Autor Thema: Uwe Tellkamp  (Gelesen 4170 mal)

Freund Hermann

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Uwe Tellkamp
« am: 5. Februar 2010, 21:44 »
Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle einmal einen Uwe Tellkamp Ordner zu eröffnen, da ich im Moment aufgrund der Leihgabe eines Freundes "Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café" zu lesen beabsichtige. Immerhin wurde Tellkamp für seinen Roman "Der Turm" im Jahre 2008 mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet und kann aufgrund seiner Abstammung sicherlich als Chronist der Wende aus Sicht des ostdeutschen Intellektuellen angesehen werden. Ich bin gespannt und werde im Anschluss an die Lektüre sicherlich Bericht erstatten.

mfG
F. Hermann

Offline JMaria

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #1 am: 6. Februar 2010, 11:55 »
Hallo Freund Hermann,

ich weiß nicht ob du dir mit "Der Hecht, die Träume und das Portugiesische Café" einen Gefallen tust. Ich kenne das Buch (noch) nicht, doch in einem Artikel las ich, dass Tellkamp nicht wollte, dass dieses Buch nochmals aufgelegt wird, doch der Verlag hat nun mal die Rechte und wollte nun wohl auch mit seinem Frühwerk noch etwas mehr Geld machen ;-)

"Der Turm" war für mich eine Lesehighlight 2009. Ein außergewöhnlich episches und ästhetisches Werk. Ein Gegenwartsschriftsteller der mal etwas wagt mit der Sprache.

berichte bitte, wie dir der "Hecht..." gefällt.

Gruß,
Maria
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Freund Hermann

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #2 am: 6. Februar 2010, 12:34 »
 :winken:

Hallo Maria,

entgegen deiner Mutmaßung gefällt mir das Buch bisher ausgesprochen gut. Handlungsarm aber sehr, sehr poetisch. Ich habe gerade den ersten Teil abgeschlossen und es erinnerte mich, sicherlich auch aufgrund der Überschrift, stark an Proust, wenngleicj mir bisher lediglich Band I der verlorenen Zeit bekannt ist. Es geht um eine Gruppe junger Individualisten in einem Dresdner Stadtviertel, in dem das portugiesische Café eine Art kulturelles Zentrum darstellt. Vor allem aber geht es um die Liebe zwischen Sophie, Mitglied der  Tanzkapelle Tango Verde, die an Vermeers Mädchen mit dem Perlenohrring erinnert und Florian, einem Arzt in den Dreißigern, die aber bisher nicht über eine zarte Annäherung hinauskommt. Ich bin gespannt wie es weitergeht und melde mich wieder, muss mich aber erst um meinen Internetanschluss kümmern...

mfG
F. Hermann

Freund Hermann

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #3 am: 9. Februar 2010, 11:30 »
Hallo Maria,

habe das Buch soeben beendet und kann nur sagen: Es endet sehr, sehr traurig. Dass Tellkamp sprachlich etwas wagt, dem kann ich nur uneingeschränkt zustimmen. Das ganze Buch schäumt von Poesie. Tellkamp war in jedem Falle eine Entdeckung, auch wenn nach einem solchen Ende der Wunsch des Autors verständlich erscheint, eine Zweitauflage möglichst zu verhindern. Zumindest wenn man davon ausgeht, dass die Erzählung zum Teil auch autobiografische Züge trägt. Was sicherlich nichts mit der Qualität des Buches zu tun haben dürfte. Danach sollte auch eine zehnte Auflage zu befürworten sein. Ich möchte im Moment aber nichts Näheres dazu verraten.

mfG
F. Hermann

Offline Steffi

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #4 am: 9. Februar 2010, 13:21 »
Hallo F. Hermann,

na, jetzt machst du mich ja total neugierig auf das Buch. Mir hat "Der Turm" auch sehr gefallen, gerade auch der Sprache und des Stils wegen. Und wohl auch, weil Tellkamp dort etliche Reminiszenzen an klassische Autoren versucht, ohne seinen eigenen Stil aufzugeben.

Ich habe noch "Der Eisvogel" auf meinen SUB, aber "Der Hecht,..." ist nun  auch in mein Blickfeld gerückt.

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Freund Hermann

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #5 am: 9. Februar 2010, 15:43 »
Hallo Steffi,

zum Einen freut es mich natürlich, wenn ich bei dir Interesse für das Buch wecken konnte. Es lohnt sich wirklich! Vor Allem eben der wunderbar geflügelten Sprache wegen, die eigentlich an keiner Stelle ins kitschige abdriftet. Sollte sich die Gelegenheit ergeben, werde ich sicherlich auch noch weitere Bücher des Autors lesen. Als nächstes steht aber erst einmal die Quijote Leserunde auf meinem Plan.

mfG
F. Hermann

Freund Hermann

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #6 am: 15. April 2010, 10:26 »
Nun ist es doch "Der Turm" geworden, bevor die Don Quiotte LR beginnt. Im Moment faszinierend die Beschreibung verschiedener "Familienmitglieder". Zuletzt als Rückblende die Weihnachtseinkäufe Annes mit Meno, die Tellkamp ziemlich heiter-rührselig beschreibt. Im Moment versuche ich mir noch ein klareres Bild über die Familienverhältnisse zu machen. Wer das Buch kennt, möge mir bitte etwas auf die Sprünge helfen. Außerdem wurde zuletzt ein erster Hinweis auf Stalin laut; bin ziemlich gespannt, wie sich die Sache weiterentwickelt. Schön wären Rückmeldungen; wer also mit der Lektüre bereits bekannt ist; bitte melden!

Grüße

Offline BigBen

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #7 am: 15. April 2010, 10:28 »
Es ist schon eine Weile her, aber ich habe den Turm mal gelesen.  :winken:
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)

Offline JMaria

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #8 am: 15. April 2010, 11:23 »
Hallo Hermann,

in meiner Hardcover-Ausgabe war ein praktisches Lesezeichen beigelegt, u.a. mit der Auflistung der Bewohner in den diversen Häusern. Die half mir sehr. Dennoch habe ich mir auch persönliche Notizen gemacht, besonders über die Namen der Häuser, der Uhren, der Lampen usw... es gibt im "Turm" viel zu entdecken.

Da der "Turm" auch Aspekte eines Schlüsselromans enthält, half mir dazu Wikipedia:

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Turm_(Tellkamp)

Gruß,
Maria
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Freund Hermann

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #9 am: 15. April 2010, 12:22 »
Danke Maria,

ich habe gerade kurz im Wikipedia Artikel gestöbert. Ich denke, er ist im Nachhinein recht hilfreich, um im Anschluss an die Lektüre die eigenen Eindrücke damit zu vergleichen. Hilfreich war auf jeden Fall, dass Anne wohl die Frau von Richard und somit Christans Mutter ist. Und Meno, der Lektor, Christians Onkel. Christian scheint ja offensichtlich den Protagonisten vorzustellen. Seine Strebsamkeit ist mir für damilige Verhältnisse ziemlich bemerkenswert. Ich lasse mich überraschen, wie er das Thema der "Turmprovinz" und seiner Türmler im Folgenden herausarbeitet und wie Tellkamp überhaupt die ehemalige DDR für Außenstehende aufarbeitet. Ich selbst betrete auf diesem Gebiet ja völliges Neuland und kenne die dortigen Zustände leider bisher nur vom Hörensagen. Meine Frau und ich hatten in der Zone leider keine Verwandtschaft, als dass wir uns auf Informationen aus erster Hand stützen könnten.

Freundliche Grüße
F. Hermann

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #10 am: 16. April 2010, 22:16 »
Um trotzdem eventuell eine Diskussion zum Turm anzuregen, melde ich mich einfach nochmals zu Wort. Stimmt es, dass Manfred von Ardenne als Vorbild für diesen Professor Arbogast diente. Hat es in der DDR eine solche Aristokratie, wie sie z.B. auch in Stefan Heym`s Architekten beschrieben wurde, tatsächlich gegeben? Ich bin einmal gespannt, inwiefern es Tellkamp gelingt, dieses Milieu detaillierter zu schildern. Es gibt sicherlich weitere Beispiele aus einem solchen Umfeld, deren Leistungen durchaus auch internationale Anerkennung erfahren haben dürfte. Da es sich offensichtlich auch um besagten Schlüsselroman handelt, lohnt es vermutlich durchaus, eventuell eine preislich angepasstere Ausgabe zu erwerben, die mit einer erkärenden Personenbeschreibung versehen ist, aufgrund derer sich historische Hintergründe besser nachvollziehen lassen. Sicherlich bedarf es für Außenstehende wie mich und meine bessere Hälfte noch einigen geschichtlichen Nachholbedarfes. Dennoch war vielleicht selbst an der DDR nicht alles schlecht. Die Bildungsministerin soll allenfalls richtig Scheiße gewesen sein  :rollen:.

Freundliche Grüße

Offline Lost

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #11 am: 16. April 2010, 22:48 »
Um trotzdem eventuell eine Diskussion zum Turm anzuregen, melde ich mich einfach nochmals zu Wort. Stimmt es, dass Manfred von Ardenne als Vorbild für diesen Professor Arbogast diente. Hat es in der DDR eine solche Aristokratie, wie sie z.B. auch in Stefan Heym`s Architekten beschrieben wurde, tatsächlich gegeben? Ich bin einmal gespannt, inwiefern es Tellkamp gelingt, dieses Milieu detaillierter zu schildern. Es gibt sicherlich weitere Beispiele aus einem solchen Umfeld, deren Leistungen durchaus auch internationale Anerkennung erfahren haben dürfte. Da es sich offensichtlich auch um besagten Schlüsselroman handelt, lohnt es vermutlich durchaus, eventuell eine preislich angepasstere Ausgabe zu erwerben, die mit einer erkärenden Personenbeschreibung versehen ist, aufgrund derer sich historische Hintergründe besser nachvollziehen lassen. Sicherlich bedarf es für Außenstehende wie mich und meine bessere Hälfte noch einigen geschichtlichen Nachholbedarfes. Dennoch war vielleicht selbst an der DDR nicht alles schlecht. Die Bildungsministerin soll allenfalls richtig Scheiße gewesen sein  :rollen:.

Freundliche Grüße

Ardenne ist ganz sicher das Vorbild für die Figur des Arbogast. Zu den anderen Punkten kann ich nichts beitragen.

Offline Steffi

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #12 am: 20. April 2010, 11:20 »
Hallo Freund Hermann,

ich hatte ebenfalls keinerlei Bezugspunkte zur ehemaligen DDR, desto mehr hat mich Tellkamps Schilderungen interessiert.

Es ist, finde ich, ein sehr komplexer Roman, denn neben den verschlüsselten Personen, die mir in der Mehrheit nichts sagten, gibt es auch viele Hinweise auf unterschiedliche literarische Vorbilder z.B. ETA Hoffmann. Zudem webt Tellkamp philosophische Aussagen mit ein, sodass Der Turm dazu anregt, sich über viele Dinge zu informieren. Gut, dass es in Zeiten des Internets so einfach ist. Dazu kommen noch unterschiedliche Erzählstile, die zur Faszination noch mehr beitragen.

Es gibt wirklich viel zu entdecken und man sollte sich nicht zu sehr von den Details ablenken lassen. Von verschiedenen Stimmen im Internet habe ich den Eindruck gewonnen, dass Tellkamp die Atmosphäre Dresdens sehr gut und wahrheitsgetreu abgebildet hat.

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Freund Hermann

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #13 am: 21. April 2010, 13:01 »
Hallo Steffi,

Zitat
Dazu kommen noch unterschiedliche Erzählstile, die zur Faszination noch mehr beitragen.

Da hast du Recht. Die Tagebucheintragungen Menos finde ich besonders gelungen, wenngleich das gesamte Buch stilistisch auf außerordentlich hohem Niveau angesiedelt ist. Wie Maria schon sagte, gibt es tatsächlich sehr viel, gerade auch aus der ostdeutschen Literaturszene zu entdecken, worin man sicherlich als Normalbürger nur wenig Einblick hatte. Im Moment bin ich auch gespannt, wie sich die Sache mit der verlängerten Dienstzeit im Folgenden entwickelt. Ich wusste gar nicht, dass insbesondere Abiturienten derartig unter Druck gesetzt wurden, wenn es darum ging, junge Menschen für die Erhaltung des Regimes zu rekrutieren. Nebenher ist der Roman in Teilen sogar ziemlich heiter und unterhaltsam. Noch habe ich zum Glück mehr als die Hälfte vor mir. Man verbringt damit selbst bei Aprilwetter unterhaltsame Stunden.

Freundliche Grüße
F. Hermann


Offline BigBen

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Re: Uwe Tellkamp
« Antwort #14 am: 21. April 2010, 13:15 »
Im Moment bin ich auch gespannt, wie sich die Sache mit der verlängerten Dienstzeit im Folgenden entwickelt. Ich wusste gar nicht, dass insbesondere Abiturienten derartig unter Druck gesetzt wurden, wenn es darum ging, junge Menschen für die Erhaltung des Regimes zu rekrutieren.

Du darfst nicht vergessen, daß Tellkamp vieles überspitzt dargestellt hat. So extrem war es mit den 3 Jahren nicht (ich habe selbst (fast) 3 Jahre gedient). In den 80ern wurde sogar für Studenten von volkswirtschaftlich wichtigen Studiengängen die Armeezeit auf 9 Monate gekürzt.

Hat es in der DDR eine solche Aristokratie, wie sie z.B. auch in Stefan Heym`s Architekten beschrieben wurde, tatsächlich gegeben?

Ja. Und der Weiße Hirsch war auch tatsächlich zu DDR-Zeiten ein besonderer Ort (ich bin reichlich 20km davon aufgewachsen).
"Es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt." --- Stefan Heym (2001)