Salve miteinander!
Ich melde mich zurück und bin erleichtert, dass ich den Anschluss nicht verpasst habe. In Deutschland fehlten mir die Zeit und vor allem die nötige Ruhe für Doderer, da langte es gerade mal für ein paar alte Krimis von Agatha Christie. In den letzten Tagen konnte ich mich dann wieder in die „Strudlhofstiege“ vertiefen und bin auch gerade bei der wirklich etwas verwirrenden Tabakschmuggelgeschichte.
Der Geschichte konnte ich leichter folgen, da sie fast nur chronologisch angelegt ist, mit wenigen Rückblicken; [...] Es kommt mir so vor, als ob nun alle Figuren endlich perfekt platziert sind, um dem Höhepunkt zuzusteuern.
Seit die Geschichte in den Jahren 1923-25 spielt, scheint sie tatsächlich in ruhigeren Bahnen zu verlaufen. Das liegt wohl auch daran, dass man mittlerweile mit den Romanfiguren und ihren vielfältigen Beziehungen untereinander besser vertraut ist. Trotzdem muss ich mich auf die Erzählung jetzt stärker konzentrieren als vorher. Der Ton hat sich geändert, er ist etwas ernster geworden, weniger humoristisch. Die psychologischen Vorgänge werden noch genauer, noch analytischer beschrieben, manche Abschnitte musste ich sogar zweimal lesen, um sie richtig zu erfassen. Dieser Wechsel im Ton ist durchaus folgerichtig. In den Jahren 1910/11 waren die Figuren des Romans fast alle noch sehr jung, unbeschriebene Blätter, die ihre Erfahrungen erst noch machen mussten. Jetzt – fünfzehn Jahre und einen Weltkrieg später - ist die Unbeschwertheit der Jugend dahin, sie haben manches durchlebt, dementsprechend problematischer und komplizierter ist ihr Innenleben geworden. Es zeugt einmal mehr vom schriftstellerischen Können Doderers, dass er diese veränderte Verfassung seiner Figuren nicht expressis verbis, sondern durch einen Wechsel im Tonfall zum Ausdruck bringt.
Immer wieder wird die Strudlhofstiege beschrieben. Sie ist das geheime Zentrum des Romans, weniger eine Bühne als eine Begegnungsstätte, wo die Figuren des Romans von Zeit zu Zeit aufeinander treffen, um dann in ihre individuellen Lebensbahnen zurückzukehren.
Wenn vom „Rauschen des Brunnens“ oder von des „Brunnens Selbstgespräch“ die Rede ist, erinnert mich das immer unwillkürlich an die verschlafen rauschenden Brunnen bei Eichendorff. Vielleicht ist das gar nicht mal so abwegig. Auch dort scheint sich der „entschleierte genius loci“ zu zeigen, das „entdeckte und Form gewordenen Geheimnis dieses Punktes“. Die Strudlhofstiege ist Brücke zwischen den Zeiten, ein sichtbares Bild der in der Gegenwart enthaltenen Vergangenheit, sie verkörpert das Wesen Wiens:
„
Hier ist alles zugleich: die tiefste Tiefe der Stadt und das Frei-Sein von ihr, durch den grünen Abbruch des Terrains und den weiten Blick.“ (S. 494)
Immer wieder schön sind Doderers Stimmungsbilder und Beschreibungen:
„
Über der Stadt und ihren weit ausgestreuten Bezirken stand auf goldenen Glocken der Spätsommer…“ (S. 559)
„
…die Frau in einem roten Sommerkleid, die Haare gelb wie ein Trompetenstoß…" (S.544)
Gruß
Anna