Autor Thema: Februar 2010: Albert Camus - Die Pest  (Gelesen 5292 mal)

Freund Hermann

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #30 am: 25. Februar 2010, 14:58 »
Alles in Allem fand ich das Buch trotzdem ungemein spannend zu lesen. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Versuch, als ich hauptsächlich mit dem Arzt mitfieberte, ob er denn nun die Pest am Ende überlebt und musste dieses Mal erschreckt feststellen, dass...äh. Ich greife vor. Es endet jedenfalls ziemlich traurig. Zumindest für den Arzt. Jetzt beim Nachhausegehen habe ich auch darüber nachgedacht, dass es bei dieser Sache mit Grand vielleicht doch um das Problem der Unzulänglichkeit von Sprache im Allgemeinen geht. Wie überhaupt sehr vieles symbolisch aufgefasst werden kann. Immerhin lässt sich das Buch auch einfach als eine tatsächliche Pestchronik lesen, ohne dass es deswegen großartig Wert verliert. Im Vergleich zur gerade begonnen Erzählung "Der Fremde" erscheint es auch sprachlich viel ausgereifter oder zumindest abwechslungsreicher. Ich halte auch den Pater nach seiner zweiten Predigt gar nicht einmal für eine so negative Figur, wenngleich ich seine Meinung insbesondere auch nach dem, was das neue Terstament erzählt, eigentlich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Vielleicht liegt das aber auch wieder in seiner Eigenschaft als Jesuitenpater begründet. Dafür kenne ich mich leider zu wenig aus. Freue mich jedenfalls über den mittlerweile regen Austausch.

Grüße
F. Hermann   

Offline JMaria

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #31 am: 25. Februar 2010, 15:48 »
Hallo zusammen,

ich bin nun auf S. 249 und habe den Tod des Jungen hinter mich gelassen. Das hat mich jetzt sehr mitgenommen und muß kurz verschnaufen. Die Impfung schien das Sterben noch qualvoller zu machen. Doch weckte es im Arzt und im Pater neue Emotionen, die sie wieder in ein anderes Licht tauchen.

Ich halte auch den Pater nach seiner zweiten Predigt gar nicht einmal für eine so negative Figur, wenngleich ich seine Meinung insbesondere auch nach dem, was das neue Terstament erzählt, eigentlich überhaupt nicht nachvollziehen kann.

darauf bin ich nun gespannt, auf diese 2. Predigt. Es deutet sich ja am Totenbett des Jungen bereits eine gewisse Gesinnungsänderung an oder ist es besser ausgedrückt, eine Menschlichkeit, die nicht so sehr in die Ewigkeit schaut (?)

als der Pater ausrief: Mein Gott, rette dieses Kind. Fand ich ihn sehr menschlich. Denn im Grunde weiß der Pater, dass Gott kein Wunder tätigen wird und doch macht er einen solchen unvollkommenen Ausruf. Später sagte er zum Arzt, dass er in diesen Tod die Gnade Gottes gesehen hat. Was ich nachempfinden konnte. Die Gnade die im Sterben liegt, erkennt man tatsächlich, wenn man schon bei einem schweren Sterben dabei war. Hat mich jetzt sehr erschüttert, weil soviele Erinnerungen wach wurden.

Wie erklärt ihr euch den Anfang von Kapitel IV:
Lautlose Züge Stare und Drosseln flogen von Süden kommend sehr hoch dahin, mieden aber die Stadt, als hielte Paneloux' Dreschflegel sie fern, das seltsame Stück Holz, das pfeifend über den Häusern kreiste.

ist mit dem Stück Holz sinnbildlich das Kreuz Christi gemeint?

Viele Grüße
Maria
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Freund Hermann

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #32 am: 25. Februar 2010, 16:24 »
Zitat
Wie erklärt ihr euch den Anfang von Kapitel IV:
Lautlose Züge Stare und Drosseln flogen von Süden kommend sehr hoch dahin, mieden aber die Stadt, als hielte Paneloux' Dreschflegel sie fern, das seltsame Stück Holz, das pfeifend über den Häusern kreiste

ist mit dem Stück Holz sinnbildlich das Kreuz Christi gemeint?

Ich denke eher, das ist bloß eine nachträgliche/nachdrückliche Erläuterung zum Dreschflegel. Dreschflegel sind doch aus Holz, oder? Habe insgesamt eher ein Bild im Kopf, das in der Kunst immer in Form der apokalyptischen Reiter Ausdruck findet (Pest, Krieg, Hungersnot, Tod).

P.S. Habe wegen des Seitenumbruch's der Verständlichkeit halber nachträglich editiert.

 :rollen:

Grüße
F. Hermann
« Letzte Änderung: 25. Februar 2010, 18:10 von Freund Hermann »

Offline Jaqui

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #33 am: 26. Februar 2010, 08:23 »
Ich habe bei dem Holz auch an kein Kreuz gedacht, wäre aber eine interessante Idee, aber ich bin da eher Freund Hermanns Auffassung, dass es eine Erläuterung zum Dreschflegel ist.

Ich bin übrigens fast fertig, zehn Seiten fehlen mir noch.
Der Pfarrer ist mir sehr suspekt, anscheinend hat er seine Meinung nun geändert, immerhin will er dem Kind ja helfen. Was ich dagegen wieder blöd finde, ist, dass er zwar gestorben ist aber nicht eindeutig an der Pest. Was will uns Camus damit nun sagen? Dass er mit seiner ersten Rede doch recht hatte und nur Ungläubige sterben an der Pest und die Gläubigen an "zweifelhafter Todesursache"? Da hätte ich mir mehr Mut vom Autor gewünscht und ihn ebenfalls an der Pest sterben lassen.

Dass Tarrou am Ende gestorben ist fand ich sehr traurig und auch Rieux Frau. Hier hätte ich einen Ausgang erwünscht. Bei Grand war ich sehr überrascht dass er überlebt hat, das hätte ich nicht erwartet.

Ich werde nun die paar Seiten noch lesen und über das Buch nachdenken. Der Sinn dahinter ist mir nicht ganz klar. Bei solchen Büchern erkenne ich immer öfter, dass ich eben keine typische Klassiker-Leserin bin. Ich kann mit diesen ganzen Andeutungen und versteckten Hinweisen nichts anfangen. Ich will eine Geschichte wo etwas passiert, wo alles klar definiert ist und vor allem wo ich mich mit mindestens einer Person anfreunden kann. Und das ist hier gar nicht der Fall.

Katrin

Freund Hermann

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #34 am: 26. Februar 2010, 09:41 »
Hi Jaqui,

dieses "zweifelhafter Fall", das beim Pater in die Papiere eingetragen wurde gab mir auch zu denken. Ich kann mir vorstellen, dass Paneloux das Verhalten der römischen Kirche während des WWII im allgemeinen symbolisiert. Schließlich besteht eines der Gelübde des Jesuitenordens in der unbedingten Papsttreue. Habe mich über Wiki mal erkundigt. Trotzdem bleibe ich dabei, dass mir der Pater nicht unbedingt unsymphatisch ist. Auch Rieux mochte ich, trotzdem dass er so wortkarg dargestellt wird. Insgesamt ist wohl Camus auch ein Vertreter des Absurden, weshalb er natürlich mit Verfremdungen arbeitet, um auf diesem Wege dem Ganzen mehr Allgemeingültigkeit zu verleihen, was ja auch an einigen Stellen des Textes und im Motto direkt angesprochen wird.

lg
F.Hermann
« Letzte Änderung: 26. Februar 2010, 09:50 von Freund Hermann »

Offline JMaria

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #35 am: 26. Februar 2010, 15:12 »
Ich denke eher, das ist bloß eine nachträgliche/nachdrückliche Erläuterung zum Dreschflegel. Dreschflegel sind doch aus Holz, oder? Habe insgesamt eher ein Bild im Kopf, das in der Kunst immer in Form der apokalyptischen Reiter Ausdruck findet (Pest, Krieg, Hungersnot, Tod).

hallo zusammen,

Sein Reiter hieß Tod und der Hades folgte ihm, Offenbarung 6,8 .
Die apokalytischen Reiter würden wirklich hier passen. Vielen Dank für den Denkanstoß.

"Darf ein Priester einen Arzt aufsuchen?" so der Titel des Traktats. Ob man nun religiös ist oder nicht, eine Aussage in der zweiten Predigt dürfte alle Menschen betreffen: Man müsse sich nur aufmachen und in der Finsternis ein wenig blindlings vorwärts gehen und versuchen, Gutes zu tun.

stilistisch gefiel mir die "Chronik in der Chronik". In der zweiten Predigt gibt der Pater seinen Zuhörer selbst eine Chronik vergangener Geschehnisse.

Gruß,
Maria


« Letzte Änderung: 26. Februar 2010, 15:14 von JMaria »
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Offline Doris

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #36 am: 26. Februar 2010, 23:58 »
Wie erklärt ihr euch den Anfang von Kapitel IV:
Lautlose Züge Stare und Drosseln flogen von Süden kommend sehr hoch dahin, mieden aber die Stadt, als hielte Paneloux' Dreschflegel sie fern, das seltsame Stück Holz, das pfeifend über den Häusern kreiste.

ist mit dem Stück Holz sinnbildlich das Kreuz Christi gemeint?

Der Dreschflegel wird gegen Ende des Buches nochmals erwähnt, und dabei drängte sich mir der Gedanke auf, dass es nicht das Kreuz Christi ist, sondern das Kreuz, das jeder selbst zu tragen hat, der sich in der Stadt aufhält und der Pest ausgeliefert ist.

Mir ergeht es mit den Empfindungen gegenüber der Erzählung ähnlich wie Jaqui. Für das Verständnis der Andeutungen und versteckten Hinweise fehlt es mir wahrscheinlich am nötigen Hintergrundwissen, da helfen selbst eure Gedanken dazu nicht wirklich weiter. Im Grunde genommen kann ich damit genauso wenig anfangen wie bei meinem ersten Leseversuch. Aber nun fehlen mir nur noch wenige Seiten, dann werde ich nochmal ein paar Eindrücke dazu schreiben.

Grüße
Doris

Offline JMaria

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #37 am: 28. Februar 2010, 13:35 »
Wie erklärt ihr euch den Anfang von Kapitel IV:
Lautlose Züge Stare und Drosseln flogen von Süden kommend sehr hoch dahin, mieden aber die Stadt, als hielte Paneloux' Dreschflegel sie fern, das seltsame Stück Holz, das pfeifend über den Häusern kreiste.

ist mit dem Stück Holz sinnbildlich das Kreuz Christi gemeint?

Der Dreschflegel wird gegen Ende des Buches nochmals erwähnt, und dabei drängte sich mir der Gedanke auf, dass es nicht das Kreuz Christi ist, sondern das Kreuz, das jeder selbst zu tragen hat, der sich in der Stadt aufhält und der Pest ausgeliefert ist.

Hallo zusammen,
hallo Doris,

ebenfalls ein guter Gedanke, denn in den Personen, die im Buch auftreten, finden wir ja auch die Vertreter versch. Verhaltensweisen. Am Ende kristallisiert sich heraus, dass der Erzähler dann doch Rieux ist, der dies nicht preisgab, um beim Leser nicht unglaubwürdig zu wirken und deswegen diesen "Ton" anschlug.

auch der Erbsenzähler gibt uns zu denken: Aber was heißt das schon, die Pest? Es ist das Leben, sonst nichts.

ohne euch wären mir viele Gedanken entgangen und mir hat die Leserunde sehr viel gebracht. Sich bei diesem Thema mitteilen zu können, hat gut getan. Mich hat die Geschichte beeindruckt; in seinem Aufbau, der nüchterne Ton, die unterdrückten Gefühle, das Beobachten wie die Menschen sich verändern...

viele Grüße
Maria
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Offline Jaqui

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #38 am: 28. Februar 2010, 19:09 »
Hallo Maria,

Mich hat die Geschichte beeindruckt; in seinem Aufbau, der nüchterne Ton, die unterdrückten Gefühle, das Beobachten wie die Menschen sich verändern...

Ich finde es immer wieder erstaunlich wie unterschiedlich man ein Buch sehen kann. Mich hat der nüchterne Ton eher abgeschreckt und die unterdrückten Gefühle haben mir das Gefühl von kühler Distanz vermittelt, sodass ich mich in keine der Personen hineinfühlen konnte.

Cottard tat mir am Ende übrigens sehr leid. Ich hätte noch gerne erfahren was er denn angestellt hat, aber das wird ja leider nicht verraten.

Katrin

Offline Doris

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #39 am: 28. Februar 2010, 21:45 »
@ Jaqui
Über Cottard habe ich mir schon früher Gedanken gemacht, besonders als er während eines Gespräches mit Tarrou die Bemerkung "Unverhofft kommt oft" fallen ließ, die mir Freund Hermanns Vermutung bezüglich eines Agenten wieder ins Gedächtnis rief. Sein Verhalten war öfter etwas undurchsichtig, und dass er irgendetwas zu verbergen oder zu verkraften hatte, das ihn sogar zum Selbstmord trieb, war offensichtlich.

Ich bin nun auch fertig mit dem Buch und nach wie vor ohne tiefere Erkenntnisse. Im Interpretieren von Klassikern bin ich ohnehin nicht sehr geschickt, aber hier stehe ich wirklich ratlos da. Auch die zweite und vollständige Lektüre bringt mich nicht weiter. Zwar hat mich die Leserunde angespornt, nicht wieder das Handtuch zu werfen, aber von Camus werde ich wahrscheinlich nichts mehr lesen.

Grüße
Doris


Offline Jaqui

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Re: Albert Camus - Die Pest
« Antwort #40 am: 1. März 2010, 11:37 »
Ich bin nun auch fertig mit dem Buch und nach wie vor ohne tiefere Erkenntnisse. Im Interpretieren von Klassikern bin ich ohnehin nicht sehr geschickt, aber hier stehe ich wirklich ratlos da. Auch die zweite und vollständige Lektüre bringt mich nicht weiter. Zwar hat mich die Leserunde angespornt, nicht wieder das Handtuch zu werfen, aber von Camus werde ich wahrscheinlich nichts mehr lesen.

Ich lese gerne Klassiker, aber manchmal habe ich nicht das Gefühl das gleich Buch gelesen zu haben wie die anderen der Leserunde  :breitgrins: Das ganze Interpretieren liegt mir einfach nicht richtig.
Ich werde von Camus auch sicher nichts mehr lesen, es war eine Erfahrung, ich bin froh es gelesen zu haben aber gebracht hat es mir nichts.

Katrin