Autor Thema: Schriftsteller im Schatten anderer  (Gelesen 4258 mal)

Offline JMaria

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Schriftsteller im Schatten anderer
« am: 18. Juli 2003, 14:02 »
Hallo zusammen

angeregt durch einen Beitrag in Nimues' Bücherforum, steht die Frage im Raum ob in Deutschland einige Klassiker zu hochbewertet werden und somit Schriftsteller im Schatten großer Namen stehen (dort ging es um Thomas Mann und Goethe als zu hochstilisiert).

Was meint ihr?

Wie sieht es in anderen Länder aus? Schriftsteller im Schatten großer Namen?

Viele Grüße
Maria
Aktuell:

Offline Hubert

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Beitrag in "Literaturschock"?
« Antwort #1 am: 18. Juli 2003, 15:12 »
Hallo Maria,

wo finde ich den erwähnten Beitrag in nimues' Bücherforum? Ist es schon ein älterer Beitrag?

Gruß

Hubert

Offline nimue

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Re: Beitrag in "Literaturschock"?
« Antwort #2 am: 18. Juli 2003, 15:16 »
Hallo Hubert,

ich bin zwar nicht Maria, aber ich glaube, ich kann Dir trotzdem antworten  :breitgrins:

Hier die Links zum erwähnten Beitrag Worst Books und zum Hauptforum von Literaturschock.

Liebe Grüße
nimue

P.S: Mir fällt gerade auf, dass der Beitrag "Worst Books" auch gut hier reinpassen würde. Kopiere ich gleich mal.

Offline sandhofer

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Schriftseller im Schatten anderer
« Antwort #3 am: 22. Juli 2003, 08:05 »
Hallo zusammen!

Keyserling?

Grüsse

Sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Wilhelm Fink

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im Schatten anderer
« Antwort #4 am: 23. Juli 2003, 19:51 »
Thomas Mann hat überwiegend positiv die Bücher anderer Autoren besprochen. Er konnte aber auch sehr gehässig sein, zum Beispiel über Arno Holz, als der als Kandidat für den Nobelpreis ins Gespräch gebracht wurde.
Robert Walsers (Schweiz) letztes Buch erschien bei Rowohlt. Ein blitzgescheites, ein funkelndes kleines Werk.
Über diesen Prosaband DIE ROSE (1925) sagte Robert Walser Emtscheidendes. Er nannte es sein ungezogenstes und jugendlichstes Buch. Heute wissen wir, es war sein Jonglier-Stück. Nämlich sein Bewußtsein an immer längerer Leine zu halten, ohne dass der Faden riß. Seines Drahtseilakts bewußt, sandte er DIE ROSE sogar an Thomas Mann. Der Großschriftsteller ernannte den Autor prompt zum harmlos-guten Kind.
Aber dieses Buch konnte nur geschrieben werden, weil weit hinten in Robert W. eine enorme naive Kraft saß, die ihn befähigte, bei zertrümmerten Bewußtsein sich nach außen ungebrochen in einer Weise darzustellen, als wäre alles,Text und Welt, reine, naive Natur.
.
Heute zählt Robert Walser zu den fünf Grossen seines Jahrhunderts.

Offline Hubert

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Robert Walser
« Antwort #5 am: 23. Juli 2003, 23:23 »
Hallo Wilhelm Fink,

herzlich willkommen hier im Klassikerforum. Deine Homepage scheint ja interessant. Leider hatte ich noch nicht die Zeit, sie ausgiebig anzusehen. Du hast das folgende gepostet:

Heute zählt Robert Walser zu den fünf Grossen seines Jahrhunderts.

Ist das jetzt Deine persönliche Meinung oder wer hat das gesagt? Und wer bitte sind dann die anderen vier Grossen?

Gruß

Hubert

Offline Hubert

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Goethe und Thomas Mann
« Antwort #6 am: 10. August 2003, 20:21 »
Hallo zusammen,

Im Forum „Literaturschock“ war die Frage aufgetaucht, ob Klassiker wie Goethe und Thomas Mann nicht zu hoch geschätzt oder überschätzt werden.

Goethe: Kann man meiner Meinung nach nicht überschätzen!

Thomas Mann: Ja, ist meiner Meinung nach überschätzt (Ich sage das, obwohl ich einige seiner Bücher sehr mag)

Im „Literaturschock“ stellte sich allerdings heraus, dass der Urteilende nur ein Werk von Thomas Mann (Der Tod in Venedig) kennt, Wie will man da urteilen? Was kannte er wohl von Goethe?

Wie sieht es in anderen Länder aus? Schriftsteller im Schatten großer Namen?

So wie in Deutschland alle Schriftsteller sich an Goethe messen lassen müssen, so gibt es auch in anderen Ländern Dichter, die alle anderen überragen:
Italien: Dante
Spanien: Cervantes
England: Shakespeare
Frankreich: Moliere

Gruß

Hubert

hafis50

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Re: Goethe und Thomas Mann
« Antwort #7 am: 11. August 2003, 18:03 »
Zitat von: Hubert
So wie in Deutschland alle Schriftsteller sich an Goethe messen lassen müssen, so gibt es auch in anderen Ländern Dichter, die alle anderen überragen:
Italien: Dante
Spanien: Cervantes
England: Shakespeare
Frankreich: Moliere


Steht in frankreich moliere in der publikumsgunst bzw. der wertschätzung der "experten" tatsächlich höher als zB rabelais?
Aber kann man wirklich objektiv festlegen, -also so, daß alle "experten" zu einer einheitlichen beurteilung kommen-, welcher schriftsteller wen überragt?
Hier habe ich starke zweifel. Tatsächlich ändert sich ja die wertschätzung eines autors mit der zeit. Entweder weil die erste wertschätzung unrichtig war oder weil die wertschätzung sich aus objektiven gründen zu recht änderte. Im letzteren fall kann man nicht von über- oder unterschätzung sprechen. So hörte ich neulich im fernsehen die feststellung, klopstock sei zu seiner zeit ein herausragender schriftsteller gewesen, allerdings lese ihn heute kaum noch jemand. MRR bezeichnete die lyrik der nobelpreisträgerien nelly sachs (wie auch die werke anderer zuvor höher geschätzter autoren) als verstaubt und überholt. Hesse hält zB schiller für einen schriftsteller, der heute seiner meinung nach weniger aufmerksamkeit verdient als er früher erhalten hatte.
Andererseits erleben zuvor gering geschätzte autoren posthum einen zuwachs an wertschätzung und popularität. Als beispiel wurde zutreffend robert walser genannt. Suhrkamp promotet ja gerade diesen autor im moment ganz intensiv (broschüren, neuauflagen etc.). Italo svevo in italien und evtl. auch bruno schulz in polen und hp lovecraft im horrorgenre wären weitere beispiele für autoren, die zu lebzeiten im schatten der vermeintlich größeren gestanden haben.
Man kann heute gute gründe angeben, warum man heute klopstock und sachs nicht mehr zur spitze zählen soll. Das muß aber nicht unbedingt heißen, daß sie überschätzt worden waren. Vielleicht ist es vielmehr so, daß ihr buch nicht mehr "ein buch ist, daß nie aufhört zu sagen, was es sagen möchte" (svevo).  Ihr thema, ihr stil und ihre gedanken interessierten die zeitgenossen, aber nicht mehr uns. Andere dagegen waren ihrer zeit voraus und verfehlten den geschmack der zeitgenossen.
Aus diesen gründen wäre ich erst einmal recht skeptisch von über- oder unterschätzung zu sprechen.
gruß hafis

Offline Hubert

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Schriftsteller im Schatten anderer
« Antwort #8 am: 11. August 2003, 21:14 »
hafis hat geschrieben:

Steht in frankreich moliere in der publikumsgunst bzw. der wertschätzung der "experten" tatsächlich höher als zB rabelais?

Ja, in Frankreich steht Moliere sowohl in der Publikumsgunst als auch in der Wertschätzung der "Experten" weit höher als Rabelais. Auch im Ausland ist Moliere mit Abstand vor Rabelais angesiedelt, sowohl was die Bekanntheit, als auch was die Beliebtheit angeht.

Anonymous

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Schriftsteller im Schatten anderer
« Antwort #9 am: 12. August 2003, 10:19 »
Zitat von: Hubert
in Frankreich steht Moliere sowohl in der Publikumsgunst als auch in der Wertschätzung der "Experten" weit höher als Rabelais. Auch im Ausland ist Moliere mit Abstand vor Rabelais angesiedelt, sowohl was die Bekanntheit, als auch was die Beliebtheit angeht.


das überrascht mich. Ich hätte gedacht, daß schrifsteller wie rabelais, flaubert oder balzac in ihrer wertschätzung über moliere stehen. Vielleicht ist es auch nicht ganz fair, romane mit schauspielen zu vergleichen, weil ja uU ein ganz unterschiedliches (kritiker-)publikum angesprochen wird.
Und sicher wird es auch hier unterschiedliche meinungen geben: hesse begnügt sich bei moliere mit einer auswahl, die obige liste eines college enthält nur den rabelais.  
gruß hafis

Offline amelie

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Re: Goethe und Thomas Mann
« Antwort #10 am: 12. August 2003, 14:14 »
Zitat von: Hubert
Thomas Mann: Ja, ist meiner Meinung nach überschätzt (Ich sage das, obwohl ich einige seiner Bücher sehr mag)[/color]
Also ich würde Thomas Mann die Ehre, die er von der Öffentlichkeit erhält absolut zubilligen, für mich sind ist seine Wortkunst nicht minder göttlich als die Goethes. Das mag einigen Zeitgenossen vielleicht vermessen vorkommen, doch ich finde, es kann niemand dem Gefühl des Todes(Zauberberg), des Aufbruchs und des Ausbruchs(Tod in Venedig) und überhaupt des Gefühls der Gefühle langsam und unbemerkt Eintritt in die menschliche Seele verschaffen wie Thomas Mann. :klatschen:
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Offline Hubert

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Thomas Mann
« Antwort #11 am: 12. August 2003, 21:28 »
Hallo amelie,

es freut mich, dass Du dich so für Thomas Mann einsetzt. Und Du hast ja recht. Meine ursprüngliche Aussage, muß man vielleicht im Zusammenhang mit dem Posting in einem anderen Forum sehen. Ich will also nochmals neu formulieren:

Thomas Mann ist (meiner persönlichen Meinung nach) der größte deutschsprachige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Es gibt aber noch ein paar andere Schriftsteller, die auch nicht schlecht geschrieben haben. Wenn aber MRR sagt: Zuerst kommt T. Mann, und dann kommt nochmals T. Mann und dann kommt lange nichts, dann überschätzt er ihn ein wenig.

Könntest Du dieser neuen Aussage ev. zustimmen? Dann wären zumindest wir beide gleicher Meinung. Ansonsten könnten wir das ja auch in aller Freundschaft ausdiskutieren.

Liebe Grüße

Hubert

Offline amelie

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Schriftsteller im Schatten anderer
« Antwort #12 am: 13. August 2003, 12:14 »
ok, bei diesem Hintergrund besehen werden deine Äusserungen verständlich. Naja, wenn mich so recht überlege, dann komme ich zu dem Schluß, dass ich eigentlich gar nicht wissen kan,wer "der Größte" ist, da ich längst nicht alle kenne und auch nie kennen werde. Denn, heisst einer von den Großen zu sein, auch einer der Bekanntesten zu sein?
Ich kann nur sicher sagen, dass ich sehr von Thomas Mann begeistert bin und dass er mich und meinen Schriebstil beeinflusst hat, genauso wie Johann Wolfgang von G. und Antoine de St. E.
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Offline Hubert

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Moliere vor Rabelais
« Antwort #13 am: 14. August 2003, 11:06 »
Hallo hafis,

Du hast geschrieben:
die obige liste eines college enthält nur den rabelais

Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, welche obige Liste eines colleges Du meinst. In diesem Thread gibt es keine Liste. Ich tippe deshalb auf die Liste des St. John’s College, die Du in einem anderen Thread gepostet hast. Zunächst vielen Dank für die Liste, aber es gibt auch einige Anmerkungen dazu. Die Liste scheint mir, legt mehr Wert auf philosophische und naturwissenschaftliche (wie Du schon bemerkt hast, womöglich überholte) Werke als auf Dramen. In einer Liste, in der Lessing, Goethe, Schiller, Kleist und Brecht, die Spanier Calderon de la Barca, Tirso de Molina und Lope de Vega, die Italiender Carlo Goldoni und Luigi Pirandello ebenso fehlen wie der Russe Anton Cechow und der Norweger Henrik Ibsen würde es tatsächlich nicht verwundern, wenn auch Moliere nicht aufgeführt wäre und würde deshalb keineswegs auf die geringe Bedeutung von Moliere verweisen. Umso erstaunlicher ist es und zeigt die Bedeutung Molieres , dass genau dieser Dramatiker entgegen Deiner Vermutung doch enthalten ist. (Schau doch mal zwischen Rousseau und Adam Smith im Junior year.) Die von Dir erwähnten franz. Autoren Flaubert und Balzac (obwohl beide durch ihre Romane bekannt) kommen in Deiner Liste allerdings tatsächlich nicht vor.

Trotzdem, meine Aussage gründet sich nicht auf solche Listen, sondern auf die Aussage meiner französischen Freunde (ich wohne nur wenige Kilometer von der franz. Grenze und bin fast jede Woche einmal in Frankreich). Übrigens ging aus dem Theater Molieres die Comédie Francaise hervor, die wenn man mich nicht falsch informiert hat, seit Molieres Zeiten (er lebte von 1622 bis 1673) permanent bis auf den heutigen Tag mindestens ein Stück von Moliere im Spielplan hat. Da ich seit einiger Zeit jedes Jahr mindestens einmal in Paris bin, habe ich auch schon mehrere Moliere-Stücke in der Comédie Francaise erlebt.

Wenn Hesse sich mit einer Auswahl von Moliere begnügt, zeigt das doch nur, dass auch Hesse wusste: Dramen wollen gesehen, nicht gelesen werden. Wenn Du etwas von Goethes Meinung zu Moliere wissen willst, lies doch mal die „Gespräche mit Eckermann“.

Gruß  Hubert

hafis50

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Schriftsteller im Schatten anderer
« Antwort #14 am: 14. August 2003, 15:55 »
hallo hubert,
du hast natürlich recht. Die liste enthält moliere. Manchmal habe ich sehr wenig zeit, dann stellen sich solche flüchtigkeitsfehler schon mal ein.

P.S.: die aufnahmekriterien für diese liste waren nicht unbedingt die stellung und die popularität der werke, sondern vielmehr die eignung dieser studiengangungebundenen interdisziplinären lektüre in toto, also in verbindung auch mit anderen studienfächern, -deswegen auch die naturwissenschaftlichen und philosophischen werke in dieser liste-, den lerneffekt bzw. die fähigkeit zur problemanalyse auch in literaturfremden sachgebieten zu befördern.


Zitat
Dramen wollen gesehen, nicht gelesen werden


Und darum könnte es problematisch sein, einen dramatiker gegen einen zB epiker oder lyriker zu bewerten.
gruß hafis