Ich denke auch eher an eine Art Schilderung der conditio humana, und die allzu oft angeführte Beteuerung, D.C. sei verrückt, verfängt zumindest an dieser Stelle letztlich (noch?) nicht. Don Quijote „erfindet sich“ nach seinem Studium. Er lebt in einer kleinen Welt und hat die große nur aus den Büchern kennengelernt. Nun bricht er in sie auf, nimmt aber die Differenz zwischen seiner Literatur und der Wirklichkeit nicht zur Kenntnis.
Genau wie du schreibst schneeschmelze, der häufige Widerspruch zwischen Buchgelehrsamkeit und den Anforderungen der Praxis scheint mir im Roman auch verarbeitet zu sein, wenn auch durch die Wahnvorstellungen des Ritters satirisch überspitzt, und wenn wir Don Quijote leichtfertig als verrückt einstufen, dann müsste das doch auch für einen Großteil der damaligen Mediziner, Geografen und Naturphilosophen auch gelten. Cervantes hat sich vielleicht, durch seine Betonung der „Verrücktheiten“ Ärger mit Gesetz und Klerus ersparen wollen und seine Überzeichnungen müssen wir dann nicht nur als Beschreibung des Ritterwahns lesen sondern noch auf andere Sachverhalte hin untersuchen, und um das zu tun, am Besten selbst in die Rolle von Don Quijote hineinschlüpfen. Als ich mich heute auf mein Stahlroß schwang und den Helm überzog, kam mir ein Gedanke:
Wer eine wahre Geschichte spannend oder satirisch erzählen will, der muss sich was einfallen lassen. Die Wahrheit ist oft langweilig und deshalb kann es angebracht sein der äußeren Wahrheit eine innere hinzuzufügen. Dabei wird man halt leicht von oberflächlichen Naturen erwischt und der Lüge angeklagt, doch Cervantes hat einen guten Trick gefunden, um sich aus der Affäre zu ziehen, er macht aus der Erzählung eine Nacherzählung und klugerweise, schiebt er das Original einem verlogenen Araber zu. Damit erwirbt er sich Ehre bei den Christen, die sich noch gut an die Reconquista erinnern können oder besser gesagt, die einschlägigen historischen Bücher, die die Wahrheit darüber erzählen, gelesen haben, und wenn seine innere Wahrheit, die wahre Wahrheit sozusagen, angezweifelt wird, lassen sich die weniger logischen Stellen auf den Muselmanen schieben. Ob Cervantes diesen Trick erfunden hat weiß ich nicht, aber dass er Vorbild für andere Schriftsteller war, das lässt sich gewiss sagen. Ähnlich macht es Eco bei seinem Roman "Der Name der Rose", so erfinden manche Historiker ihre Quellen, manche Wissenschaftler ihre Daten, oder man selbst fand als Schüler ab und zu ein Goethezitat, das sich nie wieder finden ließ.
Nun, wie sich aus dem Kommentar entnehmen lässt, wurde streng wissenschaftlich der Heimatort des Ritters lokalisiert und somit ist auch er selbst historisch verbürgt. Was ist aber zum Beispiel mit des Ritters Ebenbild Rocinante, diesem dürren alten Klepper, der aber auch im Kampf dahinfliegen kann wie Iltschi oder Rih? Muss man nicht vermuten, dass Cervantes hier übertreibt, oder literarisch etwas nachlässig ist. Kann man sich so ein Pferd vorstellen, dass mitsamt seinem Ritter von Riesen durch die Luft gewirbelt wird, auf dem Acker aufschlägt und wenige Minuten später wieder gelassen seinen Reiter aufsteigen lässt? Kann man es nicht, was bietet sich für eine Lösung an? Ein Araber ist rassische Pferde gewöhnt, er hat hier wohl nicht den Griffel im Spiel. Schaut man sich aber die Charakterisierung des Pferdes genau an, seine Bedürfnislosigkeit, die Hinweise auf sein Aussehen, dann deutet alles darauf hin, man hat es mit einer Maschine zu tun. Als der Roman erschien, war Leonardo da Vinci seit mehr als 80 Jahren tot, aber er kommt alleine für die Konstruktion solch einer Maschine in Frage. Die Zeit hat gereicht, um die Baupläne auf geheimen Wegen von Italien nach Spanien kommen zu lassen, und da die Spanier, besonders die Andalusier, bekanntermaßen mehr mit Pferden anfangen können als die Italiener, die immer nur an Frauen und Fußball denken, ist es kein Wunder, wenn der Bau in Andalusien erfolgte. Die Teile des Romans, die von Cervantes selbst stammen sind deshalb wahrscheinlich in erster Linie eine Verschlüsselung (was wäre passiert, wenn die arabischen Horden hinter die Pläne gekommen wären) und eine Gebrauchsanleitung für das mechanische Pferd als Wunderwaffe, und ich bin sicher, aus der weiteren Lektüre lässt sich der Plan entschlüsseln, wenn die erforderlichen geistigen Fähigkeiten dazu ausreichen, was wohl bisher bei den vielen Gelehrten und Literaten, die sich mit dem Roman beschäftigt haben, nicht der Fall war. Und habt ihr euch schon ein Mal die Frage gestellt, wieso der Erfinder der netten Spielzeuge für James Bond ausgerechnet Q heißt?