Liebe Mitstreiter,
mein Lesefortschritt bleibt ein gemächlicher (soeben beendet: Gesang Nr. 4).
Ich stelle mir mittlerweile die Frage, warum sich Milton ausgerechnet mit dem Sündenfall so intensiv beschäftigt hat. Nun ist dieses Thema natürlich so gut (oder schlecht) wie jedes andere biblische. Ich vermute jedoch, dass der Geist der Rebellion und des Abfallens von einer Sache damals einen hohen Stellen- und Streitwert gehabt haben muss.
In dem Vorwort meiner Ausgabe schreibt Katharina Maier: „Von früher Jugend an trieben den großen englischen Literaten zwei titanische poetische Vorhaben um: ein Sündenfalldrama auf die Bühne zu bringen und zum Autor des englischen Nationalepos zu werden … Doch für Milton … erwiesen sich die Form des Dramas sowie der begrenzte Themenkreis des Nationalepos im Endeffekt als zu eng. Und so verschmolzen seine beiden großen literarischen Projekte zu einem Menschheitsepos … - einem Werk von wahrlich kosmischen Dimensionen.“
Ohne diese Einordnung in Zweifel zu ziehen, beantwortet das nicht Miltons Motive. Mir scheint „Paradise lost“ auch so etwas wie eine theologisch-politische Streitschrift gegen die damals in Teilen Europa siegreiche Gegenreformation zu sein. Kleine Attacken gegen katholische Positionen und Sichtweisen durchziehen den Text. Insbesondere Satan, der Aufrührer und Rebell, schleudert der „Amtsgewalt“ Gottes all seinen ohnmächtigen Zorn entgegen, so wie einst die Reformatoren die Amtskirche attackierten – und die englischen Puritaner ihren König.
In der Figur Satans führt Milton den Leser immer wieder auf unsicheres Terrain. Einsichtige Momente Luzifers („Wohin ich fliehe, kommt die Hölle ja, / Die Hölle bin ich selbst …; hätte nur sein Schicksal mich zu niedrem Engel / Bestimmt, ich wäre glücklich doch geblieben ...“) wechseln ab mit niederen Instinkten (z.B. Neid auf das Paradies der Menschen und auf die Engel, die sich Gottes Gnade erfreuen und das Paradies bewachen dürfen). Mir erscheint diese zerrissene, voller Selbstmitleid und Frustration steckende, mit sich selbst hadernde Figur aus dem 17. Jahrhundert sehr zeitgemäß und modern.
Kleine Frage am Rande: Wer macht hier eigentlich noch mit?
Viele Grüße
Tom