Autor Thema: Das "überlegene" Spätwerk?  (Gelesen 2132 mal)

Offline Sir Thomas

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Antw:Das "überlegene" Spätwerk?
« Antwort #15 am: 9. Februar 2011, 11:44 »
In seinem Buch "Beethovens Klaviersonaten - Ein musikalischer Werkführer" geht der Autor Siegfried Mauser u.a. auf die Stellung des künstlerischen Spätwerks innerhalb des Gesamtwerks ein. Bevor er auf Beethoven im Besonderen kommt, spricht er von zwei Grundtendenzen, die ein Alterswerk häufig durchziehen:
1. eine extrem gesteigerte Vergeistigung, verbunden mit einem hohen Abstraktionsgrad, der auf Reduktion und Konzentration beruht
2. eine individuelle Radikalisierung, die endgültig mit Konventionen bricht und einen utopischen Gestaltungswillen offenbart.

Das mache das Spätwerk eines Künstlers (und auch das Beethovens) zu einer harten Nuss für das zeitgenössische Publikum. Insbesondere die drei letzten Sonaten op. 109 - 111 wurden erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verstanden und geschätzt.

Die beiden o.g. Tendenzen treffen mMn. besonders auf das Werk Robert Schumanns zu (wenn wir schon bei der Musik sind). Ein Vergleich zwischen den agilen, flirrenden Frühwerken (z.B. "Papillons" oder "Kreisleriana") und den kontemplativen letzten Klavierzyklen ("Fughetten", "Gesänge der Frühe", "Variationen über ein eigenes Thema") zeigen sehr schön eine radiale Vergeistigung der Musik und ein hohes Mass an Konzentration auf einfache, aber niemals simple musikalische Themen.         

Das alles spricht natürlich nicht für die allgemeine Überlegenheit des Spätwerks, sondern lediglich für dessen wie auch immer beschaffene Ausnahmestellung in vielen künstlerischen Biografien.

Es grüßt

Tom