Auch Pharaos Sohn, der spätere Echnaton, taucht auf. Joseph weiß sofort, dass er sich auf den künftigen Machthaber konzentrieren muss, wenn er sein weiteres Fortkommen befördern will. Er ist nach wie vor davon überzeugt, im Auftrag Gottes dem "Höchsten" zustreben zu müssen - was für ein Sendungsbewußtsein!
Joseph ist gewillt, ganz nach oben zu gelangen. Schon als die midianitischen Kaufleute in gen Ägypten führen, hat er beschlossen,
"dass, gehe man schon gen Westen, man wenigstens der Erste werden müsse der Dortigen". In seinen Träumen hat ihm Gott schon früh zu verstehen gegeben, dass sich grosse Dinge in seinem Leben erfüllen werden.
"Von selbst indessen würden sie es nicht tun, - man musste nachhelfen." Und so entwickelt Joseph einen regelrechten Ehrgeiz, die Karriereleiter so schnell und so hoch zu erklimmen, wie irgendmöglich. Sein Bestreben ist aber nicht so selbstsüchtig, wie man meinen könnte, sondern hängt eng mit seiner Gottesvorstellung zusammen: Je weiter er es im Leben bringt, je mehr Ruhm und Ansehen er erlangt, desto grösser und mächtiger der Gott, der ihm solches prophezeite. Das eine bedingt das andere und umgekehrt. Deshalb heisst es auch im Text, dass "Ehrgeiz" nicht das rechte Wort für Josephs Ambitionen sei,
"denn es ist Ehrgeiz für Gott, und der verdient frömmere Namen".
Kleiner Einschub: Mich hat das an die theologische Bewegung des Calvinismus erinnert, wo wirtschaftlicher Erfolg im Leben als augenfälliges Zeichen dafür gilt, wie sehr Gott einen liebt und bevorzugt, oder eben nicht. Eine für die Ökonomie eines Landes sicherlich äusserst förderliche Einstellung, ansonsten aber mehr als bedenklich, wie ich finde.
Josephs Drang nach oben und an die Spitze zieht noch eine andere Charaktereigenheit nach sich. Abraham war es ja, der für sich entschied, dass, wenn er sich einem Gott beugen müsse, es nur der Höchste sein solle. Bei Joseph aber scheinen sich oben und unten, göttliche und weltliche Autorität seltsam zu vermischen und eins zu werden. Schon für den Joseph-Jüngling war das Bild, das er sich von seinem Vater Jaakob und von Gott machte, beinahe deckungsgleich. Deshalb sind auch seine schonende Dienertreue und Ergebenheit gegenüber Potiphar (später auch gegenüber dem Pharao) nicht bloss Mittel zum Zweck oder wohlkalkulierte Taktik, sondern Gefühle, die ihm nur allzu natürlich fallen:
Vor allem war der Ägypter sein Herr, dem er verkauft war, der Höchste in nächster Runde; und die Idee des Herrn und Höchsten schloss für Joseph von Natur und von Alters ein Element liebesdienstlicher Schonung ein. Josephs Verhältnis zum
"Herrn des Himmels" (Gott), heisst es weiter, habe
"in einem gewissen Grade auf das zum Herrn der Feuerräder" (Potiphar) abgefärbt. Eine Unzulässigkeit, die Abraham wohl in den schärfsten Worten getadelt haben würde.
Gruss
riff-raff