Hallo,
am Mittwoch habe ich die Utopia abgeschlossen und nun auch die fast ebenso dicke Einleitung von Hermann Oncken, geschrieben zu Beginn der zwanziger Jahre, gelesen.
Die Utopia ist für mich - wie ich unten schon schrieb - sehr widersprüchlich - und wohl mehr ein Bild und Gegenentwurf zu den Zeitläuften des Thomas Morus als eine wirklich ideale politische Welt.
Deshalb fand ich auch das erste Buch fast spannender, weil es sich auf die unmittelbare (englische) Lebenswelt des ausgehenden 15. Jahrhunderts bezog, aber auch zwischen den Zeilen der eigentlichen Utopia kommt diese Lebenswelt immer wieder zum Tragen, wie auch die oben angesprochene Einleitung noch einmal aussagt.
Merkwürdig finde ich vor diesem Hintergrund auch ihren Autor, Thomas More, der im politischen Leben wohl oftmals genau das Gegenteil dessen verteidigte, was seine Utopia mit ihrem Verfechter Raphael verkündet. Auch damals muss wohl die Politik zu interessanten "realpolitischen" Entscheidungen geführt haben, wie heute noch -wobei More schließlich sogar für die alten kirchlichen Werte gestorben ist.
Ich denke aber, dass mir ein Großteil der historischen und philosophischen Bedeutung des Werkes verschlossen bleibt: Um es richtig würdigen zu können, müsste ich mich mindestens mit den Staatstheorien der Antike, Erasmus und Macchiavelli auskennen, und darüber weiß ich nur wenig und nichts aus erster Hand.
Vielleicht aber führt ja eins zum anderen ..., wenn auch nicht in nächster Zeit.
Fazit: Ein sehr interessanter Einblick in eine Kulturepoche, aus der nicht viele Zeugnisse in meinem Leserbewusstsein angekommen sind: Mir ist jetzt klar geworden, wie lebendig und spannend die Literatur in diesem von mir vorurteilshaft als trocken eingestuften Humanismus daherkommt.
Vielen Dank, Jaqui und thopas, für diese Leserunde, vielleicht treffen wir uns ja in nicht allzuferner Zeit mal bei Machiavelli oder Erasmus; Von meinem langjährigen Leseschwerpunkt wären auch die Politiken des Platon oder Aristoteles recht interessant für mich.
Jetzt geht es aber erstmal mit dem "Titan" des Jean Paul weiter.
finsbury