Autor Thema: Mai 2010: H.v.Doderer - Die Strudlhofstiege  (Gelesen 13297 mal)

Offline Steffi

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Hallo liebe Mitleser,

kaum habe ich gestern das erste Kapitel wieder in der Stiege gelesen, ist mir etwas aufgefallen, was ich vorher total übersehen hatte: Melzer ist Moslem.
Hallo Anita,

du meinst den ersten Teil, oder ? Kapitel gibts ja nicht. Explizit im Text kommt das meiner Erinnerung nach nicht vor, woran machst du das fest ?

Das Bärenfell ist für mich eine Verbindung oder Metapher zu einer archaischen Welt, auch einer Welt des Krieges, denn mit Major Laska ist die Bärenjagd eng verknüpft, auch das Blut des Bären und wiederum später das Blut Laskas, das Melzer so schwer beschäftigt und ein Anstoß zu seiner Selbstfindung ist, sehe ich in diesem Zusammenhang. Vielleicht muss man solche ursprünglichen, quasi Ur-Erlebnisse haben bzw. sich (als Leser?) verdeutlichen, um zu sich selbst zu finden.

Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Offline Anita

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Explizit im Text kommt das meiner Erinnerung nach nicht vor, woran machst du das fest ?

Als Bosnier muss man das in Betracht ziehen, er trinkt gerne türkischen Kaffee  :zwinker: (okay das schwächelt), aber er hat einen Gebetsteppich.
Welche Nationalität sind die Stangelers nach dem Krieg? Was vorher alles zu Österreich zählte ... Ich denke, wir müssen beim Lesen den I. Weltkrieg, der im Buch total ausgelassen wird, mit einbeziehen.
Und kann es nicht sein, dass diese Ernsthaftigkeit nach dem Krieg damit zusammenhängt, dass man eben nicht mehr nur Österreicher ist, man Visa braucht. Worauf ich zu Beginn leider nicht geachtet habe, woher alle Figuren kamen  :redface:

LG
Anita

PS Habe heute schon gute 60 Seiten gelesen, und werde gleich im Bett, wenn mir nicht die Augen zufallen, die restlichen 55 Seiten lesen  :smile: Ich will es jetzt wissen!
« Letzte Änderung: 21. Juni 2010, 20:35 von Anita »
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Steffi

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Als Bosnier muss man das in Betracht ziehen, er trinkt gerne türkischen Kaffee  :zwinker: (okay das schwächelt), aber er hat einen Gebetsteppich.

Naja, den Gebetsteppich kann man ja kaum als Grund heranziehen und ist er wirklich Bosnier ? Auch da solls Christen geben...

Zitat
Welche Nationalität sind die Stangelers nach dem Krieg?

Ich denke, dass sie österreichisch waren, wenn sie in Wien ansässig waren. Da hat sich ja nichts geändert. Durch die Aufteilung Österreich-Ungarns kam es für die Nationalität darauf an, wo man seit längerem wohnte.

Ich sehe weiterhin keine Anhaltspunkte für eine politische Richtung im Roman.


Ein wenig zu knabbern hatte ich beim Gespräch Melzer-René auf dem Bärenfell. René entpuppt sich dabei als der "Denker", in etwa habe ich seine Ausführungen so verstanden, dass man sich in Bezug auf Liebe seinen Gefühlen trauen soll, diese nicht hinterfragen soll und sich nicht durch Wollust ablenken lassen darf. Liebe beinhaltet auch, die schlechten Seiten anzunehmen. Wärend René eher theoretisiert, obwohl sein Kurzbesuch mit Grete schon in die richtige Richtung weist, gesteht Doderer Melzer zu, dass er bereits einen Zivilverstand hat und bereits einen weiteren Schritt in Richtung Selbsterkenntnis/Menschwerdung getan hat. Wie habt ihr das Gespräch empfunden ?

Ich komme zu S. 705.


Gruß von Steffi

Offline Sir Thomas

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Als Bosnier muss man das in Betracht ziehen, er trinkt gerne türkischen Kaffee  :zwinker: (okay das schwächelt), aber er hat einen Gebetsteppich.

Naja, den Gebetsteppich kann man ja kaum als Grund heranziehen und ist er wirklich Bosnier?

Liebe Doderer-Freunde,

für die Bosnier-These sehe ich auch keine Belege.

Das Bärenfell ist für mich eine Verbindung oder Metapher zu einer archaischen Welt, auch einer Welt des Krieges, denn mit Major Laska ist die Bärenjagd eng verknüpft, auch das Blut des Bären und wiederum später das Blut Laskas, das Melzer so schwer beschäftigt und ein Anstoß zu seiner Selbstfindung ist, sehe ich in diesem Zusammenhang.


Sehr schön, und sehr schlüssig!

Sorry für die kurze Einmischung, aber manchmal kann ich mich nicht zurückhalten.

Es grüßt

Tom

Offline Anita

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für die Bosnier-These sehe ich auch keine Belege.

Ich weiß ganz ehrlich gesagt nicht, ob nur Laschka Bosnier war, oder Melzer auch, das gebe ich zu. Was mir aber sehr seltsam vorgekommen ist, dass da um Seite 790 ein Gebetsteppich bei Melzer vorkam, und als Thea nach dem Unglück zu Melzer kam, angemerkt wurde, dass der Gebetsteppich im Schrank wäre, also nicht sichtbar. Und warum tauchen seine Eltern zu X nicht auf, wegen dem christlichen Fest?

Darüber müssen wir reden, denn das ist nun bei mir eine Sache, die ich nicht verstehe  :zwinker:

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Sir Thomas

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Darüber müssen wir reden ...

Nö, müssen wir nicht.  :breitgrins:

LG

Tom
(der sich jetzt wieder raushält und Euch noch viel Spaß wünscht)

Offline Steffi

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Sorry für die kurze Einmischung, aber manchmal kann ich mich nicht zurückhalten.


Immer gerne !!



Gruß von Steffi
Gruß von Steffi

Offline JMaria

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Hallo zusammen,


 
Ein wenig zu knabbern hatte ich beim Gespräch Melzer-René auf dem Bärenfell. René entpuppt sich dabei als der "Denker", in etwa habe ich seine Ausführungen so verstanden, dass man sich in Bezug auf Liebe seinen Gefühlen trauen soll, diese nicht hinterfragen soll und sich nicht durch Wollust ablenken lassen darf. Liebe beinhaltet auch, die schlechten Seiten anzunehmen. Wärend René eher theoretisiert, obwohl sein Kurzbesuch mit Grete schon in die richtige Richtung weist, gesteht Doderer Melzer zu, dass er bereits einen Zivilverstand hat und bereits einen weiteren Schritt in Richtung Selbsterkenntnis/Menschwerdung getan hat. Wie habt ihr das Gespräch empfunden ?


verwirrend habe ich das Gespräch gefunden. Doderer baut eine Menge Stoff ein. Voltaire wird Baudelaire gegenüber gestellt, Aufklärer der eine, der andere Wegbereiter der europäischen Moderne. Naturphilosophie ist greifbar, (Natur ist korrupt) in Form von Biologie über Physik in die Mechanik hinein. Was mischt Doderer nur alles zusammen. Ich bestaune dies, lässt mich aber auch verwirrt zurück.

Aber ein schönes Bild ergibt sich für mich:
... sagte Melzer und schwieg. Er lag auf dem Rücken. Stangelers Reden, die ihm keineswegs mehr unverständlich erschienen, bewegten sich etwa zimmerhoch über ihm, wie helle und schäumende Wasserkringel und Kreise an der Oberfläche, während er selbst hier auf dem schwärzlichen Grund lag und emporsah. Neben ihm lag Stangeler. Auch dieser auf dem dunklen Grunde, und über ihm hoch, was er sagte.


Paula Pichler läd in ihren Garten ein:
René wird nun doch nicht dabei sein. Interessant. René war bisher noch nicht in diesem Garten der Erquickung; Melzer schon.
Sehr schön, wie Doderer hier mit diesem Satz spielt, den er mehrmals einfügt:

Im Hintergrunde, bei den Obstäumen, stand Thea Rokitzer.

Ich bin auf S. 727.

Gruß,
Maria
Aktuell:

Offline JMaria

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Ich weiß ganz ehrlich gesagt nicht, ob nur Laschka Bosnier war, oder Melzer auch, das gebe ich zu. Was mir aber sehr seltsam vorgekommen ist, dass da um Seite 790 ein Gebetsteppich bei Melzer vorkam, und als Thea nach dem Unglück zu Melzer kam, angemerkt wurde, dass der Gebetsteppich im Schrank wäre, also nicht sichtbar. Und warum tauchen seine Eltern zu X nicht auf, wegen dem christlichen Fest?

Darüber müssen wir reden, denn das ist nun bei mir eine Sache, die ich nicht verstehe  :zwinker:

Hallo zusammen,

@Anita,
im Doderer-ABC wird Melzer streng katholisch genannt.

mir ist aufgefallen, dass Melzer mit dem Gebetsteppich eher nachlässig umgeht, mal liegt er, mal hängt er ihn auf, mal im Schrank. Ich glaube, der ist ihm eher im Weg, im Gegensatz zum Bärenfell, das er in Verbindung mit seinen Erinnerungen benötigt, speziell in bezug auf Laska und seinen Tod, aber auch im allgemeinen und zur Menschwerdung, wenn er angestrengt René zuhört; auf dem dunklen Grund, den Blick nach oben.

Viele Grüße
Maria
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Offline Anita

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@Anita,
im Doderer-ABC wird Melzer streng katholisch genannt.

mir ist aufgefallen, dass Melzer mit dem Gebetsteppich eher nachlässig umgeht, mal liegt er, mal hängt er ihn auf, mal im Schrank. Ich glaube, der ist ihm eher im Weg, im Gegensatz zum Bärenfell,

Ist er, der Gebetsteppich, denn ein Andenken an Laska? Denn meiner Meinung schreibt Doderer nichts ohne Sinn und Zweck. Für mich war Melzer bis zu diesem Zeitpunkt, genauso wie Asta, Mary K., eine katholischen Figur, aber irgendwie ist dieses Mehrfache-darauf-Hinweisen dann augenfällig. Lest mal in Ruhe zuende, mir ist das sowieso schon peinlich, dass ich aufgrund meiner "Schnelligkeit" (obwohl ich eigentlich Schneckentempo besitze) immer vorweg schreiben muss  :redface:

LG
Anita
« Letzte Änderung: 27. Juni 2010, 15:11 von Anita »
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline JMaria

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  Lest mal in Ruhe zuende, mir ist das sowieso schon peinlich, dass ich aufgrund meiner "Schnelligkeit" (obwohl ich eigentlich Schneckentempo besitze) immer vorweg schreiben muss  :redface:

LG
Anita


macht mir nichts aus, liebe Anita  :winken:

Gruß
Maria
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Offline Steffi

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Hallo Anita,

ich bin nun auf den Gebetsteppich gestossen. Beim Besuch von Thea und Paula verdeckt Melzer mittels eines Sessels und dem Teppich den Wandleuchter von E.P.

Auch mir kommt das sehr symbolhaft vor. Zuerst der Wandleuchter, den Melzer sich ersehnte aber als er ihn dann hatte, ist er ihm eher peinlich und er gebraucht ihn nicht. Vielleicht habt ihr eine Idee, was er repräsentieren könnte ? Melzer soll erleuchtet werden - also ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Menschwerdung ?  Den bosnischen Gebetsteppich bringe ich in Verbindung mit Laska. Vielleicht war dieser moslemisch ? Ich spekuliere jetzt mal: Melzers Erlebnisse mit Laska (Bärenjagd und Laskas Tod, evtl. auch Kriegserlebnisse, von denen Melzer bei diesem Besuch leichthin spricht) verdecken noch seine wahre Erleuchtung bzw. hemmen noch die Menschwerdung ? Auch die Episode mit Editha scheint als Umweg und Stolperstein für Melzer angelegt, ein paar Versuchungen, bis er zu Thea und seinen wahren Gefühlen findet.

Gruß von Steffi
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Offline Anita

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Melzers Erlebnisse mit Laska (Bärenjagd und Laskas Tod, evtl. auch Kriegserlebnisse, von denen Melzer bei diesem Besuch leichthin spricht) verdecken noch seine wahre Erleuchtung bzw. hemmen noch die Menschwerdung ? Auch die Episode mit Editha scheint als Umweg und Stolperstein für Melzer angelegt, ein paar Versuchungen, bis er zu Thea und seinen wahren Gefühlen findet.

Ja, genauso in diese Richtung denke ich auch. Und wieso sollte nicht selbst Melzer islamischer Herkunft sein und dennoch katholisch denken  :zwinker: Für mich würde das noch mehr für Selbstfindung und Menschwerdung sprechen.

LG
Anita
« Letzte Änderung: 29. Juni 2010, 12:29 von Anita »
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Offline JMaria

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Melzers Erlebnisse mit Laska (Bärenjagd und Laskas Tod, evtl. auch Kriegserlebnisse, von denen Melzer bei diesem Besuch leichthin spricht) verdecken noch seine wahre Erleuchtung bzw. hemmen noch die Menschwerdung ? Auch die Episode mit Editha scheint als Umweg und Stolperstein für Melzer angelegt, ein paar Versuchungen, bis er zu Thea und seinen wahren Gefühlen findet.

Ja, genauso in diese Richtung denke ich auch. Und wieso sollte nicht selbst Melzer islamischer Herkunft sein und dennoch katholisch denken  :zwinker: Für mich würde das noch mehr für Selbstfindung und Menschwerdung sprechen.


oder katholisch sein und islamisch hingeneigt?

Doderer versteht es zu diesem Zeitpunkt weitere Spannung aufzubauen. Wir befinden uns wieder bei Mary, ihre Gestalt und ihre langen und kräftigen Beine werden gelobt; sie stolpert über einen Teppich... sehr metaphorisch. Doch die Erzählung wird unterbrochen. Melzer und René treffen sich mitten auf der Stiege, suchen ein ruhiges Plätzchen und Stangeler berichtet über Etelkas Tod. Die Uhrzeit wird wie ein Countdown eingesetzt. Die Menschwerdung Melzers geht seinem Höhepunkt entgegen.

Überrascht war ich wie detailiert Doderer hier beschreibt.  Das fand ich sehr nach Flauberts Madame Bovary. Ich hätte eher vermutet, dass Doderer den Todeskampf übergeht.

Gruß,
Maria
« Letzte Änderung: 30. Juni 2010, 09:03 von JMaria »
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Offline Steffi

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Hallo zusammen,

diese Spiegelung beim erneuten Auftauchen Marys ist euch bestimmt auch aufgefallen. Die Badeszene und das anschließende Teetrinken kommen fast wörtlich ja schon am Anfang vor, sogleich baut sich wieder eine wunderbare Szene auf. Nachdem Doderer mit Mary eine ideale Frau beschreibt, die klug und wahrhaft wohlgeraten ist, die "den Anruf vom Fenster her empfing; den konzentrischen Angriff der Stille empfand;" steht der Satz: Aber Mary gab es nicht. (S.782). Diese Aussage verwirrt mich - bezieht sich das auf die vorher beschriebene, ideelle Person oder auf Mary als Kunstfigur ?

Achja, Melzer geht an seinem freien Sonntag zur Messe - also katholisch ! S.765: Nach der Messe kein Spaziergang.  Auf jeden Fall ist er sicherlich vielfältigen Gedanken und Einflüssen offen.

Das Gespräch Melzer-René über Etelkas Tod fand ich auch sehr in Richtung Realismus, weg von dem ganzen Symbolhaften. Es war, als ob die Realität in Doderers Kosmos hereinschaut, brutal und direkt. Melzer erkennt dies, während René weiterhin versucht, sich hinter Theorien zu verstecken.

Man könnte ja sagen, Ethelka stirbt, weil sie ihre wahre Liebe erkannt hat, diese aber aufgrund der Konventionen nicht leben kann. Ich frage mich, ob Melzer und René auf der Suche nach der wahren Liebe sind, ob es sich lohnt, danach zu suchen oder wann erkennt man überhaupt die wahre Liebe ? Könnte man sie nur erkennen, wenn man sich selbst erkennt ?

Ich bin auf S. 816.


Gruß von Steffi



Gruß von Steffi