Geschafft!!!
Die letzten Kapitel haben mich leider nicht mehr überzeugt. Ich hatte immer stärker den Eindruck, dass TM ein wenig die Lust am Fabulieren verloren hat. Die Begegnung Jaakobs mit dem Pharao hat er bspw. total verschenkt! Da wäre "mehr drin gewesen".
Insgesamt hat mir das Epos jedoch sehr gefallen, nicht zuletzt aufgrund des unnachahmlichen "Sounds" und der unvergleichlichen Sprachartistik. Insbesondere der dritte Band "Joseph in Ägypten" zählt für mich zum Besten Thomas Manns.
Über viele Aspekte haben wir hier diskutiert. Mir stellt sich abschließend die Frage nach der Einordnung der Joseph-Bände in das Gesamtwerk des Autors. Ich habe irgendwo gelesen, dass "Joseph ..." das heimliche, nur leider viel zu wenig bekannte Hauptwerk Thomas Manns sei. Angesichts solcher Großtaten wie "Buddenbrooks", "Der Zauberberg" und "Doktor Faustus" fällt es mir schwer, dieser Bewertung spontan zu folgen. Aber: Bei genauerer Betrachtung sieht die Sache anders aus. "Buddenbrooks" ist und bleibt eine vergleichsweise frühreife Leistung; "Der Zauberberg" ist aufgrund seiner Geschwätzigkeit für mich kein durchgängig gelungenes Werk. Auch "Doktor Faustus" benötigt bei aller Großartigkeit sehr viele Tricks und Kunstgriffe, um die deutsche Tragödie des 20. Jahrhunderts glaubwürdig und schlüssig in der Person eines Musikers zu bündeln und dann auch noch mit der Faust-Thematik des 19. Jahrhunderts zu verbinden. Das alles spricht sehr für die Qualitäten (insbesondere die gelassene Reife, um nur eine zu nennen) der Joseph-Tetralogie.
Ich weiß nicht, ob es stimmt, dass Thomas Mann seinen "Joseph" in eine Reihe gestellt wissen wollte mit den beiden deutschen Großdichtungen des 19. Jahrhunderts (Goethes "Faust" und Wagners "Ring der Nibelungen"). Mit "Faust" gemein hat das Werk jedenfalls den Anspruch, Grundfragen der Menschheit bzw. des Menschseins zu behandeln; den Vergleich mit den "Nibelungen" teile ich nicht, denn wer je dieses misslungene und unerträgliche Gereime Wagners gehört hat, wendet sich ab mit Grauen (das ist übrigens kein Urteil über die Musik ...).
In welcher Verbindung steht "Joseph ..." zum Gesamtwerk Manns? Erwähnt wurde bereits, dass die Joseph-Figur mindestens einen "Vorläufer" hat in der Gestalt Tadzios ("Der Tod in Venedig") und später noch einmal in der Geschichte des Felix Krull aufgegriffen wird. Auch ein zentrales Joseph-Thema, die Erwähltheit (für mich ein spezieller Aspekt der von TM oft behandelten Künstlerproblematik), spielt später noch einmal eine tragende Rolle ("Der Erwählte").
Lassen wir es zunächst einmal dabei bewenden.
Es grüßt
Tom