Autor Thema: März 2010 - Jean Paul: Titan  (Gelesen 5722 mal)

Offline sandhofer

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März 2010 - Jean Paul: Titan
« am: 20. März 2010, 20:57 »
Hier ist Platz für die Materialien zu Autor und Werk. Bitte schön füllen ;).
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline sandhofer

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Jean Paul: Titan
« Antwort #1 am: 20. März 2010, 20:58 »
Hallo zusammen!

In Ermangelung Dostoevskijs (des Forenmitglieds) sei hiermit die Leserunde feierlichst eröffnet. Auf dass Ihr euch an diesem Werk erfreuen, euch aber nicht darin verlieren mögt!

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus: Beim Wort genommen

Offline finsbury

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #2 am: 21. März 2010, 10:16 »
In Ermangelung Dostoevskijs (des Forenmitglieds) sei hiermit die Leserunde feierlichst eröffnet. Auf dass Ihr euch an diesem Werk erfreuen, euch aber nicht darin verlieren mögt!


Vielen Dank, sandhofer!

Um mich in der Tat nicht darin zu verlieren, gebe ich zu, dass ich den "Titan" in einer abgespeckten Version zu mir nehmen werde, mit sämtlichen Jobelperioden und Zykeln, jedoch ohne die Extrablätter und Aphorismen sowie unter Verzicht auf den komischen Anhang. Aus diesem habe ich mir allerdings den "Luftschiffer Gianozzo" als Extratext besorgt; Wie berichtet wird, ein kleines feines Kabinettstückchen.

Nach der Lektüre des Kindlerartikels und des einführenden Vorwortes meiner Ausgabe habe ich nun heute Morgen mit der 1. Jobelperiode begonnen (diese Bezeichnung wird erst im neunten Zykel "erklärt" oder besser verwirrt) und mich mit Albano Cesara (klingt fast wie Albano und Romina Power!) auf die Isola Bella begeben. Wie von Jean Paul gewohnt, befindet man sich in einer idyllischen Landschaft im ewigen Frühling: Die Herzen schwellen, die Augen feuchten sich und dennoch ist es nicht Courths-Mahler, denn Jean Paul erdet immer wieder und selbst hier, in diesem seinem "hohen" Werk, leuchtet der Schalk jederzeit durch die Metaphern und Vergleiche:

"Sein Herz wuchs in der Brust wie eine Melone unter der Glocke [...]" (I,1)

Von Beginn an wird die Echtheit des Gefühls mit der Gesuchtheit der ästhetischen Brechung kontrastiert; Wenig später im gleiche Abschnitt:

"Auf einmal bedacht' er, dass er so den Tulpenbaum des prangenden Morgens und die Kränze der Insel nur wie eine italienische Seidenblume Staubfaden für Staubfaden , Blatt für Blatt zusammmenlegen sehe: - da befiel ihn sein alter Durst  nach einem einzigen erschütternden Guss aus dem Fülhorn der Natur [...]"

Für heute werde ich nicht viel weiterkommen, freue mich aber sehr auf ein paar Seiten dieses unnachahmlichen Jean-Paul-Tons heute Abend oder Nacht.

Einen schöne Sonntag

finsbury
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Offline finsbury

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Re: März 2010 - Jean Paul: Titan
« Antwort #3 am: 21. März 2010, 10:28 »
Okay,

zunäcsht Grundsätzliches:

zum Titan-Wiki

zum Jean-Paul- Wiki

zum Online-Text auf Projekt Gutenberg

ein Aufsatz von Elke Liebs Das Verfahren der Verführung


finsbury
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Offline Regina

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #4 am: 21. März 2010, 20:57 »
Hallo finsbury,

es ist schön nicht alleine im "Titan" zu wandern. Ich lese ihn als Band 3 der Sämtlichen Werke, die es 1996 bei 2001 zu kaufen gab. Seit 14 Jahren steht diese Ausgabe im Regal und wartet seither darauf, aufgeschlagen zu werden. Irgendwie fand ich bislang nie Zeit für Jean Paul.

Ich gehe völlig unbedarft an die Lektüre. Ich habe keien Ahnung, was mich erwartet. Heute las ich bis zum 8. Zykel. Ich habe das Gefühl auf Schwingrasen zu gehen, fester Boden ist das keinesfalls unter meinen Füßen, denn ich weiß noch nicht so recht, was ich von den Ereignissen und wie sie geschildert werden halten soll. Ein seltsames Testament und eine eigenartige Botschaft der Schwester Cesares, der die Hauptfigur zu sein scheint, weisen mich in Riictung Potocki oder Schauerromane, vielleicht ist das aber auch nur ein Irrlicht.

An Jean Pauls Erzählstil muss ich mich gewöhnen. Noch habe ich das Vorurteil, dass er das abgelegene Wort dem naheligenden vorzieht und sich gern in Bildern verliert.

Grüße
Regina

Offline Juvavist

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #5 am: 22. März 2010, 16:29 »
Mein 3. Band ("Titan") entstammt der gleichen Dünndruckausgabe wie der von Regina. Allerdings ist die Auflage etwas älter: 1966 erschien der Band in der Lizenzausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt. Zum Lesen mit dem Bleistift habe ich außerdem eine seinerzeit glücklicherweise spottbillig verramschte Dünndrucktaschenbuchausgabe des Romans (it 671, 1. Aufl. 1983) zur Verfügung. In der erstgenannten, den Roman vollständig mit allen Zutaten enthaltenden Ausgabe gibt es außer dem informativen NachwortWalter Höllerers einen reichhaltigen Anmerkungsteil, der - auch anders geartet - in der Taschenbuchausgabe vollständig fehlt. Ebenso fehlt da der "Komische Anhang zum Titan" wie auch die "Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana". Immerhin gibt es ein anderes Nachwort, eines von Ralph-Rainer Wuthenow. Den 902 Seiten der Taschenbuchausgabe stehen die 1174 Seiten der gebundenen Ausgabe gegenüber. Fortlaufend lesen werde ich in der unkommentierten Taschenbuchausgabe, um den Lesefluss nicht zu sehr zu hemmen.
Dennoch komme ich immer wieder kaum über den schon so reichhaltigen 1. Zykel hinweg, dessen Poesie in Prosaform - zumal, wenn ich mir sie (wenigstens probeweise)  laut vorlese - geradezu bezwingt. Als Musik in sinnvollen und sinnvoll artikulierten Worten und Sätzen erfahre ich diesen staunenswerten Romananfang, der auf sich spannungsvoll steigernde Weise das planmäßig inszenierte und auch dadurch bewusst erhöhte Staunen eines herangewachsenen "edlen Jünglings" zum vorrangigen Thema hat. Ein Initiationsvorgang lebenspraktisch philosophischer Art (getreu dem alten Satz, dass alles Philosophieren mit dem Staunen beginne) steht ganz am Anfang dieses Romans und bestimmt schon das gesamte erste Kapitel (=Zykel).
In mir wachgerufene Assoziationen lese ich dabei immer mit. "Edler Jüngling" erinnert mich an eine gelegentlich an den  Prinzen Tamino entsprechend gerichtete Anrede in Mozarts damals noch recht zeitnaher Oper "Die Zauberflöte". Und der in unseren Breiten bis heute seltene Vorname Albano lässt mich an den auffälligen Vornamen des späteren Komponisten Berg denken. War da bei der Namengebung Jean Paul noch (oder nun bereits wieder) im Blick?

Offline Manjula

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #6 am: 23. März 2010, 07:08 »
Hallo zusammen,

etwas verspätet möchte ich mich auch dazugesellen. An den Titan gehe ich auch völlig unbedarft, ich habe bisher noch nichts von Jean Paul gelesen, bin aber umso gespannter auf sein Werk. Mein erster Eindruck: eine sehr bildhafte Sprache, die aber nicht kitschig wirkt. Die Schilderung der Isola Bella passen wunderbar zum hier anbrechenden Frühling. Und wie finsbury musste ich bei "Albano" gleich an die Familie Power denken  :zwinker:

Viele Grüße
Manjula
"Kunst soll keine Schulaufgabe und Mühseligkeit sein, keine Beschäftigung contre cœur, sondern sie will und soll Freude bereiten, unterhalten und beleben, und auf wen ein Werk diese Wirkung nicht übt, der soll es liegen lassen und sich zu andrem wenden."

Offline finsbury

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #7 am: 23. März 2010, 19:44 »
Hallo,

die erste Jobelperiode habe ich nach noch zwei Seiten abgeschlossen. Nachdem ich mit dem Online-Text verglichen habe, sehe ich, dass ungefähr ein Viertel bei mir rausgekürzt ist. BIsher erkenne ich aber keine Verständnislücken. Das Antrittsprogramm ist z.B. auf den ersten Blick vollständig vorhanden.
Ich bin erleichtert, den humorvollen Jean Paul hier in voller Breite wiederzufinden, nach den Beschreibungen in den Literaturgeschichten dachte ich, hier ausschließlich im Erhabenen oder Idyllischen zu versinken, aber dank Schoppe gibt es immer wieder nette Seitenhiebe. Auch die Darstellung des geheimnisvollen Erbes von  Albanos Scheinmutter ist so überzogen, dass man mit Grinsen an die ganzen Mysterythriller unserer Tage denkt.
Albano wirkt wie der typische Anfangsheld eines Erziehungsromans: hocbegabt, schwärmerisch und insgesamt ein unbeschriebenes Blatt.
Merkwürdig ist Albanos Traum vor dem Verlassen der Insel: Das große Auge: Weist es auf (Schein)Schwester oder Geliebte hin?

Eine ganze Menge Verständnisprobleme habe ich noch mit dem Antrittsprogramm, das muss ich nochmal überlesen.

finsbury
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Offline Manjula

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #8 am: 31. März 2010, 06:51 »
Guten Morgen zusammen,

jetzt möchte ich doch mal ein Lebenszeichen von mir geben. Leider fällt es mir momentan schwer, in das Buch reinzukommen. Die Sprache finde ich nach wie vor sehr schön, aber in die Handlung kann ich mich nicht so recht einfinden. Das:

Zitat
Ich habe das Gefühl auf Schwingrasen zu gehen, fester Boden ist das keinesfalls unter meinen Füßen, denn ich weiß noch nicht so recht, was ich von den Ereignissen und wie sie geschildert werden halten soll.

trifft es für mich ziemlich gut. Auch die Charaktere kann ich nicht so recht einschätzen. Cesare oder Zesara  z.B. macht einen sehr schwärmerischen Eindruck; dass er sich absichtlich selbst verletzt, verdunkelt allerdings das Bild etwas.

Ich werde aber auf jeden Fall dranbleiben, wenn es auch langsam vorwärts geht. Aber es liegt ja ein langes Wochenende vor uns.

Viele Grüße
Manjula
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Offline sandhofer

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #9 am: 31. März 2010, 16:34 »
Leider fällt es mir momentan schwer, in das Buch reinzukommen.

Dein erster Jean Paul?
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Offline Manjula

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #10 am: 4. April 2010, 21:02 »
Sandhofer: ja. Sind das die üblichen Einstiegsschwierigkeiten?

Ich hatte jetzt durch die Feiertage die Möglichkeit, längere Passagen am Stueck zu lesen, und habe das Gefühl, langsam warm mit dem Titan zu werden. Mir gefaellt sehr gut der ironische Unterton, z.B. wenn es heißt, jetzt erwarte der Leser sicher eine Fatalitaet, oder als den Leserinnen empfohlen wird, sich wegzustehlen.

Interesant fand ich auch die Gedanken über die Hinfuehrung der Kinder zu den Wissenschaften, die erst erfolgen sollte, wenn die Schüler selbst danach verlangen. Ein bedenkenswerter Standpunkt, wenn er auch damals wie heute als Luxusgedanke gelten darf, wenn auch aus unterschiedlichen Gruenden.

Euch allen noch schoene Restostern!
Manjula
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Offline Dostoevskij

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #11 am: 4. April 2010, 21:22 »
Moin, Moin!

Ich werde euch "nach"lesen, wenn in 5 Tagen mein 2-wöchiger Urlaub beginnt. Möglicherweise steuere ich dann noch etwas zu dieser Leserunde bei. Ich hatte ursprünglich vor, mitzumachen, wurde dann aber durch mich selbst gestoppt. Die letzte Lektüre Jean Pauls liegt knapp 4 Jahre zurück. Unetnschuldbar. Bin gespannt, wie ich mit so einem Mammutwerk zurechtkomme.
Keep reading, Markus Kolbeck
Leipziger Bücherlei http://www.buecherlei.de/

Offline sandhofer

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #12 am: 5. April 2010, 05:11 »
Sandhofer: ja. Sind das die üblichen Einstiegsschwierigkeiten?

Ich denke schon, ja. Ich empfehle einem Einsteiger in Jean Paul eher das Werk, mit dem ich selber seinerzeit eingestiegen bin:

D. Katzenbergers Badereise -

aber wenn Du nun langsam mit dem Titan warm wirst ...  :winken:
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Offline Lost

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Re: März 2010 - Jean Paul: Titan
« Antwort #13 am: 5. April 2010, 17:00 »
Ein Zitat aus der Jean Paul Biografie von Günter de Bruyn, die ich gerade lese:
Zitat
Im "Titan" aber, der fast ausschließlich in Aristokratenkreisen spielt, zwingt er sich eine Leistung ab, bei der er sich verleugnen muß. Der Gegner der Klassiker hat hier den Ehrgeiz, einer zu werden. Keins seiner Bücher ist so von Weimar bestimmt, wie dieses Anti-Weimar-Buch. In keinem werden seine Hoffnungen, seine Ideale und Ansichten, so deutlich wie hier. Aber der großen Idee werden die Mittel, die er beherrscht, nicht gerecht.



Offline finsbury

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Re: Jean Paul: Titan
« Antwort #14 am: 17. April 2010, 19:20 »
Hallo,

nun klinke ich mich doch wieder ein, denn hier geht es ja auch gar nicht oder sehr langsam voran.

Ab heute  Nacht versuche ich, in der zweiten Jobelperiode weiterzukommen. Leider bin ich beruflich und auch an den Wochenenden so eingespannt, dass es mir sehr schwer fällt, mich auf die wunderschöne, aber leider auch wunderschön schwierige Jean Paulsche Sprache einzulassen. Dennoch, in kleinen Häppchen sollte es mit meiner gekürzten Version irgendwann gelingen.
Rückmeldung je nach Lesetempo in den nächsten Tagen. Hoffe, ihr habt auch noch nicht aufgegeben.

Schönes Restwochenende

finsbury
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