Autor Thema: Februar 2010: Siegfried Lenz - Deutschstunde  (Gelesen 5631 mal)

Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #30 am: 10. Februar 2010, 21:41 »
Hallo!
Sorry, habe ich da wieder was vorweggenommen  :rollen:(mit dem Ausbruch...).
Lass Dich nicht hetzen, nimm Dir Zeit,man kann dieses Buch nicht nebenbei und schnell lesen. Ich hatte wohl einfach etwas mehr Zeit. Nimm Dir die Zeit, die Du brauchst, wäre sonst schade...
Am besten Du schreibst nur immer genau, bei welchem Kapitel Du bist bzw. welches Du beendest hast, damit ich nicht vorgreife  :redface:
Tschüüüüss!!
LG Biggi

Offline Manjula

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #31 am: 11. Februar 2010, 07:58 »
Guten Morgen,

mit Joswig habt Ihr sicher recht - es ist unwahrscheinlich, dass er den Inhalt der Hefte kennt, daran habe ich gar nicht gedacht. Thebis Theorie erscheint mir deshalb plausibel. Allerdings hart, dass Joswig Siggi als Ischariot bezeichnet.

Ich bin jetzt an der Stelle angelangt, wo Jens wegen Klaas den Arzt holt. Vorher hat er ja nach langer Großzügigkeit (aus seiner Sicht) endlich ein Bild beschlagnahmt, und ich hatte schon das Gefühl, dass er er Genugtuung empfindet, immerhin hat der Maler gleich zwei Verbote mißachtet. Aus seinem Gespräch mit Gudrun danach wird deutlich, dass er die Malerei Nansens sehr ablehnt, seine Aussage, dass die Figuren sicher kein Deutsch sprächen, klingt schon sehr "völkisch". Die Überwachung des Verbots widerstrebt also nicht seinen Überzeugungen, sondern ist tatsächlich eine "freudige Pflicht".

In gewisser Weise kann ich sein Verhalten gegenüber Nansen jetzt besser verstehen, er geht ja wirklich davon aus, dass dessen Kunst schändlich (vielleicht sogar für ihn selbst) ist. Absolut nicht verstehen kann ich seine Haltung gegenüber Klaas. Wenn jemand derartige Angst vor dem Krieg hat, dass er sich selbst verstümmelt, sollte das doch selbst bei einem völlig Fremden Mitleid hervorrufen; umso mehr beim eigenen Sohn. Aber es ist wohl unmöglich, sich in die Denkwelt von Menschen zu versetzen, die in einer Diktatur leben.

Mutig finde ich Siggis Bilderaustausch. Ob wohl die Verantwortlichen seine Kunst auch als entartet ansehen?  :zwinker:

Viele Grüße
Manjula
"Kunst soll keine Schulaufgabe und Mühseligkeit sein, keine Beschäftigung contre cœur, sondern sie will und soll Freude bereiten, unterhalten und beleben, und auf wen ein Werk diese Wirkung nicht übt, der soll es liegen lassen und sich zu andrem wenden."

Offline Jaqui

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #32 am: 11. Februar 2010, 08:16 »
@thebi: Nein, du hast nichts vorweggenommen, da ich aus deinem Beitrag nicht rauslesen konnte ob sie es denn wirklich schaffen oder ob es nur beim Versuch bleibt. Und ganz ehrlich: Ich bin nicht der Typ der gleich beleidigt ist wenn er mal weiß wie es weitergeht. Das stört mich kein bisschen.

Und ist bei vielen Leserunden auch oft gar nicht zu vermeiden. Da man selber vielleicht weiter ist als die anderen ist es ganz natürlich dass man andere Aspekte beschreibt. Von daher freue ich mich über weitere Kommentare von dir  :winken:

Katrin

Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #33 am: 11. Februar 2010, 11:17 »
Ich bin jetzt an der Stelle angelangt, wo Jens wegen Klaas den Arzt holt. Vorher hat er ja nach langer Großzügigkeit (aus seiner Sicht) endlich ein Bild beschlagnahmt, und ich hatte schon das Gefühl, dass er er Genugtuung empfindet, immerhin hat der Maler gleich zwei Verbote mißachtet. Aus seinem Gespräch mit Gudrun danach wird deutlich, dass er die Malerei Nansens sehr ablehnt, seine Aussage, dass die Figuren sicher kein Deutsch sprächen, klingt schon sehr "völkisch". Die Überwachung des Verbots widerstrebt also nicht seinen Überzeugungen, sondern ist tatsächlich eine "freudige Pflicht".

In gewisser Weise kann ich sein Verhalten gegenüber Nansen jetzt besser verstehen, er geht ja wirklich davon aus, dass dessen Kunst schändlich (vielleicht sogar für ihn selbst) ist

Ja, ich denke auch, dass Gudrun und Jens die Bilder des Malers nicht "verstehen", sie sehen nur die gemalte Oberfläche, aber nicht dahinter. Sie denken, sie erweisen dem Maler noch einen Gefallen, sie wollen ihn sozusagen "retten" und zu "ihrer Art" zurückbringen. Max hat sich ihrer Meinung sehr verändert und malt ja nur deshalb so seltsame Bilder, um dem Ausland zu gefallen... Und das Ausland ist "schlecht". Und als der Maler versucht, sich mit Jens zu einigen, ihm einen Vorschlag machen will, wie sie in der nächsten Zeit miteinander umgehen wollen, ist Jens gar nicht bereit, sich den Vorschlag auch nur anzuhören. Später sagt er sogar zu Gudrun: "Eine Freundschaft ist doch kein Freibrief für alles." Er hat also gar nicht vor, seinem Freund entgegenzukommen, ein Auge zuzudrücken. Es reicht ihm nicht einmal, als Max ein Bild zerreißt, nein, er muss selbst die Schnipsel einsammeln und als Beweismaterial mitnehmen - toll, wie Siggi das Bild zusammensetzt und später austauscht - habe mir die Gesichter derer vorgestellt, die sich unter größter Anstrengung diees Bild später zusammengesetzt  und sich gefragt haben, was das Bild wohl ausdrücken soll...  :breitgrins:



Absolut nicht verstehen kann ich seine Haltung gegenüber Klaas. Wenn jemand derartige Angst vor dem Krieg hat, dass er sich selbst verstümmelt, sollte das doch selbst bei einem völlig Fremden Mitleid hervorrufen; umso mehr beim eigenen Sohn. Aber es ist wohl unmöglich, sich in die Denkwelt von Menschen zu versetzen, die in einer Diktatur leben.

Ich bin nicht wirklich sicher, wie ich das deuten soll... Manchmal dachte ich, dass die Mutter Klaas schon wieder aufnehmen würde (als sie seine Hand nimmt, dann aber aus dem Zimmer geht). Aber haben sie denn eine andere Wahl als ihn auszuliefern (aus ihrer Sicht??). In dem Moment, wo sie ihn verstecken - einige wissen ja davon - wäre Jens ja unglaubwürdig in seiner Stellung als Polizeiposten, er könnte sein Malverbot nicht mehr überwachen und es wäre klar, daß er seinen Arbeit loswäre und selbst bestraft würde, , sobald sie Klaas finden-sie würden ihn ja zuerst hier suchen. Also bleibt Jens in dieser Situation tatsächlich nichts anderes übrig - oder liege ich falsch?Ich hatte zwischenzeitlich durchaus den Eindruck, als ob Jens ihn schon gerne zu Hause behalten wollte und er nur widerstrebend  alles weitere in die Wege leitete... Ich denke, Jens wird ständig hin- und hergerissen, sei es mit dem Maler, mit Klaas, mit dem Wirt, der den "Feindsender" hört. Immer wieder muß er sich entscheiden zwischen Freundschaft und Pflicht. Aber die Pflicht steht für ihn an oberster STelle und er kann andere nicht verstehen, für die es nicht so ist (wobei wird nicht wirklich wissen, wie er im Falle des "Feindsenders" gehandelt hat - oder ist mir etwas entgangen?).


« Letzte Änderung: 11. Februar 2010, 11:20 von thebi »

Offline Manjula

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #34 am: 12. Februar 2010, 08:10 »
Guten Morgen,

ja, Jens ist als Polizeiposten da sicher in einer schwierigen Situation. Und obwohl einige Dorfbewohner schon in Zusammenhang mit Nansen signalisiert haben, dass sie nicht völlig mit dem Regime übereinstimmen, kann er nicht sicher davon ausgehen, dass ihn niemand verraten würde. Aber: es ist doch sein Sohn! Er macht ja nicht mal den Versuch, ihn zu retten. Nansens Frage, ob er etwas für ihn tun könne, kann man doch als Hilfeangebot deuten. Es würde ihm sicher sauer werden, dies anzunehmen, da er ja wieder in seiner Schuld stünde, aber er scheint es nicht mal in Erwägung zu ziehen. Sondern zeigt Klaas statt dessen aktiv an. Darüber komme ich nicht hinweg.

Das Kapitel über Nansens Abholung beginnt ja recht brutal mit dieser Notschlachtung. Hoffentlich soll damit nicht das Schicksal des Malers vorweggenommen werden. Der war übrigens sehr ruhig bei seiner Abholung. Dass Jens so auf die Ausnutzung der halben Stunde pocht, hat etwas von einer buchhalterischen Grausamkeit. Und Siggi war wieder sehr mutig, schon wieder hat er ein Bild gerettet.

Beim nächsten Kapitel ist mir wieder deutlich aufgefallen, was Ihr auch schon erwähnt habt: dass Lenz offene Enden erst mal stehen lässt und mit einer vermeintlich völlig unspannenden Szene (hier Siggi und Hilke beim Buttpeddeln - den Ausdruck habe ich auch noch nie gehört) weitermacht. Mit dem schleichenden Doktor schien es dann wieder spannend zu werden, da sind mir aber die Augen zugefallen  :zwinker:

Es reicht ihm nicht einmal, als Max ein Bild zerreißt, nein, er muss selbst die Schnipsel einsammeln und als Beweismaterial mitnehmen - toll, wie Siggi das Bild zusammensetzt und später austauscht - habe mir die Gesichter derer vorgestellt, die sich unter größter Anstrengung diees Bild später zusammengesetzt  und sich gefragt haben, was das Bild wohl ausdrücken soll...  :breitgrins:

Bei der Vorstellung musste ich auch grinsen. Da könnten sie ja mit Recht behaupten, moderne Kunst sei Kinderkram  :breitgrins:

Viele Grüße
Manjula
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Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #35 am: 12. Februar 2010, 12:57 »
Hallo! :winken:
Tja, das war schon wirklich hart, was Jens mit Klaas gemacht hat... Ich konnte es auch nicht wirklich glauben...

Ja die Abholung Nansens... Die Notschlachtung war ziemlich brutal, aber auch hier zeigte Nansen wieder, dass es Dinge gibt, die wichtiger als Gehorsam sind - nämlich die Erlösung des Tieres von seinen Qualen!
War es nicht fast schon rührend, wie sehr Jens sich bemühte, sich immer wieder vor dem Maler zu rechtfertigen "Du hast es selbst so gewollt" usw. Der Maler zeigt auch hier wieder seine Überlegenheit, indem er sich ruhig und fast ohne Worte fertigmacht. Und Jens hofft irgendwie auf eine Antwort von Nansen, aber er bekommt keine, was ihm gar nicht passt... Der Maler gibt ihm nicht die "Absolution". Und der Maler bittet Siggi zum ersten Mal wirklich darum, ihm zu helfen.
Etwas weiter habe ich fast die Luft angehalten, ob Busbeck und der Maler ihm überhaupt weiter vertrauen, als er ein Versteck preisgibt - klar, er hatte ja eigentlich genau das Gegenteil vorgehabt, aber leider... Ich dachte nur: ob sie nun nicht denken müssen, dass auch Siggi sie verraten hat??

Übrigens: was haltet Ihr von Balthasar???
Bis später :winken:
LG Biggi

Offline Jaqui

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #36 am: 14. Februar 2010, 20:49 »
Ich bin nach wie vor am Ball, komme aber nicht wirklich voran. In den nächsten Tagen komme ich auch sehr wenig zum Lesen, ich werde mich daher leider erst wieder gegen Ende der Woche genauer melden können.

Katrin

Offline Manjula

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #37 am: 15. Februar 2010, 07:54 »
Guten Morgen zusammen,

so, gestern bin ich auch zu der Szene mit dem Volkssturm gekommen. Absurd und sinnlos, das trifft es wirklich. Ich hatte hier aber nicht das Gefühl, dass Nansen sich herablassend verhält. Eher, dass er versucht, die Fassade (dass der Volkssturm sinnvoll sein könnte) aufrecht zu erhalten, es aber irgendwann nicht mehr kann, weil er erkennt, wie grotesk das Ganze ist. Wenn man das Ganze streng sieht, war er auch bis zu diesem Zeitpunkt pflichtbewusster als Jens; er hat Wache gehalten und nicht Karten gespielt. Ich finde, hier sieht man sehr schön Jepsens Auffassung von Pflicht: er hat wohl den Befehl erhalten, sich einzugraben und evtl. auftauchende Feinde abzuschießen - und mehr macht er auch nicht. Eigeninitiative (z.B. Wachen einzuteilen) übernimmt er nicht. Der typische Befehlsempfänger. Und ein einmal erteilter Befehl gilt fort: auch nach dem Krieg fühlt er sich verpflichtet, Nansens Bilder zu vernichten.

Naja, immerhin ist er konsequent. Die Gegenposition ist Bernt Maltzahn, der seine Attacken gegen den Maler später ganz anders gedeutet haben will; geradezu regimekritisch sei er gewesen. Es scheint, als ob Nansen damit schlechter klar kommt als mit Jens' Sturheit: Maltzahn wirft er heraus, für Jens findet er fast versöhnliche Worte.

Zitat
Welche Möglichkeiten hat denn einer, der nur seine Pflicht tun möchte und nichts anderes von sich erwartet? So einer ist ja auch nicht immer gut dran, jedenfalls ist er nicht ohne Schwierigkeiten.

Ja, es stimmt schon: fast könnte man Mitleid haben mit Jens. Aber nur fast - seine Haltung gegenüber Klaas finde ich unverzeihlich. Jetzt muss er ja keine Angst mehr vor Bestrafung haben, und trotzdem verstößt er ihn.

Was ich sehr merkwürdig fand, war die Szene in der Schule: warum ist der englische Soldat bestürzt, als er ins Mikroskop sieht? Und warum wird der Naturkundeschrank eingehend inspiziert? Sehr schön hier die Beschreibung des Lehrers, der zuerst Sprüche von unwertem Leben ablässt und dann ganz in sich zusammenfällt.

Zitat
Übrigens: was haltet Ihr von Balthasar???

Ich weiß nicht recht...soll er die Exzentrik des Malers (im Gegensatz zu Jens' Spießigkeit) unterstreichen?

Viele Grüße
Manjula
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Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #38 am: 16. Februar 2010, 12:01 »
Hallo :winken:
Tja, der Volkssturm... Ob Nansen wirklich bewusst Wache geschoben hat?? Ich glaube eher, es war fast schon "Zufall", er wollte sich am Kartenspielen nicht beteiligen, seine Ruhe haben... Aber Jepsen zeigt sich hier wirklich wieder einmal mehr als reiner Befehlsempfänger, egal ob es Sinn macht oder nicht.

Und Jepsens Verhalten Klaas gegenüber finde ich auch unverzeihlich, Pflicht hin oder her. Aber Jepsens Einstellung ist halt auch eine andere als Klaas', deswegen kann er ihm auch nicht verzeihen, als der Krieg längst vorbei ist. Ich glaube sogar, er nimmt es ihm übel, dass Klaas ihn in diese Situation gebracht hat, dass er sich entscheiden musste zwischen ihm und seiner Pflicht...

Die Szene in der Schule habe ich auch nicht wirklich verstanden... Gut, der Lehrer beweist auch seehr großes Pflichtbewusstsein, führt seinen Unterricht pflichtbewusst weiter,als ob draußen keine Panzer ständen... Und was die Soldaten im Mikroskop erkannt haben wollen - vielleicht waren sie enttäuscht, hatten etwas für sie Spektakuläres erwartet.Ich denke nicht, daß sie eine Ahnung davon hatten, was sie da wirklich im Mikroskop gesehen haben ...  :rollen:
Vielleicht wollten sie nur sichergehen, daß keine Waffen oder Ähnliches im Schrank sind und sie durch den Unterricht von irgend etwas anderem abgelenkt werden sollten... ., oder?  :rollen:

Bernd Maltzahn hat eine reine Ausrede erfunden - sich versucht, herauszureden, weil er nun ein bedeutende Stelle hat und von ihm erwartet wird, dass er mit Nansen "Geschäfte" macht. Eben deshalb wirft Nansen ihn auch -meines Erachtens zu Recht - heraus! Wie Du auch sagst, Jepsen ist wenigstens konsequent und dreht sich nicht "nach dem Wind".


Balthasar erscheint ja im Verlaufe des Buches immer seltener - ich dachte, dass Nansen ja ein Austauschpartenr fehlt, jemand, mit dem er über seine Malerei reden kann - und er sich deshalb Balthasar "erschaffen" hat...
Viel Spaß beim Weiterlesen!
LG Biggi

Offline Manjula

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #39 am: 19. Februar 2010, 07:38 »
Guten Morgen,

... Ich glaube sogar, er nimmt es ihm übel, dass Klaas ihn in diese Situation gebracht hat, dass er sich entscheiden musste zwischen ihm und seiner Pflicht...

Ich glaube, damit triffst Du den Punkt. Dass Klaas ihn in Konflikt bringt mit seiner Pflicht, ist wahrscheinlich schlimmer als Klaas' eigentliches Vergehen. Und Siggi tut ja mit seinen Bilderdiebstählen dasselbe (was für eine kuriose Situation, dass der Vater den Sohn polizeilich verfolgt). Konsequenterweise verstößt dann Jens auch seinen zweiten Sohn.

Diese Diebstähle sind eine merkwürdige Wendung. Überhaupt kommt mir die Geschichte nach dem Ende des Krieges etwas konfus vor. Es wird alles recht schnell, z.T. nur indirekt über die Studienarbeit von Mackenrodt, erzählt. Aber vielleicht ist das ja bewusst so gestaltet, um Siggis zunehmende Desorientierung zum Ausdruck zu bringen.

Die kleine Szene in der Bahn, in der der Schaffner eine Reisende wegen Ihres falschen Fahrscheins aufgreift, war übrigens auch wieder eine nette Nebenbeiüberlegung zum Thema Pflicht.

Und dann Siggis "Unterhaltung" mit Hansi! Was für ein arroganter K...brocken. Er fühlt sich wohl sehr progressiv, ist aber im Endeffekt mindestens genauso intolerant wie Jens. Begabt ist er ja wohl, aber menschlich...

Viele Grüße
Manjula
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Offline josmar

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #40 am: 19. Februar 2010, 17:55 »
Hallo,

nun bin ich auch durch.
Wie vor fast 30 Jahren bin ich auch jetzt wieder von diesem Buch begeistert.
Die Thematik der Pflichterfüllung unter allen Umständen hat mich wieder gefesselt.  Allerdings bin ich der Ansicht, daß der Roman von der Spannung lebt, die sich zwischen Vater Jepsen und Nansen aufbaut. Die Auswirkung dieser Auseinandersetzung auf Siggi Jepsen war für mich der Mittelpunkt und damit auch die Frage, wie wirkt sich ein Verhalten auf andere Menschen aus. Und der Gegensatz zwischen dem freigeistigen Künstler und dem Polizisten, der einfach nur seine Pflicht erfüllt, aus seiner Sicht.  Nicht hinterfragen, sondern nur gehorchen. Wobei ich auch etwas den Eindruck dadurch hatte, daß die "Rollenverteilung" somit deutlich ist und vllt. gewollt/ungewollt (?) relativ einfach ist. Hat Nansen eigentlich irgendwelche negative Eigenschaften? Abgesehen vllt. von einer gewissen Arroganz, die dem Künstler wohl anhaftet.
Besonders hervorheben will ich aber auch einmal die sehr gelungenen Landschaftsbetrachtungen und -beschreibungen. Diese Bilder von der Nordsee, der tiefe, zerfurchte Himmel mit den Sturmwolken, habe ich selten so plastisch vor meinem geistigen Auge gesehen. Nun gut, ich habe aber auch eine gewisse Affinität zum Norden.  Immer wieder dieses Bild, wie Vater Jepsen mit seinem Fahrrad gegen den Wind sich auf den Deich hochquält! So ist aus meiner Sicht sein Leben verlaufen, immer wieder das Anrennen gegen Hindernisse ohne im Grunde zu wissen, warum er das tut!
Und zuletzt der interessante Gesichtspunkt, wohin auch Freundschaft (zwischen Vater Jepsen und Nansen) führen kann. Die unterschiedliche Entwicklung von Menschen einer Gegend!  Aber eins ist für mich auch klar, in ihrer Sturköpfigkeit sind sie sich völlig gleich!

Soweit,

Gruß

josmar

Offline thebi

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #41 am: 21. Februar 2010, 19:30 »
Hallo,
Überhaupt kommt mir die Geschichte nach dem Ende des Krieges etwas konfus vor. Es wird alles recht schnell, z.T. nur indirekt über die Studienarbeit von Mackenrodt, erzählt. Aber vielleicht ist das ja bewusst so gestaltet, um Siggis zunehmende Desorientierung zum Ausdruck zu bringen.

Ja, das kam mir auch so vor... Mich hat das Kapitel mit der Theateraufführung zunächst sehr irritiert, aber letztendlich hatte ja auch diese Szene ihre "Daseinsberechtigung" dahingehend, dass Klaas wieder auftauchte und das Leben nach dem Krieg etwas nähergebracht wurde...
Und die Studienarbeit von Mackenroth  "erzählt" sehr viel über die Entwicklung von Siggi...

Nicht hinterfragen, sondern nur gehorchen. Wobei ich auch etwas den Eindruck dadurch hatte, daß die "Rollenverteilung" somit deutlich ist und vllt. gewollt/ungewollt (?) relativ einfach ist. Hat Nansen eigentlich irgendwelche negative Eigenschaften? Abgesehen vllt. von einer gewissen Arroganz, die dem Künstler wohl anhaftet.

Ja, das scheint mir auch so...  Nein, Nansen ist auch für mich eindeutig der "Sympathische", der über allem steht und überall nur positiv erscheint. Jepsen hingegen... Aber trotz allem Negativen, dass man über Jepsen sagen kann, richtig unsympathisch war er mir nicht - er tat mir eigentlich eher leid, weil er aus seiner Haut einfach nicht herauskann und sich somit selbst im Weg steht...

Besonders hervorheben will ich aber auch einmal die sehr gelungenen Landschaftsbetrachtungen und -beschreibungen. Diese Bilder von der Nordsee, der tiefe, zerfurchte Himmel mit den Sturmwolken, habe ich selten so plastisch vor meinem geistigen Auge gesehen.

Ja, die Landschafstbeschreibungen, die mir teilweise schon fast etwas zu langatmig waren, sind schon sehr gelungen und tragen dazu bei, sich die Landschaft gut vorstellen zu können... Scheint ja eine etwas abseits und recht ländliche Gegend zu sein - ob die Thematik zwischen Jepsen und Nansen in einer Stadt wie Berlin überhaupt jemals so entstanden wäre?? Und in Sachen Sturheit stehen sich die beiden auch meiner Meinung in nichts nach - jeder auf seine Art eben...
So, ich werde das Buch Anfang der Woche wieder in der Bücherei abgeben - bin aber sicher, dass ich es nicht zum letzten Mal gelesen habe .... Danke für den Tipp und die Lesegruppe!!
Herzliche Grüße
Birgit

Offline Manjula

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Re: Siegfried Lenz - Deutschstunde
« Antwort #42 am: 3. März 2010, 23:39 »
Hallo zusammen, leicht verspätet auch mein Fazit: ein für mich sehr lesenswertes Buch. Die Themen Pflicht, Gehorsam, Widerstand sind eindrücklich eingearbeitet und blieben bei mir stark haften. Die Charaktere fand ich sehr liebevoll gestaltet, auch die Nebenrollen wie z. B. Joswig. Beeindruckt haben mich auch die Landschaftsbeschreibungen; man spuert geradezu den Wind brausen.

Zu Nansen: ich finde schon, dass er auch negative Eigenschaften zugeschrieben bekommt, naemlich seine Intoleranz. Aber das gefaellt mir auch, dass er nicht als eindimensionaler Gutmensch gezeichnet wird. Mit Jens geht es mir wie thebi: ich kann ihn trotz seiner Fehler nicht völlig schlecht finden. Auch Siggi ist nicht einfach einzuordnen. Was es letztlich mit seiner Bildermanie auf sich hat, wird offen gelassen. Die Frauen sind Lenz nicht so gelungen, finde ich: Siggis Mutter bleibt trotz interessanter Ansaetze etwas blass, undauch von Hilke haette ich gern mehr gelesen.

Aber das ist ja ein kleiner Kritikpunkt. Ansonsten fand ich das Buch sehr gut, und die Leserunde hat mir viel Freude gemacht :winken:

Schoene Gruesse
Manjula
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