar nur zustimmen, ich denke auch, dass sich der Maler überlegen fühlt.
Mit Klaas kann ich noch nichts anfangen. Warum ist er ausgebrochen, warum hat er sich selbst verletzt und warum sind die Eltern so hart und würden ihrem eigenen Sohn nicht helfen? Auf diese Fragen hätte ich noch gerne eine Antwort.

Katrin

Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #21 am: 8. Februar 2010, 15:10 »
Hallo!
Mit Klaas kann ich noch nichts anfangen. Warum ist er ausgebrochen, warum hat er sich selbst verletzt und warum sind die Eltern so hart und würden ihrem eigenen Sohn nicht helfen? Auf diese Fragen hätte ich noch gerne eine Antwort.
Tja, da kann ich Dir wohl im Moment nicht so wirklich helfen, ohne vorzugreifen...  :zwinker:
Aber die Frage über das "Warum er sich verletzte" wurde sogar schon ansatzweise geklärt und wenn nicht, kommt eine Erklärung noch... Ist  nicht wirklich ausführlich, aber ausreichend... Und ein kleiner Hinweis zum
warum sind die Eltern so hart und würden ihrem eigenen Sohn nicht helfen? 
- es hat etwas mit dem Thema des Aufsatzes zu tun "die Freuden der Pflicht" - (ich hoffe, ich habe nicht zuviel vorweggenommen...).

Nunja, viel Spaß beim Weiterlesen erstmal... :lesen: Durchhalten, ich persönlich habe bei zwei Kapiteln eine groooße Länge gespürt und musste mich zwingen, konzentriert weiterzulesen, aber: es lohnt sich !! :klatschen: :wink: Bin heute vormittag fertig geworden und bin wirklich froh, dass ich über Euch dazu motiviert wurde, dieses Buch zu lesen - Danke!! :herz: :tipp: LG Biggi
« Letzte Änderung: 8. Februar 2010, 15:14 von thebi »

Offline Manjula

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #22 am: 9. Februar 2010, 07:42 »
Guten Morgen,

thebi, Du bist aber schnell! Schön, dass Dir das Buch so gefallen hat - ich hoffe, Du bleibst unserer Leserunde noch ein bißchen erhalten  :winken:

Die Geschichte um Klaas finde ich auch sehr spannend. Er hat sich ja selbst verletzt (ich schätze mal, mit dem Ziel, dem Kriegsdienst zu entgehen). Ob das aber der alleinige Grund ist, dass seine Eltern ihn praktisch verstoßen haben? Das Gespräch zwischen Gudrun und Jens habe ich jedenfalls so gedeutet, dass sie ihn, wenn er bei ihnen auftaucht, anzeigen würden. Ich meine, da muss noch mehr als die Selbstverstümmelung dahinter stecken. Interessant übrigens, dass der Maler Klaas helfen will. Macht er das jetzt, obwohl er von Jens getriezt wird? Oder will er ihm (wenn er weiß, wie er zu Klaas steht) gerade eins auswischen?

Auch das Gespräch mit dem Briefträger war aufschlussreich. Die Dorfbewohner sind also auch der Ansicht, dass der Polizeiposten seinen Auftrag übererfüllt. Er macht es sich natürlich auch etwas einfach, wenn er sagt, er tut seine Pflicht, was danach kommt, weiß er nicht: Der Briefträger wusste ja auch, was mit den Bildern passiert ist (und so entartet, dass man nicht noch Geld damit machen konnte, waren sie offensichtlich nicht! Gier vor Überzeugung).

Die Mutter kann ich ebenfalls noch nicht recht einschätzen. Soll mit der Episode, als sie sich in Siggis Bett legt, angedeutet werden, dass sie ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter entfliehen will? Siggi erwähnt ja nur, dass das später immer häufiger vorkommt. Dass das ganze aus seiner Sicht (eines Kindes), ohne Interpretation, geschildert wird, gefällt mir sehr gut, das lässt Raum für eigene Deutungen.

Viele Grüße
Manjula
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Offline Jaqui

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #23 am: 9. Februar 2010, 14:14 »
Hallo alle zusammen,

thebi, Du bist aber schnell! Schön, dass Dir das Buch so gefallen hat - ich hoffe, Du bleibst unserer Leserunde noch ein bißchen erhalten  :winken:

Ja, das hoffe ich auch, dass du uns dennoch weiter begleitest, auch wenn du schon fertig bist.


Die Geschichte um Klaas finde ich auch sehr spannend. Das Gespräch zwischen Gudrun und Jens habe ich jedenfalls so gedeutet, dass sie ihn, wenn er bei ihnen auftaucht, anzeigen würden. Ich meine, da muss noch mehr als die Selbstverstümmelung dahinter stecken. Interessant übrigens, dass der Maler Klaas helfen will. Macht er das jetzt, obwohl er von Jens getriezt wird? Oder will er ihm (wenn er weiß, wie er zu Klaas steht) gerade eins auswischen?

Naja, vielleicht kann es auch sein, dass wenn sie ihm helfen sie ebenfalls angeklagt werden und wegen Hilfe eines Kriegsverweigerers sogar vor Gericht landen könnten.
Dass der Maler Klaas hilft finde ich sehr gut und ich denke nicht, dass er Jens eins auswischen will, sondern dass er einfach helfen will und keine Angst vor den Konsequenzen hat.


Auch das Gespräch mit dem Briefträger war aufschlussreich. Der Briefträger wusste ja auch, was mit den Bildern passiert ist (und so entartet, dass man nicht noch Geld damit machen konnte, waren sie offensichtlich nicht! Gier vor Überzeugung).

Daran sieht man wenigstens dass damals viele Menschen die Augen verschlossen haben und auch im Nachhinein gesagt haben, dass sie vieles nicht gewusst haben. Dabei haben sie nur die Augen verschlossen und wollten es gar nicht sehen. Genau das Gefühl habe ich bei ihm auch. Er schiebt alles auf seine Pflicht und das bewahrt ihn davor zu denken.


Die Mutter kann ich ebenfalls noch nicht recht einschätzen. Soll mit der Episode, als sie sich in Siggis Bett legt, angedeutet werden, dass sie ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter entfliehen will? Siggi erwähnt ja nur, dass das später immer häufiger vorkommt. Dass das ganze aus seiner Sicht (eines Kindes), ohne Interpretation, geschildert wird, gefällt mir sehr gut, das lässt Raum für eigene Deutungen.

Das ist eine gute Frage. Ich habe in diese Szene eigentlich gar nichts reininterpretiert, aber deine Auslegungen sind auch nicht schlecht.

Katrin

Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #24 am: 9. Februar 2010, 20:43 »
Hallo!!
Natürlich bleibe ich Euch noch ein wenig erhalten, bin ja auch gespannt darauf, wie es Euch gefällt bzw. gefallen hat und wie Ihr bestimmte Sachen interpretiert...  :zwinker:
Allerdings habe ich etwas Probleme mit "Zitieren"  :rollen:

Also um auf Klaas bzw. dessen Kriegsverweigerung und Selbstverstümmelung zurückzukommen: ich denke schon, dass es für die Eltern, besonders wohl für den Vater, seeeehr schlimm war, als Klaas sogar so weit ging, sich selbst zu verstümmeln, um seiner "hochheiligen Pflicht" im Kriegsdienst zu entgehen...

In welchem Kapitel bist Du übrigens Manjula - damit wir nichts vorwegnehmen...?

Ja, ich denke auch, dass der Maler einfach hilft, weil jemand in Not ist. Er ist sich wohl schon der möglichen Folgen bewusst, aber kann nicht anders als helfen, oder? Und er hat wohl erkannt, dass Klaas niemanden sonst hat (wenn er sich noch nicht einmal nach Hause traut...!).


Das mit der Mutter, die sich in Siggis Bett legt, fand ich auch seltsam und hätte mir gerne eine genauere Erklärung gewünscht, vor allem im Hinblick darauf, dass es ja später noch oft vorkommen sollte (wie Siggi selbst sagt). Warum- Wieso - Weshalb  ich habe es auch nicht erkannt und es hat mich irgendwann auch nicht mehr so sehr interessiert....
So, nun weiterhin viel Spaß beim Lesen und einen schönen Abend noch !!!  :lesen: Biggi

Offline Manjula

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #25 am: 10. Februar 2010, 07:55 »
Guten Morgen,

thebi, ich habe eben das Kapitel beendet, in dem Siggi dem Direktor und der Psychologenrunde vorgestellt wird. 105 Tage schreibt er nun schon! Und er lässt sich weder durch den Direktor noch durch seine Kameraden bzw. die Chance auf Flucht davon abbringen. Der Wächter scheint ihm seine Hartnäckigkeit (übrigens: was für ein Unterschied zu dem leicht ablenkbaren Siggi vom Beginn) übel zu nehmen und bezeichnet ihn als Ischarioth. Aber warum fühlt Joswig sich von ihm verraten? Dass er irgendetwas mit der Nansengeschichte zu tun hatte, glaube ich nicht. Meine Deutung: er hat mit dem Naziregime sympathisiert oder zumindest keinen Widerstand geleistet, und fühlt sich nun auch durch unpersönliche Anklagen persönlich getroffen.

Dass die Eltern Klaas wegen seiner Verstümmelung so ablehnen, kann ich immer noch nicht nachvollziehen. Ihnen ist seine "Pflicht" also wichtiger als sein seelisches und körperliches Wohlergehen  :rollen:

Die Rolle des Malers wird zunehmend zwiespältig. Dass er etwas herablassend gegenüber Jens ist, sehe ich inzwischen auch so (die Episode mit den unsichtbaren Bildern zeigt das ja; andererseits verhält Jens sich da so dumm, dass ich Nansen gut verstehen kann, dass er ihn ein bißchen hochnimmt). Insgesamt hatte ich von ihm bisher aber einen guten Eindruck. Der Bericht des Psychologen zeigt aber auch andere Seiten: er hat etwas gegen Pazifisten und Homosexuelle, und seine Haltung gegenüber der NSDAP hat sich erst geändert, als er persönlich betroffen war (witzig aber seine Begründung, er habe eine Farballergie... ).

Was haltet Ihr von der Episode mit dem zweiten Gesicht? Es passt gar nicht zu dem nüchternen Jens, finde ich. Verständlich, dass Siggi Angst bekommt, der Vater könnte nun sein Geheimnis erraten. Auch in diesem Kapitel musste ich schmunzeln, und zwar als der Wirt Jens' "schichtiges Kieken" nutzen wollte - um die Erfolgschancen für eine Eierlikörfabrik zu testen  :breitgrins:.

Viele Grüße
Manjula
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Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #26 am: 10. Februar 2010, 10:58 »
Hallo !!

Ja, Siggi schreibt nun schon sehr lange... Interessant, dass er nun sogar darum bitten muss, seine Strafarbeit weiterschreiben zu dürfen...
Der Wächter scheint ihm seine Hartnäckigkeit (übrigens: was für ein Unterschied zu dem leicht ablenkbaren Siggi vom Beginn) übel zu nehmen und bezeichnet ihn als Ischarioth. Aber warum fühlt Joswig sich von ihm verraten? Dass er irgendetwas mit der Nansengeschichte zu tun hatte, glaube ich nicht. Meine Deutung: er hat mit dem Naziregime sympathisiert oder zumindest keinen Widerstand geleistet, und fühlt sich nun auch durch unpersönliche Anklagen persönlich getroffen.
Glaubst Du, dass Joswig den Inhalt der Hefte zu diesem Zeitpunkt überhaupt genau kennt?? Ich bin nicht sicher... Ich vermute hier eher, er fühlt sich von Siggi verraten, weil er es vorzieht zu schreiben, alleine zu sein, anstatt am "normalen" Alltag der Besserungsanstalt teilzunehmen. Er sagt doch: "Du, deine Freunde, ihr alle: für euch ist man da, man drückt euch ans Herz, opfert sich auf. Und was macht ihr? " Ich deute es so, dass er es einfach persönlich nimmt, dass er nicht auf Joswigs Gutmütigkeit angewiesen ist, sondern seinen eigenen Weg gefunden hat, mit der Strafe umzugehen... - oder liege ich falsch?? Deswegen vielleicht auch der Entzug der Zigaretten am Ende des Kapitels.

Dass die Eltern Klaas wegen seiner Verstümmelung so ablehnen, kann ich immer noch nicht nachvollziehen. Ihnen ist seine "Pflicht" also wichtiger als sein seelisches und körperliches Wohlergehen  :rollen:
-Dazu kann ich nur sagen: JA!! Wahrscheinlich würde Jens jetzt sagen: "Er ist selbst daran schuld"...

Tja, und der Maler... Ja, es ist eindeutig so, dass er Jens überlegen ist und ihm dies inzwischen auch zeigt. Er ist sympathisch, er hilft, lässt niemanden im Stich. Was hat es mit der Farballergie ausgerechnet gegen "Braun" auf sich? Vielleicht politisch? Hier lernt man bisher unbekannte Seiten vom Maler kennen...

Das zweite Gesicht kam wirklich sehr überraschend, auch für Jens. Das war wirklich lustig, als der Wirt "mehr" erfahren wollte und hoffte, Jens könne auf Befehl in die Zukunft schauen ;-)

Spannend,nicht wahr?? Viel Sapß weiterhin... LG Biggi

Offline josmar

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #27 am: 10. Februar 2010, 20:05 »
Hallo,

mittlerweile habe ich auch nur noch knapp 100 Seiten vor mir.

Mir ist im Kapitel 13 "Lebenskunde" die Situation beim Volkssturm sehr in Erinnerung geblieben.

Nansen steht zum Abend hin auf und verkündet jetzt einfach nach Hause zu gehen.   
>Es wird dunkel, sagte der Maler, da möchte man zu Hause sein<.
 Herrlich, wären der Krieg und der sinnlose Volkssturm nicht so schlimm, so muß man diese Situation schon fast als grotesk bezeichnen.  Vater Jepsen kann dann auch nur so reagieren, daß er die Dienstwaffe auf den Maler richtet und droht.
>Der Maler sagte: Ich werde gehen, Jens< und etwas weiter: >Nichts, nicht einmal das Ende verändert euch. Man muß darauf warten, bis ihr ausgestorben seid.<
Vater Jepsen kann nicht anders reagieren, er ist Befehlsempfänger und führt sie ohne weiteres aus. Aber für mich wird auch hier ganz deutlich, Nansen fühlt sich überlegen, hat eine ganz andere Moral und Sicht als Vater Jepsen. Zwei völlig verschiedene Ebenen treffen aufeinander.  Fast habe ich schon Mitleid mit dem kleinen Polizisten Jepsen, dessen ganzes Bestreben es zu sein scheint, seine kleine, heile Spießerwelt mit allen Mitteln aufrechtzuhalten!
Ich frage mich nur, ob Lenz es bewußt so konstruiert hat, daß der Leser den Eindruck der Überlegenheit Nansens hat. Ist die Figur von vornherein so angelegt gewesen oder hat sie sich entwickelt. Aber vllt. liege ich ja mit dieser Einschätzung völlig schief!?

Gruß
josmar

Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #28 am: 10. Februar 2010, 20:26 »
Hallo!
Wow, da bist Du ja heute ganz schön weit gekommen ;-).
Ja, diese Szene fand ich auch toll. Und am schönsten fand ich, dass sich die anderen beiden auf seine Seite gestellt haben und mit ihm gegangen sind!! Was wäre wohl passiert, wenn nicht???

Naja, ich denke schon, dass der Maler bewusst als Kontrast zum pflichtbewussten Jepsen geschaffen wurde. Immerhin wird ja durch sein Aufbegehren gegen das Malverbot und durch seine Gleichgültigkeit gegenüber den Bestimmungen ja erst deutlich, welchen Widrigkeiten man oft begegnet während der Ausübung seiner Pflicht. Er ist das Kontra, gleichzeitig ein "Opfer der Pflicht".

Was mich interessieren würde: ich verstehe nicht so wirklich, was es mit dem Bericht / der Studienarbeit von Wolfgang Mackenroth auf sich hat... Soll diese Studienarbiet dem Leser nur dazu dienen, das Geschehen / die Charaktere aus einer anderen Sicht und Perspektive zu sehen, nicht nur aus Siggi's Sicht, der ja viele Dinge aus Sicht eines Kindes erlebt hat?? Oder hat es noch einen tieferen Sinn??

Besonders gut gefallen hat mir die Stelle, als Joswig Siggi um Rat fragt bezüglich des geplanten Ausbruchversuches. Hier hätte mich schon wirklich interessiert, wie es letztendlich geendet hat (der Ausbruch, wie hat Joswig sich verhalten - wie von Siggi geraten?). So ging es mir hier oft - zu gerne hätte ich an vielen PUnkten das Ergebnis erfahren, den weiteren Verlauf, auch wenn es ja nicht wirklich darum geht, sonder um die "Pflicht".

Schade, aber  so ist es eben ;-).
Schönen Abend noch"
LG Biggi

Offline Jaqui

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #29 am: 10. Februar 2010, 20:55 »
Das mit dem zweiten Gesicht fand ich sehr amüsant und ich musste lachen als plötzlich der Wirt wissen wollte wie er sich bezüglich seiner Zukunft entscheiden soll.

Deine Theorie, thebi, dass Joswig deswegen sauer ist weil Siggi seinen eigenen Weg gefunden hat finde ich sehr interessant. Kann aber durchaus zutreffen, denn ich denke ebenfalls nicht, dass er den Inhalt der Hefte kennt. Die hat meiner Ansicht nach nur der Direktor durchgelesen.

Auf den bevorstehenden Ausbruch (wenn er denn wirklich stattfindet) bin ich schon sehr gespannt. Leider komme ich nicht annäherend so schnell voran wie ich gerne hätte, aber das Buch fesselt mich dennoch weiter.

Katrin