Hallo zusammen!
Ich lese zwar eine ältere dtv-Ausgabe, aber die bei den Zitaten angegebenen Seiten werden wohl in etwa mit der neueren Ausgabe übereinstimmen.
ich habe im Wikipedia gerade gelesen, dass Heimito von Doderer der Urgroßneffe des Dichters Nikolaus Lenau war.
Eine talentierte Familie! Lenaus Gedicht von den "drei Zigeunern" mochte ich sehr:
Dreifach haben sie mir gezeigt, wenn das Leben uns nachtet, wie man’s verraucht, verschläft, vergeigt, und es dreimal verachtet.Ich habe „Die Strudlhofstiege“ vor etlichen Jahren schon einmal gelesen, den Inhalt aber inzwischen komplett vergessen. Nur der erste Satz mit dem „abgefahrenen Bein“ ist mir in Erinnerung geblieben. Nicht weil er so schockierend ist, sondern weil ich mich gefragt habe – und es heute wieder tue -, ob dieser so beiläufig in Klammern erwähnte künftige Unfall Marys noch im Roman selbst stattfindet oder auf ihr Schicksal nach Romanschluss verweist.
Den Roman fand ich schon damals gut, aber
wie gut er ist, erkenne ich erst jetzt. Nach nur wenigen Seiten bin ich schon völlig begeistert von Doderers Sprache und Humor, seinen eigenwilligen Bildern, seinen ironischen Formulierungen, der Präzision und Feinfühligkeit seiner Beschreibungen. Man könnte dauernd nur zitieren: die „glaszart und gespannt wartende Dämonie der ruhenden Umgebung“ (S.22), der „vor ihr in tendenziöser Weise zurückweichende Tag“ (S. 21), die „Sprödigkeit des Lebens…dies Heikle, diese Bologneser-Fläschchen-Natur jeder guten Stunde, die da fällt und zu Staub wird“ (S.22) (was Bologneser Fläschchen sind, wusste ich natürlich nicht, hier die Definition
http://de.wikipedia.org/wiki/Bologneser_Tr%C3%A4ne).
Die ausufernde Sprache, die Zeitsprünge und das große Romanpersonal erfordern zwar ein konzentriertes Lesen, aber da ich mir bisher selbst bei den russischen Romanen alle Personen und Orte merken konnte, hoffe ich auch diesmal, dass auf mein Gedächtnis Verlass ist.
Ein Satz ist mir noch aufgefallen: Von Mary heißt es, „(…)als Frau besaß sie genug Tiefe, wenn schon nicht des Geistes, so doch des Geweids (…)“ (S.22). Ist das Doderers Frauenbild im Jahre 1951, die instinktgesteuerte Frau (im Gegensatz zum geistbestimmten Mann)? Oder nur eine individuelle Charakterisierung Mary Ks?
Gruß
Anna